Marion von Schiefgelesen hat mich auf dieses ungewöhnliche kleine Buch aufmerksam gemacht, das, mit seiner Absage an Sinnstiftungs, zeitgeistiger Zeitkritik und den zumindest hier und da aufblitzenden Versuchen, auch sprachlich den Zusammenhang des Was-passiert-als-Nächstes zu überschreiten, im Programm der größeren deutschen Verlage recht einsam dasteht.

Wobei man sich sprachlich auch zu viel nicht erwarten sollte. Von der kunstvollen Sprachgestaltung, mit der ein Peter Kurzeck oder ein Arno Schmidt oder die kürzlich endlich zum verdienten Ruhm gekommene Susanne Röckel gewissermaßen eine Sprache neu schöpfen, die nur im Zusammenhang mit dem jeweiligen Werk denkbar ist, ist Ahrens weit entfernt. Das meiste, was er schreibt, könnte so auch in alltäglicher Spannungs- oder Befindlichkeitsliteratur stehen, durchsetzt allerdings mit durchaus passenden Archaismen und einem Gefühl für Bilder, die die jeweilige Stimmung gut unterstreichen.

Carrol, Dante & Sartre

Lauf Jäger Lauf wurde als erwachsenes Alice im Wunderland beschrieben und zugleich von der professionellen Kritik unter anderem als Weltfluchtroman eingeordnet. Ich bin mir nicht sicher, wie weit sich vor allem das zweite Urteil aufrechterhalten lässt. Ja: In Lauf Jäger Lauf steigt ein Oskar Zorrow ohne größeren Anlass aus einem fahrenden Zug Richtung Großstadt, um einen Fuchs zu verfolgen, gerät in die Gemeinschaft der „Widergänger“, die sich vor dem gefürchteten Erk verbergen und denen es zum Credo geworden ist, dass es die große Stadt „Nillberg“ in die sich Zorrow aufgemacht hatte, nicht gebe. Aber die Gesellschaft mit starren Hierarchien, unmittelbarer Gewalt, und ewiger Angst, die die Weltflüchtigen aufgebaut haben, wirkt doch kaum wie eine positive Alternative zum Zeitgeist, vor dem sie sich so sehr fürchten. Schlimmer: Sie wirkt wie die Zwänge des Zeitgeistes, kondensiert, personalisiert und verstärkt. „Die Hölle, das sind die anderen“ – Lauf Jäger Lauf ist vielleicht eher eine Mischung aus Alice im Wunderland und Sartres Geschlossene Gesellschaft. Als weiteren Textbezug ließe sich vielleicht neben den im kurzen Nachwort von Autor genannten (Ehm Welk, Mörike) auch noch Dantes Göttliche Komödie heranziehen. Das neugierige Abweichen von Weg, das Finden einer düsteren Parallel- oder Unterwelt, all das weist eine gewisse Ähnlichkeit auf. Und sind nicht zumindest in der griechischen Tradition die Elysischen Felder, später manchmal mit dem Vergessen bringenden Avalon der Arthurzyklen kurz geschlossen, mit der Unterwelt assoziiert? Morrzow, so der Name der fantastischen Region, die es Zorrow verschlägt, wäre dann eine Durchgangsstation auf dem Weg in etwas anderes, oder negativer gefasst die Station eines verpassten Durchgangs. Dazu wiederum korrespondiert, dass das fast-Annagram auf Zorrow, Morrzow, zu einer psychologischen Deutung der Erlebnisse im Zwischenreich natürlich geradezu drängt.

Kein Weltflucht-Roman

Dass es sich bei Lauf Jäger Lauf keineswegs um einen Roman handelt, der die Weltflucht feiert, legt auch das nach all den Schwebezuständen überraschend deutliche Ende nahe. In diesem folgen wir Zorrow, wie er das von seinen Bewohnern zerstörte Morrzow verlässt, die letzten Begleiter wie Gepäckstücke beiseite schubst und sich endlich auf nach Nillberg macht, um seine Lulu aufzusuchen, die anfangs noch eine der „Bedrohungen“ gewesen sein dürfte, die Zorrow in Nillberg Angst machen. So gesehen böte sich eine fast schon enttäuschende, reichlich konservative, Lesart von Lauf Jäger Lauf an: Die Welt der Wiedergänger wäre das aufgewühlte Zwischenreich der eigenen Wahrnehmung, durch das sich ein junger zukunftsängstlicher Mensch kämpft, ehe er sich der Realität der Familiengründung stellt. Der Schlusssatz des Buches lautet übrigens „Nillberg forever“, nicht „Morrzow forever“.

Bild: Pixabay, gemeinfrei