George Sands Erwartung an ihre Romane. „Der Champi“.

Im Vorwort zum Roman “Der Champi” (d.h.: Findelkind) stellt George Sand einige Überlegungen dazu an, wie man einen Roman so gestaltet, dass er zugleich ein breites Publikum finden kann und doch eine gewisse geistige Tiefe und eine ästhetisch gelungene Form hat. Das ist ihr bekanntlich mit dem zuvor erschienenen „Der Teufelssumpf“ sehr gut gelungen, doch das Vorwort kommt als Selbstkritik daher, und verlangt von späteren Romanen mehr:

“…du aber hast nicht so leichtes Spiel: du mußt die Geschichte so erzählen, als ob zu deiner Rechten ein Pariser, und zu deiner Linken ein Landmann säße, und es darf dir kein Wort entschlüpfen, das nicht völlig klar für den Pariser, und kein Redesatz, der für den Landmann unverständlich wäre…”

Das Vorwort zeigt in jedem Fall, dass Sand nicht einfach nur unglaublich viele Romane in die Welt warf (über 90), sondern sich durchaus auch Gedanken machte, was damit zu erreichen wäre Und wie sich das ästhetisch am besten umsetzen lässt. Ist „Der Champi“ nun aber ein Text, der „Das Teufelsmoor“ noch einmal deutlich überragt? Leider nein. Manches Unterfangen mag unmöglich sein, und insbesondere, wenn man sich selbst dazu zwingen möchte, dass es gelinge. Nimmt man die oben formulierte Anforderung, so glaube ich, dass „Das Teufelsmoor“ sie eher erfüllt als dieser Text.

In “Der Champi” findet die Bäuerin Magdalena anfangs ein fieberndes Kind von etwa fünf oder sechs Jahren. Doch deshalb ist unser Protagonist kein Findelkind. Sondern schon zuvor hat ihn eine junge Tagelöhnerin aufgenommen, und eine Zeitlang hat der Junge nun quasi zwei Mütter. Dann stirbt die Tagelöhnerin, Magdalena nimmt ihn auf, doch der Ehemann hasst das Kind. Weil er ein guter Arbeiter ist, bleibt der Champi im Haus, doch irgendwann verkracht er sich mit der Geliebten des Ehemanns und fliegt endgültig. Er macht sich auf einem Landgut einige Meilen entfernt unverzichtbar, der böse Ehemann stirbt und der Champi kehrt zurück, und es gelingt ihm, die Angelegenheiten zu ordnen und die Geliebte, die zahlreiche Schuldverschreibungen besitzt, so auszu manövrieren, dass Magdalena und ihre Kinder so wie die junge Schwester des Toten das Gut behalten können. Und natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte. In den Protagonisten verliebt sind die Tochter des Bauern, bei dem er später gearbeitet hat und die junge Schwester des toten Ehemanns Magdalenas. Doch statt das der Champi sich für eine von den beiden entscheidet, stellt er fest, dass er schon die ganze Zeit unsterblich in Magdalena verliebt war und er heiratet seine mindestens zehn Jahre ältere Ziehmutter. Und ich weiß nicht… Auch wenn es natürlich technisch absolut unproblematisch ist, wohnt dem durch die lange Mutter-Kind Beziehung, die beiden hatten, doch irgendwie etwas inne, dass ein wenig inzestuös wirkt.

Warum sehe ich den Text nicht auf der Höhe von „Der Teufelssumpf“? Erstens: Das Atmosphärische fehlt. „Der Teufelssumpf“ erzählte eine begrenzte, dennoch ereignisreiche dichte Geschichte in starken Bildern. Die beiden Dörfer und der Nebelwald dazwischen standen ganz plastisch vor Augen, in ihrer Realität, in ihrer klaren Symbolik. Das lässt sich über die Welt von „Der Champi“ deutlich weniger sagen. Zweitens: Das Ganze ist viel zu melodramatisch. Doppelt gefundene Findelkinder, plötzliche Tode, Fieberkrankheiten noch und nöcher, und schließlich eine Ehe mit der Quasi-Mutter? Herrje, es mag ja sogar sein, dass man damit, wie oben gefordert, sowohl den Landmann als auch den Pariser ködert. Aber dann eben doch eher durch Skandal und Affekt, als durch künstlerische Meisterschaft. Auch „Der Champi“ ist wieder unterhaltsam, und bestärkt mein schon mehrfach gefällt es Urteil, dass Sand zwar seltener Meisterwerk geschaffen hat als etwa Emil Zola und mit Abstrichen vielleicht auch noch Balzac, doch auf der anderen Seite auch weniger Totalausfälle produziert, Romane, die man heute eigentlich gar nicht mehr lesen kann. Aber der Text ist dann doch wieder nur gehobener Durchschnitt. Melodramatischer Unterhaltungsroman, fernab von den Höhen, auf die sich Sand mit „Der Teufelssumpf“ und „Tevorino“ erhoben hat, und auch noch ein Stück schwächer als das bereits deutlich früher besprochenen „Die kleine Fadette“.

Bild: Wikiart, gemeinfrei.

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