Die schönsten 3 1/2 Minuten Film: Ghost in the Shell’s Stadtpanorama. Movie Monday VI.

Eigentlich hatte ich die City-Sequenz aus Ghost in the Shell nur als Link für meinen Text über Angels Egg gesucht. Aber dann musste ich sie gleich nochmal komplett anschauen. Eine der schönsten Ton/Bildkompositionen der Filmgeschichte.

Drei Dinge begeistern hier besonders.

Erstens: Die Pracht eines jeden einzelnen Bildes. Wie viele Animations-Filme gibt es, die man in einer dreiminütigen Sequenz an jeder Stelle pausieren könnte und damit ein Bild einfrieren, das man sich ohne Ironie an die Wand hängt? Die sanften Wellen des Wassers, das Straßenabfälle umspült. Die Scheinwerfer des Busses auf der verregneten Straße. Die dunklen Schaufensterpuppen gegen die weißen Neonröhren. Das Regenbogen-Leuchten hinter dem Straßenschild. Man könnte den Text jetzt mit ausführlichen Bildbeschreibungen strecken, aber bitte, schaut es euch einfach selbst an.

Zweitens: Damit zusammen hängt die zweite Besonderheit: Die Ruhe dieser Sequenz, und wie genau dadurch der Eindruck eines überwältigen Großstadtalltags erzeugt wird. Ich schrieb in einem längeren Artikel über die Tendenz moderner Filme zur Reizüberflutung, die den Bedeutungsgehalt der Bilder komplett entwertet. Das hier ist das perfekte Gegenbeispiel. Diese Sequenz nimmt sich unendlich viel Zeit, die herausragend gezeichneten Bilder wirken zu lassen. Nicht einfach, indem man eine Diashow mit Kunstwerken ablaufen lässt. Sanfte Kamerafahrten erweitern den Blick über die Stadt. Manchmal bewegt die Kamera sich kaum merklich. Die statischen Silhoutten der Häuser (grau, bräunlich, düster) wirken erdrückend, während das Schiff (gelb), das langsam voran gleitet, einen Schwerpunkt setzt, mit dem der Blick durch die Bilder geleitet wird. Dem Zuschauer wird viel Zeit gegeben, diese dystopische Großstadt wirklich auf sich wirken zu lassen, immer werden Menschen in ein Verhältnis zur Welt gesetzt. Beispielhaft Etwa ab Minute 2.17ff, wenn vor der Häuserfront die grau-braunen Figuren einhergehen, und dann diese Gruppe in gelben Regenmänteln zu rennen beginnt. Das funktioniert noch besser, weil, wie Nerdwriter in diesem Video zeigt, auch die Kamera stets Positionen einnimmt, die Figuren einnehmen könnten.

Trotz aller Ruhe wirkt so die Stadt überwältigender, lebendiger, als etwa die der CGI-Neuverfilmung von 2017. Kraft und Dynamik der Stadt werden besonders durch Dutch-Angles (angeschrägte Kameraperspektiven), sowie durch einfache Paralaxen erzeugt. Man vergleiche die Wirkung mit dieser Sequenz aus dem 2017er-Film, dem es u.A. bei Minute 1.48 einfach nicht reicht, frei schwebend in Straßenschluchten zu stürzen – Man muss dabei auch noch um die eigene Achse rotieren. Was zur Hölle IN DER SZENE motiviert die Rotation?

Drittens: Die Farbgebung. Nicht nur in einzelnen Bildern, sondern in der Ganzen Sequenz: Farben verweben die Szenen zu einem Ganzen, wobei besonders dem Kontrast von Grau/Braun/Dunkel zu Gelb (Schiff/Regenmäntel/Scheiben des Busses u.v.m) beinahe narrative Funktion erfüllen. Dunkel rötlich, fast irden, ist auch der Pullover der Frau, die die gleiche „Shell“ nutzt wie die Protagonistin, beim Blick durchs Fenster auf die Bibliothek. Und gelb der Mantel, als die Protagonistin vom Boot aus geradewegs auf ihr anderes Ich zu schauen scheint. Eine Interpretation der Szene vor dem Hintergrund der Filmhandlung, die ich hier, um nicht zu weit vom Visuellen wegzukommen, bewusst ausspare, findet man in diesem Video von Eric G Wilson.

Es gibt zu diesen 3 ½ Minuten wirklich wenig vergleichbares. Wenig in der gesamten Welt des Films, wo so viel Akribie auf jeden einzelnen Frame verwandt wurde, bzw., wo sich das dann auch auszahlt, wo man es also aufs deutlichste erkennen kann. Vielleicht die dreieinhalb schönsten Minuten der Filmgeschichte. Und dabei haben wir über die Musik, die dazu natürlich ihren gewaltigen Teil beiträgt, noch gar nicht gesprochen…

Bild: Pixabay

5 Gedanken zu “Die schönsten 3 1/2 Minuten Film: Ghost in the Shell’s Stadtpanorama. Movie Monday VI.

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