Das einzige Nicht-Oberschicht-Buch ist ein Oberschicht-Buch. Nicht Wie Ihr von Tonio Schachinger

OK Leute. Ich kann nicht mehr mit diesem Buchpreis. Ich will wieder gute Bücher lesen. Die Bücher, die man auch 5 oder 10 mal liest. Langfristig gesehen (also mal aus dem Denken des Marktes raustretend – kann das noch wer?): Wozu braucht es andere?

Nicht Wie Ihr von Tonio Schachinger ist als Roman über einen Fußball spielenden Multimillionär tatsächlich im gesamten Feld des Buchpreises der Roman, der am wenigsten aus einer bildungsbürgerlichen Perspektive geschrieben ist. Der Autor versucht sich an einem von Fußballmetapher durchzogenen österreichisch, das sich hier und da ganz nett liest, oft aber auch schrecklich bemüht wirkt:

„Möwen haben keine Angst vor Menschen, aber auch keinen Respekt. Möwen denken nur an ihr eigenes Überleben und das ihrer Frau und ihrer Kinder, sie sind die Overachiever der Meere. Aber man muss bei ihnen gar nicht von Potenzial reden, dem geflügelten Wort schlechthin, dem Wort, das Ivo schon sein ganzes Leben lang begleitet, obwohl es nichts bedeutet. Möwen sind nicht wie Stefan Maierhofer, von dem damals gesagt wurde, er hätte das absolute Maximum aus sich herausgeholt, indem er als absolut untalentierter Schweinskicker 19 Spiele fürs Nationalteam gemacht hat. Stefan Maierhofer wäre eher ein verwirrter Storch, der aus unerklärlichen Gründen am Meer oder in einem Freibad landet und dort gegen jede Natur eine Nische findet. Möwen sind noch schlimmer als der Maierhofer, Möwen sind wie die seelenlosen Maschinen, die jedes Jahr aus den deutschen Akademien strömen, ohne eine Ahnung von der Welt oder von sich selbst, die 500 Pässe spielen können mit einer Quote von 94 %, aber keinen einzigen, der ihnen selbst einfällt. Max Mayer ist eine Möwe oder Leon Goretzka oder Timo Werner. Möwen sind witzlos, wie die Menschen im 21. Jahrhundert sein sollen, rotäugig und rücksichtslos aus purer Ignoranz, Einzelgänger, die keine Rudel bilden, keine richtigen Familien, keine Gemeinschaft.“

Sorry, aber Fußballer denken genauso wenig ständig in Fußball-Bildern und Vergleichen, wie der innere Monolog eines Schriftstellers dauernd um Bücher und Stifte und was auch immer kreist. Aber vor allem denkt dieser vom Erfolg überrumpelte Aufsteiger, dieser Mensch, der offenkundig eher proletarisch, eher derb, eben nicht bildungsbürgerlich sein soll, wie bereits die Möwen-Passage zeigte, doch wieder genau die gleichen Gedanken, die wir in den meisten anderen Shortlist-Titeln auch lasen, nur in einer etwas anderen Sprache:

„Es ist das erste Spiel der Saison, zu dem alles hingeführt hat: die Vorbereitung mit ihren endlosen Fitnesstests und Besprechungen, die Testspiele und irgendwie sogar der Urlaub, dessen Sinn ja nur darin liegt, ausgeruht zurückzukommen, um möglichst gut zu spielen.“

Es ist dieses unbedingt Links sein wollen, das kein eigentliches Linksein ist, weil es rein aus dem Bauchgefühl bekommt, und dieses Sozialkritik predigen, weil es keinem der Autoren gelingt, tiefer in die Struktur einer Gesellschaft einzusteigen und Sozietät zu zeigen – meinetwegen ja: zu sezieren – das den ganzen diesjährigen Buchpreis beinahe noch unerträglicher macht als bereits im vergangenen Jahr. Und in den Jahren davor. Ich habe Schachinger abgebrochen, ich kann einfach nicht mehr. Ich muss jetzt erstmal wieder anspruchsvolle Literatur lesen, zum Entspannen. Die großen Lateinamerikanischen Romane werden wieder aufgenommen, vielleicht entsteht endlich bald die Carpentier-Serie hier. Und die Hauptwerke von Virginia Woolf. Die Thomas-Mann-Hörbücher, vielleicht einmal mehr Morrissons JAZZ. Arno Schmidt. Die Dostojewskij-Serie will fertiggestellt werden. Und der beste Roman des vergangenen Jahres noch einmal gelesen: Der Vogelgott, jener eine Shortlist-Ausreißer.

 

Bild: Pixa, gemeinfrei

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