Ethan Hawkes „Hell strahlt die Dunkelheit“ hat mich positiv überrascht.

Wieso bespricht man den Roman eines Schauspielers? Sicher nicht, weil man besondere Qualität erwartet. Gewiss, erfolgreicher Schauspieler zu sein schließt nicht aus, auch ein guter Schriftsteller zu sein. Aber angesichts dessen, wie viel schlechte Literatur produziert wird und wie viel leichter es ein großer Name macht, schlechte Literatur dennoch in großen Verlagen zu platzieren, macht man sich sicher im Vorfeld nicht all zu viele Hoffnungen. Also bespricht man solche Texte, sind wir ehrlich, für die Klicks. Nicht dass man davon irgendetwas hätte, als dass man eben weiß, dass irgendwelche fremden Menschen irgendwo irgendwann einmal auf den eigenen Artikel geklickt haben. Und man weiß noch nicht einmal ob sie ihn wirklich gelesen haben. Aber hey, etwas müssen wir mit unserer Freizeit machen, also warum nicht selbst da noch Markt spielen, wo keiner ist?

Aber vielleicht ist es auch noch etwas anderes: simple Neugier. Wenn so eine Berühmtheit plötzlich auf einem ganz anderen Feld aktiv wird, dann will man sehen, was sie zu sagen hat. Vielleicht auch, sie gehässig auf die Schnauze fallen sehen. Oder staunen dürfen: Was? Das kann die/der auch? Und mag Thomas von Aquin (grob gesprochen) auch nicht zu Unrecht die Neugier dem Erkenntnisstreben als Negatives gegenübergestellt haben, so kann man aus Neugier doch manchmal in Erkenntnis stolpern.

In diesem Fall in die Erkenntnis: „Hell strahlt die Dunkelheit“ von Ethan Hawke ist ein ziemlich guter Roman. Nun muss ich zugeben: Ich kriege die Gesichter und die Namen von Schauspielern selten zusammen und wenn man mich nach Filmen mit Ethan Hawke gefragt hätte, hätte ich wahrscheinlich ein paar von Ewan McGregor genannt. Ich wusste auch nicht, dass Hawke schon zwei Romane geschrieben hat, von denen zumindest der erste von der Kritik ziemlich gelobt wurde. Aber gut, Kritiker-Lob ist ja auch wieder wieder ein Würfelspiel.

„Hell strahlt die Dunkelheit“ in jedem Fall ist ein strukturell stark gearbeiteter Roman mit interessanten Figuren und durchaus spannendem Thema, der auch sprachlich den ein oder anderen Höhepunkt zu setzen versteht. Dabei geht es einmal mehr, das scheint gerade wieder sehr in Mode zu sein, um einen mittelalten Mann, der ein relativ desillusioniertes Verhältnis zur Welt pflegt, der eine latente, manchmal offene Misogynie mit sich trägt und dem das zuvor relativ glückliche Leben ein paar Tiefschläge verpasst hat.

William Harding ist dabei nicht so ein typischer houllebecqscher Held, wie sie Beigbeder und Strunk zuletzt wieder schlecht imitiert haben, auch wenn er mit denen einige Züge teilt. Harding ist ein tatsächlich erfolgreicher Filmschauspieler, der mit einer der erfolgreichsten Musikerinnen seiner Zeit verheiratet ist. Zuletzt allerdings hat er sie betrogen und das kam raus und wurde in der Presse breitgetreten. Die Ehe steht vor dem Scheitern. Die beiden leben getrennt. Derweil hat Harding ein Bühnen-Engagement bei dem erfolgreichen und etwas exzentrischen Regisseur JC Callahan angenommen, als Hotspur in einer vierstündigen Inszenierung der beiden Teile von Heinrich der IV. Falstaff wird dabei von dem noch erfolgreicheren Schauspieler Virgil Smith verkörpert, der im Gegensatz zu Harding auch auf der Bühne ein Star ist.

Der Roman bewegt sich zwischen Proben, Aufführungen, Besäufnisen, sexuellen Eskapaden und einsamen Nächten im Hotelzimmer. Es ist, könnte man sagen, ein typisch amerikanischer Gesellschaftsroman. Mit vielen Stimmen aber klaren zentralen Charakter, in diesem Fall Harding als Ich-Erzähler, mit geradliniger Struktur, die nicht überfordert und einer präzisen Sprache, die sich poetische Momente erlaubt, damit aber nicht wuchert. Man kann an Updike oder Roth denken und Fans beider Autoren würden nicht enttäuscht. „Hell strahlt die Dunkelheit“ ist zwar nicht gerade ein Rabbit Run, dafür fehlt die Dichte aber vor manchem Werk aus der zweiten Reihe müsste es sich nicht verstecken. Gelungen etwa, wie die Hauptfigur immer wieder auf Ratgeber trifft, die ihn in ganz unterschiedlicher Weise bestärken oder ihm die Leviten lesen. Das wird besonders interessant, wenn die Rollen verschwimmen, Harding also, wenn er mit dem Schauspieler redet, der Heinrich IV spielt und der gerade im Krankenhaus liegt, und ihm ein paar altersweise Worte mit auf den Weg zu geben versucht, immer nur als „der König“ spricht.

Gelungen auch, wie Hardings Rolle im Leben und seine Rolle im Stück enggeführt werden und erst der Schock und die Enttäuschung darüber und dann die Einsicht, in diesem Stück womöglich den Bösewicht zu spielen, Harding neue Perspektiven eröffnen.

Gelungen zuletzt auch die Blicke ins Theater und das Showbiz selbst und in die selbst- und fremdzerstörerischen Gewohnheiten der Menschen, die die Systeme Broadway und Hollywood tragen. In diesem Fall mag es von Vorteil sein, dass ein erfahrener Schauspieler den Roman verfasst hat. Auch wenn einiges überzeichnet sein dürfte, zumindest sehr plausibel und glaubhaft sind Ränkespiele, Selbstkasteiung und Exzess vermittelt.

Stören dürften sich einige LeserInnen vielleicht daran, dass die Hauptfigur wieder so ein eher unsympathischer Mensch ist, besonders aber daran, dass sie nicht unsympathisch genug ist, dass man sie einfach hassen kann. Aber ich denke das ist gut umgesetzt. Harding ist nie als „Freund“ des Lesers angelegt, aber auch nicht als Bösewicht, und immer ist klar, dass wir hier nur seine Perspektive, sein fehlerhaftes Erleben größerer Zusammenhänge mitbekommen. Die Geschichte bekommt dann auch entsprechend keinen vollständig positiven oder negativen Abschluss. Stattdessen lässt uns Hawke, nachdem sein Protagonisten nach der Derniere so etwas wie eine Teil- Epiphanie erlebt hat, mit einem herrlich offenen Bild alleine:

“Die Hintertreppe des Mercury Hotel ist wie eine kleine verzauberte Burgtreppe. Sie riecht uralt und süß. Die Stufen sind schmal und aus mattem weißem Marmor. Irgendwie fühlt sie sich prachtvoll an, als wäre sie schon immer dort gewesen und würde auf ewig dort sein. In der Mitte jeder schweren Steinplatte sieht man eine winzige Vertiefung, wo Füße im Lauf der Jahre ihren Weg nach oben gemacht haben. Anfangs ist die Abnutzung deutlich sichtbar, und man hat das Gefühl, einer ausgetretenen Spur zu folgen. Aber je höher man kommt, desto schmaler und steiler werden die Stufen. Der abgetretene Pfad wird schwerer zu erkennen. Die Stockwerke haben keine Nummern mehr. Und wenn man irgendwo in der Mitte atemlos auf einem Absatz stehen bleibt, ist die Spur ganz verschwunden. Man sieht nur eine weitere Treppe.”

Bild: Pixabay

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