In meiner Lesproben-Prognose zum Preis der Leipziger Buchmesse äußerte ich im Fall von Anja Kampmanns Wie hoch die Wasser steigen die Sorge, dass mit dem Verlassen der unglaublich dicht geschilderten Welt der Ölbohrplattform und der Konzentration auf die Reise des Protagonisten Waclaw Wenzel, erst in die Heimat seines verunglückten Freundes Matyas und dann an die Orte der eigenen Vergangenheit, das Buch an kompositorische Strenge einbüßen könnte und schrieb:

„Stehen und fallen dürfte der Roman damit, ob es ihm gelingt, sich sprachlich für jede der neuen Situation, in die Waclaw verschlagen wird, neu zu schaffen (ob also dem so passenden Ölbohrduktus Äquivalente gegenüberstehen, oder ob hier einfach ein Stil durchgezogen wird) – OHNE DASS der Roman den Anspruch auf das geschlossene Ganze aufgibt.“

Diese Sorge ist unbegründet. Von Kapiteln zu Kapitel, von Ort zu Ort, am besten vielleicht: von Bild zu Bild – schafft es Kampmann, in gleicher Dichte neue Szenerien aufzubauen und einen Erzählstrang, der trotz gewaltiger Brüche nicht brüchig wird durch all diese Themen zu ziehen. Jede Szene hat ihren eigenen Ton: Marakesch ist staubig und verschwitzt, Budapest kühl, feucht und wie versteinert, das südlich Ungarn trocken und grasig und von verdrängter Trauer um Matyas durchtränkt. Das gelingt Kampmann, indem sie einerseits streng auf den Hauptcharakter Wenzel fokusiert erzählt, andererseits als Erzählerin immer ein Stückchen über diesen hinaus geht. So ist die Sprache dann nicht die Sprache Wenzels, sondern die seiner Situationen, und weitere Analysen dürften zeigen, dass sich je nach Örtlichkeit die Art, wie Beschreibungen und Dialoge aufgebaut sind, Satzmelodie und vielleicht sogar Satzbau, anpassen. Zudem ist die Ölplattform, von der alles so gewaltig-ozeanisch ausströmte, nie ganz vergessen. In Rückblenden und Erinnerungen wird tatsächlich auch dieser faszinierende gewaltvolle Mikrokosmos weiter untersucht und es blitzen Fragmente der ganz unterschiedlichen Schicksale auf, die dort zusammenprallen.

Wie hoch die Wasser steigen bleibt genauso stark, wie der Auftakt vermuten lässt. Damit sollte Kampmann auch eine der Favoritinnen auf den Buchpreis sein.

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Und bestimmt habe ich noch welche übersehen…

Bild: Pixabay, gemeinfrei