Das Buch, das den Preis verdienen würde. Oder besser: Dass man es nicht vergisst. Hier sind Löwen von Katerina Poladjan.

Dass es wahrscheinlich nicht überzeugend für die Literatur eines Sprachraums als Ganzes sprechen kann, wenn fast alle Texte die gleiche Obere Mittelklasse/Künstler/Elitenperspektive (samt einer meist ähnlichen, eher bauchgefühlig- als analytisch-, linksliberalen, Ausrichtung) teilen, ist mein Hauptthema der diesjährigen Buchpreispreisberichterstattung. Zum Glück gibt es Hier sind Löwen von Katerina Poladjan, um aufzuzeigen, dass es der Kritik nicht um die „Verortung“ an sich geht, noch darum, dass mir die politische Botschaft nicht zusagen würde, sondern allein um das Problem der freiwilligen Nominierung – auf einen bestimmten Ton, gewisse immer wiederkehrende stilistische Mittel, die größtenteils ihrer ästhetischen Funktion entkleidet sind, eine Haltung, die vor allem spiegelt, was der Markt für sogenannte gehobene Literatur erwartet, beziehungsweise was die Produzenten erwarten, dass es der Markt erwartet.

Das Buch der Bücher über Bücher (der Bücher)

Aber Hier sind Löwen ist der Ausreißer. Das Buch, das zeigt, dass es auch in deutscher Sprache noch möglich ist zu  s c h r e i b e n . Allein diese brillanten Szenen auf den ersten Seiten in Istanbul. Diese Kombination aus atmosphärisch überzeugenden, von Klischees freien Stadtbeschreibungen, gerade genug Rückblende, damit uns die Hauptfigur interessiert, und genug Geheimnis, um unbedingt weiterlesen zu wollen. Eingestreute rhythmische Erinnerungen an Buchbinderarbeit, was die kurze dichte Beschreibung des Geruchs, und Mutmaßungen über die Geschichte eines Buches, die den Roman eröffnen, erklärt. In der Folge dann: In gleicher Konsequenz die Montage der Reise der Protagonistin nach Jerawan, wo sie ein Buch restaurieren soll, und, eher gedrängt als aus eigenem Antrieb, für die Mutter auch ein wenig nach den eigenen Wurzeln gräbt. Die Beschreibung von Stadt und sozialen Verflechtungen bleibt immer auf dem gleichen hohen Niveau, die Bildhaftigkeit bleibt aufrecht erhalten, beides gebrochen von Dialogen, die einen Hauch des Absurden in sich tragen. Ob in Armenien oder am Telefon mit Deutschland, viel zu oft wird knapp aneinander vorbeigeredet:

»Danil, ich werde jetzt mal aufstehen.«»Bleib noch ein wenig liegen.«»Meinst du?«»Oder geh ins Museum. Besichtige Kirchen.«»Mir wird schon etwas einfallen.«»Du könntest duschen.«»Die Dusche hier kann singen.«»Um so besser. Du klingst müde.«»Ist Müdigkeit ein Gefühl?«»Nein. Ein Zustand. Was ist das für eine Musik?«»Warte, ich mache sie aus.«»Seit wann hörst du Jazz?«»Immer schon.«»Wirklich?«

Aber irgendwie versteht man sich trotzdem. Und im Hintergrund der Ararat, der sich über Monate den Blicken entzieht, im Nebel liegt, sich ausgerechnet während einer Autopanne erstmals der Protagonistin enthüllt. Und im Zusammenspiel mit der Lakonie, mit der der Taxifahrer die Panne erträgt, erstmal eine raucht und den Ararat preist, doch noch eine Idee von seiner Heiligkeit vermittelt. Und diese Alltagserfahrungen wiederum konterkarriert von einer Geschichte, die sich anfangs wie ein geradezu hermetisches Märchen liest, in kurzen Passagen von ein bis zwei Seiten vorgetragen wird, die langsam länger werden. Eine Geschichte von der Flucht vor dem Völkermord 1915ff, was erst relativ spät wirklich klar wird, eine Geschichte, die die Protagonistin wahrscheinlich aus Randbemerkungen, kurzen Sätzen nur, aus dem Buch zusammen spinnt, das sie restauriert. Das ist nämlich ein altes Evangeliar, das in Armenien von Generation zu Generation weitergegeben wird, eine Art prachtvoll illustrierter Taschenbibel, in der sich ihre Träger auch gern selbst verewigen. Dabei wird die Geschichte übrigens nicht, wie es in vielen modernen Schema-F Romanen geschieht, einfach im sturen Wechsel mit der Haupthandlung, Kapitel für Kapitel abgespult, sondern steht stets in rückblickend kenntlich werdendem Verhältnis zu Vorangegangenem oder Folgenden.

Komplex, doch nicht „schwierig“

Ja, Hier sind Löwen ist auch ein Buch über Bücher, und auch hier eines der seltenen gelungenen, ohne das ständige Geschwalle darüber, wie toll Bücher seien und wie wichtig das Lesen. Ein Meisterwerk, das auf 200 Seiten mehr erzählt als andere auf 1000, dessen einzelne Sätze ein Genuss sind, dessen Ton immer genau zu dem passt, was gerade vermittelt werden soll, und das doch so brüchig und unwuchtig ist, wie es die Geschichte, besonders die Geschichte im Sinne von Historie, verlangt, von der der vordergründig unpolitische Texte durchtränkt ist.

Dieser Roman sollte Buchpreisträger sein, da kann es in diesem Jahr noch weniger Zweifel geben als im vergangenen Jahr bei Röckel, deren Text vielleicht noch einen Tick stärker gewesen sein mag, aber dabei auch deutlich schwerer zu erschließen, so dass man der Jury ihre Entscheidung verzeihen mag (außerdem hatte Röckel stärkere Konkurenz). Hier sind Löwen dagegen ist durchaus zugänglich. Die Geschichte ist von der ersten Seite an spannend. Die sprachliche Gestaltung ist durchdacht, doch nicht „schwierig“.

Ein durchweg herausragender Roman, mehr als einfach nur ein Buch des Jahres. Der einzige relevante Konkurrent wäre nach derzeitigem Stand Prossers Gemma Habibi, doch das wurde ja nicht mal nominiert.

Bild: Pixa, gemeinfrei

Ein Gedanke zu “Das Buch, das den Preis verdienen würde. Oder besser: Dass man es nicht vergisst. Hier sind Löwen von Katerina Poladjan.

  1. marinabuettner sagt:

    Ich habe abgebrochen. Fand nichts daran spannend, auch nicht die Sprache und schon gar nicht diese vorhersehbare Liebesaffäre. Da fand ich z.B. Nora Bossong mit „Schutzzone“ wesentlich ausdrucksstärker in Sprache und Inhalt.

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