Nicht „versartig“: Verse! Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! – Buchpreisprognosen IX

Wer sich fragt: Sollte ich Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!: Tod eines Patrioten von Carmen Francesca Banciu lesen, sollte sich zuerst fragen: Möchte ich ein fast 400seitiges Gedicht lesen? Denn darum handelt es sich. Es ist fast putzig, dass der Verlag im Klappentext das hinter der Rede von der „versartige[n] Sprache des Romans“ versteckt. Natürlich sind Verse auch „versartig“, so wie Autos autoartig sind. Vor allem aber sind Verse Verse und Autos Autos, und das abgeleitete Adjektiv „artig“ suggeriert doch, es handele sich um etwas anderes. Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! ist eine lange Erzählung oder ein Roman in Versen. Oder traditioneller gesprochen: ein Epos. Es behandelt die Beziehung einer aus Rumänien ausgewanderten, vor ’89 regimekritischen Tochter zum daheimgebliebenen, regimetreuen, Vater, dessen Beziehung zur Mutter und zu seinen zahlreichen Geliebten und nach der Rückkehr der Tochter deren Kampf mit der wichtigsten jungen Geliebten des Vaters.

Einfache Verse, nicht immer passend

Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! ist in relativ einfachen Versen geschrieben. Unter den Stilmitteln dominieren Wiederholungen und Parallelismen. Auch wenn wenig Zeichen gesetzt sind handelt es sich hintergründig um einen Hauptsatzstil. Hier und da wird man auf plastische Bilder stoßen, so zum Beispiel im ersten Nachdenken über den sterbenden Vater:

Vater hat keinen Hintern mehr
Er ist nur noch ein Sack voll Knochen
Ein Sack
In dem die Hoden verloren herumrollen
Da sind Vaters Hoden
Da ist Vaters Samen, aus dem ich stamme
Vaters Samen
Wen hat er sonst noch befruchtet
Außer Mutter

Ansonsten aber ist dieses Gedichtes Sache die Verdichtung nicht unbedingt. Wenn man von dem manchmal relativ raschen Springen der Gedanken absieht, erzählt Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! der Versform zum trotz in vielen Passagen traditionell. Im direkten Nachdenken über und in der Konfrontation mit dem Vater hat der Text stark Passagen. Umso mehr kämpft die Versform mit Alltagsthemen, die ebenfalls in epischer Breite durchgearbeitet werden. An den Bruchstellen kann es ziemlich holprig werden:

Vater kam mit Rebeca
Vater kam mit seinem Koffer
Mit seinem alten Koffer
Vater kam mit dem Bus
Quer durch Europa
Vater kam mit seinem alten Koffer
Überwand Grenzen
Vater kam zu mir nach Berlin

Es gab einige Versuche der Annäherung
Der Bus hatte Verspätung
Dies hatte Vaters Ankunft verschoben

Grenzen des Epos

Das ist kein Zufall, so wenig wie es ein Zufall ist, dass die epische Form von Prosa verdrängt wurde. Das Epos ist eng verknüpft mit den hierarchisch strukturierten, mit Naturzwängen ringenden, von Vorstellungen wie ewiger Wiederkehr und Schicksal bestimmten Gesellschaften. Wo solche Momente auch der bürgerlichen Gesellschaft noch innewohnen, lässt es sich manchmal in die Moderne retten. Für das Vermittelte, wie auch das rein Kontingente, eher nicht. Eltern-Kind-Konflikte, Geburt, Gewalt, Tod: Das lässt sich gut episch versifizieren. Telefonanrufe, einkaufen gehen, Besuch des Briefträgers, eher schwerlich. Unmöglich? Ich möchte nicht so weit gehen, das zu behaupten. In der Lyrik, die allerdings ganz andere Wurzeln hat, geht es ja auch. Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! aber zeigt in vielen Passagen vor allem Grenzen des Epos im 21. Jahrhundert auf.

Schwächen zum Trotz: es beeindruckt, dass PalmArtPress diesen Roman veröffentlicht hat. Carmen Francesca Banciu ist ja nun keine Autorin wie Günter Grass, bei dem sich alles verkauft. Zudem ist Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!, anders als zB das damals Furore machende House of Leaves in keiner Weise auf eine hippe, coole, oder sonst vielleicht unters Volk zu bringende Art anders. Es brauchte definitiv den Mut, Bücher zu veröffentlichen, die nicht nach den klassischen Bestseller- oder Intelektuellen-Bestseller-Mustern gestrickt sind. Und auch wenn dieses Epos nicht vollumfänglich überzeugt, ist es erfreulich, dass der Versuch durch den Buchpreis auch noch ein wenig in die Öffentlichkeit gerückt wird.

Bild: Pixabay, gemeinfrei

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Poesierausch

 

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