George Sands stärkste Erzählung? „Der Teufelssumpf“

Nachdem bisher alle Texte größere oder kleinere Probleme hatten, kann man „Der Teufelssumpf“ von George Sand durchaus als rundum gelungene Erzählung bezeichnen.

Protagonist ist ein aus der Perspektive des bäuerlichen Lebens Mitte des 18. Jahrhunderts schon etwas älterer Mann, Germain. Ein Witwer, der bei der Familie der verstorbenen Frau lebt. Der Schwiegervater möchte ihn aus ökonomischen Gründen zu erneuter Heirat bewegen, daher macht sich Germain auf den Weg auf Brautwerbung in ein etwa eine Tagesreise entferntes Landgut. Mit nimmt er die Schäferin Marie, die in der Nähe Anstellung finden soll. Und weil er rumjammert auch noch den kleinen Sohn Peter.

Doch die Reise verläuft unglücklich. Erst spät erreicht man einen Wald, den es zu durchqueren gilt. Nebel zieht auf, das Pferd wird unruhig und geht durch. Die Gruppe muss im Nebelwald campieren. Germain wird dabei klar, dass er eigentlich viel lieber Marie heiraten würde als die unbekannte gute Partie.

Allerdings: Marie weist ihn ab. Endlich am Ziel, kommt es zu weiteren Verwicklungen, die es wirken lassen, als müsse Marie nun schon allein aus Vernunftgründen „ja“ sagen, doch sie weist Germain ein zweites Mal ab.

Zurück in der Heimat kommt es aber doch noch zu dem Abschluss, den wohl alle erwartet haben.

„Der Teufelssumpf“ ist einer dieser perfekt durchkomponierten Texte, die auf engem Raum einiges an Handlung ver- und wieder entwickeln, in denen kein Wort zu viel ist und die sich dennoch Zeit nehmen, ihr Setting in starken Bilder zu vermitteln, in diesem Fall besonders die Atmosphäre der Dörfer und zentral des Waldes:

Endlich, gegen Mitternacht, zertheilte sich der Nebel, und Germain konnte zwischen den Bäumen hindurch die Sterne schimmern sehen; und auch der Mond hatte sich aus der Umarmung der Nebelwolken nun erlöst und übergoß das feuchte Moos mit Diamantenfunken. Nur der Stamm der alten Eiche hüllte sich noch immer in sein majestätisches Dunkel ein. In einiger Entfernung jedoch erblickte man ganze Reihen weißstämmiger Birken, welche, wie Gespenster in ihre Schweißtücher eingehüllt, unheimlich durch das Dunkel der Nacht schimmerten. Das Feuer spiegelte sich im nahen Sumpfe ab, und seine Bewohner, die Frösche, welche sich mit dem ungewohnten hellen Flammenschein schon etwas vertraut gemacht, fingen an, hie und da ein schüchternes Quaken vernehmen zu lassen; die knorrigen Zweige der alten Eiche streckten die seltsam verschlungenen, mit verwittertem Moos bedeckten Arme über den Häuptern unserer Reisenden aus. Es war ein schöner, aber durch die Melancholie der Einsamkeit verdüsterter Ort; und Germain, seiner Selbstqual müde, fing an, Steine in den Sumpf zu werfen und sich dabei ein Lied zu pfeifen, um sich durch diese Zerstreuung von der schrecklichen Langenweile der Einsamkeit zu erlösen.“

Ein wenig schade eigentlich nur, dass Sand die Idee, dass Marie sich tatsächlich nicht zu Germaine hingezogen fühlt, nicht stärker weiterverfolgt und nach einer für beide Hauptfiguren (und Peter, der sich so sehr Marie als Mutter wünscht) positiven Lösung sucht, die keine Heirat einschließt (Marie gibt schließlich zu, sie habe sich nur geziert, um Germains Chancen auf eine gute Partie nicht zu gefährden). Aber man sollte von einem Roman des mittleren 19. Jahrhunderts nicht erwarten, etwas ganz anderes zu sein, als ein solcher. Und als solcher ist „Der Teufelssumpf“ einer der stärkeren, innerhalb und außerhalb des Werks von George Sand.

Bild: Wikiart, gemeinfrei

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