Publikumsbeschimpfung mit Extra-Twist. „Drei Kameradinnen“ von Shida Bazyar.

Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man älter wird. Das von mir sehr positiv gesprochene „Nachts ist es leise in Teheran“, wahrscheinlich eine der herausragendsten Romane in deutscher Sprache, die in den letzten Jahren erschienen sind, ist nun auch schon wieder 4 Jahre alt. Und Autorin Shida Bazyar hat mittlerweile einen Nachfolger veröffentlicht.

„Drei Kameradinnen“ ist ein ganz anderes Buch als das Debüt. War jenes als multiperspektivischer Gesellschaftsroman zwischen Iran und Deutschland angelegt, immer auf Balance, auf Ausgleich bedacht, ist „Drei Kameradinnen“ hochparteiisch. Die Erzählerin vertritt, auch wenn sie das nie explizit so sagt, relativ radikal die Critical-Race-Theorie, nach der Menschen ohne Migrationshintergrund eigentlich überhaupt nichts über Diskriminierungserfahrungen sagen können und selbst wenn sie sich gegen Rassismus engagieren, das eigentlich immer aus falschen Gründen tun. Ihre Freundin Saya ist davon noch ein wenig überzeugter, so überzeugt, dass es sogar der Erzählerin wiederum auf die Nerven geht. Die Erzählerin teasert mehrfach an, dass zum Schluss enthüllt werde, aus welchem Grund Saya ein großes Feuer gelegt habe, bei dem mehrere Menschen ums Leben kamen. Wer nun aber eine dieser typischen „Geschichte einer Radikalisierung“-Romane erwartet, liegt falsch. Eigentlich ist es mehr die Geschichte einer Freundschaft zwischen drei jungen Frauen, von denen zwei relativ erfolgreich im Arbeitsleben sind, zwei weitere sehr erfolgreich studiert haben, von denen aber alle drei immer wieder alltagsrassistische Erfahrungen machen. Allerdings sind all diese Informationen mit viel Vorsicht zu genießen, denn die Erzählerin vollzieht kurz vor Schluss des Romans eine große Wende, deren Inhalte nicht verraten werden soll, da für manche Leser gerade das den Witz des Romans ausmachen könnte.Eine sehr genaue Lektüre könnte sicher klarer herausarbeiten, ob Bazyar die Erzählung so aufgebaut hat, dass für sehr aufmerksame Leser die Wendung nicht überraschen kommt, dies als Hinweis an im staatsdienst befindliche Literaturwissenschaftler, die mit solchen Analysen immerhin ihr Geld verdienen. Ich erwarte erste Ergebnisse bis spätestens Ende Mai.
Mir scheint ehrlich gesagt, dass dem nicht so war. Die Erzählerin erzählt erst das eine, dann das andere. Weshalb die Wende in etwa so überraschend kommt, wie wenn der Erzähler des Zauberberg uns am Ende entgegen schleudern würde, dass die Geschichte die ganze Zeit auf dem Mond unter einer dicken Glaskuppel gespielt habe und wir verdammt noch mal Idioten sein, das nicht früher gemerkt zu haben.

Vielleicht ein Versuch, auch strukturell Ungerechtigkeiten spürbar zu machen, denen man als Mensch mit Migrationshintergrund in Deutschland regelmäßig ausgesetzt ist? Denn diese Wende ist zugleich gespickt mit einigen Leser-Beschimpfungen, die uns vorhalten, wenn wir nicht weiß wären und privilegierte Deutsche, wären wir nie auf die Idee gekommen, dass manches, was sie uns vorher erzählt habe, hätte wahr sein können. Solche Angriffe auf die Leserschaft sind im Rahmen der Erzählstimme sicherlich konsequent. Ob sie berechtigt sind, ist eine andere Frage – Immerhin ist es die zentrale Vereinbarung zwischen Autor und Lesenden, dass wir die absurdesten Behauptungen erstmal glauben. Widersprüche sähen Zweifel, krasse Behauptungen normalerweise nicht.

Ich bin mir sicher, es werden sich Leser an der Erzählstimme stören, und vielleicht gerade solche, die von „Nachts ist es leise in Teheran“ kommen, könnten überrascht sein. Aber: Auch Drei Kameradinnen ist ein gelungener, weil konsequent durchgeführter Roman, mit einer Stimme erzählt, die in sich absolut plausibel ist. Es ist aber jenseits dessen vor allem auch ein Roman über Freundschaft, über Zusammenhalt und ein Text mit einigen sehr berührenden Momenten.

Bild: Wiki, gemeinfrei

2 Gedanken zu “Publikumsbeschimpfung mit Extra-Twist. „Drei Kameradinnen“ von Shida Bazyar.

    1. soerenheim sagt:

      Ach, ich dachte mir auch zuerst „das ist jetzt aber ein heftiger Stilwechsel“… aber wenn man es eben als Stimme nimmt, wie bei Houellebecq oder kA easton Ellis, ist es mE schon konsequent erzählt & auch nicht bruchlos… der Boyfriend wird dann zB aus dem Kollektiv der „eigentlich Rassisten“ ausgeklammert usw…

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