Wie ich bereits in den Prognosen zum Preis der Leipziger Buchmesse schrieb, ist Dunkle Zahlen von Matthias Senkel ein hochambitioniertes Projekt. Nach der Rahmenhandlung handelt es sich im Hauptteil um eine durch ein dafür geschaffenes Computerprogramm erstellte Geschichte. Der Rahmen einer futuristischen Welt, in der ein Khagan eine Siedlung der „neuen Moskauer Rus“ besucht, und die Welt einerseits ziemlich zerfallen, andererseits von Resten hoher Technologie durchsetzt wirkt, ist allerdings tatsächlich fast noch einen Ticken interessanter als die Haupthandlung. Schade, dass sie tatsächlich nur als Anstoß zur „eigentlichen“ Geschichte dient. Immerhin, Die Entstehung eines Vorgängermodells der Geschichtenmaschine GLM wird in der Haupthandlung angerissen.

Das Buch in groben Zügen

Und so oder so, auch die anderen Handlungssträngee bleiben interessant:

Da ist unter anderem der junge Leonid, der 1948 gerade von einer Kur heim kommt, nach Moskau reist, sich für Rechenmaschinen begeistert und sehnsüchtig die Rückkehr des Vaters wünscht. Einem sprechenden Hecht, den allerdings nur Leonid sprechen hört, vertraut er den Wunsch an, doch die Erfüllung geschieht im schlechtesten denkbaren Augenblick: Vier Jahre später, als Leonid gerade gen Universität abreist. Leonid wird zum hoffnungsvollen Studenten und Informatiker, ein schwerer Unfall lässt ihn aber zwischenzeitlich der Dichtung verfallen.

Da ist die Spartakiade, ein Informatikwettkampf, von 1985. Unter mysteriösen Umständen geht im Vorfeld das kubanische Team verloren, und die einzige Sportlerin, die nicht mit dem Team angereist ist, beginnt zu ermitteln.

Da ist Ingenieur Dimitri, der den Plan einer bewegliche Stadt entwickelt, und für seine zu großen Visionen in die Provinz verbannt wird, wo er das Projekt GLM rekonstruiert.

Und da ist der Dichter Teterevkin, der im 19. Jahrhundert im Exil Charles Babbage und Ada Lovelace kennenlernt, und mit den Plänen zur „Analytical Engine“ auch den Plan eines maschinengeschriebenen Weltpoems zurück nach Russland bringt. Er ist sozusagen der Vater von GLM (Golem).

Daneben gibt es weitere Stränge, die eher selten aufgesucht werden und vielleicht sogar hätten gestrichen werden können: Vielstimmigkeit wird in Dunkle Zahlen manchmal all zu sehr Selbstzweck, die Hauptstränge aber immerhin werden sauber verschränkt. Leonid etwa wird später russischer Nationaltrainer für die Spartakiade, GLM spielt in allen Handlungen eine Nebenrolle. Sprachlich ist der Roman über weite Strecken sehr gelungen. Der Schreibstil ist kühl und faktenzentriert genug, um die Maschinenfiktion aufrechtzuerhalten, erlaubt sich aber auch an passenden Stellen poetische Momente. Großartig, dass sich hier ein Erzähler mal wieder traut, ohne erhobenen Zeigefinger aus der Lebenswelt der (parallelweltlichen, chaotisch überdrehten) Sowjetunion zu erzählen. Senkels Charakteren ist kein Westeuropäer des 21. Jahrtausends beigemischt, der dem Leser erlaubt, guten Gewissens auf die Schilderungen herabzusehen. Seine Sowjetbürger sind im System großgeworden und denken, selbst wo sie es kritisieren, unwillkürlich in dessen Rahmen und dürfen dabei gut und heroisch sein, dumm, niederträchtig, durchschnittlich, sprechende Fische, Hexen, Visionäre, Pragmatiker – ganz normale Menschen also. Es ist kein Zufall, dass manche Kritik im Falle Senkels an Bulgakow denkt. Im Vergleich mit dem allerdings ist Dunkle Zahlen dann doch eher eine Emulation mit einigen Mängeln. Besonders, wo Senkel Meister und Margarita direkt zitiert (die Hexenverwandlung Mireyas).

Kritisch durch Erzählung, nicht durch Predigt

All das heißt übrigens nicht, dass Dunkle Zahlen die Sowjetunion abfeiern würde. Im Gegenteil: Fast alle Protagonisten bekommen auf die ein oder andere Weise Macht und Willkür des Systems zu spüren. Die Verbannung, dieser fast ewige russische Topos, ist prominentes Thema in Dunkle Zahlen. Was fehlt ist (zum Glück!) Die Erklärbären-Perspektive, die dem Leser das Denken abnimmt. Vorhanden dagegen sind zahlreiche Spitzen gegen die Gegenwart: Die Automatische Antisubventionseinheit etwa, die EDV-gestützte Suche nach subversiver Rede, verwirklichen heute westliche Unternehmen und China, nicht die gestürzte UDSSR…

Dunkle Zahlen ist ein mit großem Anspruch angetretener Roman, der zwar einige Längen aufweist, beim Deutschen Buchpreis allerdings bessere Chancen haben sollte als in Leipzig. Denn während Leipzig regelmäßig eher gediegene Kandidaten auswählt, hat der Buchpreis schon mehrfach das Spektakuläre belohnt. Und Dunkle Zahlen von Mathias Senkel ist Spektakel mit Substanz. Allerdings, das dürfte manchen Lesern sauer Aufstoßen: Ohne Auflösung des zentralen Rätsels des Mireya-Plots…

Bild: Pixabay, gemeinfrei.

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