Interessantes Konzept, das sich erst um sich selbst dreht und dann ins Leere läuft: „Zandschower Kliniken“ von Thomas Kunst.

Irgendwann einmal wurde mir Thomas Kunst als einer dieser von der Öffentlichkeit weitgehend ignorierten Autoren empfohlen, die es in unserer Zeit noch wagen einen besonderen Stil zu pflegen, literarische Kleinode zu schreiben, die sonst nirgends reinpassen. Ich fand in der Onleihe „Freie Folge“ und brach dieses vollkommen durchschnittlich verfasste Buch in der Mitte ab. Das kunstvollste daran war der Name des Autors.

Nun steht eben dieser Autor mit „Zandschower Kliniken“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, also schaue ich ihn mir noch mal an. Dieser Text hat was. Hier und da etwa hat er sprachliche Eigenwilligkeiten, aber nicht so zwanghaft wie „Mein Lieblingstier heißt Winter“. Nicht so, dass es in einer Weise aufdringlich würde, als dass man die Handlung hinter der Sprache kaum noch findet oder dass es gezwungen wirkte à la „Seht her! Ich bin Literatuuhuuuuur!“.
Formal ist das Ganze definitiv ungewöhnlich. Sehr repetitiv. Der Autor hat einen Weg gefunden, über 200 Seiten beim Verlag abzugeben, aber dafür nur etwas mehr als hundert schreiben zu müssen. Ganze Passagen wiederholen sich immer wieder mit kleinen Variationen. Oder auch ohne. Das hat zumindest auf Kindle den seltsamen Nebeneffekt, dass man sich regelmäßig fragt, ob das eBook möglicherweise „glitcht“, ob man gerade tatsächlich etwas liest, das man schon einmal gelesen hat. Aber ich denke, es passt irgendwie zum Thema dieser absoluten Abgeschiedenheit, die im Rahmen eines „Regelwerks“ Weltläufigkeit simuliert…

„Zandschower Kliniken“ dreht sich rund um ein kleines Dorf voller… Sollen wir sagen „Verrückter“? Sollen wir sagen „Träumer“? Da ist etwa ein Typ, der regelmäßig auf dem Hometrainer eine Tour de France Etappe nachstellt und anscheinend unterstützen ihn all seine Freunde dabei, indem sie die Zuschauer spielen, das Vieh, und bei einer Blockade durch Bauern auch das Tränengas der Polizei sprühen. Ein anderer Typ denkt, er könne den indischen Ozean beeinflussen. Und eine junge Frau, die sich selbst als „Reh“ bezeichnet, wohl weil sie damit eine Fremdbezeichnung übernimmt, ist anscheinend derzeit Taxifahrerin und Teilzeit-Entführerin in einer kolumbischen Stadt, mit der die Ortschaft eine Art Partnerschaft unterhält und noch einiges derlei mehr. Der gesamte Ort folgt einem Wochenplan, nachdem bestimmte Tätigkeiten immer wieder ausgeführt werden müssen:

„Wolf hat einen strengen Wochenplan entworfen, um den Tagen Struktur und Würde zu verleihen. Sämtliche Dorfbewohner nehmen daran teil, um den Anschluss an die reale Welt nicht zu verlieren. Montags dient ein ausrangierter Bauwagen als U-Bahn-Waggon, in dem zehn Menschen Platz finden. Zwanzig Einwohner stehen etwa zehn Meter entfernt an einer Linie und stürmen nach einem Tonsignal in das Gefährt. Die sieben bis zehn Menschen, die es nicht in das Abteil geschafft haben, simulieren durch ein starkes Rütteln am Waggon das Losfahren bis ins Stadtzentrum. Am Dienstag wird trainiert, an einem wiederbelebten Geldautomaten zwischen den Bäumen am Feuerlöschteich keine Scheu zu haben, sich in vier bis fünf unterschiedlichen Sprachen zurechtzufinden, um in der Welt nicht leer auszugehen. Mittwochs findet immer die Europakonferenz in den ehemaligen Arbeiterwohnkomplexen statt. Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Altersdemut und Selbstverteidigung. Theorie und Praxis. Lehrbücher und Turnmatten. Internationale Fachreferenten aus Rastede, Berlin und Rüstersiel kommen hier zu Wort. Am Donnerstag werden Konzentration und Fortbewegungsmagie geschult. Zwanzig Zandschower setzen an der Küste zwanzig identische Plastikschwäne aus und übernehmen zwei Stunden lang die Patenschaft (…)“

In dieser Ortschaft lässt sich der Protagonist Bengt Claasen aufgrund einer Glücksprobe, die er sich ausgedacht hat, nieder, um sein Leben neu zu beginnen. Wobei es im Klappentext so klingt, als sei die Ankunft und das neue Leben von Claasen die Geschichte. Nee, das ist etwas übertrieben. Tatsächlich liest man sich bis zur Hälfte des Buches vor und der „Protagonist“ ist gerade erst angekommen. Stattdessen werden die Geschichten anderer Bewohner, oft ebenfalls aus der Ich-Perspektive, obwohl auch Passagen in dritter Person vorkommen, auch solche über den „Protagonisten“ ziemlich parallel und gleichberechtigt erzählt. Nee, Geschichten ist auch noch übertrieben. Meist sind es einfach Situationen. Repetetive Situationen aus dem Dorfleben. Tatsächlich würde ich sogar sagen, die Geschichte des „Rehs“ ist latent dominant und die einzige halbwegs entwickelte. Zwischen Taxifahrt und organisiertem Verbrechen sowie Rückblenden zu einem Leben im Wald und auf Autobahn-Inseln ist es auf jeden Fall die Geschichte, die am meisten Interesse weckt und am Ball hält, wenn der Roman dann doch mal Längen hat.

Denn die hat er. Die Redundanzen mögen einen künstlerischen Zweck folgen und vielleicht noch mehr Bedeutung haben, als dass sie uns auch formal den Kreislauf des Handlungskosmos von Zandschow erfahren lassen. Sie nerven trotzdem irgendwann. Die Sprache insgesamt ist zwar etwas ungewöhnlich, aber auch nichts, was wirklich ergreift. Und dann gibt es leider auch nicht wenige unglaublich anstrengende Passagen, die sich so lesen:

“Wir fahren jetzt los. Wir halten nicht mehr an. Wir sind uns einig. Wir übertreiben es mit der Geschwindigkeit nicht. Wir sind ausgeschlafen. Wir sind nicht ganz bei Trost. Wir haben unser ganzes Hab und Gut im Kofferraum. Wir kriegen Probleme vom Sitzen. Wir haben Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Wir tragen Kabelbinder bei uns. Wir haben Angst vor wilden, unheilbaren Tieren im Wald. Wir halten unsere Bewegungsprofile für unvorhersehbar. Wir wollen keine Gewebeprobe. Wir sind zu alt für diesen Scheiß. Wir stürzen Industrie, Politikapparat und sämtliche Verwaltungsorgane mit einer flächendeckenden, überdimensionalen Krankschreibung. Wir fahren jetzt los. Wir halten nicht mehr an. Wir sind uns einig. Wir kommen unter Schmerzen wieder zu Kräften. Wir simulieren nicht. Wir heben unser Leben für später auf. Wir sagen dem täglichen Kosmos adieu. Wir verbrennen Schichtbusse und Stechuhren. Wir haben ein Anrecht auf Schnaps und Schmerzmittel, wenn es so weit ist. Wir sind nicht dazu auserwählt, uns aufhalten zu lassen. Wir benötigen keine Monitore für unsere Auferstehung. Wir kommen mit einer Grundsicherung aus. Wir entziehen uns den Mächtigen mit der geringsten Lebensfreude. Wir erfinden eine Dynastie der Fehlbarkeit. Wir lassen mit einem Gedicht die Mittagspause der Regierung ausfallen. Wir sind noch nicht so weit. Wir lieben Rachefilme auf dem Lande (…)”

Nein, nicht über ein paar Zeilen, sondern teils über Seiten. Insgesamt schätze ich, Kunst füllt 10-20 Seiten allein auf diese Weise. Und da hinter diesem „wir“ fast alles stehen kann, im Verlauf des Buches schließlich fast jedes denkbare Statement steht, könnte am Ende genauso gut nichts dahinter gestanden haben. Letztendlich fällt Zandschower Kliniken in dieses traurige Zwischenreich der Texte, die man, um ihre Funktionsweise genaue wertzuschätzen, mehrfach lesen und sogar detailliert analysieren müsste, die aber bei der ersten Lektüre einfach nicht gut genug sind, um so ein mehrfaches Lesen geradezu zu verlangen. Und das ist die Krux mit den Immer-wieder-lese-Büchern, der einzigen Form von Literatur, die zu mehr taugt als Zeitvertreib oder tagespolitischer Intervention: Hier gibt es kein knapp daneben. Diese Höhe wird erreicht oder sie wird ganz verfehlt. Zandschower Kliniken verfehlt sie leider. Und selbst die Geschichte des „Rehs“ läuft ins Leere, wird irgendwann einfach nicht weiter erzählt. Hat weder Auflösung, noch Höhepunkt.

5 Gedanken zu “Interessantes Konzept, das sich erst um sich selbst dreht und dann ins Leere läuft: „Zandschower Kliniken“ von Thomas Kunst.

    1. soerenheim sagt:

      Ja. Es war, seit ich das verfolge, schon immer nicht so richtig toll. Man muss auch zugeben, dass es schwer ist einen Preis für „Gegenwartsliteratur“ zu verleihen, weil der Fokus auf das „Gegenwärtige“ leicht dominant zu werden droht. Aber ich habe das Gefühl, der Deutsche Buchpreis als relativ neuer Preis und eingestandenes Marketinginstrument hat eine besonders starke Tendenz, Literatur eher als erweitertes Feuilleton zu begreifen. Und dann werden gern noch 1-3 Titel dazugerührt, die so richtig verbissen zeigen wollen, wie hochliterarisch sie sind. Und das geht meist schief. Letztes Jahr hab ich ignoriert, weil mir schon diese pseudointellektuellen Titel tierisch auf den Nerv gingen. Aber zumindest in den Vorjahren waren immer wenigstens ein paar Texte dabei, die ich als preiswürdig für einen Preis bezeichnen würde, der ja gern der dt. Pric Goncourt wäre. Dieses Jahr sind selbst meine Favoriten davon noch ein Stück entfernt…

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      1. nettebuecherkiste sagt:

        Da stimme ich dir zu. Ich hab mal ein Buch von der Longlist gelesen, war glaube ich 2013, Die Liebenden von Mantua von Ralph Dutli, das war auch so ein Ding, da waren Metaphern drin, die waren so erzwungen und daneben, dass das Buch unfreiwillig komisch war. Ich bin ja literarisch viel im angelsächsigen Bereich unterwegs, von den dortigen Buchpreisen wie dem Booker halte ich mehr. (Wobei es da auch schon Peinlichkeiten gab.)

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      2. soerenheim sagt:

        Ich denke der dt Buchpreis macht es sich da extraschwer, da er a) explizit macht, was andere Preise implizit machen: Er will dt. Literatur „bewerben“.
        und b) da er jung ist und seine streetcredibility entsprechend durch Extreme pushen will. Daher so ein Fokus auf „Debattenbücher“ und zwanghaft „literarisches“. Und beides sind halt Felder, auf denen Plotentwicklung leicht brach liegen kann und der Grat zw Kunst und Künstlichkeit sprachlich&formal sehr schmal ist. Über die sprachliche Seite hab ich hier schonmal geschrieben: https://soerenheim.wordpress.com/2018/03/11/der-schmale-grat-zwischen-kunst-und-kuenstlichkeit-lewitscharoffs-apostoloff/

        Ich bin ja auch prinzipiell absolut für das sprachlich besondere und rigorose, aber im Deutschen kommen auf eine Lasker oder einen Schmidt halt 10 JungautorInnen, die Günter Grass imitieren, wie er versucht Keller zu imitieren, der Goethe imitiert…

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