Fragmente zu Llosas „Totalem Roman“

Ein Roman, der aus den zahlreichen herausragenden Werken der Weltliteratur, die auch heute noch Jahr um Jahr verfasst und publiziert werden, noch einmal herausragt, ist Conversaçion En ‚La Cathedral‘ (Gespräch in der ‚Kathedrale‘) des Nobelpreisträgers für Literatur von 2011, Mario Vargas Llosa. Als Llosa der Nobelpreis verliehen wurde, wurde über sein Werk leider auffallend wenig berichtet, stattdessen dominierten jene Stimmen den Diskurs, die es vor allem für wichtig hielten, die politische Ausrichtung Llosas zu debattieren

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„Il faut avoir fouillé toute la vie sociale pour être un vrai romancier, vu que le roman est l´histoire privée des nation“1.

Diesen Ausspruch Balzacs stellt Llosa dem 1969 erschienenen Conversaçion voran. Er schließt damit explizit sein Werk an die Tradition des französischen Gesellschaftsromans an. Allerdings sieht Llosa diese Tradition mit den Augen eines Autors, der insbesondere Flaubert, Dostoevsky und Joyce unter seine Einflüsse rechnet. Aus den kompositorischen und stilistischen Errungenschaften der modernen Literatur leitet Llosa dann auch seine eigene Produktionsästhetik des „Totalen Romans“ her. Aus einer älteren eigenen Hausarbeit zum Thema:

„Folglich verlangt Vargas Llosa von einer idealen „fiktiven Realität“ mehr, als er von einem rein historischen Roman verlangen müsste. Nicht das einfache Widerspiegeln der Umstände der Gesellschaft, in der der Autor sich bewegt macht das kreative Moment des Romans aus, sondern die Qualität steht und fällt mit den hinzugefügten Elementen, die meist als ein „Komplex von Veränderungen, Betonungen, Verzerrungen und Auslassungen gegenüber der realen Welt“, auftrete (…) Der Schriftsteller bediene sich aus den Trümmern einer Wirklichkeit, die als ganzes nicht überzeugend, dem Untergang geweiht sei, und schaffe, so Llosa, in einen symbolischen Akt des Gottesmordes aus „realer Realität“ und „elementos anunadidos“ einen Kosmos, der im angestrebten Ideal in seiner Komplexität der Realität in nichts nachstehe. Das allumfassende Ergebnis dieses Strebens bezeichnet Vargas Llosa als den „Totalen Roman“, ein inhaltlich wie formal auch derart arrangiertes Gebilde, dass dessen „fiktive Realität“ eine Gesellschaft in all ihren Widersprüchen zeichne (…) Somit erscheint jedes „Ich“ im totalen Roman als eine von vielen beschreibenden Stimmen, und ist als subjektive Sichtweise identifizierbar. Diese Subjektivität ermöglicht nach Scherer, zu exponieren, „was in der Realität … verschwiegen … wird“. Gleichzeitig macht sie den Leser zum letzten Richter, und ermöglicht auf Basis der geschilderten Sachverhalte ein autonomes Urteil. Diese Polyperspektivität verschiedener „Ichs“ reflektiert Vargas Llosas Verständnis der Welt als „heterogenes Chaos“, und impliziert zugleich das Recht und die Pflicht des „Totalen Romans“, unvollkommen zu sein. „Er… kann blinde Stellen enthalten oder unlogisch, paradox, phantastisch sein…“. (…) „Gelungene Fiktion verkörpert die Subjektivität einer Zeit“.“

Folgendermaßen wird das in Conversaçion umgesetzt:

„Conversaçion beginnt in media res. Die Rahmenhandlung bildet ein vierstündiges Gespräch zwischen dem Journalisten Santiago Zavala und dem ehemaligen Diener seines Vaters, Ambrosio. Die beiden treffen sich zufällig in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel Limas, und legen große Teile ihrer Lebenserfahrung offen. Nachdem das erste Kapitel, Anfang und Ende des Romans, oberflächliche Gesprächsfetzen wiedergibt, und Santiago, ohne Antwort auf seine bohrendste Frage, in die Gegenwart entlässt, entfaltet sich der folgende, dreigeteilte Roman als polyphoner Dialog, montiert aus der gegenwärtigen Konversation, zurückliegenden Dialogen, an die sich die Gesprächspartner erinnern, erzählten Passagen, die wahrscheinlich in den Köpfen Santiagos und Ambrosios rekapituliert werden, Santiagos Gedankenstrom, und zahlreichen anderen Dialogen, zu deren Inhalt Santiago und Ambrosio nur indirekt Zugang haben können. Köllmann teilt diesen Rahmen in vier Hauptfragmente ein, die sich auf drei, bzw. vier Zeitstufen abspielen. Der innere Monolog Santiagos steht im Präsens, er begleitet die Konversation „Er denkt: wann… wirst doch nicht Tollwut haben…“. Gleichzeitig erinnert sich Santiago einiger Gespräche mit Carlitos, einem Freund aus der Redaktion. Ambrosio reflektiert zwei Gespräche, die nach Köllmann ungefähr zur gleichen Zeit stattgefunden haben müssen, jedenfalls aber zeitlich nahe der Ermordung von Don Cayos Gespielin, der „Musa“. Eine Dialogserie führt Ambrosio mit der Prostituierten Paqueta, das andere Gespräch mit seinem ehemaligem Arbeitgeber, Don Fermín. Erinnerungen Ambrosios an die Geliebte Amalia, an die Arbeit bei Cayo Bermudez, und an seinen Vater werden wiederum sowohl im Ausgangsdialog, als auch in den beiden reflektierten verarbeitet, woraus neue Perspektiven und weitere Dialogfetzen, sowie losgelöste Erfahrungen und Gespräche der erinnerten Charaktere hervorgehen. Santiagos Reflexion baut sich entsprechend auf, der Gedankenstrom bietet eine zusätzliche parallele Reflektionsebene zum Ausgangsgespräch. Der rekapitulierte Zeitraum umfasst ungefähr 15 Jahre, und überlagert die eigentlich erzählte Zeit von 4 Stunden. Die Erfahrungen der Protagonisten drehen sich dabei vor allem um die Epoche der Odria-Diktatur von 1950-58, es werden aber auch Ereignisse wieder gegeben, die erst unter dem gewählten Präsidenten Belaúnde stattgefunden haben.

Dennoch ist der Roman nicht ohne innere Chronologie. Die Erinnerungen Santiagos beginnen in der Kindheit, und kreisen im ersten Drittel der Reflexion, grob im ersten Teil des Romans, vor allem um die Suche nach Identität und politischen Idealen in einem kommunistischen Studentenzirkel. Dann rekapituliert Santiago seine Abspaltung von der reichen Familie und das Arbeitsleben bei der Boulevardzeitung „La Cronica“. Ab Mitte des Romans konzentrieren sich Santiagos Erinnerungen auf journalistische Nachforschungen, die er über die Ermordung der „Musa“, einer Prostituierten, die lange Zeit die Lebensgefährtin von Cayo Bermudez war, geführt hat. Gegen Ende rückt das Gespräch mit Carlitos immer mehr in den Mittelpunkt, frühere Ereignisse werden rückblickend, durch den Zerrspiegel zwischenzeitlicher Wahrnehmungen bewertet. Ambrosio erzählt Anfangs vordringlich von seiner Zeit als Chauffeur von Cayo Bermudez. Dort lernte er Amalia kennen, die in Cayos Domizil als Hausangestellte der „Musa“ tätig war. Verwoben mit der Tätigkeit bei Bermudez wird die Zeit im Hause Don Fermíns reflektiert. Ein Exkurs erzählt zwischenzeitlich Amalias Lebensgeschichte, bis Ambrosio und Amalia bei Fermín wieder zusammen treffen. Ambrosio berichtet, wie er mit Amalia versucht, in Pucallpa ein neues Leben anzufangen, bis diese stirbt. Gegen Ende der Erzählzeit rückt Ambrosios Gespräch mit der Prostituierten Paqueta in den Mittelpunkt, analog zu Santiago bietet es eine Ebene der Reflektion zwischen dem Gespräch in der Kathedrale und den Erinnerungen an zeitlich früher anzuordnende Vorfälle. Dabei wird insbesondere Ambrosios Beziehung zu Fermín aus einem neuen Blickwinkel beleuchte.

Allerdings wird die Chronologie fast öfter gebrochen, als sie eingehalten wird. Für den Leser bietet sie, wie der gesamte Gesprächsrahmen, nur eine Orientierungshilfe. Bei mehrmaligem Lesen fällt auf, dass Handlungselemente und Dialogfragmente, die in der Erstlektüre zusammenhangslos stehen bleiben, aus späteren Ereignissen immer wieder in die Gespräche eingewoben werden. Diese „datos escondidos“ klären später aufgeworfene Fragen teils viele hundert Seiten vorher auf, ohne dass es dem Leser bewusst ist, und steigern die Anforderung, sich durch eigene „Detektivarbeit“ ein individuelles Bild der dargestellten „fiktiven Realität“ zu erschaffen. In Einklang mit Llosas Romantheorie zieht sich der Erzähler völlig zurück. Jede erzählte Realität entspringt in Wirklichkeit der Realitätskonstruktion eines Charakters der fiktiven Welt, beziehungsweise, davon ausgehend, dass die „fiktive Realität“ Llosas allein den Köpfen der beiden Protagonisten entspringt, oftmals gar der Annahme eines der beiden über die Realitätskonzeption eines anderen Charakters der von ihnen reflektierten (fiktiven) Realität.

Die vielschichtige Montagetechnik, die der Autor anwendet, ermöglicht es das Leben von angeblich ungefähr 70 Charakteren, unter der Diktatur aus zahlreichen individuell, räumlich oder zeitlich verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Obwohl auf diese Weise eine komplex ausgearbeitete „fiktive Realität“ gezeichnet wird, brechen zahlreiche Ungereimtheiten die Kohärenz des Dargestellten. So wird nie klar, ob Ambrosio den Auftrag hatte, die „Musa“ zu ermorden, oder ob er aus Mitleid handelte, oder es ist nicht hundertprozentig sicher, ob Cayos Rücktritt Bauernopfer oder Notwendigkeit war. Diese gewollten Brüche sind, Llosas Weltanschauung vom „heterogenen Chaos“ gemäß, logisches Resultat der multiperspektivischen Darstellung, und zwingen dem Leser eine aktiv-analytische Rezeptionshaltung auf.“

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Conversaçion en ‚La Cathedral‘ ist sicherlich keine leichte Kost. Beim ersten Lesen, insbesondere wenn man sich vorher nicht über den Roman informiert hat, verliert man schnell einmal die Orientierung im Gewirr der Stimmen. Eine zweite, sogar eine dritte und noch mehrmalige Lektüre kann helfen den Limanisch-Peruanischen Kosmos zusammen zu puzzlen. Das ist lohnend, besonders weil man erst mit dem zweiten Lesen wirklich zu schätzen lernt wie virtuos Llosa den Stoff gliedert, und wie geschickt er Stimmen fallen lässt und wieder aufkommen, und einigen Stimmen Führungsrollen zuerkennt, um so die Orientierung im Werk zumindest prinzipiell immer möglich zu machen. Mit Hinblick auf den Ulysses von Joyce wurde hier an anderer Stelle moniert, viele Entscheidungen der formalen Gestaltung wirkten willkürlich und kaum aus Inhaltlichem begründet. Nicht so bei Llosa, ebenso bei wie zahlreichen anderen Autoren des lateinamerikanischen Boom (Cortazar, Fuentes, Marquez, Carpentier, Bolano). Jene setzen das von Joyce Angestoßene mit äußerster Konsequenz und handwerklicher Präzision um.

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Nachtrag: Die gleichen Menschen die über den Verfall der Literatur meckern scheuen so genannte postkoloniale Autoren für gewöhnlich wie der Teufel das Weihwasser. Warum immer alles so kompliziert sein müsse, warum man nicht einfach einmal normal schreiben können wird dann gefragt. Solchen Kritikern kann man entweder mit TS Eliot antworten, die Dichtung einer komplizierten Zeit habe komplex zu sein (ansonsten tun es wirklich auch Judith Herrman und Sven Regener), oder aber: Wenn Goethe und Mann „normal“ geschrieben hätten, hättet ihr heute nichts, wonach ihr euch zurück sehnen könntet.

Read a Book for God’s Sake!

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Literatur:

Llosa, Mario Vargas: Gespräch in der >Kathedrale<. Übers. Wolfgang A. Luchting, 1. Auflage, Suhrkamp: Düsseldorf 1984.

 Köllmann, Sabine: Vargas Llosas Fiction and the Demons of Politics: Lang: Oxford u.a. 2002.

Lentzen, Norbert. Literatur und Gesellschaft: Studien zum Verhältnis zwischen Realität und Fiktion in den Romanen Mario Vargas Llosas. Romanistischer Verlag: Bonn 1996.

Scherer, Thomas: Mario Vargas Llosa: Leben und Werk Eine Einführung. 1. Auflage, Suhrkamp: Düsseldorf 1991

 

Bild: La Taberna von Cristóbal Rojas, gemeinfrei

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3 Gedanken zu “Fragmente zu Llosas „Totalem Roman“

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