„On The Road“ als literarische Komposition ernst nehmen. Zum 100. von Jack Kerouac

Artikel von Kaffeehaussitzer und Peter Unfried haben mich darauf hingewiesen, dass der Inbegriff der Jugendkultur, Jack Kerouac, heute 100 würde. Gelegenheit, einen älteren Essay endlich zu veröffentlichen, der die literarischen Qualitäten des meist aus anderen Gründen gehypten „On the Road“ herausarbeitet.

Schleifen, Alliterationen, hell und dunkel, glaubhafter Jargon und vielleicht etwa 20 Prozent Überhöhung des alltäglichen Sprachgebrauchs nichtalltäglicher Menschen. Das dürfte, auf den Punkt gebracht, grob die Formel sein, die begreifen hilft, warum und wie weit Jack Kerouacs „On the road“ aus der Masse von Szene-Romanen und Reiseerzählungen heraussticht.

Schleifen im großen, wie die Wiederkehr von Themen in einem musikalischen Werk, besonders in jenen freien Jazz-Improvisationen, die damals noch nicht Free Jazz hießen, an denen Kerouac sich nach eigenen Angaben orientiert hat, und von denen eine in der Jam-Session mit Slim Gaillard Eingang in das Buch gefunden hat. Schleifen im Großen: Das sind die Reisen des Protagonisten, auf denen der sich immer wieder über Denver Richtung Westen und zurück bewegt, wobei sich einerseits der Beat als Bewegung immer stärker herauskristallisiert, sich seiner selbst als Bewegung bewusst wird, andererseits, etwa in der zweiten Mexikoreise, auch schon eine gewisse Erschlaffung, Ritualisierung, beinahe eine Enttäuschung gegenüber dem Staunen der ersten Reise, deutlich wird.

Und dann Schleifen innerhalb dieser Schleifen: Sich immer wieder ähnliche Momente des sich Verliebens oder einfach nur scharf auf jemanden Seins, des große Pläne Machens und dann oft genug in einer Kneipe Versackens, des raus und absolut allein sein Müssens und wieder zu den Menschen zurückgezogen Werdens, des nie wieder die Tante um Geld anhauen wollen und es doch wieder tun. Die Schleifen sind keine Kreise, sie führen im Kleineren und Größeren jeweils über den Ausgangszustand hinaus, im Ganzen interessanterweise dann allerdings in ein recht spießiges Familienschicksal, aus dem bloß, wie ein schmutziger Überrest des Erlebten, Dean Moriarty herauskatapultiert wird (um kaum verändert unter seinem Reallife-Name Neal Cassidy in Tom Wolfes „The Electric Kool-Aid Acid Test“ als Komet erneut zu leuchten).

Alliterationen: Achtet einmal darauf, wie oft dieses stilistische Mittel eingesetzt wird, um dem Text seinen ganz eigenen, temporeichen Rhythmus zu verleihen. Oft sind es drei Hauptworte, oder allgemeiner drei Worte, die mit dem gleichen Buchstaben oder zumindest einem ähnlichen Klang beginnen (hier noch überstrahlt von zahlreichen Wortwiederholungen):

“But then they danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I’ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes “Awww!””

Great Chicago glowed red before our eyes. We were suddenly on Madison Street among hordes of hobos, some of them sprawled out on the street with their feet on the curb, hundreds of others milling in the doorways of saloons and alleys.“

Unterstützt wird das regelmäßig noch von einem Gleich- oder Ähnlich-Klang der Vokale. „E“, „i“ gesellen sich zueinander, ebenso wie „o“, „u“ und „a“. Das nutzt Kerouac zugleich auch für kontrastierende Effekte. Eine helle Seite stellt sich gegen eine dunkle oder andersherum. Auch auf der Ebene der Handlung arbeitet der Autor mit diesem Kontrast. Rasante Tag- und Nachtwechsel, die immer wieder sehr unterschiedliche Stimmungen hart gegeneinander stellen. Das Arbeit suchen mit seinen mexikanischen Freunden. Die Ausschweifungen, sobald die Sonne untergeht. Das Versprechen am nächsten Tag ein großes Ding zu drehen. Stattdessen: Chillen in der prallen Sonne. Und so weiter.

Sein unnachahmliches Zeitkolorit dagegen gewinnt der Roman aus den sehr glaubhaften Dialogen, durchsetzt mit dem hippen Jargon, in dem der Autor zu Hause war. Ist der realistisch wiedergegeben? Keine Ahnung. Ich denke schon, sonst hätte irgendwann mal einer der Weggefährten das Ein oder Andere klargestellt. Vor allem aber ist er glaubhaft wiedergegeben. Man kann sich diese Figuren vorstellen, allein aus ihrer Redeweise. Überdrehte Vagabunden, durchaus aus gutem Haus, jeder will Künstler sein und sogar noch mehr als Künstler und zugleich doch bloß bitte kein Künstler, denn das ist doch bereits wieder geradezu bourgeois. Schnelle Autos, Freiheit, ein fragwürdiges Frauenbild und ein gespanntes Verhältnis zu Homosexualität, das irgendwo an der Grenze steht zwischen 50er Jahre Spießigkeit, der Einsicht, dass einige der Kumpel selbst homo- oder mindestens bisexuell sind bis hin zu eigenen Experimenten. Dahingehend soll übrigens die unlektorierte Fassung, die ich noch nicht gelesen habe, sehr viel expliziter sein, besonders auch was die Anziehung betrifft, die Dean Moriarty auf den Protagonisten ausübt.

Und zuletzt: Die Überhöhung. Denn sollen wir glauben, dass diese Menschen tatsächlich die ganze Zeit so gelebt und geredet haben? In diesem Mix von etwas, was uns heute wie bemühte Coolness vorkommen mag, gleichzeitig aber irgendwie immerzu das große Ganze und die Transzendenz des Alltäglichen anpeilend, Momente des amerikanischen Traums, der buddhistischen Ich-Auflösung, sogar des Christlich-Göttlichen, so dass man ihnen diese Coolness, die Hipness, tatsächlich abnimmt? Ich glaube nicht. Wer auch nur einmal ein paar Tage als Anhalter unterwegs war, weiß, wie viel Zeit die besonderen Momente einnehmen, wie viel dagegen das Allerprofanste. Kerouac aber gelingt eine unglaubliche Verdichtung, die uns mitnimmt durch eine Achterbahnfahrt des Besonderen, ohne dass man das Gefühl hat, es würden nur Höhepunkte herausgegriffen. Das Alltägliche wird verkleinert und verdrängt, das Besondere bekommt die Aura des Heiligen. Aber: einen herrlich dreckigen Heiligenschein. Und die Flucht, die „Erlösung“ aus den Schleifen, erfolgt ausgerechnet in die Gemütlichkeit des Alltäglichen.

„On the road“ mag tatsächlich innerhalb von vier Wochen heruntergehackt worden sein, aber manchmal, wenn man in einer Sache komplett drin ist, geht sich so etwas aus. Wie viel von der letztlichen Struktur geplant gewesen sein mag, und wie viel sich einfach aus dem Zusammenspiel von Lebenssituationen und Erinnerung ergeben hat? Keine Ahnung. Selbst der alliterative Stil mag ja ein Selbstläufer gewesen sein, denn Rhythmus und Melodie, die sich im Lesen enthüllen, müssen das Schreiben nicht erschweren, sie können es vereinfachen. Das spontane musikalische Improvisieren wird ja auch schwerer und nicht einfacher, wenn man zwanghaft versucht, bekannte Rhythmen und Melodien draußen zu halten und überhaupt waren Reim und Rhythmus einst keine Erfindungen Zwecks Erschwernis der Rezeption, sondern Zwecks Erleichtung des Vortragens und Erinnerns. So kann ich mit gut vorstellen, dass die mühsam analysierte Formale Brillianz von „On the Road“ Ergebnis eines sehr spontanen Schreibprozesses war, wie es kolportiert wird.

Ich selbst habe lange gebraucht, um „On the road“ als den formal und stilistisch herausragenden Roman zu erkennen, der es ist. Ein solcher Text funktioniert in Übersetzung nicht wirklich, und in meiner Jugend habe ich nur die Übersetzung gelesen. Viel später fand ich dann über das Hörbuch zum Original zurück, und es ist tatsächlich das Hörbuch, das die sprachlichen Besonderheiten am besten herausarbeitet. „On the road“ ist im Großen und Ganzen ein Text zum vorgetragen Werden. Denn es ist ja nicht zuletzt gewissermaßen die Bibel der letzten bzw. jüngsten Neu-Religion, die rund um die Welt Wirkmacht entfalten konnte. Unter allen literarischen Werken, in deren Zentrum das Lebensgefühl einer Generation oder Bewegung steht, dürfte „On the road“ das auch ästhetisch herausragendste sein.

Es ist bewegungsbedingt daher dann allerdings nicht nur ein sehr machistischer Text (darauf wurde ja schon öfter hingewiesen), ich denke es ist auch insgesamt ein Missverständnis, den Roman und den Beat und alles was folgte überhaupt automatisch als Teil der politischen antiautoritären Linken zu nehmen. Ich sagte es an anderen Stellen: Es steckt (außer Carlo, Allan Ginsbergs Alter Ego) kein Marx aber viel Nietzsche im frühen Beat. Das individualistische, antistaatliche, oft einzelkämpferische Freiheitsverständnis ist dem von Ayn Rand deutlich näher als dem von Rosa Luxemburg oder Emma Goldman. Das gilt, wie man anhand von Charles Perrys „The Haight-Ashbury“ und Wolfes „The electric Kool-Aid Acid Test“ prüfen kann, auch noch für spätere Entwicklungen der Bewegung (man denke etwa auch an Ken Keseys Anti-Gewerkschaftsroman „Sometimes a great Notion“. Dass manche Beatniks später sich eindeutiger links positioniert haben, ist deren persönliche Weiterentwicklung und eine mögliche, die alles andere als zwangsläufig ist. Dass sich neuere Rechte heute Durchaus ganz gern auf früh Ideen und Momente verschiedener Counter cultures berufen, ist derweil dann eben auch keine fiese Aneignung von etwas, das mit dem „Eigentlichen“ nichts zu tun hat. Es ist in jedem Fall eine andere mögliche Weiterentwicklung, für die man das Material der frühen Counter culture nicht unbedingt verbiegen muss.

Peter Unfried nimmt das wiederum in der TAZ zum Anlass, sein einstiges Lieblingsbuch für überholt zu erklären. Welch ein Unsinn. Der Roman wird bleiben, da wird niemand mehr wissen, wer Unfried eigentlich ist. Wie ja auch die Odyssee nicht vergessen ist, weil die antike Polis Geschichte ist. „On the Road“ bleibt als meisterhafte Komposition eines Lebensgefühls. UND der Roman lohnt heute auch politisch die Lektüre, weil sich in der frühen Counterculture tatsächlich viele Keimzellen eines Denkens und Fühlens ausmachen lassen, das heute aus sehr unterschiedlichen politischen Spektren in je eigener Weise spricht.

Bild: Pixabay

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