Wow, was für ein Roman. Ein Text wie aus einer anderen Zeit. Um nicht zu sagen einer anderen Welt. „Der Vogelgott“ von Susanne Röckel wirkt, wie geschrieben von einer Autorin, die es geschafft hat, den Standardisierungstendenzen des Literaturbetriebs und seiner Schreibschulen schlafwandlerisch auszuweichen, die nicht mal von der Mühe dieser Ausweichmanöver gezeichnet ist. Wirkt wie geschrieben von einer, die das Brüchige fassen möchte und kann ohne das Erzählen selbst – und in dieser vordergründig bemühten Weisen, die heute so dominiert – zu zerbrechenn. Kafka wurde als Parallele schon einige Male herangezogen, ich möchte die lateinamerikanischen Schriftsteller der Vor- und Früh-Boomphase noch in den Ring werfen, besonders Cortazar. Dabei ist der Vogelgott alles andere als antiquiert: Modern, sicherlich. Aber eben nicht marktgängig-modernistisch.

Ein vierfach-einfaches Geheimnis

Man blicke nur einmal auf den Prolog: Wie dort die abgelegene Stadt in einem unbekannten Land zu einem zeitlos vertrauten und gleichzeitig fremden Ort geformt wird, wie die Suche nach dem geheimnisvollen großen Vogel metaphysisch überformt wird und die Feindseligkeit der Dorfbewohner unerklärlich und gleichsam natürlich erscheint: Das hat einiges vom Schloss, ohne ins Epigonenhafte abzugleiten. Und die Sprache dazu: Weit ausholen, schön, wo es darauf ankommt, aber immer von einer spürbaren Düsternis durchdrungen, auf deren syntaktisches Zu-Stande-Kommen schwer der Finger zu legen ist. Aber: durchaus sauberes Deutsch, keine gewaltsame Verbiegung des Sprechens zwecks Effekthascherei. Nur eben eine Sprache, die nicht in erster Linie vom pragmatischen Fakten über eine Welt vermitteln geleitet ist, worauf heute ja doch auch die Sprache noch der anspruchsvollsten Literatur, bei allem qualitativen Gewinn, den die schriftstellerische Professionalisierung in der Breite bringt, meist hernieder gesunken ist.

Wenn dann die Perspektive wechselt, nach dem Prolog zuerst in die Kindheit des Sohnes des ersten Protagonisten zurückgesprungen wird und später auch noch Schwester und Bruder und zu Wort kommen, sorgt man sich kurz: Wird es gelingen, die ursprüngliche Dichte zu halten?
Ja: Jeder Teil baut ein neues Mysterium auf, das sich symbolisch an die vorherigen anschließt, während durch die Perspektivwechsel die größere Geschichte auf verschiedene Weise erhellt, längst aber nicht aufgeklärt wird.

Der Vogel und Gott?

Der Verlust der Transzendenz, die Ahnung, dass ein mechanistisches Weltbild nicht genug sein könnte, nicht nur dem Einzelnen Menschen nicht, sondern auch der Klärung der Weltzusammenhänge nicht, dass ein „Mehr“ sich aber auch nicht erzwingen lässt (es gibt keinen Weg aus Vernunft zurück zum Glauben), das Leid an der Entzauberung der Welt, vielleicht auch die Rückkehr der Magie, vielleicht aber auch ganz profaner Wahnsinn – das sind die Themenkomplexe, um die die Geschichte kreist und auf die das jeweilige Mysterium stoßen soll.
Der Mythos vom Vogelgott, erzählt als Glauben eines kaum bekannten, einst kolonisierten Volkes, dann als Kult einer lokalen, vom dreißigjährigen Krieg geplagten und womöglich Geier anbetenden deutschen christlichen Abspaltung, zuletzt als zeitgenössische Vision verschreckter Kinder sowie als Variation auf den Prometheus Mythos, steht dabei in sinnigem Spannungsverhältnis zum Christentum: Halb sein Anderes, halb Fleisch von dessen Fleische, die gleichen Bedürfnisse erfüllend aber doch dessen äußerer und innerer Feind. Zugleich ein archaischer, ist der Vogel dabei auch ein hochmoderner Gott: Woran, wenn nicht an diese so klug und edel wirkenden fliegenden Wesen soll der in die mitleidslosen Maschinerie des modernen Alltags geworfene Mensch seine Träume knüpfen? Das scheint nicht nur Röckel zu beschäftigen: Die Sprache der Vögel, Der letzte Huelsenbeck. Die allerjüngste Literaturgeschichte weist eine beachtliche Häufung kaputter Protagonisten auf, die sich intensiv mit Vögeln (großes V!) beschäftigen.

Was der Buchpreis dann doch leisten kann

Erzählt werden in drei Teilen die Geschehnisse auf einer Krankenstation in einem schwer zu lokalisieren Staat, wo Thedor Weyde, Sohn des Prolog-Erzählers, eine Art Freiwilligendienst leistet und einen Überfall durch eine Rebellengruppe auf die Krankenstation erlebt. Ein Mädchen verschwindet, und die Möglichkeit steht im Raum, dass der Überfall ein Gaukelbild der Erinnerung Thedors sei, der in das Verschwinden involviert sein könnte. Dann ist da die Forschungsarbeit der Schwester Dora, die glaubt unter einem Gemälde des fiktiven Malers Johannes Wolmuth ein anderes Werk des Malers entdeckt zu haben und die im Gesamtwerk des Malers immer mehr schwarze geflügelte Wesen entdeckt. Und zuletzt forscht der Bruder Lorenz dem Unfall eines Kindes nach, das ebensolche Wesen zeichnete und glaubt auf die Verschwörung eines Pharmakonzerns zustoßen, der womöglich zum Zwecke der Arzneimittel-Herstellung oder zu Testzwecken Kinder entführt. Das Ende führt in unerwarteter Weise die Familie zusammen, ohne dass das Vogelgott-Mysterium eine Aufklärung erfährt.

Man möchte dieser Autorin, der es gelungen ist seit 30 Jahren unter meinem Radar zu fliegen, von ganzem Herzen den Buchpreis wünschen. Andererseits: Braucht dieser Text Preise? Ein typischer Buchpreistitel ist das nicht, eigentlich nicht mal ein untypischer. Eher: Selbst ein Mysterium, eines dieser Bücher, das von Mund zu Mund weiterempfohlen wird. Ein Text für die Ewigkeit, an den Werbe- und Selbstversicherungsritualen des Literaturbetriebs eigentlich gar nicht zu messen. Warum es aber immer wieder sinnvoll sein kann, mit solchen jurygebundenen Preisen einzelne Titel aus dem Mahlstrom des Marktes herauszuheben, zeigt „Der Vogelgott“ eindrücklich: Susanne Röckel (Jahrgang ’53) veröffentlicht seit 1989 auch, aber nicht nur, in kleinen Verlagen. Und erst jetzt besteht die Chance, dass aus dieser einzigartigen Autorin mehr als nur ein besonders geheimer Geheimtipp werden könnte.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Bisher finde ich nur eine weitere Besprechung, bei Wortfiebern.