1977 schrieb Günter Grass ein sperriges Kochbuch Namens Der Butt. Butt heißt auf Deutsch Hintern, und genauso schmeckt das Buch. Auf Amazon.com gibt es genau eine Rezension zum Buch, von der der Autor noch einiges in Sachen Prägnanz lernen könnte. Es lohnt, sie im vollen Umfang, zu zitieren:

„Dont like it at all“.

In jedem Fall lässt sich vom Butt sagen, dass es sich um ein Machwerk handelt, denn ein Werk ist es ja doch, und gemacht hat es einer, nämlich der deutsche Günter. Selbst dessen grausige Grasstrommel ist ein tänzerisches Leichtgewicht dagegen, zwar selbst schon gesättigt von bemüht spätpubertären Intellektuellenphrasen wie „[Ich] befreundete … mich mit zwei Chinesinnen, die aber griechisches Blut in den Adern haben mußten, denn die praktizierten eine Liebe, die vor Jahrhunderten auf der Insel Lesbos besungen wurde“, aber immerhin noch nicht durch und durch von diesen Jargon durchdrungen.

Der Begriff wird Pilz, oder so

Der Butt dagegen ist genau das. Da wird „die Stinkmorchel Begriff“, wenn der Erzähler diesen und weitere Pilze kennen gelernt hat, da sind Männer durchgehend „stößig“, da sind weibliche Geschlechtsorgane entweder krud umschreibend „Muscheln“, „Taschen“ o.ä., oder gezwungen vulgär „Möschen“, „Fötzchen“ (Aber dann immer im Diminuitiv!). Das alles ist nicht nur unnötig kompliziert und prätentiös und produziert diesen absurden abgehackten Sprachstil, den Fans des Autors für grassen Shit halten (und wer den Schnauzer mit Mann dran mal lesen gehört hat, der sieht voller Schrecken ein: In dem denkt es tatsächlich genau so, daran ist nichts gestellt!), es kommt auch immer wieder einmal grober Unfug dabei heraus. Denn die Stinkmorchel wird eben nicht „Begriff“, wie es der Text, diesen Pilz von den zuvor ganz normal gelernten Pilznamen absetzend, behauptet:

„Sie konnte alle beim Namen nennen: den Hallimasch, den giftigen Seidenriß, Anisegerlinge, die auf Nadelböden gern den geschlossenen Hexenkreis bilden. Vereinzelt der Steinpilz stand [Ja: Nicht „Vereinzelt stand der Steinpilz(!!!)“]. Die Stinkmorchel wurde Begriff“),

Sondern sie wird absolut gleichrangig mit den anderen kennengelernt, nicht mehr. Ein Begriff, das wäre ja mehr, als auf etwas zeigen können und vage sagen „das kenne ich“ – Wenn ein ansonsten gleichrangiges Satzglied durch eine besondere Wendung von den anderen abgesetz wird, dann sollte das doch verdammt nochmal wenigstens etwas bedeuten!

Grass aber schreibt ständig Sätze wie „Zum ersten Mal waren wir während anhaltend strittiger Schwangerschaft um das Kind besorgt“, obwohl die Schwangerschaft natürlich nicht strittig war, sonst könnte man sich kaum ernsthaft um das Kind sorgen. Was er meint, ist das während der Schwangerschaft viel gestritten wurde! Die Grenze zum schlechten Stil ist bei ungewöhnlichem Sprachgebrauch spätestens dann überschritten, wenn am laufenden Band offensichtliche Falschaussagen produziert werden.

Macho Macho Man

Inhaltlich lässt sich über Der Butt sagen, dass er voller Ereignis ist. Oder Geschehen. Man möchte diesen allegorischen Achterbahnritt durch die Deutsch-Europäische Geschichte ja nicht gleich zur Handlung adeln. In immer neuen Konstellationen wird das Geschlechterverhältnis binär in Mann vs Weib verhandelt, und die Lesart hat sich durchgesetzt, dass dabei eine für Frauen positivere Parallelgeschichte zur historischen Überlieferung entworfen werde. Sollte dem wirklich so sein, ist Der Butt der misogynste feministische Roman, den man sich nur vorstellen kann. Egal ob über Arbeitsteilung gesprochen wird oder über weiblich Geschlechtsorgane, immer ist da diese verdruckste Pennäler-Sexualität zu spüren, die einerseits mit den plastischsten Ausdrücken um sich werfen will, andererseits nicht einmal in einem klaren Satz Sexuelles benennen kann. Manch einer mag einen gebrochenen Erzähler in diesem Roman entdecken, einen, der sich übermännlich inszeniert, um Männlichkeit zu dekonstruieren.
Aber ach: Wie immer bei Grass spricht doch nur Grass, im Duktus des verletzten Machomannes, der nur deshalb nicht im Netzshirt zum einschlägigen Song am Strand herum tanzt, weil er in einer klaren Sekunde realisiert haben dürfte, dass ihm dazu der Körper fehlt. Schade, ein entsprechendes YouTube-Video wäre zumindest ein versöhnlicheres Vermächtnis Grassens an die Welt der Kunst als der notorische Israel-Hass, den er in seinen letzten Jahren immer offener in Literatur und Interviews zum Ausdruck brachte. Natürlich ist auch der im Butt bereits gegenwärtig, etwa wenn unter all den modernen Kriegen ausgerechnet der Jom-Kipur-Krieg Ausweis für die Verworfenheit der heutigen (damaligen) Menschheit sein muss.

Der Butt will ein großer Wurf, eine allumfassende literarische Deutung der Geschichte einer Weltregion sein, ähnlich wie Marquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit. Zwischen Fressen, Sex und Verdauung aber verheddert der Text sich hoffnungslos. Immerhin, sollte das von Grass so euphorisch besungene Gruppenscheißen einmal wieder in Mode kommen, könnte das Machwerk als Spender von reichlich Papier doch noch einmal zu besonderen Ehren gelangen, frei nach dem Motto: Der Butt? Der iss für’n Butt. Toilettenpapier von Weltgeltung.

Bild: Wiki, gemeinfrei.