Vom Vorteil des Juryentscheids / Vogel- und Barbarengötter: Buchpreis-Abstraktionen

In meiner Kolumne für DieKolumnisten erkläre ich heute, warum es sinnvoller ist Jurys über Kunstpreise abstimmen zu lassen als das Publikum oder den allgewaltigen Markt. Und das unabhängig davon, mit welcher Entscheidung man in einem gegebenen Fall oder im Mittel zufriedener ist:

„Sicher: Publikum und Jury treffen willkürliche Entscheidungen. Doch sind sie nicht in gleicher Weise willkürlich. Der Sieger beim Publikum siegt in etwa aus den gleichen Gründen wie Promiqueen, Klassensprecher oder Bundeskanzlerin. Es handelt sich um einen reinen Gefühls- bzw. Beliebtheitswettbewerb. Der Juryentscheid unterscheidet sich davon mindestens darin, dass man als Außenstehender voraussetzen darf, die Jury habe aus irgendwelchen sachlichen Gründen entschieden. Ob dem so ist oder nicht, ist dabei sogar zweitrangig: Als an individuellen Geschmack gekoppelte Prozesse, die eine qualitative Entscheidung behaupten, bieten Juryentscheide Diskussionsstoff. Wer Entscheidungen, wie sie auch jetzt wieder zum Deutschen Buchpreis anstehen, falsch findet, kann in jedem Fall mitdiskutieren. Man ist gezwungen, sich zu fragen, warum gerade dieses Werk ausgewählt wurde und muss sich mit dem Werk beschäftigen, wenn Gründe für oder gegen diese Entscheidung angeführt werden sollen.“

Ich bin nicht mehr dazu gekommen, mich mit den noch nicht besprochenen Shortlist-Titeln intensiver auseinander zusetzen, Ausnahme ist Der Gott der Barbaren, für den kommende Woche noch eine Besprechung erscheinen soll. Ich befürchte mittlerweile, dass dieser Titel das Rennen machen könnte, zumindest wird um ihn mit leichtem Abstand vor Sechs Koffer der meiste Rummel gemacht. Ebenfalls Chancen wären noch Nino Haratischwili einzuräumen – zumindest wenn die Jury sich der öffentlichen Meinung nicht entziehen kann.

Meine Hoffnung geht allerdings weiter dahin, dass mit Der Vogelgott das eine Werk auf der Shortlist und auch das einzige, seit ich den Buchpreis näher verfolge, ausgezeichnet wird, das zumindest das Potenzial hat langfristig in den literarischen Kanon einzugehen. Zwar ist Der Vogelgott kein seiner Zeit entkoppeltes Werk, bei Leibe nicht, doch ist es eines von ganz wenigen zeitgenössischen Werken, die nicht vor allen mit unmittelbaren Reaktionen auf den Zeitgeist glänzen (wollen).

Unten noch einmal die Liste aller Besprechungen von der Longlist; und meine Prognose ebenfalls für DieKolumnisten.

Bungalow von Helene Hegemann
Wie hoch die Wasser steigen von Anja Kampmann
Jahre später von Angelika Klüssendorf
Dunkle Zahlen von Mathias Senkel
Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! von Carmen-Francesca Banciu
Unter der Drachenwand von Arno Geiger
Hier ist alles noch möglich von Gianna Molinari
Sültzrather von Josef Oberhollenzer
Ein schönes Paar von Gert Loschütz
Sechs Koffer von Maxim Biller
Nachtleuchten von María Cecilia Barbetta
Die Gewitterschwimmerin von Franziska Hauser

2 Gedanken zu “Vom Vorteil des Juryentscheids / Vogel- und Barbarengötter: Buchpreis-Abstraktionen

  1. Marc sagt:

    Empfindest du Gott der Barbaren so schlecht? Finde für mich, dass er schon was preiswürdiges ausstrahlt, gerade, weil dieses Buch abseits des Mainstreams Thema behandelt, was uns Europäern kaum geläufig drin dürfte.
    Bei Der Vogelgott bin ich mit bei dir, aber eine Auszeichnung von diesem Buch wäre eine enorme Überraschung.

    Denke mal, dass es entweder Biller oder Thome unter sich ausmachen. Haratischwili wäre wohl eher eine Auszeichnung für den Vorgänger, der ja leider nicht berücksichtigt wurde.

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    1. soerenheim sagt:

      Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht preiswürdig (wobei meine weiteren Favoriten schon dem Cut zum Opfer fielen).

      Das Thema ist sicherlich interessant, aber das spielt für mich die geringste Rolle. Als Abenteuerroman liest es sich auch ganz gut, wenn auch streckenweise zu langatmig. Anstrengend finde ich, dass der deutsche Protagonist in vielen seiner Ansichten quasi als Leser-Surrogat aus dem 21. Jahrhundert in den Roman gebeamt scheint, und während ich es für erstrebenswert halte, Klischees zu unterlaufen, wird die Konstruktion, viele Klischees zu versammeln und gleichzeitig (wenig subtil) als solche zu benennen, doch selbst zum Klischee. Für mich wirkt Der Gott der Barbaren ein wenig wie ein Kurs „Einführung in die Kolonialismuskritik“ – und nicht mal unbedingt die beste.
      Wenn es aber Der Vogelgott nicht wird habe ich unte den Anderen keinen klaren Favoriten, wobei die Leseproben von Nachtleuchten und Archipel noch am interessantesten klangen.

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