Verwirrend phantastische Allegorie mit sehr unklarer Botschaft? „Lelia“ von George Sand.

Okay, zu den Roman von George Sand, die ich bisher gelesen habe, ist „Lelia“ definitiv eine Abwechslung. Die beiden bisherigen Romane waren naturalistische Texte mit leicht romantischem Einschlag. „Lelia“ ist… Ja,… Was eigentlich?
Ein wilder, ein überschwänglicher, ein definitiv auch verwirrender Text. Es beginnt als Briefroman zwischen dem Dichter Sténio und seiner Angebeteten Lelia. Der Dichter verehrt die Frau in geradezu anstrengender Weise, er lernt zudem von einem Nebenbuhler namens Trenmor, den Lelia liebt, obwohl dieser spielsüchtig sei. Die Briefe zuordnen, das müssen die Lesenden selbst, nicht jedes Kapitel wechselt der Schreibende, und wer gerade schreibt lässt sich nur implizit bzw. durch Anreden aus dem Geschriebenen erschließen. Außerdem gibt es bereits im ersten Teil, in dem die Briefe dominieren, zwischendurch ein paar erzählende Passagen, in denen das Trio anscheinend gemeinsam abhängt…

Und es wird nicht weniger kompliziert. Im zweiten Teil zieht sich Lelia die Cholera zu, der Priester Magnus, der wohl früher auch in Lelia verliebt war, stößt zum Trio, es wird in relativ unmissverständlichen Worten mitgeteilt, dass Lelia stirbt, aber – wie gesagt, mit bürgerlichem Naturalismus hat das nichts zu tun – trotz Cholera, einer Krankheit, die eigentlich in den letzten Stunden die Artikulationsfähigkeit deutlich einschränken dürfte, hat Lelia viel Kraft für anklagende Schlussmonologe-

Außerdem ist sie im dritten Teil quicklebendig, und ich bin mir nicht sicher, ob wir hier in der Zeit zurück gesprungen sind oder in eine gänzlich fantastische Sphäre eingetreten. Wir folgen Lelia nun auf einen großen Ball, auf dem sie ihre Schwester trifft, die Prostituierte Pulcheria, und nachdem sie ihr von ihrer Vergangenheit im Kloster erzählt hat, mit dieser die Rollen tauscht. Im vierten Teil erhört Lelia dann endlich die Liebe von Sténio, doch in Wahrheit ist es Pulcheria. Sténio verliert, nachdem das enthüllt wird, alles Vertrauen in die Welt und fängt an, mit allen möglichen Frauen ins Bett zu gehen (das ist allerdings nur zaghaft angedeutet). Lelia bietet ihm eine ewige platonische Freundschaft an, doch er verstößt sie. Im fünften Teil treffen die beiden sich wieder, auch Trenmor ist wieder mit von der Partie und Sténio, wenn ich die Sache richtig interpretiere, impotent, aufgrund einer fortgeschrittenen Geschlechtserkrankung. Auf einer letzten Wahnsinnswanderung läuft Sténio dem Priester Magnus in die Hände, der es allerdings nicht verhindern kann, dass Sténio sich umbringt. Nachdem die Gerichte über Lelias erstem Tod anscheinend deutlich übertrieben waren, schafft sie es nun gerade noch zum Grab des Geliebten und stirbt dort auch.

„Lelia“ ist ein wilder und durchaus unterhaltsamer Text. Die Sprache ist durchgehend die expressive schmachtender Briefromane. Auch in den erzählenden Passagen. Das Setting ist unglaublich schwer festzumachen, ich würde es als ein gewissermaßen fantastisches bezeichnen, denn alle Räume sind durchweg so aufgebaut, dass sich die tragische Handlung entfalten kann, dass sich die Figuren über den Weg laufen können, egal wo sie sich gerade zuletzt befunden haben, ein Interesse für realistische Städte und Landschaften existiert nicht. Vielleicht ist „Lelia“ ein allegorischer Text über Liebe und Freundschaft, allerdings sind die Botschaften mehr als unklar. Schlage platonische Freundschaften nicht aus, sonst stirbst du an der Syphilis? Tausche nicht Rollen mit deiner Schwester und versuche auf diese Weise den Geliebten zu erziehen, das kann ins Auge gehen? Wenn du so eindeutig heftig verliebt bist, werde nicht Pfarrer?

Aber wer braucht Botschaften, wie gesagt, der Text ist unterhaltsam und der Stil, wenn man erst einmal davon abgesehen hat, eigene Erwartungen heran zu tragen, durchaus stark und interessant. Allerdings fehlt mir wie bereits in „Indiana“ und „Die kleine Fadette“, ein wenig die Erdung. Das muss keine realistische Erdung sein, aber einfach ein geistiger roter Faden, der verhindert, dass die Momente der Erzählung so absolut in der Luft hängen, eine Idee oder ein Set von Ideen, dass auf plausible Weise die Momente miteinander in Verbindung setzt.

Bild: wikiart, gemeinfrei.

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