Hier ist alles noch möglich ist so eine Art neo-existenzialistisches Buch.
Auch wenn ich nicht weiß, ob es das weiß.
Es enthält viele Hauptsätze.
Manche Sätze sind länger, und werden mit einem „und“ verbunden und das ist wohl, damit es nicht langweilig wird.
Hier sind Beispiele von Sätzen:

„Hinter dem Zaun wachsen die gleichen Pflanzen wie vor dem Zaun.
Vor dem Zaun ist das Gras genauso hoch wie hinter dem Zaun.
Der Zaun scheint das Gras nicht zu stören. Auf keine mir ersichtliche Weise.
In circa fünfzig Metern Entfernung vom Zaun ist der Zaun noch als Zaun zu erkennen.
Der Zaun hat drei Löcher.
Wie lange es die Löcher schon gibt, ist nicht zu bestimmen.“

Hier ist alles noch möglich ist von Gianna Molinari. Wer ist Molinari? Sie ist eine junge Schriftstellerin aus der Schweiz. Natürlich hat Molinari in Biel studiert. Sie hat schon einige Preise gewonnen.

In Hier ist alles noch möglich geht es um eine Fabrik. Die Erzählerin ist Nachtwächterin in der Fabrik. Die Fabrik soll bald geschlossen werden und außerdem wurde ein Wolf gesichtet. Der Wolf ist die Bedrohung, zu der jeder eine Meinung hat und keiner hat ihn je wirklich gesehen. Und weil „Hier ist alles noch möglich“ ein philosophisches Buch ist, enthält es viele Sentenzen. Sentenzen sind Sätze, die tiefer klingen sollen als normale Sätze. Das Buch enthält viele Hauptsätze und Sentenzen. Es enthält also Hauptsentenzen.
Zum Beispiel:

„Ich habe mich an das Leben in einem Rechteck gewöhnt.Wenn einer mir sagen würde, dass die Welt ein Rechteck sei, dann würde ich das gerne glauben. Aber ich denke eher, dass die Welt die Welt und mein Rechteck mein Rechteck ist.“

Oder:

„Es gefällt mir hier. Das ist ein guter Ort. Hier ist alles noch möglich.
„Sogar Wölfe“, sagt Clemens.
„Sogar die.“

Irgendwann erfährt die Erzählerin von einem Mann, der vom Himmel gefallen ist. Wahrscheinlich war das ein Flüchtling. Das Thema verdrängt für einige Zeit das Wolfsthema. Das ist gut, denn der Wolf war langweilig. Das ist schlecht, denn so etwas reales wie Flucht und Tod im 21. Jahrhundert eignet sich nicht für Sentenzensprech.
Manchmal enthält das Buch kleine Witze, wie:

„In der Bibliothek suchte ich nach bestellten Büchern und trug sie zusammen. In der Fabrik suche ich nach einem Wolf.“

Das passt nicht zum neo-existenzialistischen Ernst.

Die Sprache klingt, wie Arundhati Roy Rahel reden lässt, wenn sie gleichzeitig keck und kindlich wirken soll und hochtrabende Pläne macht. Rahel ist ein Kind. Die Erzählerin ist eine erwachsene Frau. Müssen erwachsene Frauen so reden?
Dass ich von Thema zu Thema springen ist Absicht. Hier ist alles noch möglich tut das auch.

Das Buch enthält auch viele Fragen. Warum enthält das Buch viele Fragen? Sollen die Fragen aufrütteln? Weil Sentenzen nicht tief genug wirken? Warum sind eigentlich kleine Zeichnungen in dem Buch? Warum diese beiden Fotoblöcke?

Hier ist alles noch möglich ist ein Buch, in dem alles langweilig sein kann.

Sogar Wölfe, sagt Clemens.
Sogar die.

Bild: Pixabay, gemeinfrei