Unerwartet starker Jugendroman. Klaus Manns „Der Fromme Tanz“.

Wenn Alexander, gestellt gegen mehrere Titel des zeitgenössischen und späteren Werks Klaus Manns, zeigt, dass man manchmal bessere Texte verfasst über Dinge, die man nicht unmittelbar erlebt hat, als über das „was man kennt“ (darüber zu schreiben ist ja ein bekannter Schreibratschlag), so ist Klaus Manns Jugendroman Der fromme Tanz ein Beleg für das genaue Gegenteil. Tja. Es gibt keine allgemeingültigen Regeln in der Literatur, oder nur die allergröbsten, die feinen Regeln zimmert sich das jeweils einzelne Werk selbst.

Mann hat seinem im Alter von 19 Jahren veröffentlichten Jugendroman gewissermaßen eine Entschuldigung vorangestellt, die aber bräuchte es überhaupt nicht. Ja, auch dieser Text hat sprachliche Schwächen hier und da, aber längst nicht in dem Umfang wie Treffpunkt im Unendlichen. Und er hat strukturelle Schwächen, doch längst nicht in dem Umfang wie Der Vulkan. Und es ist dabei wahrscheinlich der unmittelbares der Text des Autors, ohne großen Abstand direkt aus einer Lebenssituation heraus geschrieben und nur soweit stilisiert, dass es eben nicht Biografie ist sondern Roman. Das geht wie gesagt oft schief, diesem Text aber gereicht es zum Vorteil.

Wir erleben zu Beginn den jugendlichen Andreas im gutbürgerlichen Elternhaus. Der Vater ist ein großer Maler, gewissermaßen das künstlerische Idol der vergangenen Generation. Auch Andreas malt und wäre gern das Idol seiner Generation. Doch erst weist ihn im Traum die Muttergottes ab, da er noch nicht gelebt und gelitten habe, und bald kritisiert die Freundin sein Gemälde. Das Gemälde noch rasch überdeckend, flieht Andreas, das Werk halb fertig zurücklassend, nach Berlin. Dort findet er nach einigem Taumeln einen Platz in einer Bohème-WG, knüpft enge Freundschafts-, man könnte auch sagen Liebesbande, zu Franziska, und verliebt sich in Niels, der später zu der Gruppe stößt. Geldprobleme und Drohungen verschiedener Eltern sprengen die Gruppe schließlich, Niels zieht es nach Paris, Andreas folgt ihm und erlebt dort eine große Enttäuschung, als die Pariser Boheme Niels als die Stimme ihrer Generation feiert.

Die größte Schwäche des Romans ist sicherlich der Auftakt. Viel zu lang ausgewalzt ist die Zeit im Elternhaus, man hätte das locker auf 10 Seiten zusammenstreichen können (es sind gut 50). Denn danach beginnt ein ganz anderer Text. Ja, da ist manchmal sehr viel Pathos drin, sehr viel jugendlicher Überschwang und der Roman hetzt von einer Szene zur nächsten. Aber hier passt es. Und das Chaos wirkt nicht schlecht konstruiert wie in Treffpunkt im Unendlichen, oder eingehegt von einem unpassend altväterlichen Erzählgestus, wie in Der Vulkan. Der fromme Tanz ist ein spontaner wilder Ritt durch nächtliche Kneipen, Straßen, Parks, Bordelle und bleibt dabei doch einigermaßen konzentriert, indem die Figur des Andreas dem Text einen klaren Mittelpunkt gibt. Auch strukturell funktioniert das Ganze ziemlich gut. Die beiden Leitmotive, die Madonnen-Enttäuschung und das Bedürfnis, die Stimme einer Generation zu sein, werden (einmal positiv, einmal negativ) zum Schluss wieder aufgegriffen. Das Werk ist rund. Neben dem zu langen und isolierten Auftakt ist dem Ganzen vor allem abträglich, dass die Figur des Niels, ausgerechnet, im Gegensatz zu den länger anwesenden Mitbewohnern Andreas‘ blass bleibt. Woher diese intensive Liebe Franziskas und Andreas zu diesem Jungen stammt, das gelingt dem Roman nicht schlüssig zu vermitteln.

Thematisch zeichnet sich auch dieser Text wieder durch die bekannte mann’sche Tabulosigkeit aus, ohne dabei zu offen oder gar vulgär zu werden. Es ist ausreichend angedeutet, dass sich die Mitglieder der WG, mindestens aber Andreas, prostituieren, um zu überleben, explizit ausgeführt wird es nicht. Es bleibt in der Schwebe und gerade dadurch als etwas, worüber man ständig bei allen Aktionen nachdenken muss, immer anwesend. Ähnlich, dass wohl die gesamte WG untereinander eine Art freie Liebe pflegt. Homosexualität ist im Kosmos des Romans derart normal, dass man es nicht für nötig hält, sie anders zu behandeln als heterosexuellen Sex, Liebe und Beziehungen. Dass der Protagonist homosexuell ist, wird nicht in besonderer Weise herausgestellt, aber auch nicht an den Rand gedrängt. Es ist einfach so. Das ist äußerst souverän gestaltet, besonders, wenn man bedenkt, dass Homosexualität in der Weimarer Republik illegal war.

Also: Lasst euch von der vorangestellten Entschuldigung des Autors nicht ins Bockshorn jagen. Der fromme Tanz ist ein beeindruckender Text für einen 19 jährigen Autor, doch auch gänzlich davon absehen ein relativ starke Roman, wenn man erst einmal die Familienkapitel überstanden hat. Gerade, wen Fluchtpunkt im Unendlichen und vielleicht auch Der Vulkan enttäuscht haben, findet hier eine sehr lebendige Gestaltung eines jungen Bohème-Lebens. Und eine durchaus weitsichtige, etwa wenn der 19-Jährige im Jahre 1926 über dieses Leben schreibt:

“Die Unruhe dieser Zeit ist groß und gewaltig, ja, vielleicht war keine Zeit sich ihrer Unruhe, ihres Irgendwohin-Getriebenwerdens so sehr bewußt, wie eben diese unsere. Wohin dies alles führen soll, dieser große Tanz, wissen wir wohl am wenigsten. — Ich fürchte zu einer geistig-menschlichen Gemeinschaft und zur idealen Republik am wenigsten. Wir dürfen über die Lösung der Unruhe nicht Bescheid wissen, vielleicht ist diese Lösung ja auch einfach der große Abgrund, die Apokalypse, ein neuer Krieg, ein Selbstmord der Menschheit. Aber je größer und je heftiger die Unruhe war, um so seliger wird nachher die Stille sein. Bewegung ist reif werden zur Ruhe. Leben ist reif werden zum Tod. Sind wir so ziellose Tänzer, da wir also das Leben wie ein frommes Fest feiern und nicht bedenken, wie wir es zum Guten, Richtigen, Tüchtigen führen könnten? So mag man es uns verzeihen, es ist in diesen Tagen nicht leicht, irgendeiner Ordnung zu dienen. Auch muß ein Fest ja nichts Leichtsinniges sein, nichts Flottes und nichts Gedankenloses. Was der Sinn solchen Festes bleibt, behalten wir immer in unserem Herzen. So ist es, scheint mir, kein lustiges Flatterfest und Kinderspaß, ein ernstes Spiel ist es eher, ein frommes Abenteuer.”

Bild: Wiki, gemeinfrei.

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