Gelungener historischer Roman mit Schwäche im Mittelteil. „Alexander“ von Klaus Mann.

Alexander von Klaus Mann legt nahe, was eigentlich klar sein sollte: Dass es entgegen dem alten SchriftstellerInnen-Ratschlag, man solle nur über das schreiben, was man wirklich erlebt habe, im Gegenteil von großem Vorteil sein kann, mit Distanz zum Geschehen zu arbeiten. Natürlich fließt immer selbst Erfahrenes in Literatur ein, aber im krassen Gegensatz zu der Idee, man müsse aus unmittelbar Erfahrenem heraus schreiben, würde ich behaupten: Die unmittelbaren Texte, die aus Betroffenheit entstehen, sind am Ende oft genug (nicht immer!) das: Betroffenheitstexte, bei denen die künstlerische durchformung nicht gelingen mag. Beispiel aus dem Werk Klaus Manns: Der Vulkan, der keinen Vergleich mit Die Ästhetik des Widerstands vom doch eigentlich persönlich vom Zweiten Weltkrieg komplett unbetroffen und Peter Weiß standhält. Und hier nun Alexander, ein sprachlich und formal so viel stärkerer Text als das spätere Treffpunkt im Unendlichen, wo doch Klaus Mann niemals einen Feldzug durch Kleinasien angeführt hat, derweil er viele Jahre das unstete Künstler-Bohème-Leben von Treffpunkt gelebt hat.

Jenes aber ist ein heftiger Wurst-Text, Alexander ein im Großen und Ganzen ziemlich runder Roman. Schon sprachlich, in einem etwas ältlichen Duktus, der zugleich leicht erscheint aber doch auch von jugendlicher Kraft, was gut zum Alexander-Thema passt.

“Es gab die Sonne, verzauberte Tiere und geschwind fließende Wasser. Von den Tieren wußte Alexander, daß in ihnen die Seelen der Verstorbenen wohnten, man faßte dieses Hündchen, jenen kleinen Esel lieber zärtlich an, vielleicht waren sie der verwandelte Großvater. Auch in den Wellen der Bäche und Gebirgsflüsse wohnten Wesen, die geheimnisvoll waren, dabei so liebenswert, daß man ihnen stundenlang zuhörte, wenn sie scherzten, tanzten, plätscherten. Ähnliche Wesen hausten in den Bäumen und Gebüschen, besonders reizende und kleine in den Blumen, die man deshalb nicht pflücken durfte.”

Dann auch in seiner Form, die einerseits gradlinig Alexanders Lebensgeschichte folgt, andererseits diese grob in einige Blöcke unterteilt, die intensiver behandelt werden, während das Dazwischen geradezu übersprungen wird. Ebenfalls übersprungen, und das gereicht dem Roman sehr zugute, werden die Schlachten. Die werden eben gewonnen oder verloren, aber wenn einmal ein Schlachtendetail erwähnt wird, kann man sich sicher sein, dass es wirklich wichtig ist. Nicht diese viel 100-seitigen Exzesse moderner Historienromane und Fantasy. Zuletzt konzentriert man das Alexanderleben auf zentrale Beziehungen, und darin noch einmal auf das Jugend-Dreieck zwischen Alexander, Hepaistion und Kleitos. Zu letzterem wünscht sich Alexander Freundschaft, doch sie wird ihm verwehrt, ersteren wählt er dann stattdessen zu seinem engsten Freund, doch es wird immer eine zweite Wahl bleiben. Wie viel mehr Gewalt verleiht diesee Entscheidung bedeutenden Wendungen im Roman, besonders aber der historisch verbürgten Tötung Kleitos, der in Wahrheit natürlich ein älterer Berater war und kein gleichaltriger Freund.

Natürlich hat der Text auch einige Schwächen. Die mögen durchaus dem Ausgangsmaterial geschuldet sein. Biografische Romane bewegen sich auf einem engen Korridor und haben zumindest große Schwierigkeiten, sich in besondere Höhen auf zu schwingen. Es bleibt am Ende eben eine Nacherzählung eines Lebens, wenn auch eine literarisch ausgestaltete. So hat vor allem der Teil, in dem Alexander siegend durch Persien zieht seine Längen. Auch wenn man einiges auffährt, homosexuelle Orgien, Engführungen Alexanders mit früheren und späteren Heroen, nicht zuletzt mit der Hybris Gilgameschs, den Tod besiegen zu wollen, vom ersten großen Sieg bis zur Tötung Kleitos fehlt die Spannung ein wenig. Sehr schlimm ist das nicht, der Text ist relativ kurz.

Alexander ist auch heute noch ein lesenswerter Roman, und anders als bei vielen anderen Texten Klaus Manns nicht in erster Linie aus historischem Interesse. Was ich für „Treffpunkt im Unendlichen“ moniert habe, hier macht Mann es richtig: Er verdichtet, doch ohne zusammenzufassen. Stattdessen mit Fokus auf zentrale, wirklich etwas über Figuren und Welt sagende Momente.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.