Ein Gedicht in Bildern, oder: Dieser chinesische 20-Minuten Film ist eines der ganz großen Meisterwerke. Movie Monday VII.

Ich fürchte, meine Suche nach dem schönsten Animationsfilm, mit der ich mich durch die Corona-Pandemie gehangelt habe, ist zu Ende. Ich habe einige Meisterwerke gesehen, die weit aus allem herausragen, was das Beste an westlicher Animation und Anime zu bieten haben. Belladonna of Sadness etwa. Oder Angels Egg. Und natürlich kenne ich den putzigen Igel im Nebel. Aber das hier ist nochmal eine andere Welt.
Feelings from Mountain and Water ist einfach der perfekte Film. Eine berührende Geschichte. Wortlos erzählt, allein in Bild & Musik. 18 Minuten, in denen man nicht wegschauen kann. Cocteau hat 7 Filme gemacht, nur um zu behaupten, der Film sei das perfekte Medium der Poesie. Eingelöst hat er es nie. Hier wird die Behauptung bewiesen, und das wie nebenbei, mit der größten Leichtigkeit.

Eigentlich könnte ich es bei dieser kurzen Notiz zu Feelings from Mountain and Water belassen. Der Film ist kurz, ich habe ihn allein für diesen Artikel zwei Mal gesehen und hoffe ihn noch unzählige Male sehen zu können. Wie man auch ein großes Gedicht alle paar Tage wieder lesen kann (oder die zuletzt besprochene Stadtsequenz aus Ghost in the Shell). Schaut ihn euch einfach an.
Aber ich habe den Eindruck, längeren Texten wird mehr Wert beigemessen. Sie werden eher gelesen und verbreitet. Und weil ich mir wünsche, dass möglichst viele Menschen Feelings from Mountain and Water entdecken, schreibe ich doch etwas mehr dazu.

Die Geschichte ist einfach, sensibel, kraftvoll, und ambivalent genug, um Raum zum Nachdenken zu öffnen. Ich halte mich grob an die französische Wikipedia, die mit vier Zeilen den längsten Eintrag zum Film verzeichnet:

Ein alter Musiker überquert einen Fluss auf dem Boot eines jungen Mädchens, das die Flöte spielt. Als er das andere Ufer erreicht, fühlt sich der alte Mann krank. Das junge Mädchen nimmt ihn mit nach Hause, um ihn zu pflegen. Die beiden Verbringen viel Zeit miteinander und der Alte lehrt das Mädchen, die Guqin zu spielen. Als der Alte abreist schenkt er dem Mädchen sein Instrument.

Wo die französische Wikipedia von einem Mädchen schreibt, schreibt die englische übrigens von einem Jungen. Ich würde auch eher zu einer jungen Frau tendieren, doch ist die Zeichnung hinreichend in der Schwebe gehalten, dass beides möglich ist. Die chinesische Wikipedia, mit einem Programm übersetzt, hilft nicht weiter, liefert aber statt einer Zusammenfassung der Handlung einen netten Kommentar zum Film, den ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte:

“…ein Farb-Tusche-Animationsfilm, der 1988 von der Shanghai Fine Arts Film Factory produziert wurde. Dieser Film ist auch der letzte gute chinesische inländische Animationsfilm vor dem Übergang zur Kommerzialisierung.”

Was diesen Film so herausragend macht ist aber natürlich weniger seine Geschichte. Es ist der Zeichenstil, der komplett im klassischen Shan shui Stil gehalten ist. Es handelt sich also durchweg um animierte Landschaftsmalerei, und soweit ich das beurteilen kann um solche auf höchstem Niveau. Animationen werden ähnlich spärlich eingesetzt wie im Fall von Belladonna of Sadness, dabei allerdings deutlich konsequenter in die Malereien integriert. Der Film ist ruhig, aber doch dynamischer und integrierter als Belladonna. Es gibt keine Brüche im Dargestellten, keine billigen Effekte, keine Momente, die wie Füllmaterial wirken. Neben animierten Momenten direkt in den Bildern arbeitet Feelings from Mountain and Water ebenso wie Belladonna mit Zooms und Fahrten über größere Gemälde. Wer schon einmal den Blick hat über ein klassisches chinesisches Landschaftsgemälde schweifen lassen (für eine längere ästhetische Meditation empfehle ich dieses hier), weiß, was allein das für ein Hochgenuss sein kann. Nun aber das Gleiche, absichtsvoll geleitet in Konsonanz mit Musik und Erzählung – das ist eine Kunsterfahrung, die ihresgleichen sucht. Dabei spielt der Film unter anderem auch mit der Möglichkeit, solche Landschaftsgemälde durch die geschickte Wahl eines bestimmten Ausschnittes wie modern abstrakte Malerei wirken zu lassen, die eher an Pollock und Werke in dessen Folge erinnert, und so auch immer wieder das rein Idyllische zu durchbrechen.

Und vor dem Hintergrund der Bilderwelten scheint mir dann auch hinter der Handlung doch ein wenig mehr zu stecken, als der kurze französische Wikipedia-Eintrag ausführt. Es fällt von Anfang an auf, wie die Bergwelt, in der das Mädchen den Alten pflegt und beide sich der Musik hingeben, zwischen Wasser und Himmel eingebettet ist, weit außerhalb jeglicher Welt des menschlichen Alltags. Ja, nicht selten könnte Wasser selbst Himmel sein, beide erstrahlen im gleichen herrlichen Weiß. Der Mann wird meines Erachtens auch nicht krank, er ist schon zu Beginn schwach. Am Kai, der mitten im Nichts zu stehen scheint, senkt er den Kopf. Im Boot sitzt er zusammengesunken. Am anderen Ufer ist sein Gang schwer. Er bricht zusammen. Das Übersetzen über einen See ist in fast alle menschlichen Kulturen als Bild für den Tod bekannt. Hier ist es vielleicht eher eine Reise in/durch ein Zwischenreich? Der Mann gibt weiter, was der Inhalt seines Lebens war: die Musik. Mit dem Spiel der Musik werden verschiedene bedeutungsvolleb Bilder verknüpft: Der Fall von Laub im Herbst. Schnee. Aber auch: Die Feier des Lebens: Die kleinen Fische, die den Angelhaken verschmähen und die kleinen Vögel. Dass sich Erheben in den Himmel: Die beiden Adler und der Mann, der ihnen nachblickt. Dann folgt eine weitere gemeinsame Überfahrt über ein wildes Gewässer. Dann eine rührende Abschiedsszene, in der der Alte das Instrument übergibt. Nun steigt der Mann in ein rauhes Gebirge hinauf und das Mädchen kann ihm nicht folgen. Wenn sie ihn noch einmal sieht, wird er dem Nebel ähnlich, wirkt wie ein Geist. Das Mädchen gibt auf und zupft die Guqin. Nun scheinen wir ihre Gedanken zu sehen: Zwei Gestalten rudern über ein Wolkenmeer. Landschaften entstehen und verschwinden, wie Tusche auf Papier. Als die Handlung schon recht weit fortgeschritten ist, scheint der Alte in den Wolken zu sitzen und die Welt unter sich wie eine Guqin zu spielen. Zuletzt segelt ein Boot in reines Weiß, auf seinen Spuren folgt ein Adler. Das Mädchen blickt in die Ferne, woraufhin sich die Credits als Kaligrafien manifestieren.

Geht der Mann also wirklich einfach nur „fort“? Vielleicht zum nächsten Markt, um sich ein Sandwich zu kaufen? Oder weil er in Beijing einen Job angeboten bekommen hat? Natürlich nicht. Für mich ist das Ende ein (offenes) Bild für den Tod und der Film eine poetische Auseinandersetzung damit, wie man etwas Bleibendes weitergeben möchte und seinen Frieden mit dem Leben macht. Natürlich muss man das nicht so lesen. Man kann auch eine Geschichte der künstlerischen Weltflucht darin sehen, die in ein offenes Unbekanntes führt, eine Geschichte, in der ein Künstler eine Grenze überschreitet und seine Kunst zuvor an eine Nachfolgerin weitergibt. Das muss nicht die letzte Grenze sein, doch es scheint mir am plausibelsten so.

Wie auch immer man Feelings from Mountain and Water für sich interpretieren möchte. Dieser Film ist unglaublich. Mir ist kein weiterer bekannt, indem jeder einzelne Frame für sich so zu beeindrucken vermag, während das Ganze sich so ideal zusammenfügt. Bilder, Animationen, Musik, Geräusche. Feelings from Mountain and Water ist eines der ganz großen Meisterwerke der Kunstgeschichte.

Bild: Wiki, gemeinfrei

3 Gedanken zu “Ein Gedicht in Bildern, oder: Dieser chinesische 20-Minuten Film ist eines der ganz großen Meisterwerke. Movie Monday VII.

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