Warum ich – nach sorgfältiger Vorauswahl – auch Bücher im Selbstverlag lese. Zum gespannten Verhältnis von Buchindustrie und Literatur.

Gerade hatte ich noch eine interessante Diskussion mit einem Freund über Twitter über die fortschreitende Oligopolisierung der Verlagslandschaft, Klein- und Selbstverlage, da bekräftigt am gleichen Tag noch einmal ein bekannter Blogger, warum er nur Bücher aus Verlagen, die in Buchhandlungen erscheinen, besprechen wird.

Ein Kampf um einen schwindenden Kuchen

Es scheint, je schlechter die „Publikumsverlage“ insgesamt dastehen, desto heftiger wird das Abgrenzungsbedürfnis. Es ist ein faszinierendes und einzig und allein ökonomisch aus dem Konkurrenzkampf zu erklärendes Phänomen. Es gibt ähnliches weder so dominant in der bildenden Kunst, noch in der Musik. Oder könntet ihr euch vorstellen, das Koryphäen wie Bob Dylan oder Joni Mitchell verkünden, nur in ordentlichen Labels erschienene Musik sei ordentliche Musik, wie es aus der Verlagswelt und besonders gerne von LektorInnen auf Twitter schon einmal verkündet wird (denn nur dort gibt es die absolut notwendige „Qualitätssicherung“!), oder dass ein Musik Blogger, der die nächste Joni Mitchell, sagen wir, auf einer Straße von Prizren in Kosovo entdeckt (das dürfte eine der Städte mit der höchsten KümstlerInnendichte in Europa sein), nicht über sie schreibt, da sie nicht nur kein Label hat, sondern solche Musik heute bekanntlich auch praktisch keine Chance mehr hat, ein Label zu finden? Nein, den Kampf „Etablierte vs Outsider“ gibt es nur in der Literatur, wo eine Masse an Literatur-Dienstleisterinnen um einen schwindenden finanziellen Kuchen konkurriert.

(Womit nicht gesagt sein soll, dass der Kaffeehaussitzer dieses Abgrenzungsbedürfnis in seinem Artikel bedient. Der Text war bloß der zweite Anstoß am gleichen Tag, noch einmal mehr zum Thema zu schreiben. Sein Problem ist hier viel mehr zentral auch das meine: Man findet die höchstwahrscheinlich auch im Selbstverlag oder gar auf irgendwelchen Rechnern herumgeisternden Meisterwerke aufgrund der schieren Masse der Selbstverlegenden fast nie – dazu weiter unten mehr. Doch möchte ich, der wahrscheinlich deutlich weniger Literaturspam bekommt als Kaffeehaussitzer, Menschen ermutigen, mir solche Werke zu senden, wenn man bereit ist, in 99 von 100 Fällen mit der Enttäuschung zu leben, dass es sich dann doch nicht um das handelt, was ich zu rezensieren bereit bin – auch dazu unten mehr. Die generelle Betrachtung zum Verhältnis Verlag-Selbstverlag hier basiert weniger auf den Argumenten von Kaffeehaussitzer als auf Diskussionen, die ich in den vergangenen Jahren verfolgt und geführt habe.)

Besonders von der am häufigsten angesprochenen Qualitätssicherung durch Verlage habe ich, der wahrscheinlich 150 bis 200 Bücher im Jahr liest, zumindest noch nicht viel bemerkt. Gewiss, wenn man damit meint, das Kommata öfter an richtigen Stellen stehen (auch längst nicht immer), und dass Wörter häufiger alle Buchstaben beinhalten, die da hinein gehören, und seltener welche, die dort nicht stehen sollten (auch das längst nicht immer), dann mag das stimmen. Aber wenn wir von Qualität im Sinne eines gelungenen Kunstwerkes sprechen, dann finde ich das auch bei modernen Verlagsbüchern höchst selten. Stattdessen findet ein Mainstreaming statt: Gefiltert und lektoriert wird auf Texte hin, die immer wieder die gleichen Themen durchackern, und immer wieder nach dem gleichen Schemen verfasst sind. Allgegenwärtiger Handbremsenmodernismus, und da sprechen wir noch von den Texten mit „Anspruch“. Ich will mich darüber gar nicht zu weitgreifend auslassen, hier zB findet ihr einen entsprechend ausführlicheren Text dazu.

Das Problem der Textauswahl

Das ist nun weder prinzipiell gegen Verlage noch Verlagsautorennen gerichtet. Und es ist aus Zeitökonomischen Gründen auch verständlich, ausschließlich oder fast ausschließlich solche zu lesen und zu rezensieren. Es schreiben heute gefühlt mehr Menschen als lesen, und aus der großen Masse an Quatsch die paar Perlen zu picken, wenn man überhaupt mal eine findet, ist den Aufwand leider mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wert, ohne „Leitwerk“ zu lesen. Aber das liegt nicht daran, dass Verlage in der Breite das Perlen picken übernehmen, sondern dass sie, wie alle Masseninstitutionen, gut darin sind, einen Markt auf ein gehobenes gefälliges Mittelmaß hin zu streamlinen. Nun haben manche Verlage und die Verlagswelt an sich sich durchaus einen Ruf erarbeitet, herausragende Literatur überhaupt erst auf die Landkarte zu bringen. Und historisch war das über zwei Phasen wahrscheinlich richtig. In den Zwanzigern bis zum Zweiten Weltkrieg, und noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 80er Jahre. Das allerdings ist weniger eine alleinige Leistung einer altruistisch agierenden Verlagswelt, als eine Folge einer besonderen historischen Konstellation von Literaturschöpfung, Publikum und Markt, in der das überschießende Potential oftmals ursprünglich sich selbst verlegender Avantgarden auf einen Massenmarkt traf, der für solche Kunst aufnahmefähig war und es daher lukrativ machte, auch avancierte Literatur breiter zu verlegen. Im Großen und Ganzen ist die größere Verlagswelt, und kann diese Verlagswelt nur sein: Eine Institution des Mainstreams. Denn sie muss auf den Markt bzw. die jeweiligen Marktsegmente achten, aus denen sich Gewinn schöpfen lässt. Und jedes Marktsegment tendiert zum kleinsten gemeinsamen Nenner der auf ihm vertreten und Kundinnen und Kunden. Niemand will Böses, und doch ist das immer wieder das Ergebnis.

Der Marks als Mainstreaming-Maschine

Wie krass dieses Mainstreaming voranschreitet, und zwar weltweit, kann man sich vor Augen führen, wenn man bedenkt, dass noch in den 70er und 80er Jahren zwei deutschsprachige Autoren so krass unterschiedlich klingen konnten die Günter Grass und Arno Schmidt (nein, das ist kein Lob Grassens, sondern eine Feststellung; was ich zu Grass qualitativ denke, kann man hier nachlesen), während sich heute der Sound selbst international breit gestreuter Koryphäen wie Arundathi Roy, Tony Morisson und Ali Smith sowie deutschsprachiger E-ErfolgsautorInnen (zB Stanisic, Aydemir, Bazyar, Bossong) im Vergleich doch deutlich angenähert hat. Auch das ist wieder kein Angriff gegen diese AutorInnen, zwei der drei hier genannten internationalen haben Texte in meiner persönlichen Top Ten der herausragenden Romane des letzten Jahrhunderts. Aber nicht nur kompositorisch, sondern selbst bis in die Tiefenstruktur der einfachsten Sätze hinein – solch äußerst ungewöhnliche Prosa, wie sie beispielsweise Else Lasker-Schüler verfasste, Robert Walser oder Bruno Schulz, die wird man heute eher im Selbst- und Kleinverlag finden und nicht in den großen Publikumsverlagen. Wenn überhaupt, denn das Mainstreaming, das man auch mit Marx‘ Begriff der realen Subsumption der Literatur unter das Kapital (also der Literaturschöpfung selbst, der Art und Weise, wie Literatur als Kunstform überhaupt gedacht wird, im Gegensatz zur formellen Subsumption, in der Literatur psychologisch von den Erwartungen des Marktes noch vergleichsweise unbeleckt ist, aber bereits als Ware zurechtgemacht und verkauft wird), beschreiben könnte, ist einer, dem sich kein Mensch entziehen kann. Auch, wer bis jetzt allein für die Schublade schreibt, wird davon berührt werden.

Kurz: Ja, ich bin bereit, Texte, die in Klein- und Selbstverlagen erschienen sind, zu lesen und auch zu rezensieren. Auf mindestens zwei wirklich starke Texte und einen interessanten Text aus diesem Segment habe ich hier schon hingewiesen. Allerdings gebe ich auch gerne zu, dass es meist einfacher ist, Verlagstitel zu rezensieren, und vor allem es natürlich auch Vorteile hat, über Texte zu schreiben, die viele Menschen kennen, über die gemeinsam diskutiert werden kann. Auch sollte, wer mir seine Texte zusendet, sich recht genau informieren, welche Werke ich wie besprochen habe. Dieser Blog stellt sehr kritisch ab auf Sprache und Form, was nicht derart herausragt, dass es eine zweite, dritte und vierte Lektüre wert ist, wird eine Rezension bekommen, die die meisten Menschen für Verrisse halten. Was dann auch heißt, dass ich entsprechende Titel von Selbstverlegenden erst gar nicht besprechen werde, weil ich niemandes Gefühle verletzen möchte, die/der nicht wenigstens das beruhigende Wissen besitzt, einen Verlag im Rücken, es also „geschafft“ zu haben. Wenn mir etwas zugeschickt wird, lese ich meist ein bis drei Seiten rein, und entscheide dann, ob ich weiter lese. Sagt jetzt bloß nicht, so schnell könnte man nicht entscheiden. Irgendwie muss man entscheiden, und ein besonderes Buch erkennt man mit den ersten Sätzen. Viele Bücher werden über die Länge schlechter, kaum ein Buch wird je besser. Und: Ich schicke keine Absagen, weder Verlag, noch Selbstverlag.

AutorInnen werden neues Verhältnis zum verlegen finden müssen

Einer Sache bin ich mir sicher, und damit zurück zur Betrachtung über die Verlage in der Geschichte. Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Leser, werden sich überlegen müssen, wie sie mit dem Thema Selbst- und Kleinverlag produktiv umgehen. Der große Publikumsverlage ist eine historische Anomalie. Noch bis zum Zweiten Weltkrieg war es für das Renommee relativ egal, ob man als Selbstverleger oder direkt als Verlagsautor begonnen hat. Die Gruppe um Virginia Woolf etwa hat mit ihrem Selbstverlag einen der heute renommiertesten Verlage ins Leben gerufen. Cotta wurde zuerst von einer Druckerei zu einem richtigen Verlag als Publikationsorgan für den Buddy Goethe, dann als Verlag der Weimarer Klassik. Eine Bekannte hat noch ein faszinierendes 60er- Jahre-Heftchen von Burg Waldeck zu Hause, Matrizendruck und naive händische Zeichnungen, und darin Gedichte von heute gefeierten Autoren wie etwa Ror Wolf. Die Tendenz heute dagegen geht zu einigen groß Verlagen, wenn nicht zu einem verlegerische Monopol. Und daneben eine Masse an Selbst- und Kleinverlagen. Literaturschaffende, denen es nicht um die Big Bucks zu tun ist, sondern um die Kunst, deren wegweisende Werke auf dem Massenmarkt und in den Oligopolen immer weniger Platz finden werden, auch wenn natürlich immer mal wieder etwas durchrutscht, sollten über neue Organisationsformen nachdenken. Als Selbstverleger geht man unter in der Masse. Und die wird immer unübersichtlicher werden.

Doch eigentlich haben uns die Alten schon einmal gezeigt, wie es geht. Wenn sich Gleichgesinnte in Gruppen organisieren, und gemeinsam Kunst publizieren, hinter der sie mit jeder Faser ihres Leibes stehen können, entstehen vielleicht neue Inseln großer Literatur, die auch Beachtung finden. Gewiss, die könnten mit der Zeit wieder zu so etwas wie klassischen Verlagen werden, erstarren, Innovation scheuen, von größeren geschluckt werden und so weiter und so fort. Manches in der Welt bewegt sich in Zirkeln, im besseren Fall in Spiralen. In diesem Fall muss man sich aber glaube ich nicht allzu viele Sorgen machen, dass ein weiterer Zyklus überhaupt abgeschlossen wird. Oder habt ihr vergessen, dass die Welt sowieso am Abgrund steht?

Bild: „Fossil eines Manuskripts“ – eigene Arbeit.

7 Gedanken zu “Warum ich – nach sorgfältiger Vorauswahl – auch Bücher im Selbstverlag lese. Zum gespannten Verhältnis von Buchindustrie und Literatur.

  1. Prinz Rupi sagt:

    Die Sichtweise, Bücher nur dann zu lesen, wenn sie die zweifelhaften Weihen eines Verlags genießen, halte ich – höflich gesagt – für arrogant und in feinster Weise mehr zeitgerecht.
    Es finden sich durchaus Perlen unter den selbst publizierten Titeln. Wieso auch nicht?

    ABER:

    Nachdem ich wegen einer sachlich-kritischen Rezension in Literaturzeitschrift.de von SP-Titeln zum »Hassprediger« gestempelt wurde und seitdem wiederholt blinden Hass ernten durfte, bespreche ich lieber Bücher von Profiautoren und halte mich bei Selfpublishern vornehm zurück. Zum Streicheln von geknickten Seelen mit ultimativen Fünf-Sterne-Lobhudelein bin ich als Blogger und Rezensent nicht bereit. Damit macht sich jeder ernsthafte Rezensent nur zum Kasper.

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    1. soerenheim sagt:

      Die habe ich leider nie veröffentlicht. Ich hatte mal einen Text geschrieben, jeweils mit Kurzrezensionen. Aber der ging wohl verloren.
      Glaube es waren:

      Gibson, William: Neuromancer.
      Morrison, Jazz (Hörbuch)
      Faulkner, William: Absalom (Hörbuch)
      Woolf, Virginia: To the Lighthouse.
      Woolf, Virginia: Mrs Dalloway

      Dos Passos, John: Manhattan Transfer
      Bolano, Roberto: Stern in der Ferne, Amuleto
      Roy, Arundhati: Der Gott der kleinen Dinge.
      Carpentier, Barockkonzert
      Llosa: Kathedrale.

      Das sind wohlgemerkt die mE gelungensten modernen Romane. Ginge es um reine „Lieblingstexte“ sähe es nochmal anders aus & letztlich hätte ich nochmal 10-20 die da knapp dran sind.

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      1. Alexander Carmele sagt:

        Danke für die tolle Liste. Einige davon kenn ich nicht. Da schaue ich gern mal rein. Ich teile deine Aufmerksamkeit für Form und Sprache, also bin ich umso neugieriger. Faulkner und Woolf gehören in meine Lieblingstexte-Liste – ich bin da eher der Hermann Broch, Peter Weiss, Elfriede Jelinek-Kandidat. Morrison habe ich angefangen, aber nie zu Ende gelesen, wohl aus Ignoranz. Nochmal Danke für die Leseanstöße.

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  2. FritzIver sagt:

    Warum solltest du rechtfertigen, was du rezensieren möchtest und was nicht? Du bist ja kein öffentlicher Dienst und deine subjektiven Entscheidungen sind nur dadurch ein Signal, dass sie eben deine Entscheidungen sind.
    Am meisten bewegt mich hat mich deine These der stilistischen Verdurchschnittlichung. Mir fehlt der Überblick, um das zu bestätigen oder bestreiten. Oft wird der Punkt mit einer ähnlichen Tendenz diskutiert, wenn es um Einfluss und Wirkung der Schreiblehranstalten geht (Leipzig, Hildesheim). Nach meiner Beobachtung scheint der innere Widerstand gegen Phrasen und Floskeln in der Hochliteratur allerdings doch etwas gesunken zu sein, und das „Moderne“ scheint manchmal den Jargon des Augenblicks eher zu spiegeln als zu zertrümmern. Mag sein, eine Literatur, die dem heutigen Alltag nahe ist, auch sprachlich eine entsprechende Tonalität entwickelt.
    Apropos Sprache, hier scheint ein Hauptsatz von dir unter der großen Beifracht zusammengebrochen zu sein: „das Mainstreaming, das man … (es folgen ca. 50 Wörter) …, ist einer, dem sich kein Mensch entziehen kann.“
    Ich ahne, was gemeint ist, und bin bei solchen Großverallgemeinerungen immer skeptisch. Falls mit „Mensch“ hier Autor+innen und Verlage geiernt sein sollten, so ist es wohl doch etwas anders. Die literarische Langeweile verkauft sich eigentlich nur im Gewand der Genreliteratur bestens, also dank der neuronalen Spannungszustände der Stories. In der Literatur kann die Überraschung den größten Erfolg führen, wobei das natürlich keine hinreichende Bedingung ist ;)
    Denn anderer Punkt: Das Schema der Avantgarde-Moderne ist in Rente. „The next big thing“ muss nicht mehr unbedingt formal die Vorgänger-Vorhut überflügeln. (In der Literatur war das vielleicht immer ein Irrtum.) Die Schriftsteller+innen haben heute nach allen Seiten offenes Gelände vor sich, wenn sie sich vornähmen, den Markt zu überraschen. Stattdessen scheint die Literatur oft „topical“ geworden zu sein. Und eben durch die „Aktualität“ die Aufmerksamkeit von TV-Kultur, Literaturseiten und Publikum zu erhalten. Alle drei Seiten ein Satz, der Karriere auf Insta, Twitter etc. machen könnte … fertig ist das Hitpotenzial.
    Und trotzdem, Schriftsteller+innen, die a u c h immanente Qualität anstreben, können doch gar nicht anders, als ihre ureigensten Zeilen schreiben. Fallen nicht nur nur die ins Epigonale, die nicht recht schreiben und erzählen können?

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