Mit Absicht sperrig. Sültzrather von Josef Oberhollenzer. Buchpreisprognosen VIII

Formal scheint Josef Oberhollenzer mit Sültzrather an Techniken anzuknüpfen, die unter anderem W.G. Sebald und besonders Thomas Bernhard perfektioniert haben (sicher nicht zufällig wird Bernhard am Anfang des Buches als Bruder im Geiste Sültzrathers, als Schuhliebhaber, aufgerufen). Hier wird nicht einfach geschrieben über den Zimmermann Sülzrather, der nach einem Unfall zum Schriftsteller wird, dann aber wieder beginnt, sein Werk zu vernichten. Sondern es erzählt einer (bzw. immer wieder andere?) darüber, was wiederum andere über Sülzrather erzählen. Und gar, was andere darüber erzählen, was andere über Sülzrather erzählen. Den Bernhardschen Flow aber erreicht Oberhollenzer dabei nie. Sicher ist das beabsichtigt: Diese Biografie soll zerhackt sein wie das Leben und Schreiben und die Zerstörung des Schreibens des Vitus Sültzrathers (der verbrennt ja sein Werk nicht etwa, sondern schabt Seite für Seite das Geschriebene ab!) Das allerdings macht den Roman trotz seiner nur 160 Seiten zu einer extrem sperrigen Lektüre. Hinzu kommen konstante absatzlose Kleinschreibung, abgesehen von der Großschreibung von Namen und sehr irritierend: Standartorthographie innerhalb von wörtlicher Rede.

Feststeht: Dieses Buch soll stolpern machen. Feststeht auch: Der Autor verfolgt kompromisslos eine genau abgesteckte literarische Vorstellung. Mir scheint aber, hier wurde kompromisslos ein Werk auf beinah unlesbar getrimmt. Aber das ist mir ganz ehrlich immer noch lieber als diese halbseidenen Gefall-Texte, die zeitgenössische Alltags- und Aufregerthemen in ein standardisiertes konsumierbares Gewand kleiden. Sültzrather wird wohl nur Freunde und Feinde kennen…

Extra anstrengend sind in der E-Book-Ausgabe, die der Besprechung zu Grunde liegt, die Fußnoten. Schwer durchschaubar generell, warum nicht nur fiktive Quellen, sondern auch Teile der Geschichte in Fußnoten ausgelagert werden: Warum kann man manches, das dem Haupttext doch offenkundig gleichrangig ist, nicht im Haupttext erzählen? Vor allem aber: Ich hoffe, im gedruckten Text stehen die Fußnoten wenigsten direkt unterm Text, im E-text nämlich handelt es sich um Kapitel-Endnoten. Da muss man ständig springen, und Kindle macht das nicht immer ganz leicht. Ich empfehle in jedem Fall Sültzrather traditionell auf Papier zu lesen. Da kann man dann wenigstens mit Post-eds arbeiten.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Hochambitioniert: Dunkle Zahlen von Matthias Senkel. Buchpreisprognosen VII.

Wie ich bereits in den Prognosen zum Preis der Leipziger Buchmesse schrieb, ist Dunkle Zahlen von Matthias Senkel ein hochambitioniertes Projekt. Nach der Rahmenhandlung handelt es sich im Hauptteil um eine durch ein dafür geschaffenes Computerprogramm erstellte Geschichte. Der Rahmen einer futuristischen Welt, in der ein Khagan eine Siedlung der „neuen Moskauer Rus“ besucht, und die Welt einerseits ziemlich zerfallen, andererseits von Resten hoher Technologie durchsetzt wirkt, ist allerdings tatsächlich fast noch einen Ticken interessanter als die Haupthandlung. Schade, dass sie tatsächlich nur als Anstoß zur „eigentlichen“ Geschichte dient. Immerhin, Die Entstehung eines Vorgängermodells der Geschichtenmaschine GLM wird in der Haupthandlung angerissen.

Das Buch in groben Zügen

Und so oder so, auch die anderen Handlungssträngee bleiben interessant:

Da ist unter anderem der junge Leonid, der 1948 gerade von einer Kur heim kommt, nach Moskau reist, sich für Rechenmaschinen begeistert und sehnsüchtig die Rückkehr des Vaters wünscht. Einem sprechenden Hecht, den allerdings nur Leonid sprechen hört, vertraut er den Wunsch an, doch die Erfüllung geschieht im schlechtesten denkbaren Augenblick: Vier Jahre später, als Leonid gerade gen Universität abreist. Leonid wird zum hoffnungsvollen Studenten und Informatiker, ein schwerer Unfall lässt ihn aber zwischenzeitlich der Dichtung verfallen.

Da ist die Spartakiade, ein Informatikwettkampf, von 1985. Unter mysteriösen Umständen geht im Vorfeld das kubanische Team verloren, und die einzige Sportlerin, die nicht mit dem Team angereist ist, beginnt zu ermitteln.

Da ist Ingenieur Dimitri, der den Plan einer bewegliche Stadt entwickelt, und für seine zu großen Visionen in die Provinz verbannt wird, wo er das Projekt GLM rekonstruiert.

Und da ist der Dichter Teterevkin, der im 19. Jahrhundert im Exil Charles Babbage und Ada Lovelace kennenlernt, und mit den Plänen zur „Analytical Engine“ auch den Plan eines maschinengeschriebenen Weltpoems zurück nach Russland bringt. Er ist sozusagen der Vater von GLM (Golem).

Daneben gibt es weitere Stränge, die eher selten aufgesucht werden und vielleicht sogar hätten gestrichen werden können: Vielstimmigkeit wird in Dunkle Zahlen manchmal all zu sehr Selbstzweck, die Hauptstränge aber immerhin werden sauber verschränkt. Leonid etwa wird später russischer Nationaltrainer für die Spartakiade, GLM spielt in allen Handlungen eine Nebenrolle. Sprachlich ist der Roman über weite Strecken sehr gelungen. Der Schreibstil ist kühl und faktenzentriert genug, um die Maschinenfiktion aufrechtzuerhalten, erlaubt sich aber auch an passenden Stellen poetische Momente. Großartig, dass sich hier ein Erzähler mal wieder traut, ohne erhobenen Zeigefinger aus der Lebenswelt der (parallelweltlichen, chaotisch überdrehten) Sowjetunion zu erzählen. Senkels Charakteren ist kein Westeuropäer des 21. Jahrtausends beigemischt, der dem Leser erlaubt, guten Gewissens auf die Schilderungen herabzusehen. Seine Sowjetbürger sind im System großgeworden und denken, selbst wo sie es kritisieren, unwillkürlich in dessen Rahmen und dürfen dabei gut und heroisch sein, dumm, niederträchtig, durchschnittlich, sprechende Fische, Hexen, Visionäre, Pragmatiker – ganz normale Menschen also. Es ist kein Zufall, dass manche Kritik im Falle Senkels an Bulgakow denkt. Im Vergleich mit dem allerdings ist Dunkle Zahlen dann doch eher eine Emulation mit einigen Mängeln. Besonders, wo Senkel Meister und Margarita direkt zitiert (die Hexenverwandlung Mireyas).

Kritisch durch Erzählung, nicht durch Predigt

All das heißt übrigens nicht, dass Dunkle Zahlen die Sowjetunion abfeiern würde. Im Gegenteil: Fast alle Protagonisten bekommen auf die ein oder andere Weise Macht und Willkür des Systems zu spüren. Die Verbannung, dieser fast ewige russische Topos, ist prominentes Thema in Dunkle Zahlen. Was fehlt ist (zum Glück!) Die Erklärbären-Perspektive, die dem Leser das Denken abnimmt. Vorhanden dagegen sind zahlreiche Spitzen gegen die Gegenwart: Die Automatische Antisubventionseinheit etwa, die EDV-gestützte Suche nach subversiver Rede, verwirklichen heute westliche Unternehmen und China, nicht die gestürzte UDSSR…

Dunkle Zahlen ist ein mit großem Anspruch angetretener Roman, der zwar einige Längen aufweist, beim Deutschen Buchpreis allerdings bessere Chancen haben sollte als in Leipzig. Denn während Leipzig regelmäßig eher gediegene Kandidaten auswählt, hat der Buchpreis schon mehrfach das Spektakuläre belohnt. Und Dunkle Zahlen von Mathias Senkel ist Spektakel mit Substanz. Allerdings, das dürfte manchen Lesern sauer Aufstoßen: Ohne Auflösung des zentralen Rätsels des Mireya-Plots…

Bild: Pixabay, gemeinfrei.

Weitere Besprechungen:

Missmesmerized

Zeilensprünge

Thedailyfrown (Lesetagebuch)

Im Stil von Hier ist noch alles möglich Buchpreisprognosen VI

Hier ist alles noch möglich ist so eine Art neo-existenzialistisches Buch.
Auch wenn ich nicht weiß, ob es das weiß.
Es enthält viele Hauptsätze.
Manche Sätze sind länger, und werden mit einem „und“ verbunden und das ist wohl, damit es nicht langweilig wird.
Hier sind Beispiele von Sätzen:

„Hinter dem Zaun wachsen die gleichen Pflanzen wie vor dem Zaun.
Vor dem Zaun ist das Gras genauso hoch wie hinter dem Zaun.
Der Zaun scheint das Gras nicht zu stören. Auf keine mir ersichtliche Weise.
In circa fünfzig Metern Entfernung vom Zaun ist der Zaun noch als Zaun zu erkennen.
Der Zaun hat drei Löcher.
Wie lange es die Löcher schon gibt, ist nicht zu bestimmen.“

Hier ist alles noch möglich ist von Gianna Molinari. Wer ist Molinari? Sie ist eine junge Schriftstellerin aus der Schweiz. Natürlich hat Molinari in Biel studiert. Sie hat schon einige Preise gewonnen.

In Hier ist alles noch möglich geht es um eine Fabrik. Die Erzählerin ist Nachtwächterin in der Fabrik. Die Fabrik soll bald geschlossen werden und außerdem wurde ein Wolf gesichtet. Der Wolf ist die Bedrohung, zu der jeder eine Meinung hat und keiner hat ihn je wirklich gesehen. Und weil „Hier ist alles noch möglich“ ein philosophisches Buch ist, enthält es viele Sentenzen. Sentenzen sind Sätze, die tiefer klingen sollen als normale Sätze. Das Buch enthält viele Hauptsätze und Sentenzen. Es enthält also Hauptsentenzen.
Zum Beispiel:

„Ich habe mich an das Leben in einem Rechteck gewöhnt.Wenn einer mir sagen würde, dass die Welt ein Rechteck sei, dann würde ich das gerne glauben. Aber ich denke eher, dass die Welt die Welt und mein Rechteck mein Rechteck ist.“

Oder:

„Es gefällt mir hier. Das ist ein guter Ort. Hier ist alles noch möglich.
„Sogar Wölfe“, sagt Clemens.
„Sogar die.“

Irgendwann erfährt die Erzählerin von einem Mann, der vom Himmel gefallen ist. Wahrscheinlich war das ein Flüchtling. Das Thema verdrängt für einige Zeit das Wolfsthema. Das ist gut, denn der Wolf war langweilig. Das ist schlecht, denn so etwas reales wie Flucht und Tod im 21. Jahrhundert eignet sich nicht für Sentenzensprech.
Manchmal enthält das Buch kleine Witze, wie:

„In der Bibliothek suchte ich nach bestellten Büchern und trug sie zusammen. In der Fabrik suche ich nach einem Wolf.“

Das passt nicht zum neo-existenzialistischen Ernst.

Die Sprache klingt, wie Arundhati Roy Rahel reden lässt, wenn sie gleichzeitig keck und kindlich wirken soll und hochtrabende Pläne macht. Rahel ist ein Kind. Die Erzählerin ist eine erwachsene Frau. Müssen erwachsene Frauen so reden?
Dass ich von Thema zu Thema springen ist Absicht. Hier ist alles noch möglich tut das auch.

Das Buch enthält auch viele Fragen. Warum enthält das Buch viele Fragen? Sollen die Fragen aufrütteln? Weil Sentenzen nicht tief genug wirken? Warum sind eigentlich kleine Zeichnungen in dem Buch? Warum diese beiden Fotoblöcke?

Hier ist alles noch möglich ist ein Buch, in dem alles langweilig sein kann.

Sogar Wölfe, sagt Clemens.
Sogar die.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Unerwartet stark: Bungalow von Helene Hegemann

Axolotl Roadkill mochte ich nicht. Nicht wegen dieser Plagiatsgeschichte. Man kann ja auch hervorragende Kunst zusammenplagiieren (auch wenn man es nicht sollte). Aber Axolotl Roadkill war eines dieser chaotischen Bücher, bei der Pose und Effekthascherei das Fehlen von Struktur kaschieren sollten und der Literaturbetrieb war regelrecht geil darauf, ein 16 jähriges „Wunderkind“ zu Hypen, als wirklich überall die Substanz noch fehlte. Eigentlich mochte ich die Art des Umgangs mit Axolotl Roadkill noch viel weniger als das Buch. Jage zwei Tiger habe ich dann nicht gelesen, warum auch. Es wird so viel geschrieben.

Für die Buchpreisprognosen aber jetzt Bungalow. Und das ist gar nicht mal so schlecht. Nein: eigentlich sogar ziemlich gut. Eine Art Coming-of-Age-Geschichte, eingebettet in eine kaputte unbestimmte Großstadtwelt, die aber in eigentlich allen Problemstellungen eindeutig unsere ist. Nur ohne genaue Verortung. Sprachlich hart, in einem teils kalten, teils von heißer Wut durchzuckten Rhythmus. Vielleicht noch immer mit etwas zu viel Lust am Effekt und am dick aufgetragenen Unterschichts-/Prekariatsgrusel, meist aber gelungen. Gelungen: Das heißt hier auch: Der wiederum turbulenten Erzählung zum Trotz durchorganisiert. Es erzählt die Protagonistin Charlie, wohl aber als erwachsene Frau zurückblickend auf ihr Leben, was zur Erzählung eine gewisse Distanz ermöglicht und einige altkluge Einschübe halbwegs erklärt sowie einige andere Passagen, in denen es um Nebencharaktere geht, beinah auktorial wirken lässt. Zwischen Handlung und Erzählen liegt ein großer Krieg, der sich gegen Ende des Buches ankündigt.

Die besonders gebildet wirken sollenden Einschübe vertragen sich übrigens nicht so wirklich mit dem restlichen Ton der Erzählung:

„In seinem jetzigen Zustand konnte er ihren von William James bereits im letzten Jahrhundert als solchen bezeichneten komfortablen medizinischen Materialismus, der alles, was heilig war, mit Narzissmus oder falscher Ernährung oder Nahrungsmittelintoleranzen neutralisierte, noch Weniger ertragen als sonst.“

Ein wenig beißt sich auch die gewollt kindlich sprunghafte Weise, die Vergangenheit erzählerisch zu organisieren, mit der Tatsache, dass eben offenkundig kein Kind erzählt.

Und manchmal wirkt die Edgyness ein bisserl dick aufgetragen. Das scheint auch die Autorin zu merken, weil der Text sich dann gleich wieder distanziert:

„Die Straßenecke, an der seine Geliebte lebte, war die gekillteste. Man könnte auch sagen, die toteste, aber das stimmt nicht ganz. Sie war gekillt, auf Englisch.“

Aber die Stilbrüche sind eher selten. Alles in allem ein Text, der durchaus zu Recht auf der Longlist steht. Auf die Shortlist sollte er angesichts der diesjährigen Konkurrenz allerdings nicht gelangen. Im vergangenen Jahr hätte Bungalow aber zum Beispiel auch dort noch zurecht gestanden.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

 

Ein schönes Paar von Gert Loschütz – Buchpreisprognosen IV

Ein schönes Paar von Gert Loschütz beginnt mit einer hochpräzisen Konstruktion: Ausgehend von einer unverbunden scheinenden Reflexion über ein Stereoskop und den späteren Fund einer alten Exakta Kamera (Baujahr ’57), springt der Erzähler zuerst in seine jüngere Vergangenheit, in der ihm der Tod kurz hintereinander plötzlich die getrennt lebenden Vater und Mutter nimmt. Von dort zur Wohnungsauflösung, die die Kamera zu Tage fördert und von dort schließlich in die Kindheit in der DDR noch vor dem Mauerbau und zurück zum Kennenlernen der Eltern im frühen Nationalsozialismus. Alles ist mit Bedeutung aufgeladen, besonders Kamera und Stereoskop. Das Gerät ermöglicht es, zwei voneinander versetzt gemachte Aufnahmen in Stereo, also quasi dreidimensional, wahrzunehmen.

Und voneinander versetzt wird auch die Lebensgeschichte der Eltern aufgenommen: Einerseits durch die Trennung räumlich, andererseits dadurch, dass der Erzähler bald immer öfter nicht mehr vor allem aus eigener Anschauung berichten kann, sondern die Perspektiven dessen, was erzählt wird, was er sich zusammenreimen kann, abgleichen muss. Dennoch schreibt Lohschütz keinen aufdringlichen Skeptizismus-Roman, der das „Du kannst nie wissen, was wirklich ist“ in den Vordergrund stellt. Der gesamte Text ist sehr subtil gearbeitet.

Und dabei, besonders in der ersten Hälfte, als die Familie aus der DDR fliehen muss, auch noch hochspannend. Das ist ja nicht immer so bei auf den E-Markt zielender Literatur. Manchmal befürchtet man gar, eine gewisse Bräsigkeit wünsche der deutsche Markt, um die Elite von der niederen Unterhaltung abzusetzen. Nicht so hier. Der Text wartet mit ein paar Längen in der zweiten Hälfte auf, aber auch nicht all zu vielen. Könnte ein Geheimtipp für den Buchpreis sein, obwohl die Konkurrenz besonders mit Kampmann und Röckel stark ist.

Weitere Rezensionen:

Literaturreich

Leseschatz

Zeichen und Zeiten

Frau Lehmann liest

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Auch diesmal mit guten Chancen: Anja Kampmanns Wie hoch die Wasser steigen. Buchpreisprognosen III.

In meiner Lesproben-Prognose zum Preis der Leipziger Buchmesse äußerte ich im Fall von Anja Kampmanns Wie hoch die Wasser steigen die Sorge, dass mit dem Verlassen der unglaublich dicht geschilderten Welt der Ölbohrplattform und der Konzentration auf die Reise des Protagonisten Waclaw Wenzel, erst in die Heimat seines verunglückten Freundes Matyas und dann an die Orte der eigenen Vergangenheit, das Buch an kompositorische Strenge einbüßen könnte und schrieb:

„Stehen und fallen dürfte der Roman damit, ob es ihm gelingt, sich sprachlich für jede der neuen Situation, in die Waclaw verschlagen wird, neu zu schaffen (ob also dem so passenden Ölbohrduktus Äquivalente gegenüberstehen, oder ob hier einfach ein Stil durchgezogen wird) – OHNE DASS der Roman den Anspruch auf das geschlossene Ganze aufgibt.“

Diese Sorge ist unbegründet. Von Kapiteln zu Kapitel, von Ort zu Ort, am besten vielleicht: von Bild zu Bild – schafft es Kampmann, in gleicher Dichte neue Szenerien aufzubauen und einen Erzählstrang, der trotz gewaltiger Brüche nicht brüchig wird durch all diese Themen zu ziehen. Jede Szene hat ihren eigenen Ton: Marakesch ist staubig und verschwitzt, Budapest kühl, feucht und wie versteinert, das südlich Ungarn trocken und grasig und von verdrängter Trauer um Matyas durchtränkt. Das gelingt Kampmann, indem sie einerseits streng auf den Hauptcharakter Wenzel fokusiert erzählt, andererseits als Erzählerin immer ein Stückchen über diesen hinaus geht. So ist die Sprache dann nicht die Sprache Wenzels, sondern die seiner Situationen, und weitere Analysen dürften zeigen, dass sich je nach Örtlichkeit die Art, wie Beschreibungen und Dialoge aufgebaut sind, Satzmelodie und vielleicht sogar Satzbau, anpassen. Zudem ist die Ölplattform, von der alles so gewaltig-ozeanisch ausströmte, nie ganz vergessen. In Rückblenden und Erinnerungen wird tatsächlich auch dieser faszinierende gewaltvolle Mikrokosmos weiter untersucht und es blitzen Fragmente der ganz unterschiedlichen Schicksale auf, die dort zusammenprallen.

Wie hoch die Wasser steigen bleibt genauso stark, wie der Auftakt vermuten lässt. Damit sollte Kampmann auch eine der Favoritinnen auf den Buchpreis sein.

Hier gibt es weitere Besprechungen des Buches:

Das Graue Sofa

Letteratura

Literatur Leuchtet

Die Letzten Kritischen Leser

Hinzugekommen:

Bücherwurmloch

Und bestimmt habe ich noch welche übersehen…

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Ein Werk, das den Buchpreis weit überstrahlt. Der Vogelgott – Buchpreisprognosen II

Wow, was für ein Roman. Ein Text wie aus einer anderen Zeit. Um nicht zu sagen einer anderen Welt. „Der Vogelgott“ von Susanne Röckel wirkt, wie geschrieben von einer Autorin, die es geschafft hat, den Standardisierungstendenzen des Literaturbetriebs und seiner Schreibschulen schlafwandlerisch auszuweichen, die nicht mal von der Mühe dieser Ausweichmanöver gezeichnet ist. Wirkt wie geschrieben von einer, die das Brüchige fassen möchte und kann ohne das Erzählen selbst – und in dieser vordergründig bemühten Weisen, die heute so dominiert – zu zerbrechenn. Kafka wurde als Parallele schon einige Male herangezogen, ich möchte die lateinamerikanischen Schriftsteller der Vor- und Früh-Boomphase noch in den Ring werfen, besonders Cortazar. Dabei ist der Vogelgott alles andere als antiquiert: Modern, sicherlich. Aber eben nicht marktgängig-modernistisch.

Ein vierfach-einfaches Geheimnis

Man blicke nur einmal auf den Prolog: Wie dort die abgelegene Stadt in einem unbekannten Land zu einem zeitlos vertrauten und gleichzeitig fremden Ort geformt wird, wie die Suche nach dem geheimnisvollen großen Vogel metaphysisch überformt wird und die Feindseligkeit der Dorfbewohner unerklärlich und gleichsam natürlich erscheint: Das hat einiges vom Schloss, ohne ins Epigonenhafte abzugleiten. Und die Sprache dazu: Weit ausholen, schön, wo es darauf ankommt, aber immer von einer spürbaren Düsternis durchdrungen, auf deren syntaktisches Zu-Stande-Kommen schwer der Finger zu legen ist. Aber: durchaus sauberes Deutsch, keine gewaltsame Verbiegung des Sprechens zwecks Effekthascherei. Nur eben eine Sprache, die nicht in erster Linie vom pragmatischen Fakten über eine Welt vermitteln geleitet ist, worauf heute ja doch auch die Sprache noch der anspruchsvollsten Literatur, bei allem qualitativen Gewinn, den die schriftstellerische Professionalisierung in der Breite bringt, meist hernieder gesunken ist.

Wenn dann die Perspektive wechselt, nach dem Prolog zuerst in die Kindheit des Sohnes des ersten Protagonisten zurückgesprungen wird und später auch noch Schwester und Bruder und zu Wort kommen, sorgt man sich kurz: Wird es gelingen, die ursprüngliche Dichte zu halten?
Ja: Jeder Teil baut ein neues Mysterium auf, das sich symbolisch an die vorherigen anschließt, während durch die Perspektivwechsel die größere Geschichte auf verschiedene Weise erhellt, längst aber nicht aufgeklärt wird.

Der Vogel und Gott?

Der Verlust der Transzendenz, die Ahnung, dass ein mechanistisches Weltbild nicht genug sein könnte, nicht nur dem Einzelnen Menschen nicht, sondern auch der Klärung der Weltzusammenhänge nicht, dass ein „Mehr“ sich aber auch nicht erzwingen lässt (es gibt keinen Weg aus Vernunft zurück zum Glauben), das Leid an der Entzauberung der Welt, vielleicht auch die Rückkehr der Magie, vielleicht aber auch ganz profaner Wahnsinn – das sind die Themenkomplexe, um die die Geschichte kreist und auf die das jeweilige Mysterium stoßen soll.
Der Mythos vom Vogelgott, erzählt als Glauben eines kaum bekannten, einst kolonisierten Volkes, dann als Kult einer lokalen, vom dreißigjährigen Krieg geplagten und womöglich Geier anbetenden deutschen christlichen Abspaltung, zuletzt als zeitgenössische Vision verschreckter Kinder sowie als Variation auf den Prometheus Mythos, steht dabei in sinnigem Spannungsverhältnis zum Christentum: Halb sein Anderes, halb Fleisch von dessen Fleische, die gleichen Bedürfnisse erfüllend aber doch dessen äußerer und innerer Feind. Zugleich ein archaischer, ist der Vogel dabei auch ein hochmoderner Gott: Woran, wenn nicht an diese so klug und edel wirkenden fliegenden Wesen soll der in die mitleidslosen Maschinerie des modernen Alltags geworfene Mensch seine Träume knüpfen? Das scheint nicht nur Röckel zu beschäftigen: Die Sprache der Vögel, Der letzte Huelsenbeck. Die allerjüngste Literaturgeschichte weist eine beachtliche Häufung kaputter Protagonisten auf, die sich intensiv mit Vögeln (großes V!) beschäftigen.

Was der Buchpreis dann doch leisten kann

Erzählt werden in drei Teilen die Geschehnisse auf einer Krankenstation in einem schwer zu lokalisieren Staat, wo Thedor Weyde, Sohn des Prolog-Erzählers, eine Art Freiwilligendienst leistet und einen Überfall durch eine Rebellengruppe auf die Krankenstation erlebt. Ein Mädchen verschwindet, und die Möglichkeit steht im Raum, dass der Überfall ein Gaukelbild der Erinnerung Thedors sei, der in das Verschwinden involviert sein könnte. Dann ist da die Forschungsarbeit der Schwester Dora, die glaubt unter einem Gemälde des fiktiven Malers Johannes Wolmuth ein anderes Werk des Malers entdeckt zu haben und die im Gesamtwerk des Malers immer mehr schwarze geflügelte Wesen entdeckt. Und zuletzt forscht der Bruder Lorenz dem Unfall eines Kindes nach, das ebensolche Wesen zeichnete und glaubt auf die Verschwörung eines Pharmakonzerns zustoßen, der womöglich zum Zwecke der Arzneimittel-Herstellung oder zu Testzwecken Kinder entführt. Das Ende führt in unerwarteter Weise die Familie zusammen, ohne dass das Vogelgott-Mysterium eine Aufklärung erfährt.

Man möchte dieser Autorin, der es gelungen ist seit 30 Jahren unter meinem Radar zu fliegen, von ganzem Herzen den Buchpreis wünschen. Andererseits: Braucht dieser Text Preise? Ein typischer Buchpreistitel ist das nicht, eigentlich nicht mal ein untypischer. Eher: Selbst ein Mysterium, eines dieser Bücher, das von Mund zu Mund weiterempfohlen wird. Ein Text für die Ewigkeit, an den Werbe- und Selbstversicherungsritualen des Literaturbetriebs eigentlich gar nicht zu messen. Warum es aber immer wieder sinnvoll sein kann, mit solchen jurygebundenen Preisen einzelne Titel aus dem Mahlstrom des Marktes herauszuheben, zeigt „Der Vogelgott“ eindrücklich: Susanne Röckel (Jahrgang ’53) veröffentlicht seit 1989 auch, aber nicht nur, in kleinen Verlagen. Und erst jetzt besteht die Chance, dass aus dieser einzigartigen Autorin mehr als nur ein besonders geheimer Geheimtipp werden könnte.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Bisher finde ich nur eine weitere Besprechung, bei Wortfiebern.

Buchpreisprognosen, I: Nachtleuchten von María Cecilia Barbetta.

Eigentlich hatte ich erwartet, ein Rezensionsexemplar des kompletten Buches zu bekommen. Da ich (womöglich ein technischer Fehler) leider vorerst mit der Leseprobe vorlieb nehmen muss, markiert diese Kurzbesprechung von Nachtleuchten den Auftakt neuerlicher Buchpreisprognosen. Soweit ich sie in die Finger bekomme und die Zeit finde, möchte ich mich diesmal an die kompletten Werke halten, aber wenn’s nicht klappt, klappt es eben nicht.

Die kurze Leseprobe von Nachtleuchten hebt an aus der Perspektive der jungen Theresa, die von der erneuten Schwangerschaft der Mutter überrascht wird und mit der Situation nicht sonderlich zufrieden ist. Theresa scheint die Welt mit kindlicher Klugheit zu betrachten und besonders gerne mit Worten zu spielen:

„(…)wollte Elvio Gianelli von seiner Tochter hören, ob sie die Neuigkeit erwartet habe und ob sie sich freue. Teresa antwortete mit Nein und Ja, während sie den Gimmick vom Cover ihres Magazins Anteojito zu lösen versuchte. »Aber nicht doch«, platzte sie heraus. Sie war weiß Gott unvorsichtig gewesen, das Papier war eingerissen, die Hälfte der Buchstaben auf der glänzenden Titelseite waren von der Bildfläche verschwunden, so dass es von nun an nur noch Ojito heißen würde: Achtung. Unfug, dachte Teresa verärgert.“

Spielerisch die Sprache handhabt auch Autorin María Cecilia Barbetta, die, soweit sich das anhand des kurzen Auszugs beurteilen lässt, je nach Situation die Register wechselt. So beschreibt sie etwa heroisierend-ironisch die ersten Szenen aus der katholischen Mädchenschule INSTITUTO SANTA ANA:

„Sie schritten würdevoll durch das Kirchenschiff. Sie schritten wie die Nereïden. Sie schritten wie die Begleiterinnen des Poseidon, wie die verspielten Bewohnerinnen der Höhlen in der Tiefe des Ozeans, sie schritten selbstvergessen wie die Beschützerinnen der Schiffbrüchigen, die edlen Töchter des Nereus und der Doris, Naturgottheiten, anmutige Nymphen, die auf Namen hörten, die wie Meeresrauschen klangen und an Schaum erinnerten, sie schritten wie Glauke, Eudora und Ligea, wie Eurydike, Klio und Xantho, wie Galateia, Kalypso, Thetis und Arethusa. Die Jungfrauen des SANTA ANA schritten, als erschlösse sich ihnen die Sprache der Delphine, Seesterne und Hippokampen.“

Dieses Buch könnte sich in jede nur denkbaren Richtung entwickeln, der Klappentext lässt einen wilden Taumel durch chaotische Zeiten erwarten. Ob das am Ende auch zu einem gelungenen geschlossenen Werk reicht? Das wird davon abhängen, ob es der Autorin gelingt, die doch sehr disparaten Komplexe, die sie anfangs anreißt tatsächlich miteinander zu integrieren. Der Beginn macht Hoffnung, aber 500 Seiten sind viel Zeit um zu stolpern.
Für die Shortlist dürfts sowieso knapp werden. Starkes Feld dieses Jahr!