Spätere Bemerkung zu „Gespräch in der „Kathedrale““.

Zu Llosas Gespräch in der „Kathedrale“ habe ich schon mal eine längere Besprechung mit Auszügen aus einer alten Hausarbeit veröffentlicht. Die neuerliche Lektüre regt mich aber noch zu einigen weiteren Bemerkungen an. Da fällt einmal ins Auge, wie balanciert die einzelnen Plots dann doch von Anfang an sind. Ich tendierte bei der Ersten Lektüre, den Roman in erster Linie als die Geschichte von Santiago Zavalas Hinwendung zum Kommunismus und der folgenden langsam Aufkündigung dieser Liebe zu lesen. Ebenfalls prominent der langsame Abstieg Ambrosios von seiner Stelle als Chauffeur von Cayo Bermudez über die Familie Zavála bis hin zu seinem missglückten Busunternehmen und der gescheiterten Familiengründung mit Amalia. Liest man aber genauer, fällt auf, dass auch Amalia selbst von Anfang an sehr viel mehr Raum einnimmt, als ich das beispielsweise in Erinnerung hatte. Santiagos Haupthandlung ist gar keine, wird im Vergleich zur Gesamtlänge des Buches relativ rasch abgefrühstückt. Die drei Hauptstränge sind tatsächlich sehr gleichberechtigt, und welchen man als dominant erlebt mag viel mit der eigenen Lebenssituation zu tun haben. Im Wekr aber waltet ein wirklich beeindruckender Sinn für Balance.

Auch auf einen denkbaren Kritikpunkt möchte ich antworten: Dass nämlich bei näherem Hinsehen die Entfaltung des gesamten Romans aus dem zunehmend alkoholisierten Gespräch in der Kathedrale nicht gänzlich Sinn ergebe. Denn es wird immer wieder wörtlich wiedergegeben, was die Protagonisten höchstens vom Hörensagen wissen können, teils sogar Dinge, bei denen man sich fragt, wie sie überhaupt zu Santiago oder Ambrosio zu Ohren gedrungen sein könnten. Das stimmt sicherlich, ist aber letztendlich so relevant, wie der Vorwurf gegen eine, obschon strenge, musikalische Komposition, man könne ihren wahrscheinlichen Fortgang nicht aus den ersten fünf Noten, oder meinetwegen auch nur aus dem ersten Thema, deduzieren.

Entscheidend ist, wie ich auch im Unterricht für literarisches Schreiben immer wieder sage, dass das Werk als Ganzes am Ende plausibel wirkt. Gespräch in der „Kathedrale“ fühlt sich an wie ein aus einem einzelnen Gespräch immer weiter aufgeklappter Roman,der im Ganzen ein Gesellschaftsbild von Lima unter der Odria-Diktatur zeichnet. Die Brüche mit der an sich strengen Komposition stören dabei nicht, sondern verleihen dem Werk genau jene Momente an Rest-Unwägbarkeit, an Brüchigkeit auch in der Form, die einer Welt korrespondiert, die gewaltsam strukturiert und doch kaum kontrollierbar chaotisch ist. Gespräch in der „Kathedrale“ ist und bleibt einer der formal wahrscheinlich konsequentesten Romane.

Bild: La Taberna von Cristóbal Rojas, gemeinfrei

3 Gedanken zu “Spätere Bemerkung zu „Gespräch in der „Kathedrale““.

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