Viele interessante Ansätze, wenig, das wirklich gelingt. Klaus Manns Emigrationsroman „Der Vulkan“.

„Der Vulkan“ von Klaus Mann ist ein Roman, von dem man in der Schule wohl nur mit relativ viel Glück erfährt. Und auch an der Universität findet man nicht unbedingt ein Seminar dazu oder auch nur einen Hinweis. Deutlich vergessener als der Skandalroman „Mephisto“, konnte man zumindest in der Zeit vor eBooks glauben, nach längerer Suche hier ein besonderes Buch in den Händen zu halten. Warum sonst wäre es so schwer zu bekommen? Antiquarischer Exemplare waren nicht unbedingt billig und in Bibliotheken fand man den Text nur in größeren Städten. Es ist ein „Roman unter Emigranten“, wie der Untertitelt verrät. Und auch das mag zu einem gewissen Nimbus beitragen. Was verspricht (und hält teilweise) der Text nicht alles. Eine sehr unmittelbare antifaschistische Reaktion auf den Nationalsozialismus. Ein panoptisches Bild der Zirkel deutscher Emigranten. Eine politische Analyse der Zeit. Eine Geschichte über Hinterzimmer und Spelunken, über Drogen und den Kampf gegen den NS. Von einem Autor, der sich wenige Jahre nach dem Krieg getötet hat. Und dann ist das auch noch so ein Buch, das die missgünstigen Feinde Thomas Manns gerne als den krassen Underground-Shit pushen. Denn viel lieber als diesen ach so gediegenen bürgerlichen Schriftsteller (ja, der gleiche Typ, der Adorno vorwarf, er sei zu nachsichtig mit den Deutschen), sollte man doch den Bruder Heinrich und natürlich den Sohn Klaus lesen. Spätestens hier geraten wir natürlich in die Gefilde gröbsten Unfugs, die sich immer auftun werden, wo Missgunst das Urteil überwältigt.

Prolog ohne Verbindung zum Rest

„Der Vulkan“ ist sicher ein interessanter Roman und wahrscheinlich das anspruchsvollste Projekt, dessen sich Klaus Mann angenommen hat. Der Text ist deutlich umfangreicher, nicht nur in der Seitenzahl, sondern vor allem auch in der Zahl gleichberechtigter Figuren, als das Gros seiner Werke, und deutlich weniger plakativ als der Erfolgsroman auf Umwegen, „Mephisto“. Ein wirklich gelungener Roman ist es nicht, oder höchstens Passagenweise.

Mann unternimmt wirklich alles, um Lesenden in die Lektüre zu vergällen. Natürlich sind die „drei Einheiten“ des Aristoteles, besonders im Roman, nur ein gut gemeinter Hinweis, schon auf dem Theater genügt es meist, wenn man ihnen so halbwegs folgt und sie fahren lässt wo es der Geschichte gut tut. Aber sie sind auch nicht nur eine Verrücktheit, die sich irgendwann mal ein Grieche ausgedacht hat. Manns „Vulkan“ derweil wirkt wie ein einziger erhobener Mittelfinger gegen Aristoteles, allerdings nicht in vollem Bewusstsein, was vielleicht ein cooles Stück Literatur werden könnte, sondern weil der Autor sich nie ganz klar darüber scheint, welche Stränge seine Erzählung ernsthaft verfolgen soll.

Das Ganze beginnt mit einem Prolog, in dem ein junger Mann, der definitiv kein Nazi sein möchte, seinem emigrierten Freund schreibt und ihm Vorwürfe macht, er hätte doch besser in Deutschland bleiben sollen, denn entweder brauche der Nationalsozialismus gute Leute, die ihn auf den rechten Weg bringen, oder, falls der Nationalsozialismus dann doch zu schlimm werden sollte, brauchte vielleicht der Widerstand diese Leute. Und dann…

…taucht keine der beiden Figuren mehr auf, bis zu einem ähnlichen Brief im Epilog, da nun auch der Freund emigriert ist.

Das brodelnde Paris

Das aber stört vorerst nicht, denn nun werden wir erst einmal hineingeworfen in das brodelnde Paris der Emigration von 1933. Ein loser Zirkel junger Leute hängt in einem Café ab, wird von Amerikanern als deutsch beschimpft und bespuckt und ist sich uneins darüber, ob man sich über den antifaschistischen Geist freuen soll oder doch persönlich angegriffen fühlen, da man mit den Nazis doch nichts zu tun habe. Die Gruppe macht Pläne, sucht andere Emigranten auf, zerstreut sich. Ein lebendiges Kapitel, von dem man sich wünscht, es setzte den Ton des Romans. Doch dem ist nicht so. In den zwei folgenden langen Kapiteln handelt Mann nun über jeweils gut 50 Seiten erstmal in langen Rückblenden die Schicksale der adeligen Familie von Kammer und des jüdischen Professors Abel ab. Besonders das Adels-Kapitel enthält sicherlich einige interessante Stellen zu den großen gesellschaftlichen Antagonismen innerhalb der Emigration, doch ich erwähne diese beiden Kapitel vor allem, um darauf hinzuweisen, dass a) keine der beiden Figuren besonders eng mit den Figuren des ersten Kapitels zu tun hat und a) auch danach diese Figuren lang wieder nur sehr untergeordnete Rollen spielen. (Abel darf im letzten Drittel des Romans Deus Ex Machina spielen, als unerwarteter Bräutigam für die antifaschistische Rezitatorin Marion). Übrigens befindet sich Abel dabei gar nicht in Paris, sondern in Amsterdam.

Sprünge durch Zeit und Raum

Und so geht es weiter. Im Fokus steht als nächstes Tilly, die eine Tochter der adeligen von Kammer ist, und diese Tilly befindet sich in der Schweiz, wo ihr Pass abläuft, weshalb sie nach Budapest reist und eine Scheinehe eingeht. Zwischendurch halten wir uns auch noch einmal länger in Prag auf, wo zwei weitere junge Deutsche eine neue Heimat gefunden haben, von denen einer später sich mit Tilly in der Schweiz trifft, gefangen genommen und deportiert wird. Ganz langsam, so ab der Mitte des Romans, zeichnen sich dann immerhin drei Stränge ab, die uns einen Grund geben, den Text vielleicht bis zum Ende lesen zu wollen und nicht einfach irgendwo in der Mitte ein- und wieder auszusteigen. Wir sind mittlerweile zum ersten Mal in der Zeit gesprungen (ein weiterer großer Zeitsprung wird folgen), und Martin, ein nicht schreibender Schriftsteller aus dem ersten Kapitel ist schwer drogenabhängig und wird von seinem Freund Kikjou verlassen. Der Kampf gegen Heroin und der Kampf um die Liebe ist am ehesten das, was man als eine Handlung ausmachen kann, um derentwillen man eine engere Bindung an Text und Figuren entwickelt, und das ganze nicht nur als Milieustudie liest. Doch diese kommt unglaublich spät in Fahrt, wird immer wieder fallen gelassen und kaum ist man da so richtig emotional dabei, bringt Mann seinen Protagonisten um. Da sind wir kaum durch zwei Drittel des Romans. Der anderen emotionaleren Handlung ergeht es ähnlich. Tilly ist von ihrem Liebhaber schwanger. Sie treibt ab und – stirbt daran. Nimm das, George RR Martin.

Damit lässt der Finger sich relativ gut auf die Konstruktionsprobleme des Textes legen. Erstens ist es das große, über halb Europa verstreute Ensemble (später machen wir Abstecher nach Mallorca und in die USA), zwischen dem kaum eine starke narrative Verbindung aufgebaut wird. Das wird vor allem dadurch zum Problem, dass Klaus Mann durchaus kein moderner Schriftsteller ist, sondern versucht, dem Chaos seiner Emigrantenszene mit relativ altbackenen erzählerischen Mitteln zu Leibe zu rücken. Deshalb die vielen langen Rückblenden, an Thomas Mann erinnernde, in dieser Art Text aber unpassendere Erzähler-Essays und Leser-Ansprachen, deshalb der sich einstellende Eindruck, dass mehrere Texte von verschiedenen Ecken jeweils neu aufgebaut werden und dann doch nicht zusammen finden. Das zweite, damit verbundene Problem, sind die großen Zeitsprünge, die die Brüche im Text noch verstärken. Ziehen wir zum Vergleich einmal Thomas Manns „Buddenbrooks“ heran, einen Text, der in ganz ähnlicher Weise ohne eindeutige Hauptfigur auskommt und versucht, ein großes Ensemble durch ein relativ umfangreiches Werk zu führen. Thomas Mann trifft einige Entscheidungen, die dem sehr zu Gute kommen: Einerseits beschränkt er den Kern seiner Erzählung sehr konsequent auf das übersichtliche Lübeck und dessen gesellschaftliche Verflechtungen. Das heißt nicht, dass die Buddenbrooks in der Welt nicht rumkommen, doch wenn zentrale Figuren abwesend sind, wird über Bande erzählt und die Erzählung davon, was außerhalb Lübecks geschieht, in kleinen Gesprächen und Erinnerungen in den Haupttext eingeflochten. Lübeck wird dadurch sehr plastisch, die fernen Orte dagegen geheimnisvoll, und umso geheimnisvoller, je ferner sie sind. Und auch diesem Geheimnisvollen wohnt wieder etwas Plastisches inne, indem die Auslassungen ungeheuer die Vorstellungskraft anregen. Der Szenerie von „Der Vulkan“ geht dagegen geht mit Ausnahme des ersten Kapitels und einiger später Passagen jede Plastizität ab. Da sind vor allem Personen, die sich unterhalten. Ob das nun gerade in Amsterdam geschieht, in Paris, in Zürich oder in Prag oder auch in einer kleineren Stadt, es fühlt sich nicht unterschiedlich an. Ja, es gab Momente, wo es mich regelrecht überrascht hat, dass die Handlung sich jetzt in Zürich abspielen soll und nicht mehr in Paris. Es wird einfach kein Gefühl für die Umwelt der Figuren aufgebaut. Doppelt sträflich, da diese die ihnen neue fremde Umwelt doch umso intensiver erleben sollten und das irgendwie auf uns Lesende übertragen.

Das fehlende Zentrum

Des Weiteren hat „Die Buddenbrooks“ natürlich in Wahrheit doch eine heimliche Hauptfigur. Wie ein Musikstück an einem Thema ist der ganze Roman an Tony Buddenbrook aufgehängt. Von ihr stammen die ersten tastenden Worte des Textes, sie überlebt den Großteil der Familie und bekommt dabei einen wachsenden Schatz an leitmotivischen Sätzen in den Mund gelegt. Ein solcher leitmotivische Satz, zwar nicht aus dem Munde Tonys, doch aus ihrem direkten Umfeld, schließt den Roman dann auch ab. Tony verleiht den „Buddenbrooks“ ein zwar unaufdringliches und deshalb von vielen übersehenes, doch starkes Gerüst, das fähig ist, all die mannigfaltigen Figuren und Geschichten zu tragen. Genau dieses Gerüst fehlt „Der Vulkan“. Hätte Klaus Mann die Geschichte von Martin noch etwas aufgebaut, das hätte dieses Gerüst sein können.

Man mag einwenden: Die Emigration ist chaotisch und einschneidend, ein Text darüber darf kein Gerüst haben. Doch Literatur ist mehr als Widerspiegelung und, ich wiederhole mich, Klaus Mann kein besonders moderner Autor. Hätte er ernst gemacht damit, den Taumel von Flucht und Vertreibung in einen ebenso schwindelerregenden Text zu übersetzen, in etwas das vielleicht mehr klingt wie „Berlin Alexanderplatz“, „Ulysses“ oder „Die Satanischen Verse“, das hätte man sich wohl gefallen lassen können (übrigens alles Texte, die durchaus ein starkes, aber eben modernes Gerüst trägt). Und Mann fischt ja selbst nach diesem Gerüst. Die Erzähler-Essays zeugen davon, ebenso wie eine innerhalb des sonst eher naturalistischen Romans sehr problematische Konstruktion des Auftritts eines lenkenden und erklärenden Engels (das göttliche Wesen, nicht der Kumpel von Marx), der einigen Figuren Informationen über die Schicksale anderer übermittelt, die sie sonst nicht so schnell hätten bekommen können. So kommt zum Schluss dann tatsächlich doch noch einiges zusammen, was unverbunden wirkte, jedoch fühlt es sich sehr erzwungen an.

Als zweiter Vergleich drängt sich Peter Weiss „Die Ästhetik des Widerstands“ auf, ein Text der in etwa die gleiche Zeitspanne abdeckt und teilweise ähnliche Situationen und Stationen. Auch dieses Werk ist „Der Vulkan“ erzählerisch deutlich überlegen und erreicht das, indem es das durchaus chaotische und überwältigende Ganze einerseits an einer überzeugenden Hauptfigur aufhängt, und andererseits den gesamten Roman um Variationen des immer wieder aufkommenden Themas aufbaut: Welche Bedeutung kann Ästhetik, kann ein Sinn für Kunst inmitten größter Barbarei haben? Liegen politisches Engagement und künstlerisches Interesse im Clinch ? Oder kann, muss vielleicht gar, aus dem jeweils Einen für das jeweils Andere geschöpft werden? Natürlich ist das auch ein Thema in „Der Vulkan“, expliziert an der Karriere der Schauspielerin Marion, die aus dem klassischen deutschsprachigen Bildungsschatz widerständische Momente schöpft, und sie vor Emigranten auf Bühnen vorträgt. Auch das hätte vielleicht die zentrale Erzählung des Romans sein können, mit Martin als Nebenthema und den anderen Emigrations-Schicksalen als Einsprengsel. Doch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Mann scheint sich absolut nicht festlegen zu können, und so hängt vieles, was hätte Geschichte werden können, weit mehr in der Luft als es nötig wäre, was dann widerum durch Zwangsmaßnahmen wie Engel, Tod oder plötzliche Heirat eingefangen wird.

Warum man „Der Vulkan“ dennoch lesen sollte.

Damit möchte ich nicht sagen, dass der Vulkan ein unlesbarer Roman ist. Historisch lohnt die Lektüre auf jeden Fall, es gibt wie gesagt einige starke Szenen und besonders die Liebesbeziehung zwischen Martin und Kikjou ist eine Geschichte, die auch emotional bei der Stange hält. Die Offenheit, mit der Konflikte innerhalb des Spektrums der Emigration ausgetragen werden, mit der Homosexualität zum Thema wird, Abtreibung, Drogenkonsum, Antisemitismus, und das längst nicht nur unter Nazis und vieles weitere mehr, war bis dahin selten in der Literatur und blieb es auch in Zukunft lang. Mann führt viele interessante Positionen gegeneinander, und ob nun einer gerade auf den Katholizismus als Bollwerk des Widerstands hofft, auf einen Militärputsch oder auf die kommunistische Weltrevolution, er versagt sich, all zu sehr Partei zu ergreifen, und schafft so zumindest im Bereich der Ideen ein ausgewogenes Werk. Doch auch um in dieser Sphäre wirklich aufzutrumpfen reicht es eben nicht ganz. Denn den Ideen wiederum fehlt es an starken Figuren, die sie tragen. Ein traditionell erzählender Schriftsteller, der sich in Zeit und Raum bereits ziemlich verheddert hat, bräuchte zumindest diese, um das Gelesene dann wirklich in den Lesenden zu verankern. Denkt an Naphta und Settembrini, denkt an Iwan Karamasow und seine Brüder und andere gewaltige Figuren Dostojewskis. So bleibt der Roman ein kraftvolles doch formloses Zeitdokument, an dem sich nicht zuletzt immerhin viele Verdrängungsmechanismen im Angesicht größerer Krisen studieren lassen, die wir zur Zeit wieder beobachten dürfen. Und sicherlich ein ambitioniertes Unterfangen, das man würdigen kann. Doch das man von dem Text an Schulen selten hört und auch an Universitäten nicht unglaublich häufig, hat dann vielleicht doch auch seine einfachen literarischen Gründe. Aufgrund von Klaus Manns frühem Tod ist „Der Vulkan“ Text gemeinfrei zu haben, es ist also heute relativ einfach, sich selbst ein Bild zu machen.

Bild: Wiki, gemeinfrei

2 Gedanken zu “Viele interessante Ansätze, wenig, das wirklich gelingt. Klaus Manns Emigrationsroman „Der Vulkan“.

  1. Alexander Carmele sagt:

    Nun, ich bin einfach kein Freund der Manns, ganz gleich von welchem gerade die Rede ist … und eigentlich hatte ich nun gehofft, du brichst hier eine Lanze, so dass ich mich endlich daran setze und „Der Vulkan“ lese, das letzte aus dieser Familie – aber das werde ich nun nicht mehr tun. Du hast alles bestätigt, was ich befürchtet habe. „Buddenbrooks“ las sich nett, aber viel zu einfach und Schopenhauerisch vorhersehbar. Ich bleibe bei „Der Zauberberg“, dessen Winternacht und Schneesturm mir stark im Gedächtnis geblieben sind. Sonst greife ich lieber zu Werfel, den ich auch nicht so gern mag. Für klassische Literatur fehlt mir einfach der Nerv, den du ja hast (aus deinen Rezension zu urteilen) – und wenn dich „Der Vulkan“ weder klassisch noch modern überzeugt, wen dann? Ich werde dann lieber Dos Passos oder zum dritten Mal Flauberts Gesamtwerk lesen als nochmal ein Mann zur Hand zu nehmen :) Viele Grüße.

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