Charlie’s Angels 2019 ist ebenfalls deutlich besser, als viele Kritiken nahelegen. Filmfreitag.

Wenn ich einen Euro hätte für jedes Mal, da einem sogenannten „female Reboot“ vorgeworfen wird, es sei einfach ein schlechter Film, der nur mit aller Gewalt eine feministische bzw. männerfeindliche Message pushe, der aber noch nicht einmal deshalb schlecht sein, sondern einfach filmisch unglaublich schlecht gemacht (und die Argumente klingen sogar, wenn man den Film noch nicht kennt, recht überzeugend), und dann schaut man den Film, und es ist absoluter Quatsch, absolute Übertreibung/aus dem Zusammenhang Reißen einzelner Szenen, dann… Okay, dann hätte ich 6 Euro, mit dem Geld kann man nicht unglaublich viel anfangen.

Aber dennoch: Ghostbusters 2016, Men in Black international, 3 Mal Star Wars und jetzt auch noch „Charlie’s Angels“ (das natürlich kein „female Reboot“ ist, aber sich mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert sah) – Das ist schon eine beeindruckende Quote an Filmen, die total niedergemacht wurden, und die, nein, sicherlich nicht unglaublich gut sind, aber einfach nicht schlechter als der soundsovielte Teil einer Reihe eigentlich immer ist, egal wer nun die Hauptrollen spielt und welche Stoßrichtung der Film hat. „Charlie’s Angels“ war der Film, bei dem die Argumente auf den ersten Blick am überzeugendsten wirkten, untermalt mit das scheinbar unterstreichenden Filmschnipseln. Deshalb habe ich mit dem Film auch am längsten gewartet. Bis ich herausgefunden habe, was für eine unglaubliche Filmographie Kristen Stewart bisher vorgelegt hat, so dass es fast nicht denkbar ist, dass sie, „Twilight“ von mir aus ausgenommen, in etwas wirklich Schlechtem mitspielt (und „Underwater“. Das ist viel schlimmer als Twilight). Und ja: auch „Charlie’s Angels“ von 2019 ist tatsächlich wieder nicht schlechter als viele Hollywood Sequels, durchaus besser als einige. Etwa die schrecklichen Matrix-Sequels. Jurassic Park 2 und 3 und die neuen Jurrassic Parks. Men in Black 3. Die Hälfte von all dem Marvel-Kram, den ich bisher gesehen habe.

Ich gebe zu, nach den ersten Minuten war ich überzeugt, dieser Film könne nur schrecklich werden. Denn da predigt Kristen Stewart einem offenkundigen Bösewicht quasi für die Zuschauer die Botschaft des Films herunter. Frauen können alles was Männer können, Männer unterschätzen Frauen, das ist der Vorteil der Angels, und so weiter und so fort. Die Botschaft ist natürlich vollkommen ok, soll aber vorerst nicht das Thema sein. Viele Filme haben eine, manche sehr progressiv, manche sehr konservativ. Aber die Art, wie das präsentiert wird, ist wirklich erbärmlich. Ein Monolog. Eine Gardinenpredigt. Wobei es dann schon fast wieder witzig ist, dass sie den Typen beinahe mit einer Gardine erwürgt. Allerdings glaube ich, Gardinenpredigt kennt kein englisches Äquivalent. Schade.

Egal. Danach nimmt der Film deutlich Tempo auf und irgendwer hat sich daran erinnert, dass man auch eine Haltung vertreten kann ohne diese Haltung ad spectatores zu sprechen. Die Geschichte hat Tempo, ist leidlich spannend, und es gibt durchaus eine ganze Reihe Schmunzel-Momente und ein paar Szenen die zum Lachen reizen. Und das Ensemble wirkt ziemlich cool zusammen. Da gibt es, wenn man nicht gerade mit „Das Fenster zum Hof“ oder „The Name of the Wind“ vergleicht, sondern mit Unterhaltungsfilmen à la „Deadpool“ oder der Oceans-Reihe, wenig zu meckern. Deshalb beschränke ich mich hier darauf, die häufigsten Kritikpunkte zurückzuweisen. Generelle Überlegungen zur Kritik an „female Reboots“ findet man in meinem Ghostbusters Artikel (Link s.o.).

Erstens und zweitens: „Die Figuren sind 1) „Mary Sues“ und haben 2) keinen Charakter – sie sind einfach von Anfang an perfekt.“

Welchen Film habt ihr gesehen? Ja, der große Vorstellungskampf geht reibungslos über die Bühne. Aber der erste für die Handlung wirklich relevante Einsatz wird gründlich verkackt. Sabina ist abgelenkt, Jane ihrem Gegner offenkundig unterlegen, auch auf der Flucht werden noch ein paar Fehler gemacht und nur weil sich Glück und Können treffen, entkommt man schließlich geradeso. Es stimmt freilich, dass nur Elena in klassischer Weise vorstellend charakterisiert wird, sie ist gewissermaßen unsere Fokus-Figur, wir erfahren, warum sie Ihr Unternehmen verlässt und in diesen Kampf reinschlittert, und mit staunenden Augen bringt sie uns die Welt der Engel näher. Die anderen beiden Figuren bekommen erst später Profil. Anfangs scheinbar vor allem Kampfmaschinen, erfahren wir genug, um auch hier jeweils Individuen zu sehen. Sabina kommt aus reichem Elternhaus, muss irgendwie abgestürzt sein und war im Gefängnis. Jane war bei MI 6 , hat dort mindestens einmal richtig Scheiße gebaut und kam wohl andererseits mit der „Firmenphilosophie“ nicht zurecht. Diese Form der Charakterisierung, in kurzen Dialogen, einmal sogar nur über einen Bildschirm, den sich die Angels anschauen, ist eigentlich sogar vorbildliches „Show, don’t tell“. Außerdem kann Film natürlich Charakter auch rein visuell transportieren, und ich hatte hier nie das Gefühl, austauschbaren Figuren zuzusehen. Auch nicht übermächtigen. Sicher, wir wissen letztlich, dass die drei Engel unschlagbar sind, aber das gilt für 99 Prozent aller Standard-Hollywood-Action-Streifen bzw. Actionkomödien-Figuren.

Drittens: „Der Film ist eine einzige Reihe männerfeindlicher Gags, insbesondere der Running-Gag darüber, ob die betäubten Gegner wieder aufwachen.“

Dieser Gag kommt überhaupt drei bis vier Mal vor. Und er steht auch nicht in der tatsächlich problematischen Tradition, das Gewalt von Frauen gegen Männern quasi ok ist, weil eher lustig als gefährlich (übrigens zugleich natürlich eine männer- wie auch frauenfeindliche Tradition, da sie Frauen nicht wirklich ernst nimmt). Sondern: Diese Gewalt wird eigentlich durchweg gegen Gegner angewandt oder gegen Figuren, die unwissend auf der Seite der Gegner arbeiten. Innerhalb von Actionfilm-Standards ist das doch wohl sehr moderat. Die Angels gehen tatsächlich über weite Strecken so vor, dass sie nicht töten müssen und machen halt kleine Witze über ihre betäubten Gegner, von denen vielleicht auch ein oder zwei dauerhaft liegen bleiben. Will man sich wirklich daran aufhängen? Ich glaube da habe ich schon deutlich krassere Dinge in Filmen gesehen. Klar, Worte verletzen, aber in einer Welt, in der es recht normal ist, mit Raketenwerfern zu verletzen, wirkt die Aufregung darum absurd.

Hier und da habe ich auch gehört, man wisse trotz einiger Twist schon im voraus, wer die „Bösen“ seien, da offenkundig alle Männer außer den ganz handzahmen „böse“ seien. Nun gut, das kann man so sehen. Im Ergebnis stimmt es. Aber hätte ich das wirklich vorher gewusst, wenn es nicht überall in den sozialen Medien kolportiert worden wäre? Sicher, die Unsicherheit ob Patrick Stewart oder Elizabeth Banks der Verräter ist, die hätte der Film länger aufrechterhalten können. Aber das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, der Fehler besteht einfach darin, die Frage aufzuwerfen (gute Idee) und nach gefühlt höchstens fünf Minuten wieder aufzulösen (schlechte Idee). Das ist eine rein dramaturgische Schwäche.

Vor allem nimmt sich „Charlie’s Angels“ selbst nicht zu ernst, ein Umstand, der den all zu ernsten Kritiken vielleicht entgangen ist. Dieser Film wird fast durchgehend tongue-in-cheek gespielt, ist immer auch ein bisschen Parodie seiner selbst. Und wie soll das auch anders sein? Was könnte das soundsovielte Sequel einer Show, die seit den 70er Jahren läuft, und deren Prämissen immer etwas over-the-top waren, denn anderes machen, als sich auch selbst ein bisschen durch den Kakao zu ziehen? Charlie’s Angels ist ein absolut ordentlicher Unterhaltungsfilm, der abgesehen von den ersten paar Minuten seine Message nicht heftiger pusht als beispielsweise iRobot die Message, dass es in Ordnung ist schnelle Autos zu fahren, Fleisch zu essen und dass die Menschheit, oder zumindest die, die es sich leisten können, das Recht haben, im Zweifel die ganze Welt zu opfern.

Es geht mir langsam wirklich auf die Nerven. Dass Kunst nicht in erster Linie dazu da ist, eine Message zu pushen, ist durchaus richtig und entsprechende Kritik sollte nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Aber wenn in total überzogener Weise immer wieder Werke, die im Message pushen nicht schlimmer sind als viele andere, die aber einer Gruppe von Fans die falsche Message zu pushen scheinen, total niedergemacht werden, dann verliert diese Kritik an Kraft. Dann setzt sie sich irgendwann zu Recht dem Veracht aus, ideologisch vorgeschoben zu sein, um Menschen von bestimmten Werken fern zu halten.

Jetzt habe ich zwei Seiten über einen Film geschrieben, über den ich sonst vielleicht höchstens fünf bis zehn Zeilen schreiben würde. Was soll’s. Schaut euch das Ganze einfach einmal unvoreingenommen an, wenn es wieder irgendwo frei zum streamen erhältlich ist. Die derzeitigen 8 Euro würde ich dafür wahrscheinlich eher nicht ausgeben, aber hey – es gibt kaum einen Standard-Hollywood-Streifen, für den ich zurzeit 8 Euro im Heimkino ausgeben würde.

Bild: Pixabay.

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