Mythos “nordische” Mythologie. Splitter einer ausufernden Recherche – II – „Mythogenese“

Um die im letzten Artikel skizzierte Problematik etwas besser zu erhellen versuche ich mich hier an einer Kürzestdarstellung der „germanischen“ Mythogenese, wie sie mir auf Basis der Quellen möglich scheint und füge einen Nachsatz darüber zu, wie meines Erachtens über den nordischen Mythos zu reden wäre. Zu Grunde liegen Wikipediaartikel und soweit prüfbar deren zahlreiche Quellen, das immernoch als Standartwerk angepriesene Handbuch der Germanischen Mythologie“ von Golther, die Edda mit Nachwort von Manfred Stange, Griechische Mythologie. Ein Handbuch von  Herbert Jennings Rose und Anna Elisabeth Berve-Glauning sowie Peter Wapnewskis Nibelungenhörbuch mit zahlreichen Erörterungen. Immerhin möglich erscheint mir, das sprachgeschichtliche Forschung die mir aufstoßenden Lücken zu schließen vermag. Ob und inwiefern – dazu konnte ich bisher zu wenige Informationen zusammentragen.

1. Allgemeines, Griechenland, Rom. Ausdifferenzierung des Mythos. Vom Kult zum Beamtengott.

Sonnenwagen, Rainer Zenz, gemeinfrei. "Ob die Mythen inhaltlich irgendetwas mit dem zu tun haben, was auf uns überkommen ist, lässt sich nicht feststellen. Das Rad mit vier Speichen als Felsritzung lässt manche auf einen Sonnenkult in der Bronzezeit schließen, für den eine mythische Grundlage aber nicht überliefert ist. Das Gleiche gilt für Miniaturäxte, die mit dem Blitz in Verbindung gebracht werden. Der Sonnenwagen von Trundholm, ein 1902 auf Sjælland in Dänemark gefundenes 57 cm langes Bronzemodell eines von Pferden gezogenen Wagens, der in die Zeit von 1500 bis 1300 v. Chr. datiert wird, belegt jedenfalls keinen Sonnenkult."
Sonnenwagen, Rainer Zenz, gemeinfrei.
„Ob die Mythen inhaltlich irgendetwas mit dem zu tun haben, was auf uns überkommen ist, lässt sich nicht feststellen. Das Rad mit vier Speichen als Felsritzung lässt manche auf einen Sonnenkult in der Bronzezeit schließen, für den eine mythische Grundlage aber nicht überliefert ist. Das Gleiche gilt für Miniaturäxte, die mit dem Blitz in Verbindung gebracht werden. Der Sonnenwagen von Trundholm, ein 1902 auf Sjælland in Dänemark gefundenes 57 cm langes Bronzemodell eines von Pferden gezogenen Wagens, der in die Zeit von 1500 bis 1300 v. Chr. datiert wird, belegt jedenfalls keinen Sonnenkult.“

Möglicherweise, aber längst nicht mehr so sicher wie es nach Dumézil angenommen wird gab es vielleicht eine rudimentäre indogermanische Urreligion.

Dass darüber hinausgehende mythologische Verflechtungen, wenn sie denn existiert haben sollten, Jahrtausende dauernde Wanderungsbewegungen überlebt haben ist mehr als unwahrscheinlich.

Überhaupt kann man einen frühen gemeinsamen ausdifferenzierten Mythos schwerlich annehmen, da die Ausdifferenzierung der Mythen der der Gesellschaft folgt (überspitzt: reine Ackerbauern werden kaum einen Gott des Handwerks kennen).

Wo Menschen länger siedeln bilden sich lokale Kulte, die sich an bestimmte Orte, landschaftliche und auch gesellschaftliche Konstellationen knüpfen. Die angenommene Urreligion kann, muss aber nicht Basis dieser Kulte sein. Es handelt sich um metaphysische Lösungen für Problemstellungen die immer wieder auftreten. (Zahlreiche Beispiele für Kulte die später im Mythos aufgehen und dennoch nicht ganz verschwinden bietet das bereits genannte Griechische Mythologie. Ein Handbuch)

Mit der Ausdifferenzierung der Gesellschaft differenzieren sich die Kulte aus.

Mit überregionaler gesellschaftlicher Verflechtung verflechten sich Kulte. Geschichten werden nötig, die das erklären. Man sieht im Griechischen, wie lokale in überregionale Götter integriert werden, während die Präferenzen einzelner Siedlungen/Städte bestehen bleiben.

Die Mythologie (TM) wie wir sie populär-kulturell kennen entsteht tatsächlich erst in der Selbstkritik dieses Mythengeflechts. „Aufklärung“ philosophischer Art ordnet und deutet, schafft im Rahmen des Mythos rationalistische Interpretationen des Gewachsenen. Der Mythos in seiner vollen symbolischen Bedeutungsfülle ist wahrscheinlich erst ein Produkt der Systematisierung des teils schon nicht mehr Geglaubten.

(Bsp: „Die Göttin der Weisheit etwa, der Strategie und des Kampfes, der Kunst, des Handwerks und der Handarbeit, zumal die Göttin jener Wiege der Zivilisation, Athen – Athene, wurde als Ideal doch so vieler rein körperlicher Tätigkeiten aus dem Kopfe Zeus geboren, verkörpert der Vorstellung nach den reinen Geist. Darin aufgehoben findet sich die Vergeistigung kultureller Tätigkeiten, auch wo sie körperlich sind.“)

Die hier so fein aufgereihten Prozesse sollten nicht als rein chronologische Folge, sondern als sich teils parallel ereignend gedacht werden.

Als Besonderheit wird die griechische Mythologie durch deren römische Übernahme in ein komplexes staatliches Verwaltungssystem eingegliedert, in dem die Funktionen der einzelnen Götter für den heutigen Betrachter so festzustehen scheinen wie die Aufgabenbereiche eines preußnischen Beamten.

Daher unser Idealbild, wie ein mythologisches System beschaffen sein sollte.

2. Germanische Mythogenese. Mythos & Literatur

2.1 Interpretatio Romana, Völkerwanderungen, Niflungen. Und was wir von Kelten wissen.

Was wir die nordische Mythologie zu nennen gewohnt sind, ist nach meinem Eindruck vor allem aufgrund von Vergleichen der vorliegenden archäologischen Quellen, Runensteinen usw. bis zur Zeit der Völkerwanderungen in etwa auf dem Niveau, das auch von der keltischen verbürgt ist. Im Schema aus 1) wäre das etwa diese Situation:

 

By: Achird https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en
Archischer „Thor“ By: Achird. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en

„Wo Menschen länger siedeln bilden sich lokale Kulte, die sich an bestimmte Orte, natürliche und auch gesellschaftliche Konstellationen knüpfen. Die angenommene Urreligion kann, muss aber nicht Basis dieser Kulte sein. Es handelt sich um metaphysische Lösungen für Problemstellungen die immer wieder auftreten. (Zahlreiche Beispiele für Kulte die später im Mythos aufgehen und dennoch nicht ganz verschwinden bietet das bereits genannte Griechische Mythologie. Ein Handbuch)

Mit der Ausdifferenzierung der Gesellschaft differenzieren sich die Kulte aus.

Mit überregionaler gesellschaftlicher Verflechtung verflechten sich Kulte. Geschichten werden nötig, die das erklären. Man sieht im griechischen, wie lokale in überregionale Götter integriert werden, während die Präferenzen einzelner Siedlungen/Städte bestehen bleiben.“

Sowohl bei keltischen als auch bei germanischen Kulten erfolgt eine Homogenisierung durch die Interpretatio Romana. Die Fachwissenschaft scheint sich einig zu sein, dass man daraus keinesfalls einen ähnlich funktional ausdifferenzierten Pantheon folgern darf wie bei den Römern. Auf der anderen Seite scheint eine Beeinflussung heidnischer Eliten durch die Interpretatio Romana mir persönlich nicht ausgeschlossen.

Erst in der Völkerwanderungszeit und im intensiven Kontakt mit Rom entstehen die als Goten, Langobarden usw. bekannten sogenannten germanischen „Völker“ (gens). Für deren Eliten ist ein großes Interesse an Romanisierung nachgewiesen, Christianisierung erfolgt schon ab dem 4.Jhdt bei den arianischen Goten (!).

Was wir heute als typisch nordische Mythen kennen (zB die Niflungen/Nibelungen) beginnt allerfrühestens jetzt zu entstehen. Besonders die Heldensagen rekurrieren eindeutig auf die Völkerwanderung. (Interessante Nebenbemerkung: Im Keltischen geht man davon aus, dass Götter erst durch die Vergöttlichung von Helden entstanden sind. Warum ist keine parallele germanische Entwicklung denkbar?)

Sagen werden vielfältig variiert, nehmen aufeinander Bezug, werden mit der Zeit vielleicht homogenisiert. Das Christentum ist derweil bereits Teil der kontinenentalgermanischen Kultur. Ein Pantheon im griechisch römischen Sinne ist weiterhin nicht nachgewiesen.

2.2 Die Edda als Fanfiction – der zweifache christliche Touch. Das „Andere“ des Christentums

Thor
Romantische Fan-Art. Thor von Mårten Eskil Winge, 1872, gemeinfrei

Ab dem neunten Jahrhundert werden die Sagen der Völkerwanderungszeit von höfischen (Skalden) Dichtern im norwegischen-isländischen Raum bearbeitet. Just in diesem Zeitraum beginnt auch die Christianisierung des Nordens. Skalden sind Teil der höfischen Kultur, mithin Eliten, gebildet, oftmals wohl auch schon Christen, wie ihre Auftraggeber.

Kompiliert“ werden diese Dichtungen im 13. Jahrhundert nachgewiesenermaßen von gläubigen Christen, im Falle der Snorra Edda von einem einzigen Schreiber, der betont „echt“ nordisch-heidnische Stoffe gesammelt zu haben.

(Ich bin durchaus bereit anzunehmen, dass dieser Versuch ernsthaft und ohne den Willen zur weiteren Homogenisierung oder gar Verfälschung gemacht wurde. Aber eine christlich-scholastische Vorstellung davon, wie ein Mythos auszusehen hat und wie das Heidnische beschaffen ist, lässt sich so leicht nicht ablegen. Man wäre sehr skeptisch gegenüber dem, was heute ein christlicher Missionar über die Bräuche eines noch unentdeckten Stammes im Amazonasgebiet berichten würde. Man sollte hier mindestens ebenso skeptisch sein)

Erst an dieser Stelle kann meines Erachtens die germanische Mythogenese als abgeschlossen betrachtet werden, auf die sich dann Romantiker bis heute berufen, als sei es eine vom Christentum verdrängt Urreligion, deren Ähnlichkeiten zu römischen und christlichen Vorstellungen wahlweise auf einer verschütteten gemeinsamen Basis oder bösartiger Aneignung durch das Christentum beruhe.

Noch einmal zugespitzt: der nordische Pantheon als düsteres Gegenbild des griechischen ist ein Klischee des 19. Jahrhunderts, und selbst die Edda schon ist ein literarisch hochwertiges Klischee des 13. Anspruchsvolle Fanfiction christlicher Autoren, die ein mehrfach romanisch und christlich berührtes, zwischen 300 und 1200 nChr gewachsenes Sagengeflecht als das „Andere“ des Christentums in seine heute überlieferte Form erst bringen.

3. Schlussfolgerung:

Aus all dem ergibt sich für mich: Man sollte, wenn man auf Basis der Edda über nordische Mythologie schreibt nicht referieren, als gebe man Auskunft über ein vorchristliches Glaubenssystem, dessen Form größtenteils feststeht. Sondern vielmehr so, als bespreche man einen fiktionalen Text, der aus Fragmenten einer Sagenwelt, die mehrfach zuvor schon in vielfältigem auch christlichen Kulturkontakt umgeformt oder überhaupt erst geformt wurde, erdichtet ist.

Beispielsweise sollte der Wikipedia Artikel über Odin ähnlich aussehen wie der über Teutates. Er sollte auflisten, was wir anhand von archäologischen Fundstücken und eindeutig vorchristlichen Quellen über regionale Formen der Verehrung dieses Gottes wissen. Ein zweiter Teil des Artikels könnte dann „Odin in der Edda“ heißen, und den Großteil des bisherigen Artikels enthalten. Gerade so, wie wir den Sokrates der Dialoge Platons nicht mit dem historischen verwechseln, und aus den hochmittelalterlichen Artusromanen nicht unmittelbar auf einen möglichen Heerführer des 6. Jahrhunderts schließen.

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