„Nicht Anfang und nicht Ende“ von Plinio Martini ist eine lebendige Illustration der Redensart „das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite.“

Ist es nicht schön, wenn man nach einem katastrophalen Roman einen zweiten, vergleichbaren, zu lesen bekommt, der dabei hilft, die Schwächen des ersten noch einmal deutlicher zu illustrieren? Auch „Nicht Anfang und nicht Ende“ von Plinio Martini ist wie “Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” eine größtenteils “autobiographische” Geschichte in dem Sinne, dass wir die Geschichte eines jungen Mannes von der Kindheit bis ins Alter verfolgen und sie uns von diesem Mann als alter Mann erzählt wird.
Doch wo Andrea Giovene bei Adam und Eva anfängt und gefühlt mit dem chronologischen Schwätzen nicht aufhört, ehe die Apokalypse eintritt (und da ist der Protagonist gerade erwachsen geworden und das Ganze wird sich noch über vier Bücher so weiterziehen), eröffnet Martini direkt mit einer einzigartigen Situation, die die weitere Erzählhaltung und Perspektive vorgibt: Protagonist Gori ist nämlich nach langer Zeit aus den USA in sein italienisch sprechendes Schweizer Tal im Tessin zurückgekehrt. Er verspricht, zu bleiben, er will nie wieder zurück in dieses schreckliche Amerika. Und dann beginnt er erst einmal einem fiktiven Du zu erzählen, wie es dazu kam, dass er ging.

Die Erzählung beginnt in der Jugend, gar nicht so lange vor der Abreise, und stellt zuerst in den Mittelpunkt, wie unerträglich dieses Leben in einem Alpental ist, in dem zwischen Mittelalter und Neuzeit kaum ein Fortschritt Einzug gehalten zu haben scheint. Hunger, übelste Plackerei, geringer Ertrag der Arbeit, hohe Kindersterblichkeit. Da kann man doch nur weg wollen und Amerika ist der Traum aller jungen Männer. Und wirklich: viele gehen. Ein kleines Problem: Dieser junge Mann hat sich verliebt in Maddalena, und ganz anders als die unsterbliche Liebe in “Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” wird uns diese in lebendigen Szenen und einem der wenigen intensiveren Dialoge vorgestellt. Maddalena bleibt Sehnsucht und keusche Liebschaft, bis dann wirklich die Entscheidung fällt, gemeinsam mit dem Bruder in die Vereinigten Staaten zu gehen. Die junge Frau verspricht, nachzukommen, und greift damit auch die ansonsten sehr konservative Vorstellungswelt des jungen Mannes an (nur Männer können auswandern), der sein Leben lang konservativ bleiben wird, wie es in diesem abgeschiedenen Tal kaum anders denkbar ist. Allerdings stirbt Maddalena, noch ehe sie dem Geliebten nachreisen kann, an einer Lungenentzündung. Eine relativ gewöhnliche Entwicklung im Tal, ein schwerer Schlag für den Ausgewanderten, der in den USA zwar noch einmal eine Geliebte findet, doch keine Liebe mehr.

Was nach der Auswanderung passiert ist, erfahren wir nur in groben Zügen, während Rückblenden, die nun plötzlich versuchen, uns zu überzeugen, wie schön es doch im (wir erinnern uns: schrecklichen) Tal gewesen sei, nun bis in die früheste Kindheit vom Leben im Tal erzählen. Schrecklich erscheinen nun die unpersönlichen distanzierten Vereinigten Staaten mit ihrer Einzelkämpfer-Mentalität. Gebrochen wird dieser Bericht noch einmal durch Berichte von Gesprächen mit einem örtlichen Richter nach der Rückkehr, der sich dem Sozialismus verschrieben hat und versucht, dem Protagonisten klarzumachen, warum im Gegensatz zu Arbeiterschaft die Bauern seit Jahrhunderten in ihrem eigenen Mist sitzen und unfähig sind, sich in Richtung eines auch nur moderaten Fortschritts zu organisieren. Der Protagonist findet einiges bedenkenswert, lässt sich aber seine Idylle nicht zerstören. Allerdings ist er durchaus selbst wieder bereit, sie einzureißen, denn nach der Rückkehr beginnt er das ein oder andere an den Vereinigten Staaten zu verklären… So ist „Nicht Anfang und nicht Ende“ im Großen und Ganzen auch eine lebendige Illustration der Redensart „das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite.“

Ich denke man erkennt, auch abseits von thematischen Unterschieden, leicht, warum ich „Nicht Anfang und nicht Ende“ einen starken Roman nenne, “Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” dagegen aber eine Katastrophe. Alles hat in „Nicht Anfang und nicht Ende“ auch eine erzählerische Funktion. Selbst hätte Autor Martini den Text nicht als Roman, sondern als Autobiografie verkauft, wären wir gezwungen, ihn als Roman zu lesen, da der gesamte Aufbau uns Ambivalenzen aufzwingt, eine Arbeit am Text, ein Nachdenken darüber, wie wir das Erzählte zu nehmen haben. Die großen Konflikte werden frühzeitig aufgebaut und zum Schluss hin aufgelöst. Auch wenn es wie in „Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero” keine einzelne aufs Ende gerichtete Spannung gibt, wie etwa in einem typischen Thriller oder Krimi, existiert dank der persönlichen Konflikte durchweg eine große Tiefenspannung. Und nicht zuletzt stellt der Text auch immer wieder mit starken sprachlichen Bildern das Leben im Tessiner Tal vors Auge, sodass ich wage zu behaupten: „Nicht Anfang und nicht Ende“ erzählt auf seinen knapp 200 Seiten mehr als der gesamte Fünfteiler „Die Autobiographie des Giuliano di Sansevero”, wenn diesem nicht ab dem zweiten Band eine krasse literarische Verbesserung gelingt.

Bild: Pixabay.

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