Mythos „nordische“ Mythologie. Splitter einer ausufernden Recherche – I

Zettelkasten ohne Anspruch auf Endgültigkeit

Bild: Odin’s_Self-sacrifice_by_Collingwood – gemeinfrei

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto plausibler erscheint mir die steile These, dass die „nordische“ Mythologie selbst ein Mythos zweiter Ordnung sei (Mythos über den Mythos – Kreatur des 13. bis 15. und 19. Jahrhunderts).

Ich habe parallel zur Geschichte des privaten Lebens und Frieds Geschichte des Mittelalters zu keltischer/germanischer Frühgeschichte, Völkerwanderung/Ende der Antike usw. sowie dann irgendwann auch zu keltischer und germanischer Mythologie gelesen (eines führte ins andere…).

Folgendes fiel auf: Von keltischen Kulten scheint kein annähernd homogener Pantheon überliefert. Von „den Germanen“ die sich als sogenante Völker größtenteils erst während der Völkerwanderung konstituierten, ist dieser bis ins neunte Jahrhundert (!) fast ausschließlich römisch überliefert.

Weiter: Die Edda wurde im 13.Jhdt verschriftlicht. Eine ältere Quelle für eine kohärente Mythologie scheint nicht zu existieren. In Wiki führt das zu lustigen Formulierungen:

„Asen und Wanen fochten einen großen Krieg aus, bei dem die Asen als Sieger hervorgingen, wobei die Wanen weiterhin eine geachtete Stellung innehatten. Beide Geschlechter lebten versöhnt und nebeneinander, bis die Christianisierung der Germanen einsetzte

(Man möchte lachen über ein solch unfreiwilliges Eindringenlassen der Geschichte in den Mythos, aber es könnte die Sache darin besser getroffen sein als in zahlreichen anderen Darstellungen)

In jedem Fall haben wir nur die Beteuerungen christlicher Autoren, dass es sich in Edda&späterer Saga-Literatur um genuin Heidnisches Handele. Ich finde nichts dazu, wie/ob sichergestellt wird, dass hier nicht mangels besseren Wissens verschiedenste Kulte nachträglich homogenisert wurden. Archäologische Funde gibt es zumindest nicht ausreichend, und auch die paar Runensprüche weisen nur darauf hin, wem geopfert wurde, nicht ob und in welcher Stellung diese Götter in ein „Göttergeflecht“ eingefügt waren.

Dann noch das hier:

„Andererseits darf sowohl aus sprachlichen Gründen (Synkope) als auch aus soziologischen Gründen ein großer Teil des wesentlichen Gehalts der Götterlieder nicht aus einer Zeit vor dem 9. Jahrhundert angesetzt werden. Denn es handelt sich weithin um die Dichtung eines Kriegerstandes. Die Vorstellung von Walhall als einem Ort, wo die im Kampf gefallenen Krieger sich mit Kampfspielen vergnügen, ist dafür typisch. Frauen haben keine Chance nach Walhall zu kommen. Als Håkon der Gute im Jahre 961 fällt, wird nach seinem Tode Hákonarmál auf ihn gedichtet. Håkon war Christ, gleichwohl lässt ihn der Dichter nach Walhall einziehen, was auf ein hohes Alter der Walhall-Vorstellung schließen lässt. Die Kriegerkaste hat sich aber erst im 9. Jh. so etabliert, dass sie auch einen eigenen Mythos bilden konnte. “

Wenn das stimmt und ich finde nichts Gegenteiliges, haben wir die Konstellation, dass die verlorenen Skaldengedichte, auf denen die Mythenschreibung des 13. Jahrhunderts basiert, selbst schon von Christen verfasst wurden.

In Wiki wird auch die folgende These wiedergegeben:

„Man hat in der Vergangenheit den durchschlagenden Erfolg der Christianisierung auf eine Schwäche und den Niedergang der Überzeugungskraft der Mythologie zurückgeführt. Der dänische Kirchenhistoriker Jørgensen sah den Sieg des Christentums in der Barbarei des vorangegangenen heidnischen Glaubens begründet. Mit dem Christentum sei Kultur in das barbarische nordische Volk gekommen.“

Was in diesem und anderen Artikeln steht legt aber eher nahe: Mit dem Christentum kam Mythologie im Römischen Sinne in den Norden. Oder dialektischer gefasst: die nordische Mythologie wie wir sie kennen, mit Ursprungsmythos, Göttervater usw könnte als das „Andere“ des Christentums, oder vielleicht auch als dessen kollektiv-unterbewusster Ausfluss verstanden werden, und nicht als im Kern so bereits lang bestehendes mythologisches System einer vorchristlichen Zeit.

Man hätte dann auf Basis bestehender Kulte und dem was man von den Römern Mythologie zu nennen gewohnt war mit scholastischer Strenge ein System entworfen.

Interessant ist doch auch, dass ein Armageddon aus den meisten indogermanischen heidnischen Religionen sowie auch aus den meisten weltweiten heidnischen Religionen nicht in ähnlicher Finalität überliefert ist wie in Christentum und germanischem Heidentum (eine echte Endzeit kennt allerdings auch die Snorra-Edda nicht). Und eine „Götterdämmerung“ ohne Heilsversprechen wäre gerade so das recht Barbarische, wie es sich „harte Männer“ ausdenken können, die schon mehr oder minder mit christlichen Einflüssen in Kontakt gekommen sind oder selbst schon diesem Glauben halb anhängen.

PS: schöner Nebeneffekt: Dieses ganzen Gejammere der deutsch-deutschen Neuheiden, Jesus sei nur ein verweichlichter Odin am Weltenbaum, was beides auf einen gemeinsamen Urmythos zurückgehe, stünde in einem ganz anderen Licht dar…

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