Bücher des Jahres (Neuerscheinungen):

Alle machen es, und ich brauche auch Füllmaterial. Also: Die definitiv besten Neuerscheinungen des vergehenden Jahres (die ich gelesen habe). Mit Links zu den Rezensionen und kurzen Auszügen daraus.

VI: Amerika vor Kolumbus: Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents von Charles C. Mann:

„Entsprechend weitreichend sind auch die Schlussfolgerungen ökologischer Natur, die Mann, und mit ihm relevante Teile der neueren Forschung ziehen. Die weiten Prärien, über die bis zu 60 Millionen Bisons in gigantischen Herden ziehen: Kein paradiesischer Naturzustand, sondern Folge des Schocks der Zerstörung der sesshaften Einwohnerkulturen, die zuvor die Bestände kontrollierten. Die endlosen Wälder: Resultat des Ausbleibens der verbreiteten Praxis der Brandrodung. Das Amazonasbecken präsentiert Mann als eine Region, in der Millionen Menschen lebten, den unglaublichen Artenreichtum essbare Früchte als einen bewusst transformierten Kulturraum, in dem die notwendigen Supplemente zur fischreichen Kost der Flussufer halb wild angebaut wurden. Mann ist sich des Risikos bewusst, dass die Vorstellung eines seit Jahrtausenden kultivierten Amazonasbecken heutige Naturschutzbemühungen untergraben könnte (…)“

V: Der letzte Huelsenbeck von Christian Y. Schmidt

„Doch Der letzte Huelsenbeck beginnt richtig stark, mit einer Schlacht zwischen mit den Huelsenbecks lose verbundenen Outsidern und dem besser gestellten Teil der Verwand- und Bekanntschaft auf der Beerdigung des charismatischen Ex-Huelsenbecks Viktor. Bald wird der Erzähler von Visionen des toten Viktor verfolgt und die Selbstsuche beginnt.

Und der Roman verliert erstmal kaum Tempo. Die zweifache Reise, das zunehmende fragwürdig Werden aller Realität, während der Erzähler gleichzeitig alles immer mehr mit Bedeutung auflädt und überall in der Welt Verfolger und Hinweise zu sehen glaubt – das ist sehr überzeugend gearbeitet, so dass dem Leser gleichsam keine Möglichkeit geboten wird, aus dem zwanghaften Denken des Protagonisten auszubrechen – take it or leave it.“

IV: Wie hoch die Wasser steigen von Anja Kampmann

Von Kapiteln zu Kapitel, von Ort zu Ort, am besten vielleicht: von Bild zu Bild – schafft es Kampmann, in gleicher Dichte neue Szenerien aufzubauen und einen Erzählstrang, der trotz gewaltiger Brüche nicht brüchig wird durch all diese Themen zu ziehen. Jede Szene hat ihren eigenen Ton: Marakesch ist staubig und verschwitzt, Budapest kühl, feucht und wie versteinert, das südlich Ungarn trocken und grasig und von verdrängter Trauer um den verlorenen Freund Matyas durchtränkt.
Wie hoch die Wasser steigen bleibt genauso stark, wie der Auftakt vermuten lässt. Damit sollte Kampmann auch eine der Favoritinnen auf den Buchpreis sein.

III – Dunkle Zahlen von Matthias Senkel

Wie ich bereits in den Prognosen zum Preis der Leipziger Buchmesse schrieb, ist Dunkle Zahlen von Matthias Senkel ein hochambitioniertes Projekt. Nach der Rahmenhandlung handelt es sich im Hauptteil um eine durch ein dafür geschaffenes Computerprogramm erstellte Geschichte. Der Rahmen einer futuristischen Welt, in der ein Khagan eine Siedlung der „neuen Moskauer Rus“ besucht, und die Welt einerseits ziemlich zerfallen, andererseits von Resten hoher Technologie durchsetzt wirkt, ist allerdings tatsächlich fast noch einen Ticken interessanter als die Haupthandlung. Schade, dass sie tatsächlich nur als Anstoß zur „eigentlichen“ Geschichte dient. Immerhin, Die Entstehung eines Vorgängermodells der Geschichtenmaschine GLM wird in der Haupthandlung angerissen.

Dunkle Zahlen ist ein mit großem Anspruch angetretener Roman, der zwar einige Längen aufweist, beim Deutschen Buchpreis allerdings bessere Chancen haben sollte als in Leipzig. Denn während Leipzig regelmäßig eher gediegene Kandidaten auswählt, hat der Buchpreis schon mehrfach das Spektakuläre belohnt. Und Dunkle Zahlen von Mathias Senkel ist Spektakel mit Substanz. Allerdings, das dürfte manchen Lesern sauer Aufstoßen: Ohne Auflösung des zentralen Rätsels des Mireya-Plots…

II – Der Vogelgott von Susanne Röckel

Wow, was für ein Roman. Ein Text wie aus einer anderen Zeit. Um nicht zu sagen einer anderen Welt. Der Vogelgott von Susanne Röckel wirkt, wie geschrieben von einer Autorin, die es geschafft hat, den Standardisierungstendenzen des Literaturbetriebs und seiner Schreibschulen schlafwandlerisch auszuweichen, die nicht mal von der Mühe dieser Ausweichmanöver gezeichnet ist. Wirkt wie geschrieben von einer, die das Brüchige fassen möchte und kann ohne das Erzählen selbst – und in dieser vordergründig bemühten Weisen, die heute so dominiert – zu zerbrechenn. Kafka wurde als Parallele schon einige Male herangezogen, ich möchte die lateinamerikanischen Schriftsteller der Vor- und Früh-Boomphase noch in den Ring werfen, besonders Cortazar. Dabei ist Der Vogelgott alles andere als antiquiert: Modern, sicherlich. Aber eben nicht marktgängig-modernistisch.
Ein Text für die Ewigkeit, an den Werbe- und Selbstversicherungsritualen des Literaturbetriebs eigentlich gar nicht zu messen. Warum es aber immer wieder sinnvoll sein kann, mit solchen jurygebundenen Preisen einzelne Titel aus dem Mahlstrom des Marktes herauszuheben, zeigt Der Vogelgott eindrücklich: Susanne Röckel (Jahrgang ’53) veröffentlicht seit 1989 auch, aber nicht nur, in kleinen Verlagen. Und erst jetzt besteht die Chance, dass aus dieser einzigartigen Autorin mehr als nur ein besonders geheimer Geheimtipp werden könnte.

I: Fairwater von Oliver Plaschka

“ (…) Und worum geht es in Fairwater? In Fairwater, dem heruntergekommenen provinziellen Venedig Marylands, geschahen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rätselhafte Morde. Der Mörder dringt in die Wohnräume des Opfers ein, ohne Spuren seines Eintretens zu hinterlassen. Wie in einem klassischen Krimi setzt sich erst die Washingtoner Journalistin Gloria auf die scheinbar kalte Spur. Sie weilt zur Beerdigung ihres verschwundenen Freundes Marvin in der Stadt ihrer Kindheit. Marvin wurde für verstorben erklärt, sein Sarg wird leer beerdigt. Nach der Dauer einer kurzen Novelle (130 Seiten) verlässt Gloria Fairwater und glaubt den Fall gelöst zu haben. Der Leser aber ist so klug wie zuvor. Fairwater allerdings hat kaum begonnen. In insgesamt sechs weiteren Kapiteln wird das zentrale Thema stets aufs Neue angegangen. Wurde das Königshaus einer alten außerirdischen Zivilisation vor langer Zeit in Fairwater verstreut und behält nur Fetzen der Erinnerung an seine Herkunft? Oder sind das nur die Traumbilder eines jungen Mannes, der als Kind Qualen, Enttäuschungen und einen schweren Unfall durchlitt? Oder ist es der quasi metaphorische Ausfluss einer kollektiven Massenpsychose? Hat die Industrie der Familie Van Bergen des Trinkwasser verunreinigt? Haben gar Regierungsorganisationen ihre Finger im Spiel? Oder sind die Spiegel des Herrn Bartholemew tatsächlich Tore in eine andere Welt? (…)“

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