Dass Im Unterland von Robert MacFarlane gut werden könnte, legt bereits die Gestaltung des Umschlags nahe. Da streckt sich ein tiefer Hohlweg, Äste verzweigen sich in zahlreichen Farben, der Blick geht auf eine gelbe Nebelwand. Doch auch die skizzierten Äste könnten bereits an Höhlen, Stollen erinnern, und die gesamte Farbgebung hat etwas von der Pracht steinzeitlicher Höhlenmalereien.
Solch ein Titelbild wählt man nicht (oder sollte es nicht), wenn man nicht überzeugt ist, Großes liefern zu können.

Im Unterland ist eine faszinierende Mischung von Beobachtungen und Überlegungen, die der Autor auf die ein oder andere Weise unter Tage gemacht hat. Schon geradezu „klassische“ Örtlichkeiten werden besucht, wie etwa die Katakomben von Paris, ebenso auch ganz unerwartete, etwa das Unterholz des Londoner Epping Forest. MacFarlane schildert plastisch die Eindrücke seiner Abstiege in die Unterwelt, und spart dabei weder mit persönlichen Emotionen, noch mit dem Aufrufen des unterweltlichen Mythenschatzes oder gänzlich freien Assoziationen. Er erzählt Geschichten wie die des Höhenkletterers Neil Moss, dessen langsames Sterben in einer Spalte der Peak Cavern 1959 ganz Großbritannien live mit erlebte, oder die des Dichters Sean, den die verzweigten Höhlensysteme unter den Mendip Hills zu seinen Texten anregen. Immer wieder versucht sich Im Unterland auch an gesellschaftsphilosophischen Fragestellungen. Dass etwa derzeit in Westeuropa die ersten Generationen leben dürften, die in der Breite nicht wissen, wo ihre sterblichen Überreste einmal begraben werden (oder ob überhaupt) scheint durchaus ein bedeutender Aspekt, der die Unstetigkeit der modernen Gesellschaft verdeutlicht, doch eher selten bedacht wird.

Im Unterland ist mehr als ein nettes Buch über Höhlenkletterei. Es möchte das westliche Verhältnis zur Unterwelt überhaupt ausloten, und versteht die Unterwelt dabei auch regelmäßig metaphorisch, als Teil der einzelnen und kollektiven Psychologie. Was wollen wir verstecken, verbergen, was an den Tag bringen? Was suchen wir dort unten, wovor fliehen wir ? – das sind ex- wie implizit immer wieder gestellte Leitfragen. Die Unterwelt spielt ihre Rolle als Rohstofflager, als der Ort, wo nach dunkler Materie geforscht werden kann, als prekäres Endlager für radioaktive Materialien usw usf. Doch wirken die gesellschaftlichen Überlegungen MacFarlanes niemals aufdringlich. Im Unterland Ist keines dieser noch immer typisch deutschen Bücher, die vor allem einen zentralen Gedanken rüber bringen möchten, sondern ein Spiel mit Ideen, das aus einem Spiel mit Bildern erwächst.

Und dabei ist Im Unterland auch sprachlich wagemutiger, als so manches Stück moderne Literatur. MacFarlane ringt sichtlich um eine Sprache, die den Zauber seiner Unterwelt auch tatsächlich auszudrücken vermag, und meist mit großem Erfolg. Die deutsche Übersetzung ist voller Passagen, die direkt aus der Feder eines Kurzeck, einer Röckel, stammen könnten, und fällt nur durch einige wenige (dann allerdings schmerzhafte) Misstöne auf. Ein faszinierendes Buch, dessen Umschlagsgestaltung nicht zu viel verspricht.
Allerdings hätte ich mir auch im Inneren durchaus ein paar großformatige farbige Bilder gewünscht. Es stimmt, es braucht nicht unbedingt Bilder als Supplement zu solchen Beschreibungen, vielleicht könnten sie sogar eher stören. Aber es gibt ja Bilder: Kleinformatige, in Schwarzweiß. Und wenn man schon bebildert, warum dann nicht gleich ordentlich?

Aber was solls. Man wird die Lektüre sowieso regelmäßig in der Nähe eines Computers verbringen, um all die Wunder der Unterwelt, die MacFarlane vorstellt, dann doch einmal mit eigenen Augen zu betrachten.

Bild: Pixa, gemeinfrei