Ringen mit Glaubens-Zweifeln in starken Bilden: „Angel’s Egg“. Movie Monday V

Nachdem es am Freitag um Belladonna of Sadness ging folgt am Movie-Monday gleich noch ein Anime-Klassiker. Angel’s Egg (Mamoru Oshii) ist nicht ganz so berühmt wie Belladonna, ästhetisch nicht ganz so wagemutig und daher etwas leichter mit heutigen Sehgewohnheiten zu vereinbaren. Herausragend ist der Film dennoch, und das aus zwei Gründen.

Erstens: Es handelt sich um ein Meisterwerk des visuellen Storytelling. Moment? Ist das nicht der Film, dem manche Kritiker vorwerfen, er habe eigentlich gar keine „Handlung“? Nun, manche Kritiker sind einfach Idioten. Dieser Film hat so viel Handlung wie wahrscheinlich wenige andere, er ist nichts anderes als eine metaphorische Auseinandersetzung mit der Menschheitsgeschichte (in ihrer biblisch verdichteten Form), dem christlichen Glauben und dem Ringen mit dem Zweifel an demselben, wobei die Symbolik weit genug gefasst ist, dass jede Art von Glauben sich zumindest gestreift fühlen darf. Was der Film nicht hat oder fast nicht hat: Dialog. In Angel’s Egg kommen im Großen und Ganzen vielleicht zwei bis drei Seiten Dialog vor, und der Großteil davon ist eine Nacherzählung der Geschichte der Arche Noah. Aber Handlung: Davon ist mehr als genug vorhanden. Erzählt in konzisen, niemals willkürlich wirkenden Bildern und in Ketten von Symbolen, über die man sicher ganze Essays schreiben könnte.

Grobe Zusammenfassung: Ein gigantisches Raumschiff in Form eines Auges senkt sich auf die Erde nieder. Was es will? Unklar. Irgendwo auf einem Baum pulsiert ein riesiges Ei. Ein Mädchen streift durch eine verlassene Stadt. Sie passt auf ein deutlich kleineres, immer noch riesiges Ei auf. Sie sammelt Wasser. Anfangs scheint es: zum trinken. Später stellen wir fest: Das hat etwas mit dem Ei zu tun und einem Ritual und ihrem Glauben, dass aus dem Ei ein besonderer Vogel schlüpft. Das Mädchen trifft einen geheimnisvollen Jungen. Nach anfänglicher Flucht voreinander finden die beiden sich und bleiben zusammen. In der Stadt, zeigt das Mädchen, jagen Fischer die Schatten gewaltiger Fische und zerstören dabei die Ruinen nur weiter. Nun regnet es. Und regnet und regnet und regnet. Die beiden fliehen in einen Gebäude-Komplex voller skelletierter Tiere. Darunter ein Vogel, der an einen Engel erinnert. Das Mädchen glaubt: Der Vogel hat das Ei gelegt. Im Ei, sagt es, atme jemand. Der Junge sagt: Sie höre nur ihren Atem rauschen. Sie schlafen. Der Junge zerschlägt das Ei und verschwindet. Das Mädchen folgt ihm, stürzt in einen Graben voller Wasser und wird dadurch erwachsen (oder: älter?). Unzählige Eier schießen aus dem Wasser. Die Kamera erweitert ihre Perspektive. Weiter und weiter. Die Welt, auf der der Film spielte, wird enthüllt als etwas, das an ein umgestürztes Schiff in einem endlosen Meer erinnert.

Von Chriss Stuckman gibt es ein überzeugendes Video, das Angel’s Egg vor dem Hintergrund der Glaubenskrise des Regisseurs und Drehbuchautors auslegt. Doch die Bilder des Films sind gleichzeitig so klar und so kryptisch, dass man sich auf diese christliche Lesart nicht festlegen muss. In jeden Fall mitbringen aber muss man die Bereitschaft, sich auf Kunst einzulassen, die Antworten nicht auf dem Silbertablett serviert und sie vielleicht auch ganz schuldig bleibt. Aber ganz ehrlich, was will jemand ohne diese Bereitschaft überhaupt mit Kunst? Für Antworten gibt es Günther Jauch.

In der optischen Gestaltung ist Angels Egg konservativer als Belladonna of Sadness. Was das betrifft ist dieser Film den bekannten modernen Animes deutlich näher als dem wilden Experimentalfilm. Aber auf alles, was man etwa von den eh schon beeindruckenden Studio Ghibli Filmen kennt, legt Angels Egg noch eine Schippe drauf. Die Zeichnungen sind herausragend, die Bildsprache absolut durchdacht, und die einzige Szene, die mir überhaupt einfällt, die mit dem Ganzen von Angels Egg konkurrieren könnte, ist die berühmte Großstadt-Sequenz aus Ghost in the Shell, das ebenfalls aus der Feder von Mamoru Oshii stammt.

Bild: Pixabay

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