Filmfreitag VII – Belladonna of Sadnes ist einer der ästhetisch beeindruckendsten Animationsfilme.

Für den heutigen Freitag möchte ich auf einen Anime-Klassiker hinweisen, der vieleicht ein wenig in Vergessenheit geraten ist, über den andernorts aber schon viel Verständigeres wurde. Da ich nicht das Gefühl habe, wirklich Neues beitragen zu können, versuche ich mich kurz zu fassen [Nachtrag: Ich war eher so mittel-erfolgreich…]

Belladonna of Sadness ist geradezu berühmt als ein Klassiker des animierten Kunstfilms. Dennoch dürfte es heute wieder viele Film- oder Anime-Freunde geben, die ihn nicht kennen. Die Story ist irgendwo zwischen verrückt und vernachlässigbar anzusiedeln. Der Film ist ganz klar einem Geist der sexuellen Befreiung entsprungen und in der Handlung wie in der Ästhetik sehr eindeutig als ein Produkt der Siebziger zu identifizieren. Und wie so oft damals gehen auch hier sexuelle Befreiung und Sexualisierung Hand in Hand und es ist gar nicht so einfach, die Grenze zu ziehen.

Die… ähm… Handlung…

Ganz kurz die Handlung: Mittelalter. Irgendwo in Frankreich. Jeanne und Jean heiraten. Der Baron verlangt eine Nacht mit der Frau als Brautpreis. Jeanne wird später verstoßen, Jean wird Alkoholiker. Der Teufel kommt zu Jeanne in Form eines winzigen Penises. Sie stimuliert ihn, damit er wächst und ihr helfen kann. Mit der Zeit nimmt sie die Rolle, vom Teufel „besessen“ zu sein, als positiv an. Und irgendwie ermöglicht ihr das, der Bevölkerung während einer großen Pestepidemie zu helfen. Später kehrt Jeanne triumphal zurück und rächt sich an Baron und Baronin. Und dennoch wartet ein sehr deprimierendes Ende auf uns…

Ganz ehrlich: Ich würde nicht versuchen, zu viel in dieser Handlung hinein zu deuten. Ja, es geht um Sexualität und Repression, es geht um Rollen, die Frauen zugeschrieben werden und um etwas, was man heute vielleicht „reclaiming“ nennen würde. Aber ist das gelungen? Oder unterläuft der pubertäre Humor nicht Mal um Mal die Botschaft? Ich denke, darüber wird man sich trefflich streiten können.

Die Ästhetik.

In jedem Fall ist die Handlung interessant und verrückt genug, um daran aufzuhängen, was den Film eigentlich aufmacht: Atemberaubende Bilder von einer Qualität, wie man sie nur in ganz wenigen gezeichneten Filmen zu sehen bekommt. Dabei ist Belladonna of Sadness ästhetisch noch nicht mal einheitlich. Es gibt Standbilder, in ihren Licht/Schatten-Kontrasten in Schwarz-Weiß oder wenigen Farben sehr an eine moderne Variante traditioneller Tuschezeichnung erinnern. Andere Bilder aber verwenden viel Mühe darauf, zumindest bei den Gesichtern der Figuren möglichst fotorealistisch zu wirken, während das Umfeld in sanfte Aquarell-Töne zerfließt. Ich spreche von Bildern, denn der Film arbeitet vor allem mit Standbildern, die oft kaum oder gar nicht an animiert sind. Gehässige Kritiker sprechen von einem Anime ohne Animation. Doch das ist einfach Quatsch. Der Film nutzt vor allem zwei Techniken der Animation, und das immer mit äußerster ästhetischer Effizienz. Da ist einmal die stets mit Bedeutung aufgeladene Kamerafahrt über Standbilder. Von der kleinen Figur links unten im Eck über das wüste Land hoch zum schwarz wie eine Wolke drohenden Schloss etwa. Jede Kamerafahrt vollzieht Relationen nach und macht das den Blick über das Bild schweifen Lassen selbst zum animierten bzw. animierenden Akt. Dann gibt es Bilder, die teils feststehen, teils animiert sind. Etwa der finstere Höhleneingang auf heller Leinwand, in den sich Jeanne zurückzieht. Animiert ist hier nur die Figur, die sich Schritt für Schritt auf die Höhe zu bewegt. Ein Bild voller einfacher Kraft, das durch zusätzliche Bewegung etwa der Kamera nur reduziert würde. Zuletzt sind da auch noch einige Wechsel der Farbschemen, wodurch manchmal ein trippiger Entfremdungs-Effekt erzeugt wird.

Ich kann das nicht genug herausstellen: Genau dieser reduzierte Umgang mit Animation bei gleichzeitiger absoluter Hingabe an die künstlerische Gestaltung eines jeden einzelnen Bildes machen diesen Film so einzigartig. Hier kann man sich nicht wie in modernen Disney-Filmen von der Fülle der Details erschlagen lassen und zwischendurch manchmal sagen: „Ja, das ist hübsch“, oder „Boah, das ist geil.“ Der Film schult während dem schauen subtil den Blick. Er drängt zum genauen Hinschauen, zum Nachvollziehen der Bildanordnung und der Bedeutungen, die sich daraus ergeben, und gibt genug Stütze, als dass das zum Genuss wird. Vielleicht auch für Menschen, die sonst nicht Stunden vor Bildern in Museen verbringen könnten.

Und der Reiz der Bilder geht dazu noch eine perfekte Symbiose ein mit dem Jazz/Rock-Fusion Soundtrack von Masahiko Satō, der zu den besten Soundtracks der Trickfilm-Geschichte gehören dürfte.

Okay, das wurde jetzt doch schon wieder länger als geplant. Wenn ihr die Möglichkeit habt, schaut euch den Film an. Googlet vielleicht einfach mal ein bisschen… Es gibt wenig Dialog, Untertitel in jeder Sprache, die man halbwegs beherrscht, sollten also zu managen sein.

Bild: Zeichnung von Victor Hugo, Wiki, gemeinfrei

3 Gedanken zu “Filmfreitag VII – Belladonna of Sadnes ist einer der ästhetisch beeindruckendsten Animationsfilme.

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