Eine Art Schelmenroman mit düsterem Ende: „Tewje, der Milchmann“ von Sholem Alejchem.

„Tewje, der Milchmann“ ist wahrscheinlich der bekannteste Roman von Sholem Alejchem. Sowohl für sich allein, als auch als Vorbild des Films und des Musicals „Fiddler on the roof“. Der kurze Roman gilt als beispielhaft auch für das, was der Autor im Vorwort zum bereits besprochenen Stempenju „jüdischen Roman“ nennt. Allerdings halte ich jenes für das deutlich stärkere Werk.

Dabei ist „Tewje, der Milchmann“ durchaus unterhaltsam. Erzählt wird die Geschichte von Tewje, der Titel sagt es, dem Milchmann. Der wendet sich in mehreren Kapiteln zuerst mündlich, zuletzt schriftlich an Scholem Alejchem, und seine Ergüsse sind der gesamte Roman. Ein interessantes Beispiel einer Rahmenhandlung, die nur impliziert wird, aber nie selbst ausgestaltet. Oder ist es das Beispiel eines Briefromans mit nur einem Teilnehmer?

Tewje ist ein einfacher Mann, der mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Jedes Kapitel behandelt grob eine davon und führt uns vor, wie die Hauptfigur in meist schelmenhafter Weise ihr Glück macht oder auf die Nase fällt. Das Zentrum bilden die Kapitel, in denen es um die Verheiratung mehrerer Töchter geht, wobei die einem relativ klaren Muster folgen: der Brautwerber tritt an Tewje heran, um eine oft vorteilhafte Heirat zu vereinbaren, doch die Tochter überrascht den Vater mit einer ganz anderen Wahl. Tewje dreht durch, ist am Boden zerstört, fleht den Himmel an und akzeptiert am Ende doch die Entscheidung der Tochter, woraufhin er seine Frau meist mit irgendeinem Trick, der an deren Aberglauben appelliert, überzeugt, der Ehe zuzustimmen. Eine Tochter zum Schluss akzeptiert die Wahl der Eltern, und ausgerechnet die trifft am Ende, zumindest das Tewjes Perspektive, das Schlimmste Schicksal: sie wird reich und überheblich und der Familie entfremdet. Wenn man bedenkt, dass eine andere Tochter mit dem Geliebten und Ehemann in die sowjetische Verbannung geht, kann man sich vorstellen, wie sehr Tewje die Überheblichkeit reicher Menschen verabscheut.

„Tewje, der Milchmann“ ist eine oft amüsante Geschichte, die auch zu überraschen vermag, indem die Episoden in etwa der Logik der Episoden von Schelmenromanen folgen, doch im Gegensatz zu diesen überrascht der Ausgang oft und bleibt auch regelmäßig ambivalent. Wer aber glaubt, es insgesamt mit einem heiteren Romanen zu tun zu haben, wird zum Schluss noch einmal besonders überrascht. Denn der Text endet mit einem Brief Tewjes aus Israel. Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs werden heftige Pogrome gegen die Juden der heutigen Ukraine, damals ein Teil des zaristischen Russland, verübt, und Tewje ist geflohen. Viele andere sind gestorben. Alejchem lässt seinen Tewje von den Pogromen weiterhin in seiner charakteristisch witzigen Weise erzählen, und doch macht es aus dem Roman eine sehr ernste Geschichte:

“Kurz und gut, sie haben wohl gemerkt, daß sie mit Tewje nicht fertig werden. Da sagt der Bürgermeister, Iwan Poperile mein ich, zu mir, mit diesen Worten: »Die Sache«, sagt er, »ist die. Eigentlich haben wir gegen dich, Tewje, überhaupt nichts. Du bist«, sagt er, »zwar ein Jude, aber kein schlechter Mensch. Aber das eine hat«, sagt er, »mit dem anderen nichts zu tun. Verprügeln muß man dich; die Gemeinde hat das so beschlossen, da kann man nichts machen! Wir werden dir«, sagt er, »wenigstens die Fenster einschlagen. Das«, sagt er, »müssen wir. Denn vielleicht«, sagt er, »fährt jemand vorbei, dann soll er«, sagt er, »sehen, daß man dich verprügelt hat. Sonst«, sagt er, »wird man uns noch bestrafen …« Genau die Worte und die Ausdrücke, wie ich es Ihnen erzähle, so möge mir Gott helfen in allem, was ich unternehme! Nun frag ich Sie jetzt, Herr Scholem-Alejchem, Sie sind doch ein Mann, ein Weltreisender, hat Tewje nicht recht, wenn er sagt, daß wir einen starken Gott haben?”

Man merkt, denke ich, schon an dieser Passage, dass Tewje sprachlich noch einmal ein anderes Werk ist als Stempenju. Die fingierte Mündlichkeit, die unter anderem auch schon den älteren Text ausgezeichnete, wurde hier ins absolute nur denkbare Extrem gesteigert. Es gibt kaum einen Satz, in dem Tewje nicht entweder aus der Tora oder dem Talmud zitiert, nach Sprichworten klingende Lebensweisheiten in die Welt hinaus schleudert oder sich auf vorangegangene Generationen beruft:

„»Kinder?« sage ich. »Ich kann mich nicht beklagen! Wenn jedes meiner Kinder«, sage ich, »wirklich eine Million wert ist, wie es mir meine Golde einreden will, so bin ich reicher als der reichste Mann von Jehupez. Leider«, sage ich, »ist aber arm nicht reich, und verschieden nicht gleich, wie es auch geschrieben steht: ›Der da unterscheidet zwischen heilig und alltäglich.‹ – Wenn einer das Geld hat, so geht es ihm gut. Geld haben aber die Brodskij’s, und ich habe Töchter. Und wenn man hat Töchter«, sage ich, »so vergeht das Gelächter. Aber es macht nichts, Gott ist doch der Vater. Er regiert uns, das heißt, er sitzt oben, und wir quälen uns unten. Man rackert sich ab und schleppt Baumklötze – hat man denn die Wahl? Das ganze Unglück kommt vom Essen. Wie meine Großmutter, sie ruhe in Frieden, zu sagen pflegte: ›Wenn das Maul in der Erde läge, könnte sich der Kopf in Gold kleiden!‹ … Nehmt es mir nicht übel«, sage ich, »es gibt nichts Geraderes als eine schiefe Leiter, und nichts Schieferes als ein gerades Wort; besonders«, sage ich, »wenn man einen Schluck Branntwein auf den nüchternen Magen genommen hat.«“

Das macht er so gern, und dass es sogar seinen Gesprächspartnern manchmal zu viel wird. Der Stil liest sich witzig, überzeugt aber nicht in der gleichen Weise wie das besser dosierte Stempenju. Das gilt auch für die Geschichte, die sich im Falle der Töchter mehrfach nach einem sehr ähnlichen Muster wiederholt. Atmosphärisch stellt der Roman einmal mehr sehr dicht ein Leben in Dorf und Stetel vor Augen, doch hat man hier noch stärker als in Stempenju den Eindruck, einer deutlichen Überzeichnung beizuwohnen.

Bild: Wikiart, gemeinfrei

Wenn Kritiken nicht mal die Struktur eines Filmes begreifen – „The Safety of Objects“.

Wie schon häufiger fühle ich mich durch selten dumme Rezensionen gezwungen, selbst eine zu einem Film zu schreiben, den ich sonst vielleicht gar nicht besprochen hätte. Für meine Reihe zu Kristen Stewarts Filmen hatte ich „The safety of Objects“ ignoriert, da sowohl professionelle Kritiken als auch Laienkritik etwa auf Amazon den Film als zwar ambitioniert aber total konfus beschreiben. So ungefähr geht der Tenor: „The Safety of Objects“ hat seinen Plot nicht im Griff.

Nun, das ein oder andere an den Beschreibungen hat mich dann doch interessiert, also habe ich mir das Ganze angeschaut, als mit mal wieder die Filmideen ausgingen. Und einmal mehr kann ich zu den Kritiken nur sagen: Bullshit. Der erste Fehler liegt darin, überhaupt einen Plot zu unterstellen. Dieser Film hat mehrere, die sich berühren und über Kreuz gehen, und durchaus passend in verknüpften Klimaxen aufgelöst werden. Kein Wunder, lehnt sich das Projekt doch eng an die gleichnamige Kurzgeschichtensammlung von A.M. Homes an, und verdichtete diese in einem gemeinsamen Kosmos, während es ihnen ein wenig von den skurrilen und düsteren Spitzen nimmt. Recht skuril ist der Film aber noch immer (zu Stil und Themen von Homes hier meine Rezension zu „Deine Mutter war ein toter Fisch“).

Eigentlich ist „The Safety of Objects“ genau das, was „Certain Women“ hätte sein können, wenn der Film das Verbinden der Geschichten ernst genommen hätte. Auch erinnert er in seinem Aufbau stark an den dahingehend vielleicht noch etwas strengeren und zugleich streng naturalistischen „Anesthesia“. Und dieser Aufbau funktioniert, sogar gemäß der Hollywood-Orthodoxie. Die Story jeder einzelnen Familie hat ihren „inciting incident“, Träume und Herausforderungen dominieren den (die) zweiten Akt(e) und eine für gewöhnlich eher deprimierende Auflösung beschließt das Ganze. Grob als Zentrum ausmachen kann man derweil die Entführung von Sam (Kristen Stewart), die die Mutter zuerst für das Werk des geschiedenen Ehemanns hält, während in Wahrheit ein junger Mann aus der Gemeinde dahinter steckt, der in einem Autounfall seinen Bruder verloren hat und sich einredet, das junge Mädchen wäre dieser Bruder. Die Geschichte von dem Unfall wiederum ist zurückgebunden an mehrere weitere Schicksalsmomente im Leben der drei Familien. Und da der Film sich behutsam bis zu dieser Entführung hin entwickeln darf, haben die Figuren, auch die Entführte, genug Zeit, uns als Menschen zu berühren, so dass, wer von dem Krachbumm-Filmen neuerer Machart noch nicht komplett abgestumpft ist, eigentlich gar nicht anders können sollte, als von der Entwicklung emotional stark angegangen zu werden. Aber nee. Weil es nicht mit ner Verfolgungsjagd losgeht, nach 15 Minuten nicht ein einzelnes Ziel definiert wird usw, unterstellt man lieber einen „konfusen“ Plot.

„The safety of Objects“ ist ein guter Film. Auf der Ebene des Erzählerischen sogar ein verdammt guter Film, während cinematographisch, sei es bei der Bildkomposition oder beim Schnitt, nichts Besonderes passiert und eher ordentliche Fernsehfilmkost serviert wird. Aber dieser Film hat nicht seinen Plot nicht unter Kontrolle, sondern mehrere Plotlines verdammt gut unter Kontrolle. Wem das nicht auffällt, sollte vielleicht einfach zu Filmen schweigen, in denen es nicht in erster Linie darum geht, krachbumm zu machen.

Bild: Pixabay.

Die zehn besten Fantasyserien (die ich auch gelesen habe).

Ich habe mich mehrfach an einer Einleitung für das hier versucht und sie ist dann immer (in der Länge) eskaliert. Also in Kürze: Auf Twitter ging vor einiger Zeit mal wieder ein Beitrag über die zehn besten Fantasy-Reihen herum, der viel Bekanntes enthielt und neben Der Herr der Ringe noch einige der großen dicken Bücher, also unter anderem Sanderson, Rothfuss und was weiß ich nicht noch. Das fand ich schwach, denn viele dieser Texte sind im erzählerischen Aufbau und stilistisch höchstens Mittelmaß, ich denke das literarische Stärkste auf der Liste waren Der Erdsee Zyklus von Ursula K. Le Guin. Also wollte ich dem Ganzen mal eine eigene Sammlung entgegenstellen (die Liste finde ich allerdings nichtmehr, daher steht der Text jetzt allein). Dabei sollte Der Herr der Ringe wirklich die Niveauuntergrenze sein, ohne den Rest von Tolkiens Werk, das literarisch oft stärker ist, stünde er nicht auf der Liste.

Das Problem: dafür muss ich Fantasy definieren. Und wenn ich Fantasy relativ eng definiere, regen sich alle auf, denn „Fantasy sperrt sich gegen Definitionen und eigentlich ist doch alles, was irgendwie magische Momente hat, Fantasy“. So werden dann ganze Literaturtraditionen wie der magische Realismus oder die märchenhaften russischen Erzählungen eingemeindet, die mit der Genese der modernen Fantasy relativ wenig zu tun haben.
Nähme ich das aber beim Wort und füllte meine Liste mit den Arthur-Zyklen, Gogol, Garcia Marquez, Ben Okri und wem nicht noch alles, wäre die Enttäuschung wahrscheinlich auch groß: „Wieso stehen keine Fantasy-Romane auf dieser Liste? Wird die Fantasy mal wieder nicht ernst genommen?“

Deshalb arbeite ich hier a) mit der ganz berühmten Arbeitsdefinition des US Supreme Court zur Pornografie: „I know it when I see it.“ Machen wir uns nicht vor. Jeder Begriff hat unscharfe Randbereiche, doch wenn wir von Fantasy und nicht von Phantastik reden, wissen 95% von uns ziemlich genau, welche 95% der Bücher definitiv darunter fallen. Um die geht es. Aber um es b) auch relativ technisch zu fassen: Es geht um im literaturhistorischen Sinne moderne Romane, die im Bewusstsein geschaffen wurden, etwas nicht faktisches in einer fiktiven Welt zu erzählen, und die entweder eine fremde, eine vormoderne oder magische Parallelwelt, ausmalen und/oder wenn sie in unserer Welt spielen eine zumindest rudimentäre Systematik des Magischen aufweisen. Nun gibt es sicher immernoch ein paar Texte, die durch die Maschen dieser Definition gleiten, ohne anderswo im weiten Meer der Phantastik einen sicheren Hafen zu finden, aber sei’s drum.
Serie definiere ich dagegen recht großzügig: Mindestens zwei Bücher mit gemeinsamem Universum.

Noch eine Einschränkung: Auf die Liste schaffen es natürlich nur Texte, die ich gelesen habe. Während ich auf dem Feld der sogenannten “E”-Literatur (was “ernst” heißen soll und leider nicht “elektrisch”) mit einer Sicherheit von deutlich über 90% bereit wäre, eine “definitive” Top 10 zu präsentieren, sind es hier trotz breiter Lektüre wahrscheinlich höchstens 70%, zumal viele interessante neue Fantasy auch in Klein- oder Selbstverlagen erscheint und leicht unter dem Radar fliegt.
Ein interessanter Kandidat der Beschreibung nach wäre sicher zB die „Herbstlande“-Reihe, und auch wenn der zweite Teil von „Alendia“ endlich erschiene, hätte er Chancen auf diese Liste. Schweren Herzens nicht mit reingenommen habe ich „Fairwater„/“Das Licht hinter den Wolken„, die sich die gleichen „Hallen des Schicksals“ zu teilen scheinen, aber sonst wohl doch zu unabhängig voneinander sind, um von einer Serie zu sprechen. Aber zwei ganz starke Romane, die ihr euch dennoch vormerken könnt. So, und jetzt, ungeordnet:

Der Vrénalik Zyklus (Esther Rochon)

Reihe kürzerer Romane rund um eine Insel, die ein Fluch oder der Aberglauben der Einwohner vom Rest der Welt abgeschnitten hat. Vier sehr unterschiedliche, atmosphärisch sehr dichte und sprachlich elegante Romane, von denen drei auch einzeln herausragende Lektüre sind. Fantasy (bis kurz vor Schluss) ganz ohne den ewigen Kampf und die Weltenreiterei.

Earth Sea (Ursula Le Guin)

Ebenfalls Fantasy, die weniger auf Krieg und große Kämpfe schaut und mehr darauf, wie Figuren zu sich und zur Welt stehen. Besonders im ersten Teil reißt die manchmal an Stabreim-Dichtung anklingende Sprache mit.

Die Elric-Novellen (Michael Moorcock)

Düstere dichte Erzählungen aus einer nur diffus zu greifenden Welt, der Verfall aus jeder Pore trieft. Selten wurde über große Themen so ausdruckstark in der kleinen Form geschrieben. Auch wenn man die Inhalte längst wieder vergessen hat, bleiben die Bilder in Schattierungen von rot und schwarz wie alte Metal-Plattencover.

New Sun Tetralogie (Gene Wolfe)

Man mag streiten, ob das Fantasy ist, und nicht Science Fiction, doch die Welt wird als fantastische präsentiert und die Figuren erleben sie eher als von Magie denn von Technik durchdrungen. Kaum eine Fantasyreihe ist so klug aufgebaut und so sehr aufs Wesentliche fokussiert. Auch sprachlich oft von seltener Schönheit.

Naturgeschichte der Drachen (Marie Brennan)

Eine viktorianische Welt mit kleinen Abweichungen, die wichtigste: Drachen.
Fantasy, die sich auf das Forschen konzentriert, auf soziale Beziehungen und die Frage, wie man sich zur Gesellschaft stellt, in der man lebt, während Kämpfe und Kriege eher offstage gefochten werden. Eine der glaubhaftesten Welten & eine Hauptfigur, die tatsächlich als Figur ihrer Zeit erfahrbar wird, nicht als modernes LeserInnen-Surrogat.

Das Jahr des Greifen (Bernard Hennen und Wolfgang Hohlbein)

Zwei Autoren, von denen man keinen Titel in dieser Liste erwarten würde. Aber dank der detaillierten DSA-Welt im Hintergrund einer der ganz wenigen Fantasyromane, die sich die dümmlichen Reiseführer-Passagen und das Heldenreise-Schema sparen und relativ erwachsene Geschichten aus einer Welt heraus erzählen, die genau so einfach da ist, wie eben die Welt des nicht fantastischen naturalistischen Romans.

Gormenghast (Mervyn Peak)

Auch für diese Reihe gilt, dass zwar keine explizite Magie vorhanden ist, die Romane als vormoderne Parallelwelten sich aber klar nach Fantasy anfühlen.
Die Texte werden oft als Neu-Barock beschrieben und bestechen durch den Fokus auf glaubhafte Figuren und ihre Konflikte, sowie eine ganz starke Atmosphäre. Der dritte Teil ist eher verwirrend als gut.

Der kleine König Kalle Wirsch (Tilde Michels)

Jepp, dieses schöne kleine Kinderbuch, das wie kaum ein anderer Text die Stimmung eines klassischen Mythos transportiert, hat einen zweiten Teil. Der ist für sich nichts besonderes, aber gut genug, um die Reihe vor allem dank des ersten Teils in diese Liste zu hieven.

Die Vandarei-Romane (Joy Chant)

Wäre die Liste ein Wettlauf, diese Reihe startete mit deutlichem Rückstand. Red moon and black mountain ist streckenweise hübsch aber auch generisch und teils chaotisch. Doch The Grey mane of morning und When Voiha wakes sind zwei der stärksten fantastischen Romane überhaupt. Besonders Voiha, dem zu seiner Welt endlich mal was gänzlich anderes einfällt als Machtkämpfe und Welt retten.
In zwei der drei Romane gibt es keine ausdrückliche Magie, so dass sich die Zugehörigkeit zur Fantasy sicher bestreiten ließe. Ich berufe mich hier auf das Kriterium der vormodernen Parallelweltlichkeit.

Die literarischen Mittelerde-Texte (J.R.R. Tolkien)

Obwohl Der Herr der Ringe das Vorbild fast aller klassisch modernen Fantasy ist, steht dieser Kosmos hier trotz, nicht wegen diesem Roman. Denn der ist erzählerisch phasenweise ein solcher Backstein, dass er durchaus auch viele der Vorurteile gegen Mainstream-Fantasy rechtfertigt. Aber der erweiterte Kosmos ist so gut und nicht zuletzt, wie ich hier und hier zeige, auch ästhetisch so stark entwickelt, dass das Gesamtwerk auf diese Liste gehört.

Bild: „Rheinauen / Avalon“ (eigenes).

Vorläufiger Abschluss der George Sand Reihe. Kürzere Texte und Fazit.

Mit den kürzeren Texten “Die Marquise”, “Livinia” und “Pauline” schließt der fiktionale Teil meiner Sammlung von Werken George Sands. Da die vier Texte nichts Besonderes mehr sind, handele ich sie hier kurz in einem ab und nutze den Raum für ein Fazit des Ausschnitts des Gesamtwerkes, der mir auf Deutsch vorliegt. Mein Buch enthält zusätzlich noch die umfangreiche Autobiografie, zu der es mich bis jetzt nicht zieht, außerdem habe ich anderswo in zwei Bänden „Consuelo“ vorliegen, das ich gern irgendwann noch besprechen möchte, allerdings muss ich dafür erst sicherstellen, dass die deutsche zweibändige Ausgabe tatsächlich die drei Bände des vielleicht als Hauptwerk zu bezeichnenden französischen Originals beinhaltet. Über 1000 Seiten lesen und dann feststellen, es gibt den dritten Band nicht auf Deutsch: nein. Solche Probleme überlasse ich gerne den George R.R. Martin – Fans.

Gut denn. „Die Marquise“ ist eine einfache Liebesgeschichte, die die Marquise, eine alte Frau, die im 18. Jahrhundert den Großteil ihres Lebens verbracht hat, einem Mann erzählt, der sie im 19. interviewt. Eine solide kleine Novelle ohne besondere Momente, allein diesen Satz sollten sich all die Menschen, die versuchen, relativ unmittelbar aus literarischen Texten Vergangenheit zu erschließen, worunter leider zumindest in meiner Universitätszeit auch regelmäßig die culture studies der Philologien zählten, ins Stammbuch schreiben:

“»Wie Sie sich in unserer Zeit auskennen! Das ist ja ganz entwaffnend. Eh, Sie müßten gerade deshalb, weil solcherlei Einzelheiten in den Memoiren berichtet und in erstaunlicher Weise herausgestellt sind, daraus schließen: Sie waren selten und standen in Widerspruch zu den Gepflogenheiten und Sitten jener Zeit. Seien Sie versichert, sie machten wirklich damals ihren großen Skandal!”

„Livinia“ ist etwas stärker. Man könnte das Ganze als gotische Liebesgeschichte bezeichnen. Ein Mann hat seine Geliebte für eine andere sitzen lassen, eigentlich wollen die beiden sich nur ihre Briefe übergeben, damit der neuen Eheschließung nichts im Wege steht. Denn auch die Geliebte hat nach vielen Jahren einen neuen. Doch als der alte den neuen kennenlernt, wird seine Eifersucht geweckt. Inmitten von Gebirgen und Gewittern kämpft der alte Liebhaber um Liviana. Eigentlich scheint schon alles geklärt, die Dame hat ihm eingestanden, dass sie ihn noch immer liebt und nicht den neuen, doch erst macht er einen Rückzieher, muss darum sie, die sich schon auf die Reise begeben hat, verfolgen, und als er endlich um ihre Hand anhält, weist sie ihn ab. Einmal mehr verweigert George Sand das typische Ende einer solchen Geschichte, zu dem die beiden nicht zusammen kommen, und doch relativ bald in ihren neuen finanziell guten Situationen glücklich werden. Kurzweilig, mit ein paar gewaltigen Naturbeschreibungen, aber jetzt auch kein Meisterwerk, das man ewig in Erinnerung halten wird.

Stark beginnt „Pauline“, mit ein paar einprägsamen Bildern einer absolut hinterwäldlerischen Kleinstadt. Auch die Geschichte ist interessant. Eine noch relativ junge Frau wird aus Versehen in diese kleine Stadt verschlagen, da sie in der Kutsche eingeschlafen ist. Es ist ihre alte Heimatstadt, wo sie eine unglaublich enge Freundschaft zu Pauline gepflegt hat. Doch aufgrund der Wahl ihres Lebenswegs musste diese Freundschaft zerbrechen. Nun besucht sie die alte Freundin und knüpft das Band aufs Neue. Mit der Zeit erfahren wir, es ist nicht etwa, wie man im ersten Moment denken möchte, die Prostitution oder eine absolut unerhörte Liebe, sondern die Schauspielerei, die nun zwischen den beiden steht. Doch die Zeiten haben sich gewandelt, und nach anfänglicher Abwehr umarmt die Kleinstadt die erfolgreiche Schauspielerin und beginnt ihren Ruhm noch zu übertreiben, um zu zeigen, dass man eine der ganz Großen kennt. Die Freundschaft kann also wieder aufgenommen werden. Leider wandelt sich der Text dann im letzten Drittel zu einem über eine Dreiecks-Liebesgeschichte, die stark melodramatisch übersteigert ist. Mich hätte hier ein stärkerer Fokus auf diese Freundschaft interessiert, ohne dass sich so ein komischer Typ in den Mittelpunkt drängt.

Sands Gesamtwerk, soweit ich es überblicken kann, ist in jedem Fall hochinteressant: Texte von denen ich sagen würde, man muss sie zwingend gelesen haben, wie etwa bei den Zeitgenossen Balzac und Zola, finden sich eher nicht. Aber während Balzac auch massig Totalausfälle produziert hat, Texte, die ich kaum bereit bin, Roman zu nennen, unglaublich unfokussierte Langweiler, und auch Zola hat zumindest eine Hand voll von diesen in Petto, liegt das niedrigste Niveau, zu dem Sand fähig ist, im Vergleich unglaublich hoch. Jeder von mir gelesene und besprochene Text hat zumindest einen ordentlich aufgebauten Plot, der sicherstellt, dass man sich nicht langweilen wird und verknüpft das mit einem mindestens angenehmen Sprachniveau. Es gibt durchaus deutliche Unterschiede, Texte die aus dem Werk herausragen, aber wenn man einmal voraussetzt, dass die etwa 60 Romane, die Sand produzierte, dieses untere Niveau halten, dann sticht in erster Linie die Professionalität ins Auge, mit der wieder und wieder gehobene unterhaltsame Literatur produziert wird.

Meist wird Charles Dickens als der erste in dem Sinne professionelle Schriftsteller gehandelt, als dass er die Romanschreiberei selbstbewusst als Warenproduktion begriffen hat und umgesetzt. Dickens erster Roman erschien 1836, geboren wurde der Autor 1812. Sand wurde 1804 geboren, ihre ersten Romane erschienen 1832. Da auch Alexandre Dumas, eine weitere Figur, der man diese Form der Professionalisierung des Romans zuschreiben könnte, sein erstes Werk erst einige Jahre später auf den Markt brachte, könnte man gut auch George Sand als die Person betrachten, die als erste den Weg zur professionalisierung des Romans als Unterhaltungsprodukt fand. Wobei mE Jane Austen bei einem insgesamt höheren Niveau und geringerer Textproduktion sogar noch deutlich früher einen ähnlichen Weg beschritt.

Verwundert hat mich hier und da, wie unpolitisch die Texte dieser im Privaten und in ihren nicht-fiktionalen Äußerungen doch sehr politischen Schriftstellerin oft sind. Gestört hat mich, dass einige auch bezüglich ihrer sozialen Verortung stark in der Luft hängen. Das könnt ihr besonders hier nachlesen.

Ebenfalls stören dürfte in einigen Texten, dass Sand nicht nur, was kaum anders denkbar ist, die Sprache des in ihrer Zeit zu erwarteten alltäglichen Rassismus nutzt, wenn etwa schwarze Nebenfiguren vorkommen, sondern dass sie auch diese Nebenfiguren mit der Ausnahme der Dienerin in „Indiana“ praktisch ausschließlich in ihrer Funktion begreift, also in einer Weise Objektifiziert, für die es selbst in der Literatur des 19. Jahrhunderts schon positive Gegenbeispiele gibt.

Trotz dieser Einschränkungen: ich denke es lohnt sich, sich mit dieser Autorin zu beschäftigen. Gerade wenn man vielleicht nicht die äußersten Schwergewichte sucht, sondern gehobene Unterhaltungsliteratur. Der ein oder andere Text, besonders „Der Teufelssumpf“ und „Tevorino“, ragen über dieses Niveau noch einmal hinaus. Und wer derzeit gar nicht zu neuen Lektüren kommt, da auch Bücher immer teurer werden, findet hier kostenlosen Lesestoff für viele Stunden.

Bild: Wikiart, gemeinfrei.

George Sands Erwartung an ihre Romane. „Der Champi“.

Im Vorwort zum Roman “Der Champi” (d.h.: Findelkind) stellt George Sand einige Überlegungen dazu an, wie man einen Roman so gestaltet, dass er zugleich ein breites Publikum finden kann und doch eine gewisse geistige Tiefe und eine ästhetisch gelungene Form hat. Das ist ihr bekanntlich mit dem zuvor erschienenen „Der Teufelssumpf“ sehr gut gelungen, doch das Vorwort kommt als Selbstkritik daher, und verlangt von späteren Romanen mehr:

“…du aber hast nicht so leichtes Spiel: du mußt die Geschichte so erzählen, als ob zu deiner Rechten ein Pariser, und zu deiner Linken ein Landmann säße, und es darf dir kein Wort entschlüpfen, das nicht völlig klar für den Pariser, und kein Redesatz, der für den Landmann unverständlich wäre…”

Das Vorwort zeigt in jedem Fall, dass Sand nicht einfach nur unglaublich viele Romane in die Welt warf (über 90), sondern sich durchaus auch Gedanken machte, was damit zu erreichen wäre Und wie sich das ästhetisch am besten umsetzen lässt. Ist „Der Champi“ nun aber ein Text, der „Das Teufelsmoor“ noch einmal deutlich überragt? Leider nein. Manches Unterfangen mag unmöglich sein, und insbesondere, wenn man sich selbst dazu zwingen möchte, dass es gelinge. Nimmt man die oben formulierte Anforderung, so glaube ich, dass „Das Teufelsmoor“ sie eher erfüllt als dieser Text.

In “Der Champi” findet die Bäuerin Magdalena anfangs ein fieberndes Kind von etwa fünf oder sechs Jahren. Doch deshalb ist unser Protagonist kein Findelkind. Sondern schon zuvor hat ihn eine junge Tagelöhnerin aufgenommen, und eine Zeitlang hat der Junge nun quasi zwei Mütter. Dann stirbt die Tagelöhnerin, Magdalena nimmt ihn auf, doch der Ehemann hasst das Kind. Weil er ein guter Arbeiter ist, bleibt der Champi im Haus, doch irgendwann verkracht er sich mit der Geliebten des Ehemanns und fliegt endgültig. Er macht sich auf einem Landgut einige Meilen entfernt unverzichtbar, der böse Ehemann stirbt und der Champi kehrt zurück, und es gelingt ihm, die Angelegenheiten zu ordnen und die Geliebte, die zahlreiche Schuldverschreibungen besitzt, so auszu manövrieren, dass Magdalena und ihre Kinder so wie die junge Schwester des Toten das Gut behalten können. Und natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte. In den Protagonisten verliebt sind die Tochter des Bauern, bei dem er später gearbeitet hat und die junge Schwester des toten Ehemanns Magdalenas. Doch statt das der Champi sich für eine von den beiden entscheidet, stellt er fest, dass er schon die ganze Zeit unsterblich in Magdalena verliebt war und er heiratet seine mindestens zehn Jahre ältere Ziehmutter. Und ich weiß nicht… Auch wenn es natürlich technisch absolut unproblematisch ist, wohnt dem durch die lange Mutter-Kind Beziehung, die beiden hatten, doch irgendwie etwas inne, dass ein wenig inzestuös wirkt.

Warum sehe ich den Text nicht auf der Höhe von „Der Teufelssumpf“? Erstens: Das Atmosphärische fehlt. „Der Teufelssumpf“ erzählte eine begrenzte, dennoch ereignisreiche dichte Geschichte in starken Bildern. Die beiden Dörfer und der Nebelwald dazwischen standen ganz plastisch vor Augen, in ihrer Realität, in ihrer klaren Symbolik. Das lässt sich über die Welt von „Der Champi“ deutlich weniger sagen. Zweitens: Das Ganze ist viel zu melodramatisch. Doppelt gefundene Findelkinder, plötzliche Tode, Fieberkrankheiten noch und nöcher, und schließlich eine Ehe mit der Quasi-Mutter? Herrje, es mag ja sogar sein, dass man damit, wie oben gefordert, sowohl den Landmann als auch den Pariser ködert. Aber dann eben doch eher durch Skandal und Affekt, als durch künstlerische Meisterschaft. Auch „Der Champi“ ist wieder unterhaltsam, und bestärkt mein schon mehrfach gefällt es Urteil, dass Sand zwar seltener Meisterwerk geschaffen hat als etwa Emil Zola und mit Abstrichen vielleicht auch noch Balzac, doch auf der anderen Seite auch weniger Totalausfälle produziert, Romane, die man heute eigentlich gar nicht mehr lesen kann. Aber der Text ist dann doch wieder nur gehobener Durchschnitt. Melodramatischer Unterhaltungsroman, fernab von den Höhen, auf die sich Sand mit „Der Teufelssumpf“ und „Tevorino“ erhoben hat, und auch noch ein Stück schwächer als das bereits deutlich früher besprochenen „Die kleine Fadette“.

Bild: Wikiart, gemeinfrei.

Dichte fingierte Mündlichkeit aus dem jüdischen Leben der heutigen Ukraine. „Fischke, der Krume“ von Mendele Moicher Sphorim.

Um manche Dinge wirklich wertzuschätzen, überhaupt auch zu durchblicken, muss man wahrscheinlich tatsächlich älter werden.

Ja, man kann Kunst und deren Wahrnehmung lernen, nicht in einem rein theoretischen sondern in einem von Erfahrung gesättigten Sinne (nebenbei gilt das natürlich auch für andere Sphären des Lebens). Würde man das seinem jüngeren sagen, hätte das dafür nur Spott übrig. Aber wer sich auf den Weg begibt und zurückschaut, wird die Bereicherung feststellen: das, was tatsächlich mehr war als nur eigene jugendliche Begeisterung, nimmt man mit. Und gleichzeitig kann man sich Neues erschließen. Auch wenn, fürchte ich, genau diese Entwicklung einen immer schlechteren Leumund hat und immer früher stillgestellt wird in einer Welt des Spektakels, in der die ewige Pubertät als etwas Gutes gilt.

Konkret aufgefallen ist mir das wieder mit den Texten der jiddischen Moderne, für die ich bei meiner ersten Lektüre mit Anfang 20 kein großes Interesse entwickeln konnte. Andere Werke haben diese spektakulären Momente, an denen man sich aufhängen, und sind wir ehrlich, mit denen man auch ein wenig angeben kann. Der gelehrte anspielungsreiche und zugleich chaotische „Ulysses“, das unglaublich polyphone „Gespräch in der „Kathedrale““. Und dan natürlich die Texte, mit denen man auch ausweisen kann, politisch auf der richtigen Seite zu stehen: „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia Marquez, „On the road“ von Jack Kerouac und so weiter. Was die jiddische Moderne, in diesem Fall besonders Mendele Moicher Sphorim mit seinem Roman „Fischke, der Krume“ vorgelegt hat, wirkt unspektakulär dagegen. Menschen, die im Alltag in absurde Situationen geraten und ganz viel miteinander reden. Das ist doch keine Leistung, oder? Das bekommt doch jeder halbwegs talentierte Stimmungs-Stenograph hin?

Aus meiner mittlerweile doch auch fast 20-jährigen Erfahrung als Journalist und Schriftsteller kann ich sagen: Es ist vielmehr das Allerschwerste. Noch schwerer als eine Komposition, die man lernen kann. Noch schwerer als das Finden von interessanten Handlungen, was man zumindest teilweise lernen kann. Und dann sind diese Texte ja nicht unkomponiert. Allein: Weil sie so prätentionslos daher kommen, muss man die Komposition unter dem Einfachen erst einmal aufdecken. Und „Fischke“ ist sicherlich ein herausragendes Beispiel all dessen. Vordergründig erzählt es die einfache Geschichte von Fischke, der mit einer blinden älteren Witwe verheiratet wird, wie er unter die Bettler gerät und was dann alles sich an Komplikationen daraus ergibt. Also eine Art Schelmenroman. Ins Auge oder vielleicht sogar ins Ohr sticht allerdings vielmehr die detaillierte Schilderung bzw. wohl eher sanfte Karikatur des jüdischen Alltags auf dem Dorf und dem Schtetl in der heutigen Ukraine. Da wird, wenn auch deutlich weniger exzessiv als in Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“ mit Tora-Zitaten und Volksweisheiten um sich geworfen, es werden Gespräche wiedergegeben und das einfache Leben in der Kneipe geschildert:

“Und wie die Nase und die Ohren das ihrige schon abbekommen haben, kommen meine Augen in Behandlung. Nachdem sie eine Weile im Dunkeln im dichten Menschengedränge, ohne auch die Spur eines Gegenstandes zu erkennen, herumgeschweift haben, erblicken sie plötzlich einen langen Tisch; auf dem Tische brennt in einem irdenen Leuchter eine Talgkerze mit grellroter Flamme, um die herum sich in dem Dampf und Rauch, der die Stube füllt, grün-blau-gelb-graue Kreise gebildet haben. Allmählich tauchen aus diesem Nebel einzelne Nasen, Bärte, Bärtchen, Schöpfe und ganze Gesichter von Männern und Frauen auf. Ganze Gruppen von Menschen werden sichtbar. Zum Teil haben sie erst drei, vier Gläschen Schnaps getrunken und halten sich noch auf den Beinen. Zwei Betrunkene liegen sich etwas abseits in den Armen und schimpfen auf einander vor lauter Liebe mit den wüstesten Schimpfworten. Vor ihnen steht ein Frauenzimmer mit bloßen Füßen, kurzem Rock und gesticktem, weit ausgeschnittenem Hemd; sie freut sich offenbar über die beiden, klopft bald dem einen, bald dem anderen liebevoll auf den Rücken und redet ihnen zu: »Es ist genug! Geht heim!« Das betrunkene Paar aber schimpft vor lauter Liebe noch wüster, umarmt sich noch inniger und fällt schließlich um. Andere sitzen auf langen Bänken und haben Flaschen und Speisen vor sich stehen. Zwei dicke Kerle trinken einander zu und sind, wie man so sagt, in heiterer Stimmung. Einer, der offenbar großer Liebhaber des bitteren Tropfens ist und sich hier im Wirtshause wohl ständig aufhält, raucht seine Pfeife und trinkt bald dem einen, bald dem anderen zu, obwohl die Betreffenden sich nach ihm nicht einmal umsehen. Und ganz zuletzt entdecke ich eine lebhafte jüdische Frau in abgeschabter Felljacke, mit einem Tuch auf dem Kopf: es ist die Frau des Schenkers in eigener Person. Der Tisch vor ihr ist mit Fäßchen, Flaschen, Gläsern, Gläschen, Kränzen von Kringeln, gekochten Eiern, gedörrten Fischen und Stückchen versteinerter Leber besetzt. Ihr Mund steht keinen Augenblick still, und ihre Hände werden nicht müde, bald mit dem einen, bald mit dem anderen zu reden, bares Geld einzukassieren und herauszugeben, Pfänder anzunehmen und mit Kreide Striche und Ringel bald auf des einen, bald auf des anderen Rechnung zu setzen.”

Doch ähnlich wie im Roman Stempenju, der mich auf meiner Reise durch die jiddische Moderne geschickt hat, sind doch immer besinnliche Momente vollendeter Schönheit eingeschaltet, oft drastisch konterkariert von schwerer Melancholie:

“Der Wald steht und schläft und ist oben mit einem dunklen Vorhang bedeckt. Ringsum ist es still. Man hört nur ab und zu, wie zwei schlanke Bäumchen, die dicht beieinander stehen, die Köpfe zusammenstecken, miteinander tuscheln und dabei einander von hinten mit den Zweigen kitzeln. Einige Blätter pendeln immerfort und berühren einander, wie wenn sie jemand stieße. Alle diese Töne sind Worte, die der Wald aus dem Schlafe spricht. Er träumt vom vergangenen Tag mit allen seinen Freuden und Leiden. Irgendwo raschelt dürres Reisig – der Wald träumt eben von den Bäumen, die man, nebbich, vor der Zeit gefällt hat. Irgendwo in der Höhe rauscht es: der Wald träumt davon, daß der niederträchtige Sperber ein Nest mit jungen, unschuldigen Vöglein zerstört hat; die Blätter, die da flattern, fallen auf die tote Mutter und ihre toten Kinder, von denen der Wald träumt … Eine furchtbar schwarze Wolke zieht über dem Walde und auch in meiner Seele auf. Die weltberühmte Schwarzkünstlerin und Lügnerin Phantasie vermittelt zwischen mir und der Mulde, auf die ich schaue, schwindelhafte Geschäfte. Sie bringt mir von dort einen Transport Schreckbilder, die in der Fabrik, die ich im Kopfe habe, abgeändert und mit vielen neuen verrückten Einzelheiten ausgeschmückt werden. Mit einem solchen Transport bekomme ich von dort die Leiche des ermordeten Alter Jaknhas und die Totengerippe unserer Pferde. Dieses Bild wird in meinem Kopfe mit tausend Einzelheiten ausgeschmückt, und im Nu fliegt es schon zurück, mit einem rothaarigen, kräftigen Räuber und einem Wolf mit schrecklichem Gebiß ausgestattet.”

Fischke steht dabei zu Beginn gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Wir fahren von ihm in einem Gespräch zwischen den Figuren Mendele und Alter, die sich getroffen haben, und, wo sie sich schon getroffen haben, entscheiden, dass sie auch ein bisschen handeln können. Hier erzählt Mendele von Fischke. Wenig später aber geht Alter verloren und mit ihm die beiden Pferde ihrer beiden Wagen. Nun geht Mendele in die oben geschilderte Kneipe und lernt dort ein nettes Ehepaar kennen, denen er seine Geschichte weiter erzählt, ehe dann Alter zurückkommt bzw. aufgefunden wird und nun seine Geschichte erzählt. In diese Geschichte hinein, die auch immer noch irgendwer erzählen muss, von dem wir ausgehen müssen, dass es Mendele ist, denn bei dem Roman handelt es sich um eine Ich-Erzählung aus der Perspektive Mendeles, platzt nun Fischke, Und erzählt, was ihm widerfahren ist, seitdem Mendele Alter zuletzt von ihm erzählt hat. Und so weiter. Das ist wirklich herrlich gebaut, so dass es sich liest wie ein einzige Folge von Gesprächen unter Menschen, die sich mal besser, mal weniger gut kennen, und beim Erzählen vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Und dennoch ist es ein äußerst konzentrierter und wohlkomponierte Roman, mit mehreren gewitzt ineinander verschränkten Erzählebenen, der alles dem Zweck unterordnet, einerseits die Geschichte unserer Protagonisten amüsant und streckenweise spannend rüberzubringen und andererseits diesen Kosmos des jüdischen Lebens in der Ukraine so plastisch wie nur möglich vors Auge zu stellen. Nur: Das geschieht eben ohne jedes Spektakel, mit dem sich so leicht Aufmerksamkeit erregen lässt, sondern stattdessen absolut nebenbei, wie etwas, das ich aus dem Gesprächen nunmal so ergeben muss. Wer aber selbst einmal versucht hat, einen Text so aufzubauen, weiß, welche Leistung (ich will nicht sagen Arbeit, denn vielleicht ging es dem Autor ja ganz leicht vor der Hand, das macht den Text natürlich kein Stück schlechter) dahinter steht.

„Fischke, der Krume“ ist ähnlich wie „Stempenju“ ein Text, den man in jedem Fall einmal gelesen haben sollte und der sich ob seiner Kürze und Unterhaltsamkeit auch relativ gut an einem oder zwei Tagen lesen lässt.

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Jüdische Diaspora nach der Shoah in New York. Isaac Bashevis Singers „Schatten über dem Hudson“.

Das war nun meine zweite Lektüre von Isaac Bashevis Singers „Schatten über dem Hudson“. Der Roman ist eine weitere Beute aus dem Bibliotheksflohmarkt, dem bereits die schicke illustrierte Ausgabe von Scholem Alejchem Stempenju entstammt. Nach der ersten Lektüre vor vielen Jahren habe ich mir nur eine Notiz gemacht, über das Buch zu schreiben. Das sei hiermit nachgeholt.

Ich bin kein Experte bezüglich des Gesamtwerks Singers, daher muss ich mich auf einen Artikel der New York Times von 1997 verlassen, die den großen Roman als sehr untypisch für dieses bezeichnet. „Schatten über dem Hudson“ ist ein umfangreicher Text, der zahlreiche Figuren beinahe gleichberechtigt jongliert. Dazu relativ düster, um große persönliche und politische Konflikte kreisend. Sonst, so die Times, behandle der Autor zwar durchaus ähnliche Themen, doch sehr viel kompakter und mit weit größerer Heiterkeit.

„Schatten über dem Hudson“ folgt einer Gruppe größtenteils aus Deutschland geflohener Juden der amerikanischen Ober- und oberer Mittelschicht. Wir lernen den Großteil des Ensembles auf einer Party bei Boris Makaver kennen, ein älterer Mann, der einerseits recht gläubig ist, andererseits in seiner Tätigkeit als Großunternehmer, der zahlreiche unterschiedliche Unternehmungen verfolgt, die Regeln seines Glaubens auch nicht so wirklich ernst nimmt, wie er es gerne würde. Dann ist da Anna, seine Tochter, unglücklich in zweiter Ehe und Grein, ein Aktienhändler, der sich an diese Tochter ran schmeißt. Daneben noch zahlreiche weitere Figuren, die über Kommunismus und Kapitalismus diskutieren, über Spiritismus und die Atombombe, Fragen des Glaubens und wie sich diese mit Relativitätstheorie und Quantenphysik vereinbaren lassen. Und natürlich klingt auch hier schon ein Thema des Romans an, das später immer mehr an Gewicht gewinnen wird: Was heißt es, in dieser Welt „jüdisch“ zu sein und ist das überhaupt noch möglich?

Über die folgenden Kapitel schält sich dann Stück für Stück die Liebesgeschichte von Grein und Anna als die Haupthandlung heraus. Anna verlässt ihren Mann, den sie längst hassen gelernt hat, obwohl jener ihr nicht direkt etwas angetan hat. Er war noch ein junger älterer Mann, als sie heirateten, jetzt ist er für sie nur noch ein alter Mann. Die beiden fliehen nach Florida, Grein verlässt dafür ebenfalls Ehefrau und eine weitere Geliebte, doch es dauert gar nicht lange, da sucht er diese Geliebte wieder auf. Anna sinnt auf Selbstmord, doch besucht stattdessen eine Spiritistin, ihr Mann glaubt seine in Auschwitz ermordete Frau durch eine Sceance wieder getroffen zu haben, er stirbt kurze Zeit später an einem Herzanfall. Grein ist überzeugt, ihn ermordet zu haben, und dann bekommt auch noch die Ex-Frau Brustkrebs. Die Beziehung zu Anna, die derweil der Vater verstoßen hat, zerbricht.

Und ich breche hier die Nacherzählung ab, denn die Einzelheiten der Handlung sind sicherlich nicht, was „Schatten über dem Hudson“ zu so einem starken Roman macht. Es ist die gelungene Mischung aus Figuren und einer Weltsicht, die durchaus an Dostojewski erinnern mag, vermittelt in ausgedehnten Dialogen, schwankend zwischen dem Größten und dem Kleinsten als sei es nichts. Allen Konflikten verleiht dabei zusätzliche Schärfe, dass natürlich im Leben der Protagonisten die Shoah immer anwesend ist. Viele dieser Menschen, die doch ein normales Leben leben wollen und sollen, sind KZ oder Erschießungskommandos knapp entronnen, ein jeder aber hat Freunde und Verwandte verloren. Auch vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich immer wieder die Frage nach der Bedeutung der Religion: Kann man an einem Gott noch glauben, der das zulässt? Und zugleich bauen sich mehrere Generationenkonflikte auf. Besonders die Älteren, besonders die, die aus der Sowjetunion geflohen sind oder dort Verwandte hatten, erfahren die Hinwendung Jüngerer zum Sozialismus als schockierende Wendung hin zu einer neuen Religion oder zu einem besonders perfiden Atheismus.

Stilistisch trägt der Vergleich mit Dostojewski tatsächlich am besten, um „Schatten über dem Hudson“ zu beschreiben. Lange Dialogpassagen wechseln sich ab mit Blicken in die Straßen von New York, Szenen aus verschiedenen Milieus, Momente, die jeweils die Stimmung von Figuren im Fokus unterstreichen. So ergeben sich immer wieder melancholisch schön Passagen.

Diese Momente des Beschreibens sind natürlich ein Unterschied zu Dostojewskij, der tatsächlich viel weniger beschreibt, als man angesichts der heftigen bildlichen Eindrücke, die seine Werke hinterlassen, glauben mag. Und auch ansonsten ist „Schatten über dem Hudson“ natürlich allein durch das Setting und die Zeit, die alles transformieren, ein ganz anderes Werk als die großen Romane Dostojewskis. Ein großer Roman ist es aber in jedem Fall, und dazu das spannende Beispiel eines Romans, der wirklich ganz traditionell erzählt ist und sich nicht etwa, wie Thomas Manns „Doktor Faustus“, nur für den oberflächlichen Blick als ein solcher tarnt. Und dennoch ist das ein moderner Roman, und ein gelungener moderner Roman noch dazu, der gerade durch die traditionelle Erzählweise, die natürlich auch an die Traditionen anschließt, an die sich die zahlreichen Figuren immer wieder erinnern, an das, was Jüdischsein ihnen vor der Shoa bedeutete, es schafft die Welt seiner Figuren in ungeheuer überzeugender und ungeheuer berührender Weise zu transportieren.

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George Sands stärkste Erzählung? „Der Teufelssumpf“

Nachdem bisher alle Texte größere oder kleinere Probleme hatten, kann man „Der Teufelssumpf“ von George Sand durchaus als rundum gelungene Erzählung bezeichnen.

Protagonist ist ein aus der Perspektive des bäuerlichen Lebens Mitte des 18. Jahrhunderts schon etwas älterer Mann, Germain. Ein Witwer, der bei der Familie der verstorbenen Frau lebt. Der Schwiegervater möchte ihn aus ökonomischen Gründen zu erneuter Heirat bewegen, daher macht sich Germain auf den Weg auf Brautwerbung in ein etwa eine Tagesreise entferntes Landgut. Mit nimmt er die Schäferin Marie, die in der Nähe Anstellung finden soll. Und weil er rumjammert auch noch den kleinen Sohn Peter.

Doch die Reise verläuft unglücklich. Erst spät erreicht man einen Wald, den es zu durchqueren gilt. Nebel zieht auf, das Pferd wird unruhig und geht durch. Die Gruppe muss im Nebelwald campieren. Germain wird dabei klar, dass er eigentlich viel lieber Marie heiraten würde als die unbekannte gute Partie.

Allerdings: Marie weist ihn ab. Endlich am Ziel, kommt es zu weiteren Verwicklungen, die es wirken lassen, als müsse Marie nun schon allein aus Vernunftgründen „ja“ sagen, doch sie weist Germain ein zweites Mal ab.

Zurück in der Heimat kommt es aber doch noch zu dem Abschluss, den wohl alle erwartet haben.

„Der Teufelssumpf“ ist einer dieser perfekt durchkomponierten Texte, die auf engem Raum einiges an Handlung ver- und wieder entwickeln, in denen kein Wort zu viel ist und die sich dennoch Zeit nehmen, ihr Setting in starken Bilder zu vermitteln, in diesem Fall besonders die Atmosphäre der Dörfer und zentral des Waldes:

Endlich, gegen Mitternacht, zertheilte sich der Nebel, und Germain konnte zwischen den Bäumen hindurch die Sterne schimmern sehen; und auch der Mond hatte sich aus der Umarmung der Nebelwolken nun erlöst und übergoß das feuchte Moos mit Diamantenfunken. Nur der Stamm der alten Eiche hüllte sich noch immer in sein majestätisches Dunkel ein. In einiger Entfernung jedoch erblickte man ganze Reihen weißstämmiger Birken, welche, wie Gespenster in ihre Schweißtücher eingehüllt, unheimlich durch das Dunkel der Nacht schimmerten. Das Feuer spiegelte sich im nahen Sumpfe ab, und seine Bewohner, die Frösche, welche sich mit dem ungewohnten hellen Flammenschein schon etwas vertraut gemacht, fingen an, hie und da ein schüchternes Quaken vernehmen zu lassen; die knorrigen Zweige der alten Eiche streckten die seltsam verschlungenen, mit verwittertem Moos bedeckten Arme über den Häuptern unserer Reisenden aus. Es war ein schöner, aber durch die Melancholie der Einsamkeit verdüsterter Ort; und Germain, seiner Selbstqual müde, fing an, Steine in den Sumpf zu werfen und sich dabei ein Lied zu pfeifen, um sich durch diese Zerstreuung von der schrecklichen Langenweile der Einsamkeit zu erlösen.“

Ein wenig schade eigentlich nur, dass Sand die Idee, dass Marie sich tatsächlich nicht zu Germaine hingezogen fühlt, nicht stärker weiterverfolgt und nach einer für beide Hauptfiguren (und Peter, der sich so sehr Marie als Mutter wünscht) positiven Lösung sucht, die keine Heirat einschließt (Marie gibt schließlich zu, sie habe sich nur geziert, um Germains Chancen auf eine gute Partie nicht zu gefährden). Aber man sollte von einem Roman des mittleren 19. Jahrhunderts nicht erwarten, etwas ganz anderes zu sein, als ein solcher. Und als solcher ist „Der Teufelssumpf“ einer der stärkeren, innerhalb und außerhalb des Werks von George Sand.

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Die Pandemie und das Ende der Menschheit. „The last Man“ von Mary Wollstonecraft Shelley.

„The last Man“ von Mary Wollstonecraft Shelley könnte man beinahe als zwei Romane bezeichnen. Ich wäre daher niemanden böse, der sich durch knapp die erste Hälfte des Textes immer wieder fragt „wann geht es endlich los?“. Denn angekündigt war immerhin eine Dystopie, in der eine Pest-Pandemie die Menschheit vernichtet und die wenigen, die es nicht erwischt, ums Überleben kämpfen. Mir ging es auch so. Ich erinnere mich von meiner ersten Lektüre vor gut 15 Jahren zwar noch, dass es einiges an Vorgeplänkel im noch nicht pandemischen England gibt, aber dass es sich über mehrere hundert Seiten zieht, das hatte ich vergessen. Der erste Roman ist also vor allem ein Gesellschafts- und Beziehungsroman. Die Familie Verney ist seit dem Tod des Vaters gesellschaftlich abgestürzt. Jener war früher ein enger Vertrauter des Königs. Man schlägt sich gerade so durch, der Protagonist verübt kleinere Verbrechen und stößt dadurch mit dem Nachkommen des früheren Königs, Adrian zusammen, und die beiden freunden sich an. Es folgt nun einiges Hin und Her. Ein entfernter Freund der Familie, Raymond, hat sich im Krieg um die griechische Unabhängigkeit ausgezeichnet, möchte nun Lordprotector und vielleicht auch selbst König werden, doch dafür müsste er eine andere Frau heiraten, als die, in die er sich verliebt hat. Aber die Monarchie stürzt sowieso und Raymond bringt es tatsächlich zum Lordprotector. Verney verliebt sich derweil in die Schwester Adrians. Doch in den Beziehungen kriselt es, und Raymond zieht zurück in den Krieg, die anderen folgen ihm, und nach längerer Belagerung wird plötzlich das verwaiste Konstantinopel ohne größere Widerstände erobert. Hier nun kommen die Truppen zum ersten Mal mit der Pest in Berührung. Doch so richtig dystopisch wird es noch nicht, in England stehen zuerst weitere politische Ränkespiele an, wobei Raymond sein Amt, für das er sich nicht mehr gemacht fühlt, je näher die Pest drückt, niederlegt. Adrian steigt zum Lordprotector auf. Doch obwohl er, wie zuvor Raymond, große Träume und Ziele hatte, aufklärerische Visionen eines stärkeren und sozialeren Englands, kann er das Elend bald nur noch verwalten. Anfangs zeigt die Insel, die noch wenig betroffen ist, große Solidarität mit europäischen Flüchtlingen, bald aber zerfällt das Land, Amerikaner fallen plündernd in Irland ein, verbinden sich mit dem Iren und ziehen durch Schottland und England, doch werden selbst weiter durch die Pest dezimiert, während am Ende auch in England nur noch ein paar hundert Menschen zu leben scheinen. Die schließen sich unter Adrians Führung zusammen, um ein „neues Paradies“ zu suchen und setzen dafür über nach Europa und über Frankreich und die Schweiz Richtung Italien. Dabei möchte ich nicht sagen, dass der Gesellschaftsroman nicht lesenswert ist. Er ist sicherlich nicht auf dem Niveau einer George Elliot oder Jane Austen, aber durchaus interessant. Wenn man allerdings eine Dystopie erwartet, wartet man eine ganze Zeit lang.

Man kann „The Last Man“ gewissermaßen als Gegenstück zu „Frankenstein“ lesen. Beschäftigte sich jener Text mit in der Art und Weise, wie Menschgemachtes gegen den Menschen zurückschlägt, so ist es in „The last Man“ die Natur selbst, die menschlicher Hybris zum Trotz eben doch nicht unter Kontrolle zu bekommen ist. Romantische Ideale, die im englischen Sinne viel enger mit aufklärerischen Idealen verwandt sind als in der antiaufklärerischen deutschen Romantik, die Idee einer besseren Gesellschaft, scheitern an einer Naturgewalt. Es gibt Stellen, die sich so verstehen lassen, dass die Wissenschaft im Gegensatz zu „Frankenstein“, wo es ihre hastige Überschreitung aller Grenzen ist, die sich rächt, hier für ihre Langsamkeit und vielleicht fehlende Pragmatik kritisiert wird. Dafür steht, so zumindest die englischsprachige Wikipedia, besonders der Astronom Merrival, der als Urbild einer zwar interessanten vergeistigten Wissenschaft aber absolut unfähig ist, Antworten auf die Probleme seiner Zeit zu liefern. Allerdings sollte man diese Lesart nicht überstrapazieren. Einerseits ist die Pest so naturwüchsig, wie man im ersten Moment denken mag, nicht. Es ist ein Krieg, der ihre Bedingungen schafft, und es sind die Menschen und ihre Fehler, die sie über Europa und die Welt tragen. Und andererseits kommt die entscheidende Wissenschaft, die Medizin, hier praktisch nicht vor. Weder Hygienemaßnahmen noch andere Ideen, wie man der Pest begegnen könnte, werden ernsthaft diskutiert. So funktioniert „The last Man“ dann als Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und Natur im Gegensatz zu „Frankenstein“ auch nur mit starken Abstrichen. Sicher ganz zu Recht führt der Roman romantischen Träumen die Hybris vor Augen, die in vielen dieser Träumereien steckt. Aber gleichzeitig denkt man sich auch oft: Hättet ihr mal irgendetwas versucht, um die Pest einzudämmen, müssten Ideal und Realität so weit vielleicht gar nicht auseinander klaffen.

Versteht mich nicht falsch. Ich halte die Menschheit bezüglich einer Pandemie für jeglicher Dummheit für fähig. Keine Masken tragen, Impfungen verweigern, krank zur Arbeit gehen, den Tod von bis zu 1000 Menschen pro Woche als wiedergewonnene Freiheit feiern, wir erleben gerade das gesamte Spektrum der Möglichkeiten, wie eine Gesellschaft mit großer Freude in die Selbstzerstörung marschieren kann.
Aber „The last Man“ diskutiert solche Dummheiten nicht. Obwohl schon im Mittelalter bekannt war, dass Quarantäne-Maßnahmen die Pest zumindest eindämmen können, wird so etwas nicht einmal vorgeschlagen. Dass der Lord-Protector Adrian also die Theater offen hält, um den Menschen wenigstens etwas Trost in dieser schweren Zeit zu schenken, wird nicht als Dummheit gegen in den Wind geschlagene vernünftige Maßnahmen dargestellt (oder wie Querdenker und Regierungsparteien gemeinsam behaupten würden, als Bekenntnis zur „Freiheit“), sondern ist einfach so. Der Roman schafft uns keinen Referenzrahmen, um die Handlungen zu bewerten. Das gilt auch noch für die absurdeste Handlung, den Zug nach Süden, und das neue Paradies zu suchen. Über die Pest, im Roman wie außerhalb, ist bekannt, dass sie anders als heute beispielsweise Corona oder die Influenza in den kalten Jahreszeiten abflaut und im Sommer virulenter um sich greift. Also warum zur Hölle nochmal zieht die ganze Truppe in eine Region, wo die Sommer länger und die Winter milder sind? Warum nicht nach Norwegen oder Schweden? Oder auch einfach ins nördliche Schottland? Und müssten dort nicht sowieso viel mehr Menschen überlebt haben? Ebenso in den Vereinigten Staaten und Kanada, wo es doch massig hochgelegene und nördlich-kühlere Regionen gibt. Sollen wir wirklich glauben, dass die Einwohner dieser Staaten die unglaublich lange und gefährliche Seereise nach Irland auf sich nehmen, statt innerhalb dieses gigantischen Landes zu migrieren?

Bleibt noch die Frage, ob sich die Zweigeteiltheit des Romans (Gesellschafts- und Dystopieteil) ästhetisch rechtfertigen lässt. Von der Idee her könnte ich es mir ähnlich vorstellen, wie im Fall von „Die Straßen von gestern“ von Silvia Tennenbaum. Dass gerade die Tatsache, dass zuerst ein ganz normales, sich langsam entfaltendes Leben vorgestellt wird, mit seinen eigenen Problemen und Kämpfen, die dann mehr oder weniger obsolet werden, während einige Echos der alltäglichen Kämpfe noch in den Überlebenskampf hinein strahlen, den zweiten Teil deutlich berührender machen. Allerdings funktioniert das hier nicht so richtig. Dafür ist der Gesellschaftsroman vielleicht doch ein wenig zu generisch geraten, und zu lang im Vergleich zu dem, worauf der Roman dann schließlich zuläuft.

„The last Man“ ist sicher kein zweiter Jahrhundertroman, wie es sich von „Frankenstein“ ohne Zweifel sagen lässt. Es ist dennoch ein Text, den man ohne Reue lesen kann, der zum Denken anregt, und der durchaus auch immer wieder berührende und auch erzählerisch stark gestaltete Momente bietet, wie hier etwa die Begegnung mit dem „Black Spectre“, der die versprengte Gruppe zu jagen scheint, und die sich so unerwartet menschlich auflöst:

“At another time we were haunted for several days by an apparition, to which our people gave the appellation of the Black Spectre. We never saw it except at evening, when his coal black steed, his mourning dress, and plume of black feathers, had a majestic and awe-striking appearance; his face, one said, who had seen it for a moment, was ashy pale; he had lingered far behind the rest of his troop, and suddenly at a turn in the road, saw the Black Spectre coming towards him; he hid himself in fear, and the horse and his rider slowly past, while the moonbeams fell on the face of the latter, displaying its unearthly hue. Sometimes at dead of night, as we watched the sick, we heard one galloping through the town; it was the Black Spectre come in token of inevitable death. He grew giant tall to vulgar eyes; an icy atmosphere, they said, surrounded him; when he was heard, all animals shuddered, and the dying knew that their last hour was come. It was Death himself, they declared, come visibly to seize on subject earth, and quell at once our decreasing numbers, sole rebels to his law. One day at noon, we saw a dark mass on the road before us, and, coming up, beheld the Black Spectre fallen from his horse, lying in the agonies of disease upon the ground. He did not survive many hours; and his last words disclosed the secret of his mysterious conduct. He was a French noble of distinction, who, from the effects of plague, had been left alone in his district; during many months, he had wandered from town to town, from province to province, seeking some survivor for a companion, and abhorring the loneliness to which he was condemned. When he discovered our troop, fear of contagion conquered his love of society. He dared not join us, yet he could not resolve to lose sight of us, sole human beings who besides himself existed in wide and fertile France; so he accompanied us in the spectral guise I have described, till pestilence gathered him to a larger congregation, even that of Dead Mankind.”

Achja. Der Text spielt in der Fernen Zukunft (kurz vor und bis 2100) und kommt dem Erzähler im 19. Jahrhundert durch die Überreste einer griechischen Orakelhöhle zu. Ich hätte das früher erwähnt, aber es ist irrelevant. Alle Umstände verorten den Text deutlich im frühen 19. Jahrhundert. Die „Zukunft“ hat zu keinen sozialen oder technologischen Fortschritten geführt.

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Das Fandom als Halt? „Idol in Flammen“ von Rin Usami.

„Idol in Flammen“ von Rin Usami ist eine interessante kurze Erzählung von knapp 100 Seiten über eine junge Frau, die Fan eines japanischen sogenannten „Idol“ ist. Was das genau bedeutet ist nicht ganz einfach festzumachen. Dem Roman nach handelt es sich um das Mitglied einer gemischten jungen Musikgruppe, die aber nicht als Musiker gelten, weil sie auch noch allerlei andere Dinge machen, Teilnahme an Talkshows, Schauspiel in Film und Theater und so weiter und so fort. Die Mitglieder werden wohl sehr explizit durch Talent-Agenturen herangezogen. Ich habe versucht, etwas mehr zu Hintergründen zu recherchieren, und sowohl Wikipedia in Englisch als auch in Deutsch beschränken die japanische Idolkultur fast ausschließlich auf Frauen, die entweder in entsprechenden Musikgruppen aktiv sind oder ähnlich wie Models für ihre Schönheit verehrt werden. Während das, was im Roman beschrieben wird, mehr mit dem zu tun zu haben scheint, was auf Wikipedia unter „Idol – koreanisch“ zu finden ist. Möglicherweise hinkt Wiki aber einfach mal wieder der historischen Entwicklung hinterher. So oder so, was im Buch beschrieben ist, lässt sich durchaus zu 95% auf westliche Fans beispielsweise von Boygroups in den 90er/00er-Jahren übertragen, die ja auch oft nicht nur sangen, sondern die Mitglieder als Marke auf allerlei Weisen vermarkteten. Der interessanteste Unterschied dürfte die Ritualisierung sein: Die Idole werden als solche vermarktet, „Idol“ ist ein stehender Begriff und jeder Fan hat genau ein Idol zu haben. In regelmäßigen Abstimmungen werden Idole gegeneinander gestellt, sodass die Gruppe noch mehr Merch und CDs verkauft, denn Stimmkarten bekommt man mit den CDs. Und während zumindest zu Beginn der US/EU-Boygroupwelle geheim gehalten wurde, dass diese Gruppen zusammengecastet waren, scheint das bei den Idolen zum Prozess dazuzugehören. Wobei ich natürlich nicht ausschließen möchte, dass der Roman wiederum das Idolwesen noch überspitzt.

Genug des Exkurses. „Idol in Flammen“ beginnt mit der Nachricht, dass Idol Masaki einen Fan geschlagen haben soll. Das erschüttert wiederum die Protagonistin, und der Roman folgt ihrem Umgang mit dieser Sache. Denn sie will unbedingt zu ihrem Idol halten. Ob es diesen Schlag wirklich gab, und welche Gründe es dafür gab, steht dann gar nicht wirklich im Mittelpunkt und wird niemals aufgelöst. Stattdessen geht es um das Leben der Protagonistin, die eigentlich auch noch andere Probleme hat als ihr Idol. Sie ist schlecht in der Schule, schafft den Abschluss nicht, die Großmutter stirbt und die Eltern machen Druck, dass sie endlich etwas aus ihrem Leben machen soll. Außerdem scheint sie an irgendeiner Art von psychischer Problematik zu leiden, denn an mindestens einer Stelle verteidigt sie sich, indem sie Ihren Arzt zitiert. Der habe gesagt, dass sie eben nicht in der gleichen Art, Weise und Umfang wie andere Menschen Aufgaben bewältigen könne. Ihr Fandom scheint gewissermaßen auch ein Coping-Mechanismus zu sein, etwas, auf das sie sich nicht nur mit Begeisterung stürzen sondern auch in einer Weise konzentrieren kann, wie andere auf die Schule oder ihre Arbeit. Dennoch scheint zum Schluss hin ein gewisser Ablösungsmechanismus stattzufinden, obwohl auch hier absolut unklar bleibt, wohin der führen wird, in ein Leben abseits der Idol-Band oder ins Nichts.

Der Text ist gut gearbeitet und hat tatsächlich keine der Kinderkrankheiten, die man von einer erst 21-jährigen Autorin erwarten könnte. Es wird sich auf das Thema beschränkt, die Hauptfigur und ihre Hauptbezugspersonen werden klar umrissen, und eine Handlung entwickelt, die diese Figuren glaubhaft werden lässt. Es gibt einige wenige poetische Momente, ansonsten liest sich das Ganze wie ein spannendes Tagebuch. Zwar wahrscheinlich keiner dieser Texte, die man mehrfach in die Hand nehmen will, es sei denn, man hat vielleicht eine ähnliche Fangeschichte durchlaufen. Aber durchaus sein literarisch gelungener Einblick in die Psyche eines Fans, der dabei weder herablassend noch voyeuristisch ist.

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