Ein schönes Paar von Gert Loschütz beginnt mit einer hochpräzisen Konstruktion: Ausgehend von einer unverbunden scheinenden Reflexion über ein Stereoskop und den späteren Fund einer alten Exakta Kamera (Baujahr ’57), springt der Erzähler zuerst in seine jüngere Vergangenheit, in der ihm der Tod kurz hintereinander plötzlich die getrennt lebenden Vater und Mutter nimmt. Von dort zur Wohnungsauflösung, die die Kamera zu Tage fördert und von dort schließlich in die Kindheit in der DDR noch vor dem Mauerbau und zurück zum Kennenlernen der Eltern im frühen Nationalsozialismus. Alles ist mit Bedeutung aufgeladen, besonders Kamera und Stereoskop. Das Gerät ermöglicht es, zwei voneinander versetzt gemachte Aufnahmen in Stereo, also quasi dreidimensional, wahrzunehmen.

Und voneinander versetzt wird auch die Lebensgeschichte der Eltern aufgenommen: Einerseits durch die Trennung räumlich, andererseits dadurch, dass der Erzähler bald immer öfter nicht mehr vor allem aus eigener Anschauung berichten kann, sondern die Perspektiven dessen, was erzählt wird, was er sich zusammenreimen kann, abgleichen muss. Dennoch schreibt Lohschütz keinen aufdringlichen Skeptizismus-Roman, der das „Du kannst nie wissen, was wirklich ist“ in den Vordergrund stellt. Der gesamte Text ist sehr subtil gearbeitet.

Und dabei, besonders in der ersten Hälfte, als die Familie aus der DDR fliehen muss, auch noch hochspannend. Das ist ja nicht immer so bei auf den E-Markt zielender Literatur. Manchmal befürchtet man gar, eine gewisse Bräsigkeit wünsche der deutsche Markt, um die Elite von der niederen Unterhaltung abzusetzen. Nicht so hier. Der Text wartet mit ein paar Längen in der zweiten Hälfte auf, aber auch nicht all zu vielen. Könnte ein Geheimtipp für den Buchpreis sein, obwohl die Konkurrenz besonders mit Kampmann und Röckel stark ist.

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Bild: Pixabay, gemeinfrei