Norbert Scheuer, Die Sprache der Vögel

In Norbert Scheuers „Die Sprache der Vögel“ ist die Ornithologie, also die Vogelkunde, dem Protagonisten Paul Arimond ein Fluchtweg aus dem Bundeswehrlager in Afghanistan, wo er seinen Dienst tut. Arimond versucht den Unfall eines Freundes, den er zu verantworten hatte, als Sanitäter in Afghanistan zu verarbeiten. Dabei folgt er gedanklich den Pfaden eines entfernten Vorfahren, der dort vor langer Zeit nach der „Universalsprache der Vögel“ geforscht hatte. Ornithologie ist Arimond sozusagen Flucht in der Flucht. Und während Arimond seltene Vögel katalogisiert, fliegen seine Sehnsüchte immer wieder zu einem nahen See, einem Vogelparadies, der für ihn als Sperrgebiet lang jedoch nicht zu erreichen ist – Kristallisationspunkt aller Sehnsucht.

Der Roman ist zweigleisig aufgebaut. Ein Strang erzählt die Geschehnisse, die zu Arimonds Entscheidung, zum Bund zu gehen, führten, der andere die Geschehnisse in Afghanistan. In beiden Strängen bedient Scheuer sich einer einfach aufgebauten, doch sehr bildlichen Sprache. Vieles wird nur angedeutet, um den oben skizzierten zweifachen Plot nachzuvollziehen muss der Leser oft zwischen den Zeilen lesen. Manchmal trägt Scheuer etwas dick auf, etwa wenn er einen alten Veteranen, der Arimond den Anstoß zur Verpflichtung gibt. Auch ob es wirklich gelingt, die beiden Stränge in einer funktionierenden Erzählung zu integrieren darf kontrovers diskutiert werden. Ich denke: ja. Auf symbolischer Ebene. Die Vögel sind überall, sie kennen keine Grenzen und machen so für den Leser den Kontrapunkt zu Arimonds immer wieder an harrsche Grenzen stoßenden Leben aus. So ergibt auch die deutliche Ab-Grenzung beider Erzählstränge Sinn.

Auch wenn es eine „Offene-Grenzen-Thematik gibt und der Alltag im Lager in Afghanistan auf praktisch alle Soldaten negative Einwirkungen hat, ist „Die Sprache der Vögel“ nicht einfach ein Antikriegsroman. Die Rolle der Bundeswehr and der anderen Armeen dort wird durchaus ambivalent betrachtet, den beliebten Euro/US-zentrischen Fehlschluss, dass einfach der Westen weltweit seine Soldaten abziehen müsste und dann wäre Frieden oder die Welt zumindest besser, erlaubt sich der Roman nicht.

Ein tatsächlich wunderschön zu lesender Roman mit einigen kompositorischen Schwächen, der beim Plot teils Abkürzungen nimmt. Der Leser wird sich auf die assoziative Art Szenen zu verknüpfen einstellen müssen, dann aber fliegt man geradezu durch das Buch. Ja: was die Behandlung des Vogelthemas betrifft ist der Roman bis in die Nuancen der Sprache rund.

Anspruch ***
Ausführung ****

2 Gedanken zu “Norbert Scheuer, Die Sprache der Vögel

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