Affenpfoten, Drachen und ein interessantes Magiesystem. Benedikt Jackas London – 2.

„Das Ritual von London“, der zweite Teil von Benedict Jackas London Urban Fantasy Reihe, hält im Großen und Ganzen das Niveau des ersten. Wieder unterscheidet der Text sich von „Die Flüsse von London“ durch seinen sorgsamen Aufbau, die klar umrissenen Szenen, die wenigen, aber dafür plastischen Figuren und besonders natürlich die für einen Großstadtroman so wichtige und tatsächlich großstädtische Atmosphäre.

Der Roman eröffnet mit einer längeren Sequenz, in der Protagonist Alex gemeinsam mit einigen Magiern auf Einladung des Weißen Rates, den wir im vergangenen Roman kennengelernt haben, Jagd auf ein magisches Wesen macht, das anscheinend Menschen tötet. Eine spannende Sequenz, an deren Ende jedoch der Fund des magischen Wesens steht, das selbst getötet wurde, ohne dass klar ist, wie. Es scheint unverletzt. Hieraus entwickelt sich eine Geschichte über ein Ritual, das im Waffenstillstand zwischen Weißen Magiern und Schwarzen Magiern eigentlich verboten wurde, und das magischen Wesen die Energie entzieht, um bestehende Magier zu stärken oder sogar neue zu schaffen. Diese Geschichte entwickelt sich überzeugend und folgerichtig, mit einigen gelungenen Wendungen.

Parallel hat Verus mittlerweile Luna als Lehrling aufgenommen, aber irgendwie auch noch nicht so richtig. Das Verhältnis der beiden ist unklar. Die Freunde setzen sich nun mit einem jungen Mann auseinander, der aus dem Laden von Verus einen Gegenstand mitnimmt, der wie die berühmte Affenpfote mehrere Wünsche erfüllen kann, für gewöhnlich mit schrecklichen Ergebnissen. Der Gegenstand wird dann auch durchweg als Affenpfote bezeichnet. Diese Handlung, die sich um des jungen Mannes Verhältnis zu Luna dreht, um Lunas Schwierigkeiten, trotz des Fluches, der auf ihr lastet und allem, das in ihre Nähe kommt, Unglück bringt, persönliche Beziehungen einzugehen, wirkt zu Beginn wie eine klassische Nebenhandlung, wird dann aber letztlich gelungen in den Hauptstrang überführt.

„Das Ritual von London“ überzeugt weiterhin sowohl durch den sauber entwickelten Handlungsaufbau als auch durch die atmosphärische Gestaltung. Einerseits betrifft dies die Verortung der Geschichte in einer sich glaubhaft anfühlenden und immer wieder in Bildern vor Augen gestellten Stadt, etwa:

“Zwei Stunden später ging die Sonne unter. Es war eine dieser klaren, eiskalten Herbstnächte, in denen die Sterne hell leuchtend am Himmel standen und der Atem als Dampfwolken in die Luft stieg. Wir hockten am Straßenrand einer verlassenen Gasse, nur ein paar geparkte Autos standen herum. Im Süden befand sich die Themse, sehr viel breiter und dunkler, als sie in Deptford gewesen war, und über den Dächern gen Norden erklang das ferne Dröhnen eines Flugzeugs. Die Luft roch nach Fluss und kaltem Stein.”

Vor allem aber schmeißt Jacka seine fantastischen Handlungselemente nicht einfach nur hin, sondern gibt uns Zeit, die Welt mit dem Protagonisten zu entdecken. Obwohl selbst schon lange Magier, stolpert dieser immer wieder über Dinge, die ihn staunen machen und auch uns staunen lassen. Man beachte etwa, wie hier die Begegnung mit einem Drachen, der ob seiner schieren Größe schon wenig zu tun hat mit den Drachen, wie man sie sonst in Fantasy-Geschichten kennt, langsam wirklich aufgebaut wird:

“Der Ort war kilometerbreit, die Decke so hoch über mir, dass ich sie nicht einmal erkennen konnte. In der Mitte standen Felsformationen, und als ich weiterging, wurden sie größer und größer, es waren richtige Hügel. Eine ganze Bergkette ragte in der Mitte auf und zog sich um den Platz herum, auf dem ich stand. In ihrer Mitte ragten zerklüftete Gipfel auf, die zu beiden Seiten wieder abfielen und einen Halbmond formten. Zu meiner Linken liefen die Berge zu einer glatten Spitze aus, während sie zu meiner Rechten in einer massiven Felsformation endeten, die einem Tafelberg glich.
Der Tafelberg erhob sich.
Ich blieb stocksteif stehen. Der Tafelberg befand sich sehr hoch über dem Boden, gestützt von einer gigantischen Felssäule. Als ich jetzt zu ihm aufsah, schwang er sich in meine Richtung und legte die Entfernung zwischen uns mit träger Eleganz zurück. Dann ragte der Tafelberg über mir auf wie ein Wolkenkratzer.
Der Tafelberg öffnete die Augen.
Es war kein Tafelberg. Es war ein Kopf. Die Steinsäule war ein langer, schlangengleicher Hals. Und was ich für eine Bergkette gehalten hatte, war der Körper dieses Dings. Zwei gewaltige Augen, jedes von der Größe einer Burg, waren auf mich gerichtet. Sie sahen aus wie Rohdiamanten ohne Pupillen, soweit ich das erkennen konnte.”

Da ich mich in der Besprechung des ersten Romans auf anderes konzentriert habe, hier vielleicht noch ein paar Worte zu der Magie im Roman und warum das gut funktioniert. Jeder Magier hat nur eine Spezialfähigkeit – das kann Eismagie sein, oder Feuermagie, Luftmagie oder, wie der Protagonist Verus, Wahrsagen. Ein Magier mag dann zwar in einigen wenigen Bereichen unglaublich stark sein, etwa mit Angriffszaubern, oder weil er fliegen kann, ist in anderen Bereichen aber fast wehrlos. Manche magische Gegenstände können das vielleicht für eine Zeit kompensieren, aber insgesamt sind die Magier Spezialisten, die sich ergänzen müssen oder auf ihre gegenseitigen Schwächen lauern, um Vorteile zu erreichen. Besonders interessant natürlich das Wahrsagen, das dargestellt wird wie eine Art Wahrscheinlichkeitsrechnen mit unglaublich vielen Informationen. Verus gräbt sich durch verschiedene Zukünfte und versucht die Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen, mit der diese eintreten. Dabei wird immer wieder betont, dass gerade im Bereich menschlicher Entscheidungen es sehr schwierig ist, weit in die Zukunft zu sehen. Freier Wille und Zufall setzen dem Wahrsagen also natürliche Grenzen, während diese doch sehr eingeschränkt wirkende Fähigkeit auf der anderen Seite immer wieder plausible und unerwartete Vorteile liefert. Denn etwa in einem Kampf auch nur wenige Minuten, manchmal nur Sekunden, voraussehen zu können, was ein Gegner mit großer Wahrscheinlichkeit macht, macht es natürlich deutlich leichter zu „reagieren“. Ich war am Anfang relativ skeptisch, wie es gelingen soll, mit einem Wahrsager als Protagonisten eine spannende Geschichte zu erzählen, aber Jacka hat das wirklich gut gelöst und schafft es mit seinem Konzept von Magie immer wieder, die Interaktionen und Verhältnisse zwischen Figuren auf interessante Weise zu bereichern und Lesende unterhaltsam zum Nachdenken zu bringen.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

„Auf der Plaça del Diamant“ von Mercè Rodoreda

„Auf der Plaça del Diamant“ von Mercè Rodoreda war ein Wühltisch-Fund in einer dieser farbigen Suhrkamp-Ausgaben, durch die sich immer mal wieder auch unbekanntere interessante internationale Literatur entdecken lässt. Die Autorin schreibt in katalanischer Sprache und ist wohl nicht nur in ihrer Heimat bekannt, sondern wurde auch in zahlreiche Sprachen übersetzt. Gabriel García Márquez zählt sich unter ihre Fans, wie das Nachwort bezeugt, darin der Nobelpreisträger erklärt:

„Die Literatur aus Katalonien hat in Mercè Rodoreda eine ihrer unbestritten besten Vertreterinnen gefunden.“

Ich kann mich dem Lob nicht so ganz anschließen. Der Roman hat sicherlich gelungene Episoden, relativ überzeugende Figuren und stellt plastisch verschiedene Beziehungen von Menschen rund um die Hauptfigur in Barcelona zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere während des spanischen Bürgerkrieges dar. Ihm fehlt aber auch die inhaltliche Geschlossenheit, als wäre einfach ein Leben zum Roman verarbeitet worden, ohne dass viele Gedanken darauf verschwendet wurden, wie man das Ganze auch formal zu einem Roman zusammenführen könnte.

Es beginnt mit einer jungen Frau, die von einem jungen Mann angegraben wird, den sie zuerst abweist, und einer rauschhaften Szene auf eben der Plaça del Diamant. Der Mann bleibt hartnäckig, und schließlich löst die Frau ihre vorherige Verlobung auf und heiratet den Neuen. Dabei hat der sich bis dahin schon in wirklich anstrengender Weise als Macho präsentiert, der nicht gerade überzeugt scheint, dass Frauen eine eigene Existenz abseits der Erwartungen ihres Mannes haben sollten. Und ehrlich gesagt sehe ich auch nicht, welche rettenden Qualitäten der Typ hat. „Okay“, dachte ich mir, „jetzt folgt wahrscheinlich ein Ehedrama, und die Frau bricht irgendwann aus.“ Eine Geschichte, die mich allerdings nicht wirklich überzeugt hätte, denn es war einfach im Voraus so klar, dass der Typ ein Haustyrann werden müsste. So eine Geschichte funktioniert meiner Meinung nach besser ohne 1000 rote Flaggen im Vorfeld.

Allerdings passiert das dann nicht. Das Schlimmste, was er macht, ist Tauben zu kaufen und zu versuchen, eine Taubenzucht aufzuziehen. Irgendwie vergisst die Geschichte die so massiv, geradezu brutal, vorausgedeuteten schlechten Charakterzüge des Ehemanns und macht aus ihm stattdessen einen Bruder Leichtfuß, einen Homer Simpson. Nun erwartet man doch, dass sich aus der Sache mit den Tauben irgendwie mehr ergibt, dass es darüber zu Konflikten kommt, dass das Unternehmen überraschend gelingt oder wie erwartet scheitert. Aber stattdessen schließt er sich nun den republikanischen Milizen an, verschwindet, und irgendwann erfahren wir, dass er im Bürgerkrieg gefallen ist. Bereits vorher hatte die Frau einen Ladenbesitzer geheiratet und zieht mit ihm die beiden Kinder groß, die noch vom Bruder Leichtfuß in der Familie sind. Am Ende heiratet die Tochter einen jungen Mann aus dem Viertel, der sehr aggressiv um sie wirbt, wenn auch dabei deutlich gesitteter als der Vater zuvor um die Mutter. Für die Eltern in zweiter Ehe ist das anfangs ein Schock, da die Tochter große Pläne für ihr Leben hatte, aber man akzeptiert es. Einige Bilder vom Anfang des Romans werden noch einmal aufgerufen, und wir dürfen uns derweil fragen, ob die Geschichte einen Kreis beschreibt, sich also in etwa dasselbe wiederholt oder ob der Ehemann der Tochter nicht vielleicht doch eine bessere Wahl ist, und wir eher einer Art Spirale nach oben folgen.

Wie gesagt, da ist einiges Interessantes drin, aber im Großen und Ganzen wirkt der Verlauf der Handlung erratisch, als hätte die Autorin alle 20 bis 30 Seiten gewürfelt, wie es denn nun weitergehen soll. Und ich kenne den modernen Einwand, das Leben werde nun mal von Zufällen regiert. Ein Roman aber ist nun einmal nicht einfach das Leben, sondern eine künstlerische Überformung von teils aus dem Leben gegriffenen Gegebenheiten. Und genau die fehlt hier, zumindest was die Struktur betrifft. Stilistisch überzeugt der Roman phasenweise mit gelungenen mündlichen Passagen, die als lange Ketten verbunden durch ein wiederholtes „und“ auftreten:

„Dann tauchte plötzlich von irgendwoher Julieta auf, ganz in Kanariengelb, mit grünen Stickereien. Sie sagte, stell dich vor mich, ich muß mir die Schuhe ausziehen ich kann nicht mehr… Ich sagte ihr, daß ich mich nicht von der Stelle rühren könne, weil ein Mann, der seine Jacke sucht, mit mir tanzen will und zu mir gesagt hat, ich soll genau hier auf ihn warten. Und Julieta sagte darauf, na, dann tanzt nur. … Und es war warm. Die Kinder ließen Feuerwerksraketen los und warfen Knallfrösche. Der Platz war voller Melonenkerne, und in den Ecken lagen Schalen und leere Bierflaschen, und auf den Dächern in der Umgebung ließen die Leute ebenfalls Raketen hoch. Und auf den Balkonen. Die Gesichter glänzten vor Schweiß, und die Männer wischten sich mit dem Taschentuch über die Stirn. Die Musiker waren in Stimmung und spielten und spielten. Alles war wie auf dem Theater. Und dann kam der Pasodoble. Ich machte ganz von selber für mich Vorwärts- und Rückwärtsschritte mit, und dann hörte ich wie von weitem diese Stimme, wie sie zu mir sagte, guck mal an, und wie sie tanzen kann! Ich spürte einen starken Geruch nach Schweiß und Kölnisch Wasser. Und vor mir, zwischen zwei Ohren, glänzten diese Affenaugen. Der Gummi im Unterrock schnitt mir ins Fleisch, und meine Mutter tot, und kann mir nicht beistehen, denn da sagte ich zu dem Mann, daß mein Verlobter als Koch im Hotel Colón arbeitet, und er lachte und sagte, wie schade, weil ich ja doch nächstes Jahr schon seine Frau sei, und seine Königin. Und daß wir mit dem großen Blumenstrauß rings um den Platz tanzen würden.“

Mindestens ebenso häufig aber wird einfach nur runtererzählt, was gerade geschieht, ohne dass die Sprache sich zu besonderen künstlerischen Höhen aufschwingen würde. „Auf der Plaça del Diamant“ ist keine verschwendete Zeit, die Geschichte hat ihre Momente, und auch die Blicke auf den spanischen Bürgerkrieg von Menschen, die eigentlich nur irgendwie durch den Alltag kommen möchten, lohnen. Es ist allerdings kein Buch, für das ich extra losrennen würde, um es zu kaufen. Wenn ihr es in der Bibliothek oder auf dem Wühltisch findet, könnt ihr es bedenkenlos mitnehmen.

Bild: wiki, gemeinfrei.

Warum Verfilmung einer Serie vorzuziehen wäre. Die große „Neuromancer“-Besprechung.

Vor mittlerweile sechs Jahren habe ich hier schon einmal eine Kurzbesprechung zu William Gibsons „Neuromancer“ veröffentlicht. Die stammt noch aus der Zeit, als der Blog vor allem auf prägnante Kurzbesprechungen ausgerichtet war. Das nun Apple Plus eine Serie zum Buch ankündigt, habe ich zum Anlass genommen, den Roman, den ich bisher zwei oder drei Mal gelesen und ebenso oft gehört habe, noch einmal zu lesen und für eine Besprechung ein wenig mehr in die Breite zu gehen. Dabei möchte ich auch begründen, warum ich nicht sehr gespannt auf die Serie blicke und das Auswalzen eines Buches in eine Serie fast immer für eine schlechte Idee halte. In einer der Ankündigungen hieß es auch, „Neuromancer“ sei praktisch unverfilmbar, das habe die Vergangenheit gezeigt. Das ist Bullshit. Die Vergangenheit hat nur gezeigt, dass „Neuromancer“ noch nicht verfilmt wurde. Der Roman ist prinzipiell super einfach zu verfilmen, er ist strukturell und sprachlich schon ein halbes Drehbuch. Doch gerade eine gute Verfilmung dürfte auf ein recht eingeschränktes Publikum abzielen, mit einer Serie kann man hoffen durch Masse zu überwältigen und die Serienjunkies einzufangen.

Ich sagte es in meiner damaligen Besprechung schon: Der Roman lebt in erster Linie von Sprache und Komposition. Das gilt noch stärker, als es mir damals bewusst war. Die Story hat ihre Schwächen, ist letztlich nicht mehr als eine längere Schnitzeljagd, und das Thema, eine KI erwacht, war auch selbst 1984 wohl nicht mehr ganz neu, und der Text hat auch nicht wirklich etwas undenkbar Relevantes dazu beizutragen, was eigentlich Bewusstsein ausmache.

Seltener Roman mit zeitgemäßen Metaphern/Bildern

Die Sprache ist das Augenfälligste. Der berühmte erste Satz ist einer der ganz wenigen in der modernen Literatur, der mit damals moderner Metaphorik aufwartet:

„The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel”

Das ist außergewöhnlicher, als man denken mag. Prinzipiell ist, teils aus guten Gründen, die Metaphorik auch der modernen Literatur in der Vormoderne stecken geblieben, man findet Naturvergleiche und ähnliches, aber selten direkt aus dem modernen Leben gezogene Bilder, die auf ein anderes Ding oder Ereignis des modernen Lebens übertragen werden. Nun könnte man sagen, das Bild sei schlecht gealtert: Fernseher und tote Kanäle, das gibt es doch gar nicht mehr. Aber es passt in Gibsons Welt, in der ältere und neuere Techniken in ähnlicher Weise nebeneinander existieren, wie die krassen Unterschiede von Arm und Reich. Metaphern, Bilder, sollten im Idealfall innerweltlich plausibel sein. Ein Roman muss nicht die realweltliche Zukunft voraussagen.

Aber der Roman findet nicht nur einen starken Einstieg, sondern hält das sprachliche Niveau, insbesondere über seine ersten beiden Teile. Die Atmosphäre in Chiba City ist unglaublich dicht, die Beschreibung nicht nur bildlich prägnant, sondern immer getragen von einem Rhythmus, der uns die überlaufene, neon-gesättigte Gehetztheit dieser Stadt körperlich mitteilt.

“Under bright ghosts burning through a blue haze of cigarette smoke, holograms of Wizard’s Castle, Tank War Europa, the New York skyline…. And now he remembered her that way, her face bathed in restless laser light, features reduced to a code: her cheekbones flaring scarlet as Wizard’s Castle burned, forehead drenched with azure when Munich fell to the Tank War, mouth touched with hot gold as a gliding cursor struck sparks from the wall of a skyscraper canyon. He was riding high that night, with a brick of Wage’s ketamine on its way to Yokohama and the money already in his pocket. He’d come in out of the warm rain that sizzled across the Ninsei pavement and somehow she’d been singled out for him, one face out of the dozens who stood at the consoles, lost in the game she played. The expression on her face, then, had been the one he’d seen, hours later, on her sleeping face in a port side coffin, her upper lip like the line children draw to represent a bird in flight.
Crossing the arcade to stand beside her, high on the deal he’d made, he saw her glance up. Gray eyes rimmed with smudged black paintstick. Eyes of some animal pinned in the headlights of an oncoming vehicle. Their night together stretching into a morning, into tickets at the hover port and his first trip across the Bay. The rain kept up, falling along Harajuku, beading on her plastic jacket, the children of Tokyo trooping past the famous boutiques in white loafers and cling wrap capes, until she’d stood with him in the midnight clatter of a pachinko parlor and held his hand like a child.”

Dabei gelingt es Gibson auch, seine drei Hauptsettings zu Beginn, Chiba, den Sprawl und Istanbul, sprachlich, bildlich, voneinander abzusetzen. Sehr schön etwa in diesem seltenen leicht humoristischen Moment in Istanbul, der erst wirkt, als würde hier postkoloniale Ungleichzeitigkeit fortgeschrieben, während es sich dann aber bloß um ein einbalsamiertes Pferd handelt und das Thema kippt in Richtung arabischer Klonversuche dieser ausgestorbenen Tiere:

““Hey, Christ,“ the Finn said, taking Case’s arm, „looka that.“ He pointed. „It’s a horse, man. You ever see a horse?“ Case glanced at the embalmed animal and shook his head. It was displayed on a sort of pedestal, near the entrance to a place that sold birds and monkeys. The thing’s legs had been worn black and hairless by decades of passing hands. „Saw one in Maryland once,“ the Finn said, „and that was a good three years after the pandemic. There’s Arabs still trying to code ‚em up from the DNA, but they always croak.“ The animal’s brown glass eyes seemed to follow them as they passed. Terzibashjian led them into a cafe near the core of the market, a low-ceilinged room that looked as though it had been in continuous operation for centuries. Skinny boys in soiled white coats dodged between the crowded tables, balancing steel trays with bottles of Turk-Tuborg and tiny glasses of tea.”

Sprachlich lebt der Roman von seinen oft kurzen Sätzen, dem gut getakteten Wechsel zwischen Beschreibungen und Dialogen, und nicht zuletzt von einem Techjargon, der teilweise neu erfundene Worte einsetzt, als müssten wir sie längst kennen, der Verben aus Nomen neu schöpft (“to generation gap”, “to tube”), und der damit etwa im zweiten Fall sogar noch eine relativ mondäne Aktivität wie das U-Bahn fahren neu und cool klingen lässt. Auch abseitige Worte wie “gestalt” (die englische Entlehnung aus dem dt. Psychologie-Fachjargon) finden ihren Weg in diese Jargons, und verleihen dem Ganzen ein Tiefe suggerierendes Schillern.

Struktur

Zur Struktur habe ich mich schon einmal in der alten Besprechung deutlicher geäußert:

“Das Prinzip wird auf der Ebene der Komposition wieder aufgegriffen. Auch hier werden kurze Kapitel, durch die man nur so durch fliegt, in mehreren längeren Hauptkomplexen geordnet, wobei zwischen den Abschnitten gern freie halbe und ganze Seiten gelassen werden. Selbst das trägt noch zum Eindruck von Temporeichtum bei. Geschickt werden dabei einzelne Stränge fallen gelassen und wieder aufgegriffen, die Gliederung von Neuromancer (samt „Coda“) lässt vermuten, dass Gibson sich der Anleihen bei der klassischen Musik bewusst ist.”

Hinzuzufügen wäre, dass tatsächlich analog zur Sonatensatzform der atmosphärisch besonders dichte erste und zweite Teil gewissermaßen die Themen entfalten, während der lange dritte und vierte Teil zur Durchführung schreiten. So dürfte man einer zumindest rudimentären Orientierung am Musikalischen wohl durchaus eine gewisse Bewusstheit unterstellen. Auch der Schluss des letzten Hauptteils legt das nahe:

“now
and his voice the cry of a birdunknown,
3Jane answering in song, three
notes, high and pure.
A true name.

Neon forest, rain sizzling across hot pavement. The smell of frying food. A girl’s bands locked across the small of his back, in the sweating darkness of a portside coffin. But all of this receding, as the cityscape recedes: city as Chiba, as the ranked data of Tessier-Ashpool S.A., as the roads and crossroads scribed on the face of a microchip, the sweatstained pattern on a folded, knotted scarf…. Waking to a voice that was music, the platinum terminal piping melodically, endlessly, speaking of numbered Swiss accounts, of payment to be made to Zion via a Bahamian orbital bank, of passports and passages, and of deep and basic changes to be effected in the memory of Turing. Turing. He remembered stenciled flesh beneath a projected sky, spun beyond an iron railing. He remembered Desiderata Street. And the voice sang on, piping him back into the dark, but it was his own darkness, pulse and blood, the one where he’d always slept, behind his eyes and no other’s. And he woke again, thinking he dreamed, to a wide white smile framed with gold incisors, Aerol strapping him into a g-web in Babylon Rocker. And then the long pulse of Zion dub.”

Worldbuilding

“Neuromancer” ist außerdem nicht zuletzt eine Masterclass im Worldbuilding. Zu dieser Welt wird nichts ausschweifend erklärt, wir durchleben sie von Anfang an mit unseren Figuren. Wir werden bombardiert mit Begriffen, die unsere Hauptfigur so gut zu kennen scheint wie wir “Fußball”, “Börse”, “Waffeln” und “Mafia”. Und es fehlt uns dadurch absolut nichts, dass wir erstmal mit unbekannten Begriffen arbeiten müssen, wie wir das auch in einem Roman aus einem uns wenig bekannten Land müssten. Natürlich ist das nicht undurchdacht, und es ist nicht so, dass Gibson uns gar keine Informationen gibt. Ein guter Geschichtenerzähler beherrscht es, hier und da die wichtigsten Informationshäppchen zu streuen, ohne dass es überhaupt wirkt wie ein Infodump. Die Zaibatsu, anscheinend eine der wichtigsten Machtfraktionen dieser Welt, begleiten uns durch den ganzen Roman, ehe wir auf Seite 197 erfahren, dass es sich um multinationale Konzerne handelt (wer Japanisch spricht, kann es sich vorher denken). Diese Art von Worldbuilding wirkt so unglaublich organisch, weil sie sich anschmiegt an die Art und Weise, wie wir selbst gewohnt sind, Welt zu erfahren: indem wir hier und da Neues lernen und uns in dem Moment vielleicht noch gar nicht bewusst sind, dass wir gerade etwas gelernt haben, indem wir uns manchmal Konzepte vielleicht rudimentär wieder vergegenwärtigen und selten auch mal für uns selbst oder für jemand anderen etwas ein wenig länger ausformulieren. Die ellenlangen Hintergrundtexte dagegen, mit denen uns viele Sci/-Fantasy-Romane zuschütten, stehen einer tiefen Immersion in den Text in den meisten Fällen eher zuwider, da sie meist wie etwas wirken, das von außen an die Welt herangetragen wird: „Seht her“, sagt die plötzlich gar nicht mehr so unsichtbare Hand, der auch noch ein Mund gewachsen ist, „ich mache Worldbuilding.“

Das Internet vorhergesagt?

“Neuromancer” wird gern nachgesagt, der Roman habe quasi das Internet vorhergesagt. Das ist natürlich grober Unfug. Einerseits gab es da nicht viel vorherzusagen: Die ersten Usenet-Verbindungen wurden ja schon in den frühen 80ern gelegt, und Weltnetze in der Fiktion sind noch älter. Vor allem aber ist der Cyberspace in Neuromancer so anders als das WorldWideWeb, das wir heute kennen, dass man da kaum von Vorhersagen reden kann. Tatsächlich scheint es mir, soweit wir optisches über den Cyberspace erfahren, recht deutlich orientiert an dem, was an grafischen Oberflächen in Arcade-Spielen der frühen/mittleren 80er möglich war, also Grid-Layouts und Flat-Shaded Polygons, während durch Simstims induzierte Halluzinationen einfach fotorealistisch wirken. Dieses Netz folgt in erster Linie der Rule of Cool: Es ist eine Kombination aus Arcade-Flicker, Film und halluzinogenem Drogenrausch. Und es wird entsprechend dann in seiner einzigen größeren Hintergrundbeschreibung folgendermaßen stark verbildlicht:

““The matrix has its roots in primitive arcade games,“ said the voice-over, „in early graphics programs and military experimentation with cranial jacks.“ On the Sony, a two-dimensional space war faded behind a forest of mathematically generated ferns, demonstrating the spacial possibilities of logarithmic spirals- cold blue military footage burned through, lab animals wired into test systems, helmets feeding into fire con. trot circuits of tanks and war planes. „Cyberspace. A consensual hallucination experienced daily by billions of legitimate operators, in every nation, by children being taught mathematical concepts . . . A graphic representation of data abstracted from the banks of every computer in the human system. Unthinkable complexity. Lines of light ranged in the non space of the mind, clusters and constellations of data. Like city lights, receding….“

Genau in diese Vorstellung hakt auch der so vieldeutige Titel des Romans ein, den ich bisher aufgespart habe, mit seinen Anklängen einerseits an Neue Romantik, an Neuronen bzw. Neuronen-Romantik oder Romanze, sowie an Nekromantik. Wobei man auch die Bedeutung von Romanze im Sinne einer mittelalterlichen Verserzählung im Hinterkopf haben sollte, denn der Hauptplot mit seiner starken Linearität, seiner Reihe von Abenteuern, die vor allem von verrückten Wendungen teils mit quasi göttlicher Intervention vorangetrieben wird, klingt doch an eine solche an.

Plot

Der Plot ist, wie gesagt, eigentlich nichts Besonderes. Nicht schlecht als Spannungsplot, aber auch nicht weltbewegend. Ein abgehalfterter Hacker wird, wie sonst der abgehalfterte Westernheld, zu einem weiteren Job halb gewonnen, halb gezwungen. Gemeinsam mit ein paar anderen Leuten macht er einen Plan und findet seine Truppe zusammen, dann geht es über verschiedene Stationen zum großen Finale. Und im Hintergrund stehen eine, bzw. 2 KIs, die ihren Suizid plant – oder sich befreien will… Einige dieser Stationen sind die größten Schwächen des Romans. Zion mit seinen Weltraum-Rastafari, die alle in stilisiertem Rastafari-Dialekt sprechen, wirkt eher unfreiwillig komisch. Riviera als großer Gegenspieler wird etwas spät eingeführt und bleibt schrecklich konturlos, auch wenn das Finale mit seiner Mischung aus Science Fiction- und Gothic Horror-Atmosphäre wieder zur Form findet. Das übrigens kein aufgesetzter Stilmix. Hier kommen die Themen des Romans – Unsterblichkeit, Lebensmüdigkeit, Transzendenz, Klonen und die oben zitierte Beschreibung des Cyberspace – gelungen zusammen. Die Grundlage gelegt wird in einem Essay-Fetzen des Klonkindes 3Jane:

““The Villa Straylight,“ said a jeweled thing on the pedestal, in a voice like music, „is a body grown in upon itself, a Gothic folly. Each space in Straylight is in some way secret, this endless series of chambers linked by passages, by stairwells vaulted like intestines, where the eye is trapped in narrow curves, carried past ornate screens, empty alcoves….“”

Figuren

Leider bleibt von den Figuren nicht viel. Riviera ist das größte Problem, aber keine Ausnahme. Ein paar Jahre nach der letzten Lektüre wird man sich höchstens noch an die Archetypen von Case und Molly erinnern können, ansonsten verblassen die Charaktere ebenso wie die Handlung hinter der Atmosphäre. Die Figuren werden nicht wirklich realisiert. Beispiel Molly: Die lernen wir anfangs als coole Assassinin mit zahlreichen Körpermodifikationen kennen, sehr viel später erfahren wir, dass sie früher als Prostituierte gearbeitet hat, wobei das Hirn eigentlich technisch ausgeschaltet sein sollte. Doch Molly erlebte die krassen Fetische, die sie über sich ergehen lassen musste, halbbewusst mit und sie suchen sie als Träume heim. Relativ zu Beginn hatte sie eine wilde Nacht mit Case, und es gibt zumindest ein paar Hinweise, insbesondere die Nachricht in der Coda, dass diese Beziehung, ob nun emotional oder auch sexuell, weitergeht. Und eigentlich erwartet man doch, dass in diesem Rahmen auch die krassen Traumata irgendwie zur Entfaltung kommen, ob sie nun gelöst werden oder ungelöst zwischen das Paar treten. Aber davon nichts. Solche Charakter-Hintergrundinformationen tauchen meist wirklich nur als Hintergrundinformationen auf und werden im besten Fall noch einmal plotrelevant, jedoch nicht wirklich Charakterrelevant, also relevant für ein Zusammenspiel der Figuren außerhalb des Spannungsplots. Was ich hier für Molly grob nachzeichne, gilt abgestuft für die meisten Figuren.

Warum keine Serie?

Warum also habe ich wenig Hoffnung für, und noch weniger Interesse an einer filmischen Serialisierung von “Neuromancer”? Könnte man nicht genau dort beispielsweise das Problem der Figuren lösen? Vielleicht. Aber das könnte man auch in einem Film. Es würden ja ein, zwei weitere, nicht direkt auf den Spannungsplot bezogene Szenen zwischen Molly und Case reichen, des Weiteren ein paar Blicke und überhaupt die Art und Weise, wie die Figuren gespielt werden. Das Grundmissverständnis der neueren Serialisierungen von Büchern ist dagegen, dass viel viel hilft, und dass man entsprechend durch die Masse an Stunden Film, die man hier zusammenbringt, ein filmisches Äquivalent zum Roman schaffen könnte. Der Roman hatte aber schon ein filmisches Äquivalent: den Film, der, wenn er gut gemacht ist, fähig ist, genauso kunstfertig durchgearbeitet eine Geschichte zu erzählen, wie ein Roman, natürlich mit den ihm eigenen Mitteln. Die Serie dagegen verführt zur Geschwätzigkeit, dazu, den Fokus zu verlieren, umso mehr, seit im Zuge des sogenannten Goldenen Zeitalters Zug um Zug die Kunst vergessen wurde, einzelne relativ geschlossene Bögen einer Episode mit dem großen Bogen einer Staffelhandlung zu verknüpfen.

Aber sind Filme nicht viel zu kurz, um darin eine Romanhandlung unterzubringen? Nun, wenn man vorhat, ein Buch Szene für Szene abzufilmen, mag das stimmen. Doch selbst im Fall von „Der Herr der Ringe“, das fünfmal so lang ist wie Neuromancer, reichten dafür drei Filme, die heute künstlerisch übrigens schrecklich überbewertet sind.
Schauen wir uns die ganze Sache für „Neuromancer“ doch einmal an. Das ist nämlich, wie oben angedeutet, nicht unverfilmbar, sondern supergut verfilmbar. Im Stil ähnelt es in vielen Dingen bereits einem Drehbuch. Der Roman hat in meiner Ausgabe 260 Seiten, in Wahrheit aber mit all den leeren Seiten eher 200. 120 Seiten (A4) Drehbuch sind zwei Stunden Film. Ist schwer zu glauben, da Drehbücher doch so viele unterschiedliche Textelemente und – Layouts haben, aber nach dem Schauen zahlreicher Filme und dem parallelen Lesen vieler Drehbücher kann ich sagen: Es geht fast immer auf. Was „Neuromancer“ so einzigartig macht, ist seine Sprache, die Atmosphäre rhythmisch-/melodisch transportiert. Im Drehbuch müssten wir diese Atmosphäre nicht wieder Szene für Szene etablieren, sondern könnten uns auf einige markante Stellen beschränken und die messerscharfe Poesie des Romans noch stärker eindampfen. Besonders die ersten 40 Seiten in Chiba City, aber auch die langwierigen Vorbereitungen im Sprawl würden wahrscheinlich auf insgesamt 15 Minuten zusammen schrumpfen. Auch die Schnitzeljagd im Mittelteil würde man verdichten, einige redundante Nebenfiguren sogar fallen lassen. Eine Serie würde natürlich das Gegenteil machen. Allein in Chiba City wegen der coolen Atmosphäre bekäme bestimmt zwei Episoden, der Sprawl auch eine bis zwei, eine weitere Sprawl-Episode ginge mit Kindheitserinnerungen drauf. Die wunderbar kurz auf zwei Seiten abgehandelten Hintergrundbeschaffungen zum Auftraggeber würden, fürchte ich, eine weitere Episode erfordern. Eine Episode in London, eine in Istanbul, mindestens eine in Zion, auch wenn ich kaum glaube, dass man diese komischen Weltraumrasterfari heute nicht umschreiben würde. Und damit das Finale nicht untergeht, bräuchte es wiederum mindestens zwei Episoden, was ähnlich wie in „Stranger Things“ dazu führen würde, dass ein dicht gepacktes und befriedigendes Filmfinale von vielleicht 15-25 Minuten nun auf die Dauer eines Spielfilms gestreckt würde. In einem Roman steht so viel diachron (hintereinander) – Beschreibungen, Handlungen, Gedanken, Dialoge – das im Film synchron (zugleich), abgehandelt werden kann, so dass sich alle Romane bis mindestens 300 Seiten durchaus sehr gut verfilmen lassen, und solch visuell starke, relativ einfache Handlungen wie „Neuromancer“ erst recht.

Ich würde übrigens weitere Änderungen vorschlagen, um den Film zum besten möglichen Kunstwerk auf Basis von „Neuromancer“ zu machen. Das einfache Abfilmen eines Werkes ist relativ langweilig. Hier geht es mir natürlich nicht darum, das Ganze einem tatsächlichen oder imaginierten modernen Publikumsgeschmack anzupassen, sondern um ästhetische Entscheidungen. Die wichtigste: Chiba City ist die interessanteste Location im Roman. Die vielen Sprünge zurück in die USA, nach Europa, nach Istanbul und so weiter wirken in dieser krass verdichteten Welt relativ altbacken, und es spricht meines Erachtens nichts dagegen, zumal ja die gesamte Welt ständig per Web zugänglich ist, die Handlung komplett in Chiba City zu verdichten. Der Kontrast zwischen Fläche und Vertikalität, der im Roman sowieso eine gewisse Rolle spielt (Die Reise führt von der Fläche der Kaschemmen der Stadt zum Auftraggeber in höhere Hotelräume, in den Orbit, zuerst nach Zion und schließlich nach Freeside), ließe sich dann noch deutlich stärker ausbauen und deutlich früher andeuten, indem man etwa die Strukturen im Himmel und im Orbit, die später besucht werden, von der Straße aus aufscheinen lässt, ehe wir noch wissen, was genau das ist.

Bild: Pixabay.

Das bessere „Die Flüsse von London“? Benedikt Jackas „Das Labyrinth von London“.

Nachdem mich die „Die Flüsse von London“-Serie nicht sonderlich überzeugt hat, hat mir mein Bruder das erste Buch einer ebenfalls in London angesiedelten Reihe von Benedict Jacka dagelassen, und deren Auftakt „Das Labyrinth von London“ macht so vieles richtig, was Aaronovitch falsch gemacht hat. Der Text liest sich einfach in allen Belangen besser.

Beginnen wir beim Aufbau der Handlung. Wo Aaronovitch hastig von Szene zu Szene sprang und sich nie richtig entscheiden konnte, ob er nun eine Kriminalhandlung erzählen wollte oder eine große Welt erschaffen, so dass man leicht den Faden verlieren konnte, obwohl „Die Flüsse von London“ alles andere als ein komplexes Buch ist, macht Jacka von Anfang an klar, worum es geht und wohin es sich entwickeln könnte. Wir folgen Alex Verus, einem Magier, der einen kleinen Laden in Camden betreibt und bald zwischen die Fronten gerät. Ein mächtiges Artefakt wurde gefunden, und sowohl der Weiße Rat als auch die Schwarzen Magier brauchen Verus‘ Hilfe. Denn er ist einer von nur wenigen Wahrsagern, und die anderen waren so klug, sich rechtzeitig zu verbergen. Der Roman folgt zuerst den Versuchen, sich dem Zugriff beider Seiten zu entziehen, dann dem Austarieren: Wem soll ich helfen?, und schließlich dem Versuch, einen Weg zu finden, wenn man sich schon nicht heraushalten kann, zumindest nicht zu viel Schaden anzurichten. Auch wenn die Motivation der jeweiligen Seiten und einiger unerwarteter Figuren schwer zu durchschauen sind, ist aber immer klar, worum es geht und welche Aufgabe unsere Hauptfigur zu bewältigen hat.

Dann die Atmosphäre. Auch hier war Aaronovitch schrecklich unentschlossen. Ernsthafte Urban Fantasy? Parodie? Der Roman verharrte im unheimlichen Tal. Jacka entscheidet sich für Ernsthaftigkeit. Ja, es gibt hier und da auch mal einen Witz, und der zündet dann, gerade weil er sich innerhalb eines ernsten Rahmens entfalten kann. Einige der Figuren sind eher witzig-skurril, besonders das freundliche Luftelementar Starbreeze, das wenig von der Welt der Menschen versteht, schrecklich vergesslich ist und sich wie ein Kind für Dinge begeistern lässt. Und auch das funktioniert, weil es zugleich eine klar umrissene magische Figur ist, die plastisch vor Augen gestellt wird und Raum bekommt zu wirken, anders als bei Aaronovitch, der uns durch seine Welt zieht und immer zu schreien scheint: „Schau, da! Und jetzt da! Schau mal da!“ und schon hastet man weiter.
Vor allem aber entwickelt Jacka sein Setting in London als Raum. Das beginnt mit dem überfüllten Laden in einer engen Seitenstraße in Camden. Es geht weiter durch solche Seitenstraßen in einen verborgenen Park. Dann weitet Jacka zum ersten Mal den Blick, indem er uns eine Ansicht der Stadt am Abend beschreibt, und immer wieder nutzt er die Möglichkeit, solche Stadtpanoramen zu geben. Der Roman bewegt sich vom Engen ins Offene, und ziemlich zentral steht eine Party im Shard, einem gewaltigen Turm, wobei der Hinflug die Möglichkeit zu diesem Stadtpanorama bietet:

“Ich glaube nicht, dass ich diesen Flug jemals vergessen werde. Er war von einer ursprünglichen Freude durchtränkt. Gefahren lagen hinter uns und vor uns, aber in diesem Moment waren wir frei. Der Streit war vergessen, zurückgeblieben am Boden in der Ferne. Ich war bereits viele Male mit Starbreeze geflogen, aber niemals mit jemandem, mit dem ich dieses Gefühl teilen konnte.
London bei Nacht ist einfach unglaublich. Die Straßen folgen anders als in anderen Städten keinem Raster, sondern sie winden und schlängeln sich, und von oben sieht man sie alle von Straßenlampen beleuchtet. Die Parks sind Schattenflecke, die Hauptstraßen glühende Flüsse. Die Themse ist eine dunkle Schlange, die sich durch das Zentrum windet, die Ufer erhellt von den Gebäuden, die dort stehen, und mit Lichtpunkten und -streifen übersät, die von den Booten und Brücken auf das dunkle Wasser fallen. Über uns schienen die Sterne an einem wolkenlosen Himmel, Orion und Kassiopeia blickten auf uns herab. Starbreeze flog höher und höher und ließ so die Geschäftigkeit und die Gefahr der Stadt weit unter uns.”

Von da an bewegt sich der Roman wieder gegenläufig vom Offenen ins Engere, und das Finale spielt an einem Ort, der zugleich so eng ist und so weit, dass wir uns nicht mehr innerhalb unserer Welt, sondern gewissermaßen in einer Blase in dieser Welt, einer anderen Dimension befinden.

Zuletzt gelingt es dem Text auch, Stück für Stück eine interessante Hintergrundgeschichte einzuführen, uns mit der Jugend und Ausbildungszeit des Protagonisten in Berührung zu bringen, an die er sich anscheinend selbst nur noch bruchstückhaft erinnert. Denn Verus war einst ein Schwarzmagier in Ausbildung und hat etwas Schreckliches getan, um sich zu befreien, als er feststellte, dass ihm das Leben als Schwarzmagier nicht behagt. Wir bekommen diese Stücke serviert, wie auch Verus sie wieder entdeckt, in Gesprächen, spontanen Erinnerungen und Träumen.

Auch moralisch ist das Setting interessant. Wie in anderen solchen Urban Fantasy Geschichten scheint Magie irgendwie halb verborgen abseits unserer Welt zu existieren. Die Weißen Magier geben sich Regeln und werden von einem Rat regiert, während die Schwarzen Magier grob gesprochen nach Nietzsches Übermenschenkonzept existieren. Nicht jeder Schwarze Magier ist, auch mit dem Begriff der Weißen betrachtet, böse, aber alle sind chaotisch und jederzeit bereit, alles zu tun, um ihren eigenen Einfluss zu erweitern. Nach langen Kriegen haben beide Seiten einen Waffenstillstand geschlossen, der jedoch zu bröckeln scheint. Zugleich lässt Jacka immer mal wieder durchblicken, dass die Weißen auch nicht so viel besser sind, dass auch in ihrer Welt Macht fast alles ist, besonders Macht über andere Magier, und dass man nicht gut ist, nur weil man sich Gesetze und Regeln gegeben hat, nach denen man existiert – zumindest, solange man Grenzüberschreitungen nicht im Verborgenen halten kann.

Als Erzählung ist „Das Labyrinth von London“ nun auch nicht gerade ein Meisterwerk darin, uns diese magische Welt behutsam zu enthüllen. Gerade was die politischen Hintergründe und die Wirkweisen von Magie betrifft, fungiert Verus oft als Informationsquelle im Stil eines Infodumps. Allerdings werden diese Passagen immerhin Stück für Stück und relativ kurz präsentiert. Was allerdings das Einführen von magischer Welt und Wesen betrifft, macht Jacka das relativ gut. Es gibt keinen Overkill, und wir haben jedes Mal Zeit, das Ganze auf uns wirken zu lassen. Es ist Raum für das Staunen, das Aaronovitch so brutal aus seinen Büchern verbannt hat. Dabei hilft uns die Nebenfigur Luna, deren Familie mit einem alten Fluch belegt ist, der ihr selbst Glück bringt, ihren nächsten Bezugspersonen aber Unglück. Luna möchte von Verus in die magische Welt eingeführt werden, ihm zugleich aber nicht durch den Fluch schaden. Sie spielt eine wichtige Rolle im Roman, und ich denke, die Beziehung wird dann auch in den folgenden Büchern noch zentral bleiben.

Bild: wiki, gemeinfrei.

Dichte Geistergeschichte mir Krimi-Elementen. „Herrn Arnes Schatz“ von Selma Lagerlöf.

Gäbe es da nicht doch noch eine größere Schwäche, über die man ein wenig hinwegsehen muss, damit die Geschichte wirklich überzeugt, Herrn Arnes Schatz wäre wahrscheinlich Selma Lagerlöfs stärkster Roman und deshalb, wie auch aufgrund seiner Kürze, der beste Einstieg ins Werk. Das Ganze beginnt mit der Wanderung eines Fischers und Fischverkäufers, der bei einem Herrn Arne einkehrt, der relativ abgelegen mit einem größeren Haushalt lebt und Zeit seines Lebens gespart hat, deshalb einen großen Schatz sein Eigen nennt. Der Fischverkäufer erlebt ein negatives Omen, gibt aber wenig drauf und erfährt dann später, dass das Haus ausgeraubt und niedergebrannt wurde. Alle Insassen bis auf eine junge Frau wurden getötet, die Mörder haben anscheinend versucht, übers Eis zu entkommen und sind dabei samt Schatztruhe versunken. Der Protagonist nimmt die junge Frau auf, die dann seine Rolle im Zentrum der Geschichte übernimmt.

Selma Lagerlöf soll eine große Liebhaberin von Schauergeschichten gewesen sein, auch ihr späterer Roman „Der Ring des Generals“ ist eine solche. Einige ihrer kürzeren Erzählungen fallen ins Genre, und auch im „Nils Holgersson“ kommen ein oder zwei richtige Schauergeschichten sowie einige weitere Episoden mit Gruselatmosphäre vor. Auch Herr Arnes Schatz entwickelt sich weiter als Mischung aus Kriminalroman und Schauergeschichte. Grob die weitere Handlung: Der Fischverkäufer hat geträumt, dass eine der Getöteten aus Rache sinnt. In seiner Hafenstadt tauchen ein paar Schotten auf, und die junge Frau verliebt sich in den Anführer der Schotten. Klar kommt irgendwann heraus, dass die Schotten eben jene Mörder vom Anfang sind, und auf dem Weg dorthin geschehen einige schauerlich übersinnliche Dinge. Für die junge Frau steht die große Entscheidung an: die Mörder enttarnen oder mit den Schotten in ein besseres Leben fliehen.

Und das ist die große Krux der Geschichte. Das so sehr verliebt sein kauft man der jungen Frau nicht so wirklich ab, sie hat ja nur einmal in Gesellschaft mit dem Mann gesprochen, und ihn dann noch einmal kurz allein getroffen, was aber unterbrochen wurde. So mag eine Liebelei beginnen, aber kann ein Mensch dadurch so verliebt sein, dass sie zögert, ob sie den Mörder aller Menschen, die ihr wichtig waren im Leben, verrät? Hier hätte der kurze Text gut noch 20 bis 30 Seiten mehr an Entwicklung gebrauchen können, obwohl man es sich natürlich zurecht reden kann, etwa: In einer Gesellschaft, in der die Liebe relativ wenig Platz hat, kann sie einen empfänglichen Menschen rasch verblenden. Oder: Für eine junge Frau, die ganz weit unten steht in der gesellschaftlichen Hierarchie, ist vielleicht die Flucht mit einem scheinbar reichen Schotten tatsächlich so verlockend. So oder so: Das sind Dinge, die der Text eigentlich hätte transportieren müssen.

Obwohl Herr Arnes Schatz ein Loch ausgerechnet in seinem erzählerischen Zentrum hat, ist es ein ziemlich starker Text. Denn der lebt nicht nur von Spannungselementen und dem „was passiert als nächstes“-Plot, sondern insbesondere auch von seiner atmosphärischen bildlichen Gestaltung. Abgelegene Höfe, Zusammenkünfte bei Kerzenschein, Wanderungen über das Eis: Lagerlöf zeigt sich hier als Meisterin des vor Augen Stellens. Und das selbst in den Passagen, die vielen schwächeren Autoren so leicht misslingen, und die Lagerlöf eben nicht nur in „Nils Holgersson“ wichtig waren: denen, die ein wenig schulbuchhaft versuchen, den Menschen Land und Leute zu erklären. Etwa hier:

„Die ganze Gegend war von weißem, schimmerndem Schnee bedeckt. Er war bei gutem Wetter still und gleichmäßig gefallen, er lag nicht in Haufen oder Wirbeln. So weit das Auge reichte, gab es nichts anderes als die gleiche glatte Ebene und die gleichen steinigen Hügel. »Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »wenn wir dies heute abend zum ersten Male sähen, dann würden wir wohl glauben, daß wir über eine große Heide zögen. Aber wir würden uns wohl darüber verwundern, daß der Boden so eben ist und der Weg ohne Steine oder Gruben. Was ist dies für eine Gegend, würden wir sagen, wo es weder Gräben noch Zäune gibt, und wie kommt es, daß kein Strauch und kein Hälmchen aus dem Schnee hervorguckt? Und warum sehen wir keine Flüsse oder Bächlein, die doch sonst selbst in der strengsten Kälte ihre schwarzen Furchen durch die weißen Felder ziehen?« Torarin ergötzte sich sehr an diesen Gedanken, und auch Grim fand Gefallen an ihnen. Er regte sich nicht von seinem Platze auf der Wagenladung, sondern lag still und blinzelte. Aber gerade als Torarin seine Rede geschlossen hatte, fuhr er an einer hohen Stange vorbei, an der ein Büschel festgebunden war. »Wenn wir hier fremd wären, Grim, mein Hund,« sagte Torarin, »dann würden wir uns wohl fragen, was dies für eine Heide sei, wo sie dieselben Zeichen aufstellen, wie man sie auf dem Meere benutzt. Dies kann doch wohl nicht das Meer selber sein, würden wir schließlich sagen. Aber das würde uns wohl ganz unmöglich vorkommen. Was so stetig und sicher daliegt, sollte das bloßes Wasser sein? Und alle diese Felsenhügel, die da so fest vereint ruhen, sollten es nur Inseln und Schären sein, die durch wallende Wellen geschieden wären? Nein, wir könnten es nicht glauben, daß dieses möglich sei, Grim, mein Hund.« Torarin lachte, und Grim lag noch immer still und regungslos. Torarin fuhr weiter, bis er um einen hohen Felsenhügel bog. Da stieß er einen Ausruf aus, als hätte er etwas Merkwürdiges gesehen. Er tat sehr erstaunt, zog die Zügel an und schlug die Hände zusammen. »Grim, mein Hund, und du wolltest nicht glauben, daß dies das Meer sei! Jetzt siehst du doch, was es ist. Richte dich auf, dann wirst du sehen, daß hier vor uns ein großes Fahrzeug liegt. Du wolltest das Seezeichen nicht kennen, aber hierin kannst du dich nicht täuschen. Jetzt kannst du wohl nicht mehr leugnen, daß es das Meer selbst ist, worüber wir ziehen.« Torarin blieb noch eine Weile stehen und betrachtete ein großes Fahrzeug, das im Eise eingefroren war. Es sah ganz verirrt aus, wie es da mit der glatten weißen Schneedecke um sich herum dalag.“

Herr Arnes Schatz ist gemeinfrei verfügbar, zählt nur gut 70 Seiten und ist damit ein guter Ort, um zu beginnen, sich mit Selma Lagerlöf abseits von „Nils Holgersson“ auseinanderzusetzen.

Bild: Eigenes.

Schrecklich relativierend, und dann noch nicht mal spannend. Konsaliks Bestseller „Der Arzt von Stalingrad“.

Nachdem ich mich im Rahmen meiner Böll-Serie mit dem Frühwerk des Autors und damit auch dem Ostfront-Roman „Wo warst du, Adam?“ beschäftigt habe und überrascht war, wie deutlich dort die Shoa angesprochen wird, wollte ich mir auch einmal anschauen, was eigentlich der Mainstream in dieser Zeit so las. Ich erinnerte mich an ein Buch, das zumindest eine Zeit lang in allen Bücherschränken stand: „Der Arzt von Stalingrad“ von Heinz G. Konsalik, eines der deutschlandweit meistverkauften Bücher des dritterfolgreichsten deutschen Autors aller Zeiten. Das Buch hat meine schlimmsten Erwartungen übertroffen.

„Der Arzt von Stalingrad“ ist auf jeden Fall eine fast ausnahmslose Überhöhung und Entschuldigung der Deutschen vor dem Hintergrund der Arbeit deutscher Ärzte in einem russischen Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Stalingrad. Viel mehr als das Folgende muss man über die Handlung nicht wissen: Mehrere Ärzte sind Gefangene im Lager, es kommt immer mal wieder zu Problemen, die kreativ gelöst werden. Zuerst wird unter schrecklichen Bedingungen operiert. Die Ärzte, allen voran Sellnow und Böhler, kämpfen um besseres Equipment und bekommen das dann teilweise auch. Entscheidend ist: Die Deutschen sind bessere Ärzte, sind moralisch überlegen, sind überhaupt die besseren Menschen. Ein paar halbwegs „reinrassige“ europäische Russen sind ganz okay, Menschen aus dem südlichen Sowjetrepubliken und aus dem asiatischen Raum werden dargestellt wie halbe Tiere. So auch die deutschsprachige Wikipedia:

„Andererseits wird auf verschiedenen Ebenen eine kulturelle Überlegenheit der Deutschen gegenüber den Russen transportiert. Die Deutschen sind zumeist ehrlich und kameradschaftlich, ohnehin haben Nationalbewusstsein und Soldatenehre einen hohen Stellenwert. Die problematischen Figuren finden sich eher auf russischer Seite, etwa die attraktive und emotionale, zwischen Grausamkeit und Nymphomanie schwankende Ärztin Kasalinskaja oder der ruhmsüchtige und gewissenlose Universitätsarzt Pawlowitsch. Auf deutscher Seite steht hier nur der Fall des ehemaligen Nazis Grosse, der von der sowjetischen Geheimpolizei zur Spionagetätigkeit unter den Deutschen gepresst und, nach seinem Auffliegen, von seinen Kameraden in der Latrine zu ertränken versucht wird. (…) Deutlich ins Rassistische geht die Darstellung, wenn asiatische Vertreter des sowjetischen Staatsvolks in der Handlung auftauchen. Sie werden zumeist als grausam, tierhaft, gewissenlos, primitiv oder fanatisch dargestellt, zum Beispiel der ‚mongolische‘ Politkommissar Kuwakino oder der’tatarische‘ Greis Pawlowitsch, wobei äußere Aspekte wie die ‚Schlitzaugen‘ herausgestellt werden. Auch wirken die deutschen Gefangenen auf die ‚leidenschaftlichen‘ weiblichen russischen Romanfiguren besonders attraktiv, so Sellnow auf Kasalinskaja und Schultheiß auf die Geliebte des Lagerkommandanten, während die Küchengehilfin Bascha es mit jedem treibt. Von den deutschen Krankenschwestern werden dagegen – ebenso wie von den daheim wartenden Ehefrauen – keinerlei sexuelle Anfechtungen berichtet.“

Und das WDR:

„Buch und Film sind nach Einschätzung des Heidelberger Geschichtsprofessors Wolfgang Eckart voller Klischees, die dem deutschen Zeitgeist der 50er Jahre entsprechen. Konsaliks Botschaft lautet demnach: Die Deutschen sind den Russen als Ärzte und Menschen überlegen. Das Bild des deutschen Mediziners soll ins rechte Licht gerückt werden. Denn der Nürnberger Ärzteprozess hat 1946 gezeigt, dass SS- und Wehrmachtsärzte an den Verbrechen der Nazis beteiligt waren. Als Reaktion darauf zeichnet ‚Der Arzt von Stalingrad‘ ein ‚karitatives, heldisches, aufopferndes‘ Bild des deutschen Arztes.“

Vieles hier wird sogar noch zu nachsichtig betrachtet, denn die Figur Grosse (oben gefettet) ist ja nicht da, um zu zeigen, dass es auch schlechte Deutsche gibt, sondern um die Russen gleich in mehrfacher Weise vorzuführen und eine hoch fragwürdige Moral zu präsentieren. Der Mordversuch an Grosse nämlich wird im Roman durchweg als absolut gerechtfertigt dargestellt. Alle positiven deutschen Charaktere, darunter auch der Arzt Dr. Böhler, der seine Chance, endlich nach Deutschland zurückzukommen, zurückweist, weil auch SS-Leute einen Arzt verdient hätten, stehen hinter dem Mordversuch, obwohl auch Grosse behandelt wird (denn so moralisch ist der deutsche Arzt, er behandelt sogar den Spitzel, dessen Tod er als gerechtfertigt ansieht). Und selbst die „guten“ Russen machen Grosse deutlich, dass er nichts ist als ein Schwein. Warum? Weil er sich von ihnen als Spitzel gegen die Menschen hat anwerben lassen, die Millionen von Russen auf dem Gewissen haben. Der Roman setzt viel Kraft daran, darauf hinzuweisen, dass auch die meisten Mitglieder der Waffen-SS so schlimm nicht waren, daran, Nazi-Verbrechen gegen sowjetische Verbrechen aufzuwiegen, und meist kommen die Nazis dabei dann noch ganz gut weg. Ja, manchmal wird zumindest versucht, darauf hinzuweisen, wer dafür verantwortlich ist, dass überhaupt Deutsche in sowjetischer Kriegsgefangenschaft sind. Die deutsche Kriegsschuld wird benannt, allerdings durchweg von sowjetischen Figuren und damit nicht von denen, die der Roman sonst als moralische Lichtgestalten etabliert. Und letztlich wird jegliche Schuld dann wieder auf die Führungsschicht verlagert, um eine Gemeinsamkeit zu schaffen: Die Deutschen hatten eine böse Führungsschicht, aber jetzt haben die Sowjets auch eine.

Und auch die jüdische Figur, bzw. „Utschomi, der kleine Jude…“, wird zwar als „ein guter Kerl“ bezeichnet, ist aber vor allem ein ein wandelndes Klischee. Und in seinem nach oben buckeln, nach unten treten zudem exemplarische Projektion eines Autoritären Charakters auf die Opfer eben dieser Art von Charakter.

Zuletzt ist, anders als man es von einem Bestsellerautor erwarten sollte, dieses Machwerk noch nicht einmal sonderlich spannend erzählt. Einen wirklichen Höhepunkt, auf den die Handlung hinarbeitet, gibt es nicht. Stattdessen viele kleine Situationen, deren Spannung bald wieder verpufft. Später dann ein paar größere, als der Sohn eines relativ hohen Tiers der Sowjets in der Region gerettet werden muss. Aber eine konsequente Entwicklung von Anfang bis Ende: Fehlanzeige. Auch eine Figurenentwicklung ist nicht vorhanden. Böhler ist von Anfang an eine Lichtgestalt, die guten Sowjets sind die guten Sowjets, die Bösen sind die Bösen, und auch das relativ hohe Tier entwickelt sich nicht etwa zum „Guten“, sondern wird nur als solcher enthüllt. Die beiden zentralen Liebesbeziehungen von Kasalinskaja zu Sellnow und von der ins Lager verlegten Kommunistin Janina, die wegen Tuberkulose nur von Böhler behandelt werden kann, zum Assistenzarzt Schultheiß, werden quasi zu Beginn des Romans feurig entfacht und sind dann einfach da. Alle Verwicklungen, die aus einer langsamen Entwicklung entstehen könnten, entstehen natürlich nicht, und insgesamt tritt keines der Probleme ein, von denen anfangs behauptet wird, sie müssten doch eintreten, wenn man eine solche Beziehung hat. Russinnen schauen in blaue Augen und verlieben sich sofort in Deutsche. Russische Ärzte müssen das letztendlich akzeptieren, weil man auf die Brillanz der deutschen Ärzte nicht verzichten kann. Zuletzt nutzt der Roman reichlich Raum für antikommunistische Propaganda. Etwa, wenn die Gefangenen die russischen Soldaten belehren:

“„Was ist das?« fragte er.
»Pudding«, sagte Peter Fischer. »Deutscher Arbeiterpudding …«
»Was?«
»Deutscher Arbeiterpudding! Das kann sich bei uns in Deutschland jeder Arbeiter leisten! Das ist eine Volksspeise!« Er lächelte. »Wann hast du den letzten Pudding gegessen, Michail?«
»Vor vier Jahren …«, seufzte Pjatjal. »Und ich bin doch auch ein Arbeiter! Und mein Bruder auch! Der arbeitet in Stalingrad auf dem Bau. Der hat noch nie Pudding gegessen.«
»Er lebt ja auch nicht in Deutschland! Bei uns essen das alle! So ein Pudding kostet keine zwanzig Pfennig! Rund zehn Kopeken!«
»Du lügst!« schrie Pjatjal. »Zehn Kopeken?! Das ist ja geschenkt!«
»Für den Arbeiter wird in Deutschland alles getan … auch ohne Kommunismus! Sieh dir den Pudding an …“”

Nun denken wir mal scharf nach. Welche Zeit könnte da gemeint sein, in der man in Deutschland so rührend für die Arbeiter gesorgt hat? Das demokratische Nachkriegsdeutschland kennen die Gefangenen nicht, darum kann es also kaum gehen. Die Zeit der Weimarer Republik aber war nicht zuletzt bekannt als die Zeit der Massenarbeitslosigkeit und der beiden großen Wirtschaftskrisen. Um die dürfte es also auch nicht gehen…

Bild: Pixabay.

Vorgeschichten und interessanter, vielleicht deprimierender, Schluss. Die „Saga von Garth und Torian“ 5&6.

„Die Arena des Todes“

„Die Arena des Todes“, der fünfte Teil der „Saga von Garth und Torian“, könnte im ersten Moment ein wenig verwirren. Was ist da los? Torian ist allein, kämpft gegen irgendetwas, das sich anders nennt und doch offenkundig Orks sind. Er beruft sich mehrfach darauf, ein Fürstensohn zu sein, scheint keine Probleme mit Sklaverei zu haben, und es gibt noch einige Unstimmigkeiten mehr zum Charakter aus den vorangegangenen vier Büchern. Ich dachte erst, die letzten beiden Titel wären, nachdem der vierte Band ja einen recht stimmigen Abschluss bildete, so etwas wie Jugenderzählungen. Tatsächlich arbeitet der Band aber auf zwei Zeitebenen und teilt uns einige Dinge mit, die vor dem Krieg und dem Zusammentreffen mit Garth passiert sind, während parallel die Gruppe und Garth, Torian und Shyleen vor dem Problem steht, dass Shyleen nach der Vernichtung der Quelle der Macht der Magier nun unglaublich schnell altert. Das treibt die drei zurück zu einem Heiler, den Torian in seiner Jugend getroffen hat und der eine Karte zu einem Tempel besitzt, in dem angeblich das Geheimnis der Unsterblichkeit gehütet wird. Die Suche nach dem Heiler bringt Torian zurück in seine alte Heimat und aufgrund einer Intrige, die einst gegen ihn gesponnen wurde, gerät er in Gefangenschaft.

Der Text ist wieder ziemlich stark erzählt, von jener Folgerichtigkeit, die die ersten drei Bände ausmachte, ohne die generischen Füllerkämpfe des vierten Bandes. Durch die zwei parallelen Erzählungen ist „Die Arena des Todes“ zugleich der mit Abstand komplexeste Band der Reihe, was natürlich keine große Kunst ist, da es sich ja immer um relativ kurze, komplett linear erzählte Romane handelt. Trotz der Doppelhandlung treibt der Roman recht geradlinig aufs Finale zu, das Spannung und ein paar wilde Twists bereithält. Tatsächlich ist es Holbein gelungen, dem großen Finale zum Trotz, das das Ende der geheimnisvollen Machenschaften der Magier im vierten Band eindeutig war, einen starken fünften Band vorzulegen. Der hält das Niveau der Reihe, spinnt die kurzweilige Unterhaltung fort und macht die Schwächen des Mittelteils des Vorgängerromans vergessen.

So wie der Text sich zu Beginn von den vier Vorgängern unterscheidet, unterscheidet er sich auch zum Schluss: es ist der erste Roman, dessen Nachfolger direkt an die Handlung anschließt, so dass man die beiden Texte auch als einen Doppelroman mit dramatischer Binnenklimax betrachten könnte.

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„Der Tempel der verbotenen Träume“

Es war fast zu befürchten, dass „Der Tempel der verbotenen Träume“, der Schluss der „Saga von Garth und Torian“, kein besonders starker Roman werden würde. Der Roman schließt, wie gesagt, direkt an den fünften Teil an, und beraubt sich damit notwendig der Stärken der einzelnen Teile der Reihe. Diese hatten meist eine bildliche und spannungsreiche Exposition und führten dann in wenigen Szenen auf eine meist gelungene Klimax hin. Klare Handlung, klare Figuren, klare Verhältnisse, aber eben auch genügend Raum, um eine Geschichte mit einigen interessanten Wendungen zu entwickeln. Das fehlt hier. Die Exposition und Entwicklung von Roman 5 ist zugleich auch die von Roman 6, der dann in direkt in jener fremden Welt beginnt, wo sich der Tempel der verbotenen Träume befinden soll. Diese Welt präsentiert sich zuerst ähnlich wie die Straße der Ungeheuer (Band 4), also mit zahlreichen zufälligen Begegnungen aus einem durchschnittlichen Rollenspiel: ein lebendiger Berg, Illusionen und vieles mehr. Dann geraten die drei Abenteurer in den Konflikt zwischen einer alten Menschengruppe, die in dieser Welt lebt, sowie Echsenwesen, und Torian wird sehr unfreiwillig in die Rolle des Retters gedrängt, auf den die Menschen schon lange gewartet haben. Der Versuch, diese Echsen auszumanövrieren und die Mission im Tempel zu erfüllen, bilden wie gehabt dann die Klimax. Und die enthält wiederum noch ein paar gelungene, wenn auch nicht komplett unvorhersehbare Wendungen und ein Ende, das angesichts der Thematik der Reihe und vor allem des letzten Romans (ganz grob: was ist eigentlich Realität in einer Welt, in der Magie und Illusionen sehr wirkmächtig sind und was ist ein gelungenes Leben und inwieweit kann man vielleicht auch innerhalb einer Illusion ein gelungenes Leben führen? ) gar nicht so schlecht ist, das aber zumindest für einen Teil der Lesenden ziemlich unbefriedigend, ein ziemlicher „Downer“, sein könnte.
Ja, auch dieser Roman ist noch einmal kurzweilig, und wer sich vom Durchhänger im vierten Teil nicht hat abschrecken lassen, wird gewiss den sechsten Roman nicht einfach in der Mitte abbrechen. Trotzdem hätte man sich für die insgesamt ja unterhaltsame Reihe ein Ende gewünscht, das eher auf dem Niveau der stärkeren Teile bleibt, als auf dem Niveau der schwächeren.

Bild: Pixabay.

Wildes „Mock Heroic“, das auseinander fällt. Selma Lagerlöfs Frühwerk „Gösta Berling“.

„Gösta Berling“ ist der erste Roman von Selma Lagerlöf, und das merkt man dem Text auch an. Es handelt sich um so eine Art Schelmenroman in Episoden, der sich lose um einen gefallenen Pfarrer dreht. Zu Beginn wirkt das Ganze sehr interessant. Gösta Berling ist Pfarrer, aber auch ein Trinker vor dem Herrn. Sein Verhalten wird untersucht, der Bischof ist zu Gast, und es scheint schon, als habe er sich retten können, doch er wird wieder zum Trinken verführt. Das alles ist sehr lebendig beschrieben, das Dorf, in dem Gösta Berling lebt, wirkt dicht. Und ich muss sagen, diesen Roman hätte ich gerne weitergelesen: der Pfarrer, sein Konflikt zwischen Hingebung an die Sendung, die er durchaus besitzt, und seiner Lust an Ausschweifung und Trank. Und das Dorf, das ihn halb verachtet, halb ermutigt. Aber stattdessen verliert Gösta seine Stelle, wandert ein zwei Kapitel im Land herum und wird dann einer der Kavaliere auf Ekeby, wobei Kavaliere hier wild lebende Männer meint, die Musik machen, trinken, für die Unterhaltung ihrer Herrin und vor allem ihre eigene Unterhaltung sorgen. Bald treibt Gösta zum Weihnachtsfest einen Scherz, indem er einen Gutbesitzer als Teufel verkleidet und ihn einen Schabernack aufführen lässt, nachdem die Herrin, die angeblich mächtigste Frau des Wärmlandes, ihr Gut verlassen muss und die Kavaliere auf ein Jahr Herren sind. Obwohl Gösta doch weiß, dass er die Sache angeleiert hat, sind bald alle, er eingeschlossen, überzeugt, man habe tatsächlich mit dem Teufel gehandelt. Wie zuvor Gösta wird nun die Herrin Landstreicherin, und die Kavaliere schwören, ein Jahr lang nur Kavaliersdinge zu tun, was letztlich bedeutet: Unsinn, bloß nichts Gutes, ansonsten hätten sie ihre Seelen verwirkt.

Wir erfahren nun von allerlei Abenteuern von Gösta Berling, insbesondere verschiedene Frauengeschichten, und ab der Mitte löst sich der Zusammenhalt des sowieso nur episodisch verbundenen Textes immer stärker auf, und wir bekommen andere Geschichten erzählt, in denen Gösta teilweise nur kurze Auftritte hat. Teilweise hören wir sogar Geschichten in Geschichten, und die Handlung entfaltet sich nicht immer chronologisch. Figuren erzählen etwa von Göstas Sperenzien einige Jahre zuvor, als geschähen sie jetzt, ehe Gösta dann im Jetzt seinen Auftritt hat, bis dann zum Schluss die Herrin nach Ekeby zurückkehrt und geprüft wird, ob die Kavaliere ihre Aufgabe erfüllt haben. Wobei eine schwache Entschuldigung dafür geliefert wird, dass sie das offenkundig nicht haben, und Gösta derweil, weil er zu Liebe und Pflicht gefunden hat, das Angebot der Herrin, ihm das Gut zu schenken, ausschlägt. Es wirkt ein wenig, als habe die Autorin im Mittelteil einfach Geschichten erzählt, die sie erzählen wollte, und dann zum Schluss festgestellt, dass das zur Prämisse nicht mehr so richtig passt, und, anstatt nun auszusortieren oder umzuschreiben, den Schluss recht gewaltsam zurechtgebogen.

Prinzipiell habe ich nichts gegen episodische Texte, und das Zusammensetzen eines Landstriches aus mehreren Episoden, die lose verbunden sind, mit Gösta Berling als rotem Faden, könnte sogar einen richtig starken Roman ergeben. Spätere bessere Texte Lagerlöfs sind ja genau so strukturiert. Aber hier funktioniert es nicht wirklich. „Gösta Berling“ ist ein so überschwänglicher Text, dass schon sein Sprachgestus dem Zeichnen eines überzeugenden, aus vielen Bildern zusammengesetzten, Großbildes entgegensteht. Viele Passagen, teils ganze Kapitel, wirken wie ein „Mock Heroic“, und tatsächlich dürfte das Ganze auch an dieses Genre angelehnt sein. Regelmäßig wendet sich die Erzählerin in Schwüren und Aufrufen an die Lesenden und auch an ihre Figuren. Es wimmelt nur so von Ausrufezeichen. Und die Handlungen sind regelmäßig melodramatisch ohne Ende. Ständig verlieben sich hochstehende junge Frauen in Männer unter ihrem Stand. Häufig gibt es Ehrenhändel, und gefühlt jeder Zweite, der irgendwie sein gesellschaftliches Ansehen verliert, entscheidet sich, fortan als Bettler entlang der Landstraße zu leben. Das scheint mir schon in Mitteleuropa drastisch, aber in Schweden? Hat den Leuten niemand gesagt, wie kalt es da ist? Ja, es gibt hier und da bildliche Szenen aus dem ländlichen Leben, aber die dauernden Übertreibungen und der Tonfall der Erzählung beißen sich mit den Chancen, die ein Episodenroman oder ein Roman in Kurzgeschichten normalerweise für die Darstellung eines breiten gesellschaftlichen Bildes hätte.

„Gösta Berling“ ist nicht ganz uninteressant, gerade die erste Hälfte enthält auch sprachlich starke Passagen, aber es wäre nicht der Roman, mit dem ich testen wollte, ob mir die Texte von Selma Lagerlöf auch abseits von Nils Holgersson gefallen. Da würde ich dann doch lieber in das von mir schon besprochene Spätwerk schauen.

Der große Durchhänger. „Die Saga von Garth und Torian“ 4

„Die Straße der Ungeheuer“ ist der erste Teil der Garth und Torian-Saga, der nicht mehr das Niveau der Vorgänger hält. Wie so oft erkennt man das – oder findet zumindest Gründe es zu befürchten – bereits an der äußeren Gestaltung des Romans. Ganze 230 Seiten hat der, und damit ein Drittel mehr als die Vorgänger. Die glänzten jeweils dadurch, eine recht klassische Swords-and-Sorcery-Handlung genau betrachtet durch sehr wenige Szenen oder, filmisch gesprochen, wenige miteinander verbundene Sequenzen, durchzuführen. Die Spannung war durchweg hoch, Eines führte zum Anderen, kaum hatte man begonnen, war man auch schon beim großen Finale angelangt. Man fühlte sich wie in einem Film: stark in die Handlung geworfen und atemlos bis zum Schluss.

Die zusätzlichen Seiten verschwendet „Die Straße der Ungeheuer“ dagegen vor allem auf Random Encounters, wie man sie aus PC-Rollenspielen kennt.
Grob die Handlung: Torian und Garth haben sich getrennt. Beide erleben, gerade als jemand sie gefangen nehmen möchte, eine besorgniserregende Veränderung der Welt: Die Luft scheint zu wabern, Häuser stürzen ein, Straßen verschwinden. In Gefangenschaft wieder vereint erfahren sie, dass die aus den Vorgängern bekannten Magier ein sogenanntes Tor in ihrer Schattenburg geöffnet haben sollen, die mittlerweile längst verlassen liegt. Ein Magier will Torian anwerben, dieses Tor zu schließen, da er immer noch die Macht der Spinne in sich trage und das deshalb besonders gut könne. Garth und die Tempeldienerin Shyleen hat er mitgefangen, um Torian unter Druck zu setzen. Es gibt ein bisschen Geplänkel, dann erklärt man sich bereit, und dann folgt der Weg zur Burg. Und hier liegt das Problem: Ständig werden die Helden von Zeugs angegriffen, das Hohlbein besser weggelassen hätte. Ein lebendiger Wald, Illusionen, noch mehr Illusionen, untote Krieger. Es vergeht mit diesen schrecklich platten Fantasy-Tropen einfach viel zu viel Zeit, ehe man in der Burg ankommt, sich die Handlung durchaus zweimal auf interessante Weise wendet und das bekannte wilde Finale ansteht, das durchaus das Finale der Reihe sein könnte, aber offen genug bleibt für weitere Bücher, die dann ja auch noch folgen.

Abseits der schwachen CRPG-Passagen stört an dem Roman auch das aus dem letzten Band importierte Problem, dass die Macht des Helden ausgerechnet aus einem Spinnenbiss stammt. Geht es generischer? In einem Kampf mit mächtigen Magiern, von denen wir mittlerweile wissen, dass sie eine geheimnisvolle alte Rasse sind und Überbleibsel von etwas, das die Menschen vor tausenden Jahren vernichteten, stammt das, was die Magier interessiert, von einem Biss, den man dem Helden zufällig in einer Höhle beigebracht hat? Ich habe in der letzten Besprechung ja schon auf bessere Möglichkeiten hingewiesen.

Relativ kurzweilig bleibt die Reihe aber durchaus, und man kommt locker an einem Tag durch den jeweiligen Roman, sodass man die 60 Seiten Langeweile auf der Straße der Ungeheuer halbwegs verzeihen kann. Immerhin bekommt man dafür einen interessanten Abschluss der Magierhandlung. Es wird interessant werden zu sehen, was die Helden in den folgenden beiden Texten ohne Magier machen. Zum Schluss dieses Romans fühlt Torian in seiner Zufriedenheit, noch am Leben zu sein, zumindest erst einmal eine große Leere.

Bild: Pixabay.

Ein prophetischer Vietnamroman? Graham Greens „The Quiet American“.

„The Quiet American“ ist eine relativ spannende Erzählung aus der letzten Phase des sogenannten ersten Indochina-Krieges, der dann ab 1955 direkt in den Vietnamkrieg übergeht. Der Text könnte allerdings noch deutlich spannender sein, wenn sich der Mittelteil nicht so ziehen würde.

Ein älterer britischer Reporter in Saigon lebt mit Phuong, einer vietnamesischen Tänzerin, zusammen, für die sich bald auch ein junger Amerikaner zu interessieren beginnt, der in undurchsichtiger Weise in irgendeiner Art Hilfsorganisation arbeitet. Die Geschichte hebt an, als dieser Amerikaner verschwunden ist und wenig später tot aufgefunden wird. Die Polizei befragt unter anderem auch den Reporter, erklärt ihn aber relativ bald für unverdächtig, und das Ganze wird den Kommunisten in die Schuhe geschoben. Die Geschichte geht dann erstmal nach einigen kurzen, in die Krimihandlung eingeschobenen Erinnerungen, in eine lange Rückblende über, die fast das ganze Buch ausmacht. Wir erfahren, wie der Amerikaner einige Risiken auf sich nimmt, um den Briten quasi auf dem Schlachtfeld zu besuchen und ihm zu erklären, dass er sich in Phuong verliebt hat und gedenkt, sie zu heiraten. Auf der Rückreise geraten die beiden in einen Hinterhalt, und der Amerikaner rettet den Briten, wofür der dankbar ist, es aber auch übel nimmt. Nun steht er in der Schuld.
Das Verhältnis zu Phuong wird sehr ökonomisch gesehen. Der Amerikaner sieht die Heirat fast als sein Recht an, weil die Frau dann ein besseres Leben hätte, denn als Geliebte des Briten. Einer Ehe dieser beiden steht im Weg, dass der zu Hause noch verheiratet ist. Zwischendurch debattieren die beiden Protagonisten über Politik. Der Brite ist der Meinung, ausländische Kräfte hätten in Konflikten anderer Länder nichts zu suchen. Der Amerikaner dagegen ist ein begeisterter Demokratieexporteur.

Vom Ton her ist „The Quiet American“ größtenteils kühl gehalten und liest sich wie ein bardboiled Krimi im Mantel der Kriegsreportage. Dabei werden auch immer wieder sprachlich atmosphärische Highlights gesetzt, zB:

“The last colours of sunset, green and gold like the rice, were dripping over the edge of the flat world: against the grey neutral sky the watch tower looked as black as print. It must be nearly the hour of curfew. I shouted again and nobody answered.”

Überhaupt ist die Atmosphäre gelungen, man fühlt sich nah dran am Geschehen.

Eine große erzählerische Schwäche ist allerdings die lange Rückblende, die den Hauptteil des Romans ausmacht. Was beginnt wie ein Text, der zwischen der Aufklärung des Verbrechens und Erinnerungen hin und her schaltet, wird stattdessen zu einer “okay, ich erkläre euch jetzt mal, wie es zu dem Ergebnis kam, das wir schon kennen”-Story.

Eine zweite große Schwäche – und ab hier hört besser auf zu lesen, wer das Ende nicht verraten haben möchte – ist, dass zum Schluss enthüllt wird, dass der Erzähler in genau einer Sache unzuverlässig war. Unzuverlässig darin nämlich: Es stellt sich heraus, dass der Erzähler doch in den Mord verwickelt sein könnte oder ihn sogar beauftragt oder begangen haben könnte. Das Ding ist: Der Text hat zuvor niemals in produktiver Weise mit der Idee gearbeitet, dass der Erzähler unzuverlässig sein könnte. Nimmt man das jetzt wirklich ernst? Wenn ja, heißt das dann auch, dass wir ihm den ganzen Kram, den er uns vorher sonst erzählt hat, nicht wirklich glauben können? Und was machen wir dann aus den politischen Einschätzungen? Alles Quatsch? Oder sollte der Typ, der uns ansonsten eine wahre Geschichte erzählt hat, genau dieses eine wichtige Detail vergessen haben? Das wäre aber eine sehr fragwürdige Konstruktion. Nun mögen die Apologeten kommen und sagen: Ja, das Spiel mit dem unzuverlässigen Erzähler! Das ist ja gerade, was den Text ausmacht! Aber hier wird eben nicht gespielt. Der Erzähler wird einmal ganz am Ende von zuverlässig zu unzuverlässig geswitcht, und wenn man das wirklich ernst nimmt, streicht es den bisherigen Text durch. Es wird nicht vorausgedeutet, es wird nicht immer mal wieder schon im Kleinen unser Vertrauen erschüttert. Nein, das ist keine gute Vorgehensweise, um die Involviertheit einer Hauptfigur in einen Kriminalfall solange wie möglich geheim zu halten.

Und all die politischen Debatten? Die müsste man dann ja auch praktisch vergessen. Denn ernst nehmen könnte man nichts vom Gesagten mehr, egal auf welche Seite man sich schlagen wollte. Green beteuert in der Widmung des Buches, es gehe im Text nicht um Politik. Aber natürlich ist der Text nicht unpolitisch. Ich würde sogar sagen, für einen Text, der solches beteuert, ist er sehr politisch. In diesem längeren Dialog dürfte das gesamte politische Programm, über das allerdings mehrfach diskutiert wird, relativ umfassend verhandelt werden.

“’No French officer,‘ I said, ‚would care to spend the night alone with two scared guards in one of these towers. Why, even a platoon have been known to hand over their officers. Sometimes the Viets have a better success with a megaphone than a bazooka. I don’t blame them. They don’t believe in anything either. You and your like are trying to make a war with the help of people who just aren’t interested.‘
‘They don’t want Communism.‘
‚They want enough rice,‘ I said. „They don’t want to be shot at. They want one day to be much the same as another. They don’t want our white skins around telling them what they want.‘
‚If Indo-China goes …‘
‚I know the record. Siam goes. Malaya goes. Indonesia goes. What does „go“ mean? If I believed in your God and another life, I’d bet my future harp against your golden crown that in five hundred years there may be no New York or London, but they’ll be growing paddy in these fields, they’ll be carrying their produce to market on long poles wearing their pointed hats. The small boys will be sitting on the buffaloes. I like the buffaloes, they don’t like our smell, the smell of Europeans. And remember – from a buffalo’s point of view you are a European too.‘
‚They’ll be forced to believe what they are told, they won’t be allowed to think for themselves.‘
‚Thought’s a luxury. Do you think the peasant sits and thinks of God and Democracy when he gets inside his mud hut at night?‘
‚You talk as if the whole country were peasant. What about the educated? Are they going to be happy?‘
‚Oh no,‘ I said, ‚we’ve brought them up in our ideas. We’ve taught them dangerous games, and that’s why we are waiting here, hoping we don’t get our throats cut. We deserve to have them cut. I wish your friend York was here too. I wonder how he’d relish it.‘
‚York Harding’s a very courageous man. Why, in Korea …‘
‚He wasn’t an enlisted man, was he? He had a return ticket. With a return ticket courage becomes an intellectual exercise, like a monk’s flagellation. How much can I stick? Those poor devils can’t catch a plane home. Hi,‘ I called to them, ‚what are your names?‘ I thought that knowledge somehow would bring them into the circle of our conversation. They didn’t answer: just lowered back.”

(Man beachte dabei, wie imperialistisch-paternalistisch auch der antiimperialistische Engländer denkt, der die Möglichkeit gar nicht zulässt, dass es Vietnamesen geben könnte, die Interesse an persönlichen Freiheiten, Demokratie oder Menschenrechten haben. Eine gut getroffene, weil weit verbreitete Lücke in der antiimperialistischen Geisteshaltung.)

Dabei hat es „The quiet American“ einerseits natürlich relativ leicht, denn der Vietnamkrieg dürfte der Krieg sein, über den sich die meisten Menschen einig sind, dass die europäischen Mächte im Unrecht waren und spätestens das amerikanische Eingreifen ein großer Fehler. Das ist eben nicht Afghanistan, wo ein nicht Eingreifen bedeutet, die Bevölkerung unter einer der brutalsten denkbaren Herrschaften zu belassen, und wo sich dann interessanterweise viele Menschen, die sich über den ursprünglichen Krieg aufgeregt haben, über den Abzug der westlichen Truppen genauso aufgeregt haben.
Andererseits hat es der Text so leicht, wie wir rückblickend glauben mögen, dann doch nicht. Denn der entstand eben nicht, wie viele Besprechungen behaupten, aus dem Vietnamkrieg, sondern prognostiziert viele Probleme das Vietnamkrieges bereits 1955, als das amerikanische Engagement überhaupt erst beginnt. Einschließlich des großen Problems, wenn sich eine demokratische Gesellschaft anderen Orts in einem Konflikt engagiert: Dass ein großes Risiko besteht, dass man eine Partei unterstützt, die die Versprechen von Freiheit, Demokratie und Wohlstand glaubt, man sich aber aufgrund des Drucks von zu Hause irgendwann zurückzieht und genau diese Leute alleine lässt.

Literarisch interessant ist dabei dann vor allem, dass die beiden Protagonisten bezüglich Phuong genau gegenteilig zu ihren politischen Überzeugungen handeln. Der Brite tritt im klassisch kolonialen Schema als Eroberer auf, der behauptet zu lieben, aber vor allem besitzen will. Der Amerikaner dagegen ist deutlich sensibler, zumindest mit dem Ziel einer gleichberechtigten Partnerschaft. Dabei enthüllt sich allerdings, dass dann eine Parallele zu seiner politischen Involviertheit, bald ein sehr paternalistisches Verhältnis zur prospektiven Partnerin.

So viel Warnung noch: auch wenn ich zugunsten des Autors annehmen möchte, dass er dieses Verhältnis problematisiert: die Art und Weise, wie beide Hauptfiguren über Vietnamesen sprechen und denken, liest sich manchmal sehr anstrengend herablassend und wirkt auch nicht durchgehend auf den kritischen Effekt hin durchdacht.

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