Eine Welt schaffen, ohne sie zu beschreiben. Dostojewskijs Die Dämonen

Ich möchte mit einer Überlegung beginnen, die mich beim Lesen & Hören der Werke Dostojewskijs immer wieder umtreibt: Wie kommt es, dass dem aufmerksamen Leser die Welten des Autors so plastisch vorkommen? Beengte Zimmer und Buden, Holzhütten, heruntergekommene Viertel, die Salons kleinen Aristokratie, in denen sogar die Einrichtung zwischen Dekadenz und Langeweile schwankt, im Winter verschneite, im Sommer feuchte Straßen – eine Welt der gesättigten Tristesse, durchaus voller bunter, ausdrucksstarker Farben, die jedoch bereits durch die Zeit verwaschen wirken. Eine Welt, die in meiner Gesamtausgabe nur zu treffend durch die Gemälde Edward Munchs illustriert ist.

Was frage ich so blöd, wie kommt es? Na weil Dostojewskij diese Welt so überzeugend beschreibt, du Dösbattel!

Aber, wird der noch etwas aufmerksamere Leser einwenden: Dostojewskij beschreibt ja gar nicht. Und tatsächlich, es gibt unglaublich wenig beschreibende Passagen im Werk Dostojewskij. Und selbst diese Beschreibungen sind verglichen mit denen Manns oder auch Tolstojs reine Skizzen, es wird gar nicht versucht eine Szene so richtig umfassend vors Auge zu stellen. Doch Tolstoi fabriziert, im Gegensatz zu Dostojewskij – man verzeihe – letztlich nur eine Pappkulisse voller steifer Szenen und Charaktere (Ausnahme: Die Schnepfenjagd in Krieg und Frieden).

Es scheint Dostojewskij dagegen zu gelingen, die Welt ganz durch ihre Figuren zu erzeugen. Die vielen, immer etwas überzogenen, Charaktere mit ihren Idiosynkrasien, ihren Krankheiten, ihren verschiedenen Typen der Gereiztheit, ihren politischen Ansichten, denen immer etwas religiöses innewohnt, ihrer oft auch heftigen christlichen Religiosität. Die scheinen es zu sein, die eine Welt implizieren, für die dann die paar beschreibenden Rahmenbilder ausreichen, um sie für immer ins Gedächtnis des Lesers zu brennen. Dostojewskijs Welt steht vor dem inneren Auge, als könnte man sie durchwandern, wo die Welten vieler Autoren, die viel Zeit auf Worldbuilding verwenden, am Ende austauschbar bleiben. Ähnliches gilt übrigens für Nabokov, der dem ungeliebten Dostojewskij mehr verdankt, als man glauben mag, auch der beschreibt eigentlich wenig ausführlich, schafft Welt erst durch Handlung bzw. Sprachhandlung und eine ganz besondere Art seiner Figuren, der Welt entgegenzutreten.

Die Dämonen war mein erstes Buch von Dostojewskij, und es ist vielleicht der Roman, in dem diese Erschaffung der Welt aus den Figuren am auffälligsten zu Tage tritt. Der intrigante Petr Stepanowitsch, der suizidale Schatow, der getriebene Träumer Stawrogin und die handfeste Warwara Petrowna sowie viele weitere, sie alle stecken überhaupt erst den Rahmen des kleinen Dörfchens ab, in dem diese verrückte Geschichte um eine revolutionäre Fünfergruppe und ganz viel Hysterie einer Bevölkerung, die auf ein solches Ereignis nur gewartet hat, sich überhaupt abspielen kann. Die Dämonen ist ein Meisterwerk, was sich mir schon allein daraus zeigte, dass ich es selbst mit 20, als mich Dostojewskijs negative Behandlung der Anarchisten noch persönlich beleidigte, zwar manchmal gegen die Wand feuerte, doch sonst nicht aus der Hand legen konnte und gleich mehrfach las.

Dostojewskij ist ein konservativer, ja ein zutiefst reaktionärer Autor. Sein Tagebuch eines Schriftstellers ist voller antisemitischer Ausfälle, und alle seine späteren Romane enthalten in ihrer Gesellschaftskritik antisemitische Subtexte. Aber anders als modernen Politautoren, gelingt es Dostojeskij, dennoch sich immer wieder in alle seine Charaktere gleichermaßen einzufühlen, dem Leser ein gleichberechtigtes Personal vorzulegen, statt ihm über eine dominante Figur die eigene Position aufzudrängen. Niemandes Haltung in Die Dämonen lässt sich so überhaupt nicht nachvollziehen, und was mancher dem Autor heute als Weitschweifigkeit vorrechnet, funktioniert genau in diesem Sinne hervorragend: Jede Haltung, jeder Lebensentwurf tritt in vielerlei Interaktionen, und doch macht Dostojewskij nie den Fehler moderner so genannter polyphoner Romane, seine Handlungsfäden ganz aus der Hand zu geben und in erster Linie Milieustudien zu betreiben. Ich bevorzuge mittlerweile das noch etwas besser balancierte Die Brüder Karamasow, doch gerade wegen der etwas sensationsheischenden Geschichte ist Die Dämonen noch immer einer der besten Einstiege ins Werk. Dostojewskij ist hier auf der Höhe seines Schaffens, die Geschichte allerdings verlangt nicht ganz so viel sich Einlassen auf eine ganz andere Lebensrealität, wie andere Werke des Autors.

Bild: Wiki, gemeinfrei

2 Gedanken zu “Eine Welt schaffen, ohne sie zu beschreiben. Dostojewskijs Die Dämonen

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