Dichte fingierte Mündlichkeit aus dem jüdischen Leben der heutigen Ukraine. „Fischke, der Krume“ von Mendele Moicher Sphorim.

Um manche Dinge wirklich wertzuschätzen, überhaupt auch zu durchblicken, muss man wahrscheinlich tatsächlich älter werden.

Ja, man kann Kunst und deren Wahrnehmung lernen, nicht in einem rein theoretischen sondern in einem von Erfahrung gesättigten Sinne (nebenbei gilt das natürlich auch für andere Sphären des Lebens). Würde man das seinem jüngeren sagen, hätte das dafür nur Spott übrig. Aber wer sich auf den Weg begibt und zurückschaut, wird die Bereicherung feststellen: das, was tatsächlich mehr war als nur eigene jugendliche Begeisterung, nimmt man mit. Und gleichzeitig kann man sich Neues erschließen. Auch wenn, fürchte ich, genau diese Entwicklung einen immer schlechteren Leumund hat und immer früher stillgestellt wird in einer Welt des Spektakels, in der die ewige Pubertät als etwas Gutes gilt.

Konkret aufgefallen ist mir das wieder mit den Texten der jiddischen Moderne, für die ich bei meiner ersten Lektüre mit Anfang 20 kein großes Interesse entwickeln konnte. Andere Werke haben diese spektakulären Momente, an denen man sich aufhängen, und sind wir ehrlich, mit denen man auch ein wenig angeben kann. Der gelehrte anspielungsreiche und zugleich chaotische „Ulysses“, das unglaublich polyphone „Gespräch in der „Kathedrale““. Und dan natürlich die Texte, mit denen man auch ausweisen kann, politisch auf der richtigen Seite zu stehen: „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia Marquez, „On the road“ von Jack Kerouac und so weiter. Was die jiddische Moderne, in diesem Fall besonders Mendele Moicher Sphorim mit seinem Roman „Fischke, der Krume“ vorgelegt hat, wirkt unspektakulär dagegen. Menschen, die im Alltag in absurde Situationen geraten und ganz viel miteinander reden. Das ist doch keine Leistung, oder? Das bekommt doch jeder halbwegs talentierte Stimmungs-Stenograph hin?

Aus meiner mittlerweile doch auch fast 20-jährigen Erfahrung als Journalist und Schriftsteller kann ich sagen: Es ist vielmehr das Allerschwerste. Noch schwerer als eine Komposition, die man lernen kann. Noch schwerer als das Finden von interessanten Handlungen, was man zumindest teilweise lernen kann. Und dann sind diese Texte ja nicht unkomponiert. Allein: Weil sie so prätentionslos daher kommen, muss man die Komposition unter dem Einfachen erst einmal aufdecken. Und „Fischke“ ist sicherlich ein herausragendes Beispiel all dessen. Vordergründig erzählt es die einfache Geschichte von Fischke, der mit einer blinden älteren Witwe verheiratet wird, wie er unter die Bettler gerät und was dann alles sich an Komplikationen daraus ergibt. Also eine Art Schelmenroman. Ins Auge oder vielleicht sogar ins Ohr sticht allerdings vielmehr die detaillierte Schilderung bzw. wohl eher sanfte Karikatur des jüdischen Alltags auf dem Dorf und dem Schtetl in der heutigen Ukraine. Da wird, wenn auch deutlich weniger exzessiv als in Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“ mit Tora-Zitaten und Volksweisheiten um sich geworfen, es werden Gespräche wiedergegeben und das einfache Leben in der Kneipe geschildert:

“Und wie die Nase und die Ohren das ihrige schon abbekommen haben, kommen meine Augen in Behandlung. Nachdem sie eine Weile im Dunkeln im dichten Menschengedränge, ohne auch die Spur eines Gegenstandes zu erkennen, herumgeschweift haben, erblicken sie plötzlich einen langen Tisch; auf dem Tische brennt in einem irdenen Leuchter eine Talgkerze mit grellroter Flamme, um die herum sich in dem Dampf und Rauch, der die Stube füllt, grün-blau-gelb-graue Kreise gebildet haben. Allmählich tauchen aus diesem Nebel einzelne Nasen, Bärte, Bärtchen, Schöpfe und ganze Gesichter von Männern und Frauen auf. Ganze Gruppen von Menschen werden sichtbar. Zum Teil haben sie erst drei, vier Gläschen Schnaps getrunken und halten sich noch auf den Beinen. Zwei Betrunkene liegen sich etwas abseits in den Armen und schimpfen auf einander vor lauter Liebe mit den wüstesten Schimpfworten. Vor ihnen steht ein Frauenzimmer mit bloßen Füßen, kurzem Rock und gesticktem, weit ausgeschnittenem Hemd; sie freut sich offenbar über die beiden, klopft bald dem einen, bald dem anderen liebevoll auf den Rücken und redet ihnen zu: »Es ist genug! Geht heim!« Das betrunkene Paar aber schimpft vor lauter Liebe noch wüster, umarmt sich noch inniger und fällt schließlich um. Andere sitzen auf langen Bänken und haben Flaschen und Speisen vor sich stehen. Zwei dicke Kerle trinken einander zu und sind, wie man so sagt, in heiterer Stimmung. Einer, der offenbar großer Liebhaber des bitteren Tropfens ist und sich hier im Wirtshause wohl ständig aufhält, raucht seine Pfeife und trinkt bald dem einen, bald dem anderen zu, obwohl die Betreffenden sich nach ihm nicht einmal umsehen. Und ganz zuletzt entdecke ich eine lebhafte jüdische Frau in abgeschabter Felljacke, mit einem Tuch auf dem Kopf: es ist die Frau des Schenkers in eigener Person. Der Tisch vor ihr ist mit Fäßchen, Flaschen, Gläsern, Gläschen, Kränzen von Kringeln, gekochten Eiern, gedörrten Fischen und Stückchen versteinerter Leber besetzt. Ihr Mund steht keinen Augenblick still, und ihre Hände werden nicht müde, bald mit dem einen, bald mit dem anderen zu reden, bares Geld einzukassieren und herauszugeben, Pfänder anzunehmen und mit Kreide Striche und Ringel bald auf des einen, bald auf des anderen Rechnung zu setzen.”

Doch ähnlich wie im Roman Stempenju, der mich auf meiner Reise durch die jiddische Moderne geschickt hat, sind doch immer besinnliche Momente vollendeter Schönheit eingeschaltet, oft drastisch konterkariert von schwerer Melancholie:

“Der Wald steht und schläft und ist oben mit einem dunklen Vorhang bedeckt. Ringsum ist es still. Man hört nur ab und zu, wie zwei schlanke Bäumchen, die dicht beieinander stehen, die Köpfe zusammenstecken, miteinander tuscheln und dabei einander von hinten mit den Zweigen kitzeln. Einige Blätter pendeln immerfort und berühren einander, wie wenn sie jemand stieße. Alle diese Töne sind Worte, die der Wald aus dem Schlafe spricht. Er träumt vom vergangenen Tag mit allen seinen Freuden und Leiden. Irgendwo raschelt dürres Reisig – der Wald träumt eben von den Bäumen, die man, nebbich, vor der Zeit gefällt hat. Irgendwo in der Höhe rauscht es: der Wald träumt davon, daß der niederträchtige Sperber ein Nest mit jungen, unschuldigen Vöglein zerstört hat; die Blätter, die da flattern, fallen auf die tote Mutter und ihre toten Kinder, von denen der Wald träumt … Eine furchtbar schwarze Wolke zieht über dem Walde und auch in meiner Seele auf. Die weltberühmte Schwarzkünstlerin und Lügnerin Phantasie vermittelt zwischen mir und der Mulde, auf die ich schaue, schwindelhafte Geschäfte. Sie bringt mir von dort einen Transport Schreckbilder, die in der Fabrik, die ich im Kopfe habe, abgeändert und mit vielen neuen verrückten Einzelheiten ausgeschmückt werden. Mit einem solchen Transport bekomme ich von dort die Leiche des ermordeten Alter Jaknhas und die Totengerippe unserer Pferde. Dieses Bild wird in meinem Kopfe mit tausend Einzelheiten ausgeschmückt, und im Nu fliegt es schon zurück, mit einem rothaarigen, kräftigen Räuber und einem Wolf mit schrecklichem Gebiß ausgestattet.”

Fischke steht dabei zu Beginn gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Wir fahren von ihm in einem Gespräch zwischen den Figuren Mendele und Alter, die sich getroffen haben, und, wo sie sich schon getroffen haben, entscheiden, dass sie auch ein bisschen handeln können. Hier erzählt Mendele von Fischke. Wenig später aber geht Alter verloren und mit ihm die beiden Pferde ihrer beiden Wagen. Nun geht Mendele in die oben geschilderte Kneipe und lernt dort ein nettes Ehepaar kennen, denen er seine Geschichte weiter erzählt, ehe dann Alter zurückkommt bzw. aufgefunden wird und nun seine Geschichte erzählt. In diese Geschichte hinein, die auch immer noch irgendwer erzählen muss, von dem wir ausgehen müssen, dass es Mendele ist, denn bei dem Roman handelt es sich um eine Ich-Erzählung aus der Perspektive Mendeles, platzt nun Fischke, Und erzählt, was ihm widerfahren ist, seitdem Mendele Alter zuletzt von ihm erzählt hat. Und so weiter. Das ist wirklich herrlich gebaut, so dass es sich liest wie ein einzige Folge von Gesprächen unter Menschen, die sich mal besser, mal weniger gut kennen, und beim Erzählen vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Und dennoch ist es ein äußerst konzentrierter und wohlkomponierte Roman, mit mehreren gewitzt ineinander verschränkten Erzählebenen, der alles dem Zweck unterordnet, einerseits die Geschichte unserer Protagonisten amüsant und streckenweise spannend rüberzubringen und andererseits diesen Kosmos des jüdischen Lebens in der Ukraine so plastisch wie nur möglich vors Auge zu stellen. Nur: Das geschieht eben ohne jedes Spektakel, mit dem sich so leicht Aufmerksamkeit erregen lässt, sondern stattdessen absolut nebenbei, wie etwas, das ich aus dem Gesprächen nunmal so ergeben muss. Wer aber selbst einmal versucht hat, einen Text so aufzubauen, weiß, welche Leistung (ich will nicht sagen Arbeit, denn vielleicht ging es dem Autor ja ganz leicht vor der Hand, das macht den Text natürlich kein Stück schlechter) dahinter steht.

„Fischke, der Krume“ ist ähnlich wie „Stempenju“ ein Text, den man in jedem Fall einmal gelesen haben sollte und der sich ob seiner Kürze und Unterhaltsamkeit auch relativ gut an einem oder zwei Tagen lesen lässt.

Bild: Wikiart, gemeinfrei

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