Kurz, dicht, nicht immer ganz rund: Ghachar Ghochar von Vivek Shanbhag

„Es stimmt, was man sagt– nicht wir kontrollieren das Geld, sondern das Geld uns. Wenn es wenig Geld gibt, ist es ganz kleinlaut, doch je mehr davon da ist, desto dreister wird es und desto stärker packt es uns am Kragen.“

Dieses Zitat dürften sich die meisten Rezensionen von Ghachar Ghochar herausgegriffen haben. Es umreißt relativ gut, worum es in dem Roman des indischen Autors Vivek Shanbhag geht. Durch die Unternehmensgründung des Bruders des Familienvaters, Chikkappa, kommt die Familie relativ plötzlich zu Wohlstand und das ergibt ganz neue Probleme, mit denen sich die zuvor arme Familie herumzuschlagen hat. Vom unkontrollierten Kaufrausch der Mutter über eine unglückliche und bald geschiedene Eliten-Ehe der Schwester bis hin zum ziellosen Leben des Erzählers, der offiziell im familiären Betrieb arbeitet, aber dort nicht wirklich eine Rolle findet und sein Gehalt fürs Nichtstun bezieht. Und immer muss der Vater, stiller Teilhaber im Betrieb, bei Laune gehalten werden.

Der Roman beginnt relativ plastisch mit Beobachtungen des Erzählers in seinem Stammcafé, von wo aus erst einmal die Geschichte bis zum plötzlichen Erfolg reflektiert wird. Der Alltag des Vaters als Vertreter, der Kampf der Mutter gegen eine Ameisenplage. Dann der Umzug, der neue Reichtum, das all zu schnelle Vergessen der armen Nachbarn und die arrangierte Ehe des Erzählers, der in der Liebe notorisch erfolglos so zum ersten Mal mit einer Frau zusammen kommt. Die bringt auch den Begriff „Ghachar Ghochar“ in die Familie ein. Ein Fantasiewort ihrer Familie, dass man vielleicht mit „hoffnungslos verstrickt“ übersetzen könnte. Bald leben die beiden sich trotz anfänglicher Anziehung auseinander – das Nichtstun erscheint der angetrauten Anita als Bettelei.

Ghachar Ghochar wurde u.a. als großer indischer Familienroman beworben, und das lässt ein dickes Buch erwarten. Tatsächlich ist Ghachar Ghochar kaum länger als 100 Seiten. Das Ganze ist relativ dicht erzählt, was allerdings gänzlich fehlt ist ein atmosphärisches Drumherum. Vom Kaffeehaus über das alte zum neuen Haus bis hin zur Stadt: Eine Szenerie kann man sich als Leser allein aufgrund der Beschreibungen kaum vorstellen. Und auch die Dialoge sind nie wieder so plastisch wie auf den ersten Seiten. Eine ordentlicher Roman, interessant, schnell gelesen. Der angekündigte ganz große Wurf jedoch nicht. Das Ende allerdings ist wirklich geschickt gearbeitet…

Bild: Pixabay, gemeinfrei

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