Wie schon vor zwei Jahren für DieKolumnisten möchte ich diesmal für den Preis der Leipziger Buchmesse den Versuch wagen, die Bücher der Shortlist ausschließlich anhand der Leseproben und der Klappentexte zu bewerten – und eine Prognose mit kurzer Begründung über den möglichen Sieger abgeben. Los geht es mit Dunkle Zahlen von Matthias Senkel (hier wird ein Lesetagebuch geführt). Nachtrag: Hier gibt es nun auch eine Komplettrezension.

Ambitioniertes Projekt

Dunkle Zahlen wirkt definitiv wie ein ambitioniertes Projekt. Die Leseprobe kommt mit verschiedenen graphischenen Spielereien daher – das soll die Fiktion der Rahmenhandlung unterfüttern, nach der es sich bei der späteren Erzählung um eine durch ein dafür geschaffenes Computerprogramm erstellte Geschichte handelt. Dieser Rahmen einer futuristischen Welt, in der ein Khagan eine Siedlung der „neuen Moskauer Rus“ besucht, wirkt auf jeden Fall interessant.

Zwei Hürden hat der Roman aber so zwingend zu nehmen:
Erstens: Wird diese Rahmenhandlung sich als mehr als bloße Spielerei erweisen – im schlimmsten Fall als Spielerei, die die Schwäche der Geschichte verdecken soll?
Zweitens: Sehnt man sich während der Haupthandlung am Ende in die futuristische Welt des Rahmens zurück?

Zweiteres immerhin lässt sich aufgrund der gut 50 Seiten Leseprobe mit relativer Sicherheit verneinen. Zwei Hauptstränge werden vorgestellt:

Da ist der junge Leonid, der 1948 gerade von einer Kur heim kommt, nach Moskau reist, sich für Rechenmaschinen begeistert und sehnsüchtig die Rückkehr des Vaters wünscht. Einem sprechenden Hecht, den allerdings nur Leonid sprechen hört, vertraut er den Wunsch an, doch die Erfüllung geschieht im schlechtesten denkbaren Augenblick: Vier Jahre später, als Leonid gerade gen Universität abreißt.

Und da ist die Spartakiade von 1985. Unter mysteriösen Umständen geht im Vorfeld das kubanische Team verloren, und die einzige Sportlerin, die nicht mit dem Team angereist ist, beginnt zu ermitteln. Mireya Fuentes wird dem Leser in einer turbulenten Zugfahrt voller angeregter Gespräche und sogar einem (maschinengeschriebenen? – da ist der erste Hook richtung Rahmen) Lied vorgestellt.

All das macht soweit einen wirklich überzeugenden Eindruck. Der Schreibstil ist kühl genug, um die Maschinenfiktion aufrechtzuerhalten, erlaubt sich aber auch an passenden Stellen poetische Momente.

Zu cool für Leipzig?

Es wird spannend sein, welche Bedeutung am Ende wirklich die magisch-realistischen Momente oder futuristische/parallelweltliche Einsprengsel erlangen, und ob das Szenario weiterhin überzeugen kann. Bis hierhin sieht es wirklich gut aus, ich möchte den Roman auf jeden Fall zu Ende lesen. Für den Leipziger Buchpreis ist das alles aber vielleicht ein wenig zu abgedreht, zu sehr an Autoren wie Sorokin geschult, Leipzig ist literarisch ja eher gediegen. Und auch den in Deutschland häufig wichtigen Politbonus wird dieser Roman nicht bekommen. Zur anarchisch, kein erhobener Zeigefinger, zumindest bisher: allein das Erzählen einer Geschichte im Mittelpunkt.

Bild: Pixabay, gemeinfrei