Man verglich ihn mit Virginia Woolf: George RR Martin

Oder: Komplexität in der Literatur

Masse – an Charakteren, an Storylines, an Perspektiven – sei nicht gleich Komplexität, antwortete ich vor kurzem einem streitbaren Freund George RR Martins. Oder: Es ist zumindest nicht notwendig gute Komplexität. Wie eine Maschine an der sich viel bewegt und viel blinkt trotzdem weder zwingend elegant, noch zweckmäßig ist.

Nur kurz illustriert am Beispiel der großen modernen Virtuosin Virginia Woolf: Deren Mrs Dalloway und To the Lighthouse gehören zu den komplexeren und zugleich erzählerisch leichtesten, fließenden mir bekannten Romanen. Verschiedene Perspektiven werden auseinander und aus dem Hauptstrang entwickelt, gewinnen ein Eigenleben, flauen ab, gehen ineinander über. Komplex und elegant, vielleicht wie das Spiel der Brandung am Strand.

Ausgerechnet auf Woolfs Roman The Waves passt das Bild nicht. Hier haben wir die Gedankenströme von sechs Icherzählern, dazu auktoriale Zwischenspiele. Warum? Nicht weil der Text, sondern weil die Autorin das so verlangt. The Waves ist „komplex“, es ist viel schwerer zu durchschauen als Mrs Dalloway und To the Lighthouse. Und es ist nicht komplex: Tatsächlich handelt es sich um sechs einfach aufgebaute Einzelerzählungen, die zudem, weil das übergeordnete Ganze fehlt, niemals mit gleicher Strenge wie in letzteren miteinander verwebt werden müssen.

Und was motiviert die Zwischenspiele?
Man verstehe nicht falsch: Der lose Zusammenhang aneinander anklingender Erzählungen kann reizvoll sein, aber um gerade durch die Unverbundenheit zu bestechen wie etwa Andersons Winesburg Ohio ist The Waves wieder viel zu zwanghaft auf großen „komplexen“ Roman gebürstet. Für ein solches Werk aber fehlt The Waves dann die notwendige Strenge. The Waves enthält wie A Song of Ice and Fire viel Stoff, komplex ist es damit höchstens im schlechten Sinne der auch von George RR Martin zu Schau gestellten erzwungenen Komplexität.

Immerhin: Fortan kann Martin sagen, man habe ihn sogar schon mit Virgina Woolf verglichen.

 

*Bild: Montage aus „George R.R. Martin at Archipelacon“ von Henry Söderlund unter CC BY 4.0 und gemeinfreiem Foto. Kompletter Beitrag unter CC BY 4.0 .

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