Für DieKolumnisten habe ich Kurzeinschätzungen aller Titel verfasst. Hier geht es mit Rezensionen weiter, ganz unten meine Shortlist-Prognose. Aber erst…

… Arno Geigers Unter der Drachenwand dürfte der Konsensroman des Jahres 2018 sein. Ein Konsensroman aus dem Zweiten Weltkrieg? Entsprechend liest er sich auch.

Aufguss des plumpen Naturalismus, endlich einmal einfach so zu erzählen, wie die Menschen wahrgenommen haben. Ich weiß, wie stolz Geiger darauf ist, zigtausende Seiten Briefe auf Flohmärkten gesammelt und gelesen zu haben. Aber der zwanghafte Wille zur Widerspiegelung bekommt Literatur nicht.

Ein Roman aus den letzten Nachkriegsjahren, mal wieder fast ohne Nazis. Unterm Krieg leiden der verletzte Soldat Kolbe, der in Mondsee rekonvalesziert, die von ihm angebetete Lehrerin, der „Brasilianer“, der vom Regime in Bedrängnis gebracht wird, die Frau eines anderen Soldaten, die einen eigenen Erzählstrang in Briefen bekommt und der als Jude verfolgte Oskar Meyer. Der Holocaust, Telos des gesamten Nationalsozialismus, ist größtenteils auf den letzten Strang ausgelagert und dringt weder ein in die Form noch in den Stil des Romans. Vorbei die Zeiten, als der Mainstream sich zumindest zaghaft der Einsicht öffnete, dass wenn man schon nicht unterschreiben möchte, dass nach Auschwitz Kunst unmöglich sei, sie zumindest eine andere werden müsse und gerade Kunst die aufs engste mit dem Verbrechen vermittelt ist diese Vermittlung bis in ihr Innerstes zu reflektieren hätte.
Geiger schreibt, wie schon Böll über die Zeit geschrieben hat, den Roman bewirbt man allerdings mit dem Gestus des ganz Neuen.

Wir alle naturalistischen Stücke ist Unter der Drachenwand zudem äußerst langatmig. Jede einzelne Tätigkeiten, jeder einzelne Gedanke wird ausbuchstabiert, dennoch kommen die Charaktere kaum über Typen hinaus. Aber das Buch verkauft sich doch wie verrückt, sagen Sie? Da muss doch etwas dran sein? Ja: Es ist ein Konsensroman.

Dabei bin ich mir sicher, dass Geiger keinen solchen verfassen wollte. Im Gegenteil. Doch der Naturalismus kapituliert naturgemäß vor dem Nationalsozialismus.

Gibt es Rettendes? Manche Passagen über den „Brasilianer“ enthalten Formulierungen, die das platte es „Wiedergeben wie es ist“ transzendieren.
Und die Erzählung des verfolgten Juden Meyer enthält schmerzhafte Passagen. Aber darüber haben andere schon konsequenter geschrieben und ohne die Thematik in einem Extra-Strang quasi unter Quarantäne zu stellen.

Eigene Shortlist:

1) Susanne Röckel: „Der Vogelgott“
2) Matthias Senkel: „Dunkle Zahlen“
3) Anja Kampmann: „Wie hoch die Wasser steigen“
4) Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“
5) Nino Haratischwili: „Die Katze und der General“
6) Helene Hegemann: „Bungalow“

Prognose:

Matthias Senkel: „Dunkle Zahlen“
Anja Kampmann: „Wie hoch die Wasser steigen“
Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“
Nino Haratischwili: „Die Katze und der General“
Gianna Molinari: „Hier ist noch alles möglich“
Arno Geiger: „Unter der Drachenwand“