Ein besserer Biller. Buchpreisprognosen X

Mit Maxim Biller stehe ich bekanntlich eher auf Kriegsfuß. Das liegt daran, dass er in seinen Kritiken die komplexe, wagemutige, die Alles-Oder-Nichts Literatur fordert und sich in seinen eigenen Werken entweder recht strukturkonservativ präsentiert oder hoffnungslos verzettelt. Immerhin, Im Kopf von Bruno Schulz war ganz gut, aber wie mittelmäßig dann doch, merkt man, wenn man ein paar Erzählungen von Bruno Schulz selbst gelesen hat.

Sechs Koffer hat immerhin schonmal für sich, dass es kurz ist. Auf 200 Seiten kann man sich kaum verzetteln, und auch zu langweilen fällt schwer. Sechs Koffer ist tatsächlich auch kurzweilig. Eine zumeist Jugend-, später auch Erwachsenengeschichte des Sohnes einer jüdischen Familie, die aus Sowjet-Tschechien geflohen ist und dabei auch untereinander kreuz und quer im Clinch liegt, samt (unzuverlässiger) Rückblenden. Die Konfliktlinien um verschmähte Liebe, Devisenhandel, unglückliche Heiraten und Verrat sind durchaus glaubhaft in die Sowjetgeschichte eingebettet, ohne dass der Roman zur historischen Abhandlung werden würde. Auch der pubertäre Erzähler, der aufzuklären versucht, wer in der Familie eigentlich genau wen verraten hat und wer warum mit wem nicht mehr spricht überzeugt als mit der Familiengeschichte ringender Jugendlicher, der von der erwachenden Sexualität aber auch jederzeit von interessanten Spuren abgebracht werden kann halbwegs (manchmal ist er zu altklug, manchmal wirkt mir der Sex bzw. das Reden über Sex etwas gezwungen). Das wird im letzten Drittel besser, wenn der Erzähler als Erwachsener spricht.

Sechs Koffer ist ordentlich gearbeitet, ohne allerdings formal in irgendeiner Weise herauszuragen (thematisch durchaus: Biller versteht den Antisemitimus in seiner Erscheinung und Funktion besser als andere Autoren in Erzählung umzusetzen). Mancher Manierismus nervt dann aber auch gehörig. Besonders das regelmäßige sprechen von dem noch Sexbesesseneren Jugendfreund als „Miroslav – oder Jaroslav“. Da wird in einer Aufdringlichkeit und wirklich auf die billigste Art und Weise darauf hingewiesen, dass wir es mit einem unzuverlässigen Erzähler zu tun haben, dass es nicht mehr feierlich ist. An ein, zwei Stellen im Text mag das ja funktionieren. Aber durch die dauernde Wiederholung wirkt es eher wie ein schlechter Witz. Nötig hat der Text den eigentlich nicht: Dadurch, dass zentrale Ereignisse aus bis zu drei durch den Erzähler gefilterten Perpektiven erzählt werden, ist ihm die Unzuverlässigkeit tief eingeschrieben.

Also: Sechs Koffer – Für mich tatsächlich ein besserer Biller, aber kein Text, den ich, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, auf der Shortlist erwarte.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

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4 Gedanken zu “Ein besserer Biller. Buchpreisprognosen X

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