Jüdische Diaspora nach der Shoah in New York. Isaac Bashevis Singers „Schatten über dem Hudson“.

Das war nun meine zweite Lektüre von Isaac Bashevis Singers „Schatten über dem Hudson“. Der Roman ist eine weitere Beute aus dem Bibliotheksflohmarkt, dem bereits die schicke illustrierte Ausgabe von Scholem Alejchem Stempenju entstammt. Nach der ersten Lektüre vor vielen Jahren habe ich mir nur eine Notiz gemacht, über das Buch zu schreiben. Das sei hiermit nachgeholt.

Ich bin kein Experte bezüglich des Gesamtwerks Singers, daher muss ich mich auf einen Artikel der New York Times von 1997 verlassen, die den großen Roman als sehr untypisch für dieses bezeichnet. „Schatten über dem Hudson“ ist ein umfangreicher Text, der zahlreiche Figuren beinahe gleichberechtigt jongliert. Dazu relativ düster, um große persönliche und politische Konflikte kreisend. Sonst, so die Times, behandle der Autor zwar durchaus ähnliche Themen, doch sehr viel kompakter und mit weit größerer Heiterkeit.

„Schatten über dem Hudson“ folgt einer Gruppe größtenteils aus Deutschland geflohener Juden der amerikanischen Ober- und oberer Mittelschicht. Wir lernen den Großteil des Ensembles auf einer Party bei Boris Makaver kennen, ein älterer Mann, der einerseits recht gläubig ist, andererseits in seiner Tätigkeit als Großunternehmer, der zahlreiche unterschiedliche Unternehmungen verfolgt, die Regeln seines Glaubens auch nicht so wirklich ernst nimmt, wie er es gerne würde. Dann ist da Anna, seine Tochter, unglücklich in zweiter Ehe und Grein, ein Aktienhändler, der sich an diese Tochter ran schmeißt. Daneben noch zahlreiche weitere Figuren, die über Kommunismus und Kapitalismus diskutieren, über Spiritismus und die Atombombe, Fragen des Glaubens und wie sich diese mit Relativitätstheorie und Quantenphysik vereinbaren lassen. Und natürlich klingt auch hier schon ein Thema des Romans an, das später immer mehr an Gewicht gewinnen wird: Was heißt es, in dieser Welt „jüdisch“ zu sein und ist das überhaupt noch möglich?

Über die folgenden Kapitel schält sich dann Stück für Stück die Liebesgeschichte von Grein und Anna als die Haupthandlung heraus. Anna verlässt ihren Mann, den sie längst hassen gelernt hat, obwohl jener ihr nicht direkt etwas angetan hat. Er war noch ein junger älterer Mann, als sie heirateten, jetzt ist er für sie nur noch ein alter Mann. Die beiden fliehen nach Florida, Grein verlässt dafür ebenfalls Ehefrau und eine weitere Geliebte, doch es dauert gar nicht lange, da sucht er diese Geliebte wieder auf. Anna sinnt auf Selbstmord, doch besucht stattdessen eine Spiritistin, ihr Mann glaubt seine in Auschwitz ermordete Frau durch eine Sceance wieder getroffen zu haben, er stirbt kurze Zeit später an einem Herzanfall. Grein ist überzeugt, ihn ermordet zu haben, und dann bekommt auch noch die Ex-Frau Brustkrebs. Die Beziehung zu Anna, die derweil der Vater verstoßen hat, zerbricht.

Und ich breche hier die Nacherzählung ab, denn die Einzelheiten der Handlung sind sicherlich nicht, was „Schatten über dem Hudson“ zu so einem starken Roman macht. Es ist die gelungene Mischung aus Figuren und einer Weltsicht, die durchaus an Dostojewski erinnern mag, vermittelt in ausgedehnten Dialogen, schwankend zwischen dem Größten und dem Kleinsten als sei es nichts. Allen Konflikten verleiht dabei zusätzliche Schärfe, dass natürlich im Leben der Protagonisten die Shoah immer anwesend ist. Viele dieser Menschen, die doch ein normales Leben leben wollen und sollen, sind KZ oder Erschießungskommandos knapp entronnen, ein jeder aber hat Freunde und Verwandte verloren. Auch vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich immer wieder die Frage nach der Bedeutung der Religion: Kann man an einem Gott noch glauben, der das zulässt? Und zugleich bauen sich mehrere Generationenkonflikte auf. Besonders die Älteren, besonders die, die aus der Sowjetunion geflohen sind oder dort Verwandte hatten, erfahren die Hinwendung Jüngerer zum Sozialismus als schockierende Wendung hin zu einer neuen Religion oder zu einem besonders perfiden Atheismus.

Stilistisch trägt der Vergleich mit Dostojewski tatsächlich am besten, um „Schatten über dem Hudson“ zu beschreiben. Lange Dialogpassagen wechseln sich ab mit Blicken in die Straßen von New York, Szenen aus verschiedenen Milieus, Momente, die jeweils die Stimmung von Figuren im Fokus unterstreichen. So ergeben sich immer wieder melancholisch schön Passagen.

Diese Momente des Beschreibens sind natürlich ein Unterschied zu Dostojewskij, der tatsächlich viel weniger beschreibt, als man angesichts der heftigen bildlichen Eindrücke, die seine Werke hinterlassen, glauben mag. Und auch ansonsten ist „Schatten über dem Hudson“ natürlich allein durch das Setting und die Zeit, die alles transformieren, ein ganz anderes Werk als die großen Romane Dostojewskis. Ein großer Roman ist es aber in jedem Fall, und dazu das spannende Beispiel eines Romans, der wirklich ganz traditionell erzählt ist und sich nicht etwa, wie Thomas Manns „Doktor Faustus“, nur für den oberflächlichen Blick als ein solcher tarnt. Und dennoch ist das ein moderner Roman, und ein gelungener moderner Roman noch dazu, der gerade durch die traditionelle Erzählweise, die natürlich auch an die Traditionen anschließt, an die sich die zahlreichen Figuren immer wieder erinnern, an das, was Jüdischsein ihnen vor der Shoa bedeutete, es schafft die Welt seiner Figuren in ungeheuer überzeugender und ungeheuer berührender Weise zu transportieren.

Bild: wikiart, gemeinfrei

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