Klaus Modick – Doppel, 2: „Moos“ ist wahrhaftig moosig. Und das ist durchaus positiv gemeint.

Nachdem mich neue Bücher von Klaus Modick zuletzt mehrfach enttäuscht haben, habe ich länger mit mir gerungen, ob ich mir das Rezensionsexemplar der Neuauflage des Debüts „Moos“ bestellen soll. Vielleicht war ja „Konzert ohne Dichter“ tatsächlich nur ein Ausreißer, bei dem zufällig einmal das Thema so gewählt war, dass es mit Modicks Stil harmoniert?

Dennoch musste ich am Ende zugreifen. Ihr wisst, ich bin überzeugt: Kurze Romane sind meist besser als lange. Schon allein, weil die Textlänge Autoren mehr Möglichkeit gibt, ihre Schwächen in den Vordergrund zu stellen.

Und tatsächlich ist „Moos“ ein relativ gelungener Text. Vielleicht sogar sehr gelungen. Allerdings einer, den manche Leser wahrscheinlich nach wenigen Seiten wieder zur Seite legen werden. Es handelt sich um die fiktiven Aufzeichnungen des alten Biologen Lukas Ohlburg, der in den späten Jahren seines Lebens das biologische Klassifikationssystem für unzureichend hält. Nicht, weil man damit nicht arbeiten kann, sondern weil es den Dingen ihre „gewachsenen“ Namen nehme und ihnen sozusagen Geschichte und Leben herauspresse.

Das ist genau der undialektische neoromantische Unsinn, nach dem es klingt. Schon allein, weil die Prämisse Unfug ist: Im Gegensatz zu anderen Klassifikationssystemen hat das biologische nie wirklich auf die Alltagssprache übergegriffen, die „gewachsenen“ Namen bleiben bestehen und selbst von einer historisch so bedeutenden Pflanze wie Conium maculatum (schlagt es nach!) dürften die wenigsten überhaupt wissen, worum es sich handelt.

Aber dass die Hauptfigur eines Textes nicht klug ist, macht ja zum Glück den Text keinen Deut schlechter.

In Modicks „Moos“ geht es tatsächlich vor allem um Moos. Der Protagonist hat über Moos geforscht, hat sich bereits in der Kindheit mit Moos beschäftigt, lebt zurückgezogen in einem moosigen Haus und denkt über Moos nach. Kein Wortspiel. Es geht niemals um Geld, sondern wirklich immer um Moos. Und wie Modick dieses Nachdenken über Moos in einer sehr gemächlichen, selbst geradezu moosigen Sprache, in immer neue Richtungen führt, das Moos mit Kindheitserinnerung verknüpft, mit einer kleinen Liebesgeschichte, mit Überlegungen zum Weltlauf und so weiter und so fort, wie er Leuchtmoos als Metapher benutzt und das (theoretische vs. pragmatische) Verhältnis zur Moos, um die Beziehung zwischen Vater und Sohn zu veranschaulichen, ja, das ist schon wirklich gut gearbeitet. Es ist einer der Texte, die ich ohne Musik lesen muss, damit die eigene Musik der Sprache wirklich zur Entfaltung kommen kann.

Faszinierend übrigens, dass dieser Text, wie Modick im Nachwort erklärt, so schnell einen Verlag gefunden hat. Das scheint mir heute kaum denkbar, außer der Autor hat sich vorher durch einen effektvollen Streit irgendwo in Szene gesetzt. Moos hat keine 100 Seiten. Und es ist in gewisser Weise durchaus lang-weilig. Nicht in einem negativen Sinne, doch der Text erzeugt eine lange Weile, aller Kürze zum Trotz. Eine moosige zeitlose Welt.

Es ist nichts, was man eben mal runter liest, und aufgrund von Thematik und ungewöhnlicher Sprache sicher auch von Anfang an ein Text, der sich an einen eher kleinen Leserkreis wenden dürfte.

Aber lest auf jeden Fall einmal rein. Es ist eben auch diese Art von Literatur, die heute praktisch nicht mehr gemacht wird. Eine Literatur ohne Effekthascherei, eine, der man anmerkt, dass der Autor darum gerungen hat, dass jeder Satz am Ende auf diese eine Weise da steht, auf die er nur da stehen kann, soll das Werk am Ende wirklich rund sein. Ein stilles starkes Stück Literatur.

Bild: Pixabay.

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