Eine Ölbohrplattform vor der marokkanischen Küste. Im Westen das tobende Meer, von Osten Insektenplagen. Drückende Hitze. Rauhbeinige Kerle, die jeder eine eigene interessante Geschichte mitbringen dürften und relativ gleichberechtigt im Fokus stehen. Dazu eine Sprache zwischen Wucht und poetischer Dichte, die genau auf das Szenario abgestimmt scheint.

Die See bei Nacht ist das Dunkelste, was einem begegnen kann. Hinter schweren Gewitterwolken war der Mond unsichtbar und der Horizont kaum zu unterscheiden von dem Schwarz, in dem die Wellenberge sich türmten, um wieder und wieder Atem zu holen, während der Wind, was an Gischt und Schaum zu holen war, über die Wellenkämme peitschte.Weit unten schwankte die Plattform an ihren langen Stahltampen,zerrte an den meterdicken Stiften, tief im Meeresgrund verankert, gab ihr helles Licht in einigem Umkreis an das wogende Braun.“

Die Leseprobe von Wie hoch die Wasser steigen lässt ein Buch erhoffen, das tatsächlich künstlerisch durchkomponiert ist, Form und Inhalt kompromisslos ineinandergreifen lässt. Gegen Ende der ersten 30 Seiten verschiebt sich der Fokus aber auf den Protagonisten Waclaw, der auf der Plattform einen engen Freund verloren hat. Aus dem Klappentext weiß man: Er wird der zentrale Charakter bleiben, das Buch begleitet seine Rückkehr nach Deutschland und die Schwierigkeit von der Parallelwelt der Ölbohrplattform in die Welt zurückzufinden. Stehen und fallen dürfte der Roman damit, ob es ihm gelingt, sich sprachlich für jede der neuen Situation, in die Waclaw verschlagen wird, neu zu schaffen (ob also dem so passenden Ölbohrduktus Äquivalente gegenüberstehen, oder ob hier einfach ein Stil durchgezogen wird) – OHNE DASS der Roman den Anspruch auf das geschlossene Ganze aufgibt.

Neben Dunkle Zahlen ist Wie hoch die Wasser steigen in jedem Fall der Kandidat auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchpreises, den ich unbedingt weiterlesen möchte. Die Verengung allerdings stößt mir persönlich ein wenig sauer auf, so groß war die Hoffnung, dass sich einmal wieder einE AutorIn an einem großen gleichberechtigten Figurenensemble versucht, das ein ganzes Bündel an Lebenserfahrungen und Konflikten auf engem Raum zusammen bringt. Beschädigte Charaktere auf Sinnsuche, davon gibt es doch weiß Gott genug. Wie dem auch sei, Wie hoch die Wasser steigen könnte ein würdiger Buchpreisträger werden. Neben Grüne Grenze auch in der Prognose mein Favorit.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

Hier gibt es Besprechungen des kompletten Buches:

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