Im unheimlichen Tal zwischen Stilisierung und Naturalismus. „Spitzweg“ von Eckhart Nickel. Buchpreis-Longlist-Rezensionen.

“Spitzweg” von Eckhart Nickel dreht sich um drei wahrscheinlich hochintelligente Jugendliche, die kluge Sentenzen dreschen, einen fragwürdigen Plan aushecken und … mehr oder weniger war es das, die Folgen des Plans werden kaum berührt. Dabei ist der kurze Roman an sich über weite Strecken durchaus interessant. Aber sowohl rein auf der Ebene der Handlung als auch in der Erzählweise bleibt einiges fragwürdig.

Alles beginnt mit einem unerhörten Ereignis. Kunstlehrerin Hügel beleidigt Schülerin Kirsten über eines ihrer Gemälde. Der Erzähler, zugleich Kirstens „Fehlpate“, und Carl, den er erst über dieses Ereignis wirklich kennenlernt, treffen sich in Carls geheimnisvollem „Kunstzimmer“ und knüpfen bald Kontakte zu Kirsten. Sie überzeugen sie, eine gezeichnete Kopie von Millais Ophelia anzufertigen und sich ein paar Tage zu verstecken. Auf diese Weise soll Frau Hügel Angst eingejagt werden. Doch Kirsten bleibt auch gegenüber den beiden Jungs verschwunden, so dass aus der falschen Suche, zu der die Schule sie verdonnert hat, bald eine echte wird.

Im Verlauf dieser Handlung führen die Jugendlichen vor allem viele Gespräche über Kunst sowie angrenzende Bereiche. Sie klingen dabei wie Professoren der Kunstgeschichte, oder vielleicht sogar dafür zu gewählt. Carl etwa erinnert mich in seinen Ausführungen ein wenig an jene „Friends“-Folge, in der Joey, um seine neue Freundin zu beeindrucken, Erklärungen zu Bildern im MoMA auswendig gelernt hat:

“»Ein erstaunlicher Effekt, nicht? Wer die Augen schließt, sieht förmlich den Malerfürsten in seinem Holzpalast vor sich auferstehen mit allem, was ihn umgab; von der Ölfarbe über den Tabak bis zu den uralten Zitronenbäumen vor seinem Studio. Balthus war der Ansicht, der Künstler müsse als Handwerker ausschließlich der Natur dienen, und daher mit allen Mitteln versuchen, dieser Aufgabe gerecht zu werden, so hat es einer seiner Interpreten einmalgeschrieben. Einer Aufgabe, die zur größtmöglichen Demut vor der Natur erzieht, weil sie genuin als Frage der Moral zu begreifen ist. Wer sich in den Dienst des Sichtbaren stellt, kommt nicht umhin, das Naturschauspiel als dem Menschen überlegen zu erachten. Die Unsicherheit einer solchen Weltanbetung hat natürlich etwas von Kunstreligion. Balthus bemerkte in diesem Sinn, der göttliche Ursprung der Schönheit sei in der Schöpfung selbst offenbart, indem der Herr sich an der Natur als seinem Werk erfreue, Rilke würde sagen: Mir zur Feier.”

Nun gut, eine Geschichte verträgt einen gestelzt sprechen Sonderling. Aber auch der Erzähler drückt sich nicht gerade wie ein typischer Jugendlicher aus (auch nicht wie ein besonders intelligenter), sowohl in seiner Rolle als Erzähler als auch in Sprechrollen. Und selbst ein sonst ganz irrelevantes Kindergartenkind (!) schreibt pfiffige Verse in Poesiealben:

“Wie fruchtbar ist ein Regelkreis , wenn man ihn wohl zu pflegen weiß.”

Ich glaube aber, selbst das ließe ich mir gefallen, wäre der Text auch ansonsten, in der Erzählstimme in ähnlicher Weise stilisiert, so dass stets klar würde: Das ist keine realistisch Geschichte von Schülerinnen und Schülern im 21. Jahrhundert (wobei die genaue zeitliche Einordnung etwas schwierig ist), sondern insgesamt ein schillerndes Kunstwerk, das von vorne bis hinten seine Künstlichkeit jederzeit durchsichtig machen soll. Aber so ist es eben nicht. Der Text außerhalb der Dialoge und der Reflexionen zu Weltanschauung und Kunstgeschichte ist durchaus naturalistisch angelegt, so dass das Ganze in ein uncanny valley zwischen Ästhetizismus und Naturalismus verschoben wird.

Und auch die Ebene der Handlung hat wie gesagt ihre Probleme. Da ist also eine Jugendliche verschwunden, die Lage scheint für alle außer die Protagonisten drastisch. Man macht sich auf die Suche, ganz nebenbei kommt auch noch auf den letzten Seiten der scheinbare Museumsdiebstahl hinzu, der im Klappentext herausgestellt wird, als wäre er das Zentrum der Handlung (ist er nicht! – praktisch nichts hiervon stimmt: „Als seine Passion so weit geht, dass er auch vor einem Verbrechen nicht zurückschreckt, wird die einstige Schülerfreundschaft auf ihre schwerste Probe gestellt“).
Und dann? Löst sich die Sache relativ gemütlich auf, bzw. löst sich noch nicht einmal auf, da all die aufgebaute persönliche Spannung (was denken die Eltern? Was denken die Lehrer? Hat die Aktion Konsequenzen für die Jugendlichen? ) nicht mehr wirklich berührt wird. Kirsten ist wieder da, das Bild ist zurück, die Geschichte ist vorbei.

All dem zum Trotz ist „Spitzweg“ im Großen und Ganzen dennoch ein lesenswerter Roman, zumindest bei der ersten Lektüre. Interessante Diskussionen über Kunst, sprachlich durchaus hier und da das rein Faktische überschreitend, und ja, auch spannend, solange man nicht weiß, dass es kein „Payoff“ gibt. Und in seiner Stilisierung in jedem Fall ein aus der Zeit gefallener Text, der nicht klingt, wie das Gros der Buchpreis-Romane der vergangenen Jahre.

Shortlist-Chancen? Ich glaube nicht. Der Text ist nicht ungewöhnlich genug, um als der eine Außenseiter nominiert zu werden, der für die schwer durch dringliche sprachlich unorthodoxe Hochliteratur manchmal mit rein genommen wird, und er ist nicht wirklich auf eines der Zeitgeist-Themen verpflichtet, mit denen man als Thesenroman seine Chancen hat. Auch ist es keiner dieser überzogenen postmodernen Verweise-Wälzer, die hier und da in den letzten Jahren auch eine Chance bekamen. Aber ihr wisst so gut wie ich, eigentlich kann man nur raten. Auch wenn der Deutsche Buchpreis definitiv seine Vorlieben hat, ist die Auswahl auf einzelne Titel bezogen immer wieder sehr erratisch.

Bild: Wiki, gemeinfrei

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