Rezensionsreihe – „The Wheel of Time“. I – „The Eye of the World“, CRPGS und das platonische Eidos der Fantasy.

Nach den beiden großen Reihen der bürgerlichen Literatur habe ich mich entschlossen, endlich einmal mit „The Wheel of Time“, der wohl berühmtesten längeren Fantasyserie vor A Song of Ice and Fire anzufangen. Und im Gegensatz zu letzterem einer, die bereits Legendenstatus hat. Weil Fantasy, besonders lange Fantasy, oft mit dem Fantastischen weniger zu tun hat als mit den Inverntarlisten größerer Gemeindeverwaltungen und den Protokollen von Ratssitzungen (ich habe es im Vorfeld mal mit Sandersons „Kinder des Nebels“ aus der Onleihe versucht – was für eine Schlaftablette!), Stück für Stück. Einzelne Bücher gibt es auf Kindle zwischen 3.49 und 5.49 Euro und so im Schnitt günstiger als „The Complete Wheel of Time“ für über 70 Euro.

Die Rezension wurde auf Reisen parallel zur Lektüre verfasst.

Starke Landszenen

Die Reihe lässt sich gut an. Der große Kampf im Prolog ist poetisch, andeutungsreich und geheimnisvoll:

„The palace still shook occasionally as the earth rumbled in memory, groaned as if it would deny what had happened. Bars of sunlight cast through rents in the walls made motes of dust glitter where they yet hung in the air. Scorch-marks marred the walls, the floors, the ceilings. Broad black smears crossed the blistered paints and gilt of once-bright murals, soot overlaying crumbling friezes of men and animals which seemed to have attempted to walk before the madness grew quiet. The dead lay everywhere, men and women and children, struck down in attempted flight by the lightnings that had flashed down every corridor, or seized by the fires that had stalked them, or sunken into stone of the palace, the stones that had flowed and sought, almost alive, before stillness came again.“

Die Reise von Tam und Rand zum Festival Bel Tine im nahen Dorf ist atmosphärisch düster und sprachlich sehr überzeugend gestaltet:

„Two small casks of Tam’s apple brandy rested in the lurching cart, and eight larger barrels of apple cider, only slightly hard after a winter’s curing. Tam delivered the same every year to the Winespring Inn for use during Bel Tine, and he had declared that it would take more than wolves or a cold wind to stop him this spring. Even so they had not been to the village for weeks. Not even Tam traveled much these days. But Tam had given his word about the brandy and cider, even if he had waited to make delivery until the day before Festival. Keeping his word was important to Tam. Rand was just glad to get away from the farm, almost as glad as about the coming of Bel Tine.“

Und das Dorf selbst, in dem zahlreiche Figuren das Fest vorbereiten, wirkt sehr lebendig, und – glaubhaft lebendig. Ein gelungener Weg, die größere Geschichte und die Welt anzuteasern, ohne all zu viel zu verraten.

Das alles liest sich thematisch, wie Bücher, die man als Jugendlicher gelesen hat. Noch blind stolpernd, ohne Internet, und daher oft zu eher generischen Texten greifend. Fremde Welten, große Abenteuer. Doch es findet sich bis jetzt sprachlich auf einem Niveau umgesetzt, das herausragt und perfekt zum Setting passt. Ich fürchte allerdings, mit dem Anlaufen des großen Konflikts wird man noch viel mit den Zähnen zu knirschen haben.

Der wirkt dann auch recht generisch: Ein „Dark One“ gegen die Welt, ein junger Held, eine Prophezeihung… das klingt nach Kinderbuchmaterial in einem Text, der doch für Erwachsene sein soll.

(noch) kein „Padding“

Aber ehe ich an Stellen komme, über die ich vielleicht meckern muss, möchte ich eine Kritik von Adam Roberts zurückweisen, bei dem ich vor einem guten Jahrzehnt zum ersten Mal mehr über „The wheel of Time“ gelesen habe. Der schreibt in seinen insgesamt sehr negativen Rezensionen:

„Here’s how Jordan writes the sentence ‘Rand stumbled and nearly fell’: Abruptly a stone caught his heel and he stumbled, breaking his eyes away from the dark horseman. His bow dropped to the road, and only an outthrust hand grabbing Bela’s harness saved him from falling flat on his back. With a startled snort the mare stopped, twisting her head to see what had caught her. [p. 4]“

Und:

„And here’s how he writes ‘when he looked up again, the dark horseman had vanished.’ Tam frowned over Bela’s back at him. ‘Are you alright son?’ ‘A rider,’ Rand said breathlessly, pulling himself upright. ‘A stranger, following us.’ ‘Where?’ The older man lifted his broad-bladed speak and peered back warily. ‘There, down the…’ Rand’s voice trailed off as he turned to point. The road behind was empty. Disbelieving, he stared into the forest on both sides of the road. Bare-branched trees offered no hiding place, but there was no glimmer of horse or horseman. He met his father’s questioning gaze. ‘He was there. A man in a black cloak, on a black horse.’ The writerly-technical term for this is ‘padding’;“

Sorry, das ist einfach bullshit. Padding wäre das Auspolstern von Text ohne inhaltlichen Gewinn. Das ist hier nicht der Fall. Der Text enthüllt so viel mehr. Atmosphäre und Details der Landschaft. Gefühle des Protagonisten. Den Zweifel, insbesondere, da der Protagonist auch immer das Verhältnis zum Vater und ob der ihm glauben wird, im Blick hat. Roberts bemerkte zuvor, dass er wohl keine geschliffene Prosa wie bei Tolstoi oder Nabokov zu erwarten habe. Aber wenn das „Padding“ ist, sind die Werke beider Autoren voller Padding. Ich fürchte, Roberts projiziert hier seine Erfahrungen mit späteren Momenten der Bücher (so viel Vorgriff sei erlaubt) auf den Auftakt.

Es wird platter

Nun denn. Nach den ersten 100 bis 150 Seiten, die ich erweiterte Exposition nennen würde, verliert der erste Band von The Wheel of Time schon einiges dessen, was ihn über 08/15 Fantasy heben könnte. Nun wissen wir, dass das Böse drei der Jungs aus dem Dorf – warum auch immer – braucht oder haben will. Eine Magierin (Moiraine – die Magierinnen heißen Aes Sedai) und ihr Wächter (Warder) Lan sollen sie nach Tar Valon, in die Stadt der Magierinnen bringen. Es folgt eine lange Jagd samt kleinerer Abenteuer. Die Gruppe trennt sich, jeder lernt etwas über sich usw. Kleine Leute und ihr Alltag, was die Exposition so lebendig machte, kommen nur noch als Stichwortgeber, Opfer und ähnliches vor. Stattdessen hat man das Gefühl, Jordan muss jetzt „interessante“ Gestalten auffahren. Ein Mann der mit Wölfen redet, ein Kapitän der spricht wie ein Pirat:

„“My name be Bayle Domon, captain and owner of the Spray, which be this ship. Now who be you, and where be you going out here in the middle of nowhere, and why should I no throw you over the side for the trouble you’ve brought me?”“.

Immerhin wird die Szenerie noch immer sehr atmosphärisch vorgestellt und das ganze ist recht spannend.

„The Inner City was built on hills, and much of what the Ogier had made still remained. Where streets in the New City mostly ran every which way in a crazy-quilt, here they followed the curves of the hills as if they were a natural part of the earth. Sweeping rises and dips presented new and surprising vistas at every turn. Parks seen from different angles, even from above, where their walks and monuments made patterns pleasing to the eye though barely touched with green. Towers suddenly revealed, tile-covered walls glittering in the sunlight with a hundred changing colors. Sudden rises where the gaze was thrown out across the entire city to the rolling plains and forests beyond. All in all, it would have been something to see if not for the crowd that hurried him along before he had a chance to really take it in. And all those curving streets made it impossible to see very far ahead.“

Doch das, was man an „willful suspension of disbelief“ von uns verlangt, wird immer heftiger. Zwei Abenteurer, die ihr verräterisches Schwert nicht verstecken, eine eher erratische Abfolge von Verfolgern, die „The Dark One“ sendet, rettende Gewitter.

Wäre es besser bei einem Roman geblieben?

Überhaupt: Schwer vorzustellen, wie die Reihe über 14 Bücher funktionieren soll… Das ganze fühlt sich nach 500 Seiten an, als sollte das natürliche Ende bald kommen. Alle Figuren haben eine halbwegs geschlossene Heldenreise hinter sich, des böse böse Böse wird konfrontiert (Jordans Idee vom Bösen ist echt einfach Kindergartenniveau. Ach was, drunter).

Das Worldbuilding derweil überzeugt nur Anfangs, mit der Zeit erstickt die Detailfülle die Welt. Zu viele Orte, zu viele Figuren, zu viele Random Encounters. Je mehr man es kennen lernt, desto mehr wirkt die Welt personell wie geistig – überbevölkert.

Faszinierend derweil, wie sehr Jordan sich an das anschmiegt, was man das Ideal oder besser noch platonisch das Eidos der Fantasy nennen könnte. Wenn man hundert Allerweltsmenschen, die bisher nur ungefähres über Fantasy wissen, sich einen Text vorstellen lässt, könnte The Eye of the World das gemeinsame Ergebnis sein. Tolkien etwa hat in meiner Jugend die an PC-RPGs geschulte Erwartung eher unterlaufen. So nordisch, so gewollt mythologisch der Text. Allein wie verstörend leer die Landkarte ist. Jordans Welt dagegen könnte fast als Setting für ein CRPG geschrieben sein. Ständig Städte und Dörfer, in jedem mindestens eine Kneipe und oder Herberge, alles voller Abenteurer und ungewöhnlicher „Völker“. Und sind wir ehrlich: Spätestens der überhastete Schluss in „The Blight“ liest sich dann auch eher wie der Grind in entlegenen Wüsten, der besonders in der might and magic Reihe vor dem letzten Dungeon steht, als wie das wohlbedachte Ende eines Romans, sei es auch der erste in einer Serie.

Hoffnung: Die Serie setzt noch mehrfach an wie im ersten Buch und erzählt Geschichten aus mehreren Teilen der Welt. Wenn das dann gut zusammen geführt würde, könnte man es sich gut gefallen lassen.

Befürchtung: Wir folgen immer weiter diesen Helden und beobachten sie beim Levelling durch immer drastische Iterationen der gleichen Gameplay-Mechanismen. Ich meine „Handlungselemente“.

Bild: Pixabay.

7 Gedanken zu “Rezensionsreihe – „The Wheel of Time“. I – „The Eye of the World“, CRPGS und das platonische Eidos der Fantasy.

  1. nettebuecherkiste sagt:

    Ich kann, was The Wheel of Time angeht, nicht objektiv sein. Ich habe die Reihe mit 17 zu lesen begonnen und bin emotional so an manche der Charaktere gebunden, dass es mir egal ist, dass die mittleren Bände oft als schwach kritisiert werden (und dass Jordan meine Lieblingsfigur so manche Peinlichkeit durchleben lässt). Die Reihe ist episch, da kommt noch so, so viel an Charakteren, Kulturen, Ländern und Geschichte. Mein persönliches ist der Ursprung der Aiel, davon erfährt man in Band 5 oder 6, glaube ich. Das World Building ist meiner Meinung nach unübertroffen. Aber wie gesagt, ich liebe die Reihe wegen der Charaktere sehr und jede Kritik prallt an mir ab ;-)
    (Der nächste Freitag wird ein Feiertag für mich ;-)).

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    1. soerenheim sagt:

      Mich überzeugt dieses „Worldbuilding“ überhaupt nicht. Es wuchert vor allem mit Masse, die einzelnen „Kulturen“ sind ein wildes Samelsurium an krassen Ideen, um sie bloß sehr stark voneinander abzusetzen, und das alles ist recht kantig aneinander gesetzt wie in einem 90er RPG, wo am Kartenrand jeweils eine ganz neue Sektion geladen wird.

      Schlimmer aber ist, dass das alles nach den ersten 150 Seiten kaum noch erzählerisch entwickelt wird. Viele Hintergründer der Aiel erfährt man in Band 4, und zwar entweder in Monologen arbeitsloser Historiker, die Jordan kostümiert und in das Buch gesperrt hat, oder in ebenso monologischen Träumen.

      Ich verstehe, dass die fette Serie, durch die man sich als Jugendliche gegraben hat, immer positiv in Erinnerung bleibt, für mich ist das Tas Williams Otherland, das ganz ähnliche Probleme hat. Das heißt ja auch nicht, dass man keinen Spaß mehr dran haben kann. Aber abseits von Nostalgie beginnen die „schwachen“ Bände spätestens ab 4, eigentlich ab 2, wobei schon das Finale von 1 Murks ist (der dritte Band ist wieder ganz gut) und der 4. Ist 700 Seiten Infodump + 300 halbwegs spannende Geschichte.

      Ich werde mir die Serie auch ansehen, denn es dürfte sehr spannend werden, ob Amazon bereit ist, die Fans richtig zu enttäuschen, und ob sich das ökonomisch lohnt. Niemand wird zB 3 Staffeln „Gute laufen von Bösen davon und siegen am Ende in magischer Schlacht, nur um festzustellen, das der Big Bad nur ein Schatten des Big Bad war“ sehen wollen.
      Ich glaube die WOT-Fanbase ist zu klein, eine solche Produktion finanziell zu tragen. Wenn man das Ganze aber Serientauglich umarbeitet, könnte deren Reaktion das Projekt versenken, ehe es eine eigene Fanbase aufgebaut hat.

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